Samstag 16. Dezember 2017

„Magnificat”

Johann Kuhnau (1660-1722)

Das „Magnificat” zählt zweifelsfrei zu Johann Kuhnaus prachtvollsten Kompositionen und darf wohl als eines seiner Hauptwerke in seiner Funktion als Thomaskantor gelten. 

Porträt des Johann Kuhnau („Jo. Kunau. Musicus.”). © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (Laufende Nummer: PG000169 / Porträt H 118).

 

Der Komponist: Johann Kuhnau (1660-1722)

 

Johann Kuhnau wurde 1660 im erzgebirgischen Geising als Sohn von Vater Barthel und Mutter Susanna (geborene Schmied) geboren. Nicht nur er, sondern auch zwei seiner Brüder – Andreas (1657-1721) und Gottfried (1674-1736) – schlugen schon bald einen musikalischen Weg ein. 

 

Andreas kam früh an die Dresdner Kreuzkirche, wohin ihm Johann vermutlich 1670 folgte. Bereits 1671 erhielt der junge Johann eine Stelle als Ratsdiskantist – dadurch erhielt er Unterricht bei Kreuzkirchenorganist Alexander Heringk und Hoforganist Christoph Kittel sowie engeren Kontakt zu Hofkapellmeister Vincenzo Albrici (1631-1682). An der Kreuzschule wurde auch das Fundament für seine Universalgelehrsamkeit gelegt. 

 

Als 1680 die Pest ausbrach, riefen ihn seine Eltern nach Geising zurück. Doch schon bald erhielt er eine Einladung von Erhard Titius (1653-1681), einem ehemaligen Kruzianer, ans Johanneum nach Zittau, wo er ab Dezember 1680 seine Ausbildung fortsetzte. Dort wirkte als Nachfolger von Andreas Hammerschmidt (1611-1675) Moritz Edelmann an der Orgel der Johanniskirche – dieser starb allerdings schon bald nach Kuhnaus Ankunft wie auch Titius, zu dessen Begräbnis Kuhnau sein frühestes nachweisbares Werk, die fünfstimmige Motette „Ach Gott wie lästu mich erstarren“ (1681), komponierte. Kuhnau nahm sodann als praefectus chori die Aufgaben des Kantorats wahr und verwaltete auch die vakante Organistenstelle, bis Johann Krieger (1651/52-1735) seinen Dienst als Musikdirektor und Organist im Frühjahr 1682 antrat. 

 

1682 begann Kuhnau – wie zuvor schon sein Bruder – ein Jurastudium in Leipzig. Dort bewarb er sich auf die durch Albricis Weggang freigewordene Stelle als Organist an der Thomaskirche. Doch erst nach dem Tod von Thomasorganist Gottfried Kühnel 1684 entschied sich der Rat der Stadt für Kuhnau. In die Zeit nach 1682 fällt auch die Namensänderung Kuhnaus und seiner Brüder – ursprünglich hieß die aus Böhmen stammende Familie, die erst infolge der Gegenreformation ins kursächsische Gebiet übersiedelt war, nämlich nur Kuhn. Zeitweise nannte sich Kuhnau – zum Beispiel bei seiner Ankunft in Leipzig – jedoch auch „Cuno“.

 

Sein Jurastudium schloss Kuhnau 1688 mit der Dissertation „De Juribus circa musicos Ecclesiasticos“ ab – darum stand auf den Veröffentlichungen der folgenden Jahre auch stets: „Organist und Jur. Pract“. 1689 heiratete er schließlich Sabine Elisabeth Plattner, von ihren acht gemeinsamen Kindern überlebten jedoch nur drei Töchter den Vater. 

 

Bald kam Kuhnaus Karriere in Fahrt: als Advokat war er erfolgreich, als Gelehrter hoch angesehen, als Schriftsteller bedeutsam mit seinem satirischen Roman, als Organist anerkannt und als Komponist (insbesondere von Klavierwerken) weit über Leipzig hinaus bekannt. Als der Thomaskantor Johann Schelle (1648-1701) im März 1701 verstarb, war Kuhnaus Ruf als Musiker und Gelehrter bereits so groß, dass der Rat ihn den weiteren vier Bewerbern um die Nachfolge vorzog und Kuhnau seinen Dienst bereits im April 1701 antreten konnte. Auf die Ausübung der Rechtspraxis musste er ab dann verzichten. 

 

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Director chori musici an St. Thomas und St. Nikolai war Kuhnau auch verpflichtet, bei großen universitären Feierlichkeiten in der Paulinerkirche für die Universität die Musik zu gestalten. Ab 1711 fanden dort auch regelmäßig Sonntagsgottesdienste statt, für die Kuhnau auch als musikalischer Leiter fungierte. Zusätzlich war er auch in der Peterskirche und der Johanniskirche tätig. Und für sämtliche Gelegenheiten soll Kuhnau die Kompositionen selbst geliefert haben und nur selten auf fremde Stücke zurückgegriffen haben, wie auch der Nachruf auf Kuhnau im Leipziger Jahrbuch beweist: „Was er nächstdem an Musicalischen Kirchen-Stücken, insonderheit seit anno 1701, da er Cantor und Director Musices worden, componiret habe, mag wohl schwerlich zu zehlen seyn, gestalt er bey seinen häuffigen musicalischen Aufführungen sich fremder Composition niehmals oder doch gar selten bedienet, da hingegen mit seiner Arbeit er andern vielfältig aushelffen müssen.“[1]

 

Es muss in diesen Jahren eine Vielzahl an kirchenmusikalischen Werken entstanden sein, von denen – wenn überhaupt – Libretti erhalten sind, weil er den Brauch einführte, die Texte der aufgeführten Musik vorab drucken zu lassen. Mit seinem gesamten Werkkomplex übertrumpfte er Bach quantitativ – von diesem ist allerdings bedauerlicherweise nur wenig erhalten. Kuhnaus überlieferte Werke – im Bereich der Kirchenmusik sind das nur etwas über dreißig – legen Zeugnis dafür ab, dass er stets auf eine gute Auswahl und Zusammenstellung der Texte achtete und größte Sorgfalt auf die Anwendung kompositorischer Mittel im Sinne der Textausdeutung verwandte. 

 

Viele große Ereignisse fielen in Kuhnaus Wirkungszeit. Mit der Eröffnung der Oper und der Gründung eines Collegium musicum durch den jungen Georg Philipp Telemann (1681-1767) sah er allerdings seine Autorität untergraben: Denn er verlor nicht nur Studenten für größere Aufführungen, sondern musste auch mit ansehen, wie Telemann Musikdirektor und Organist der Neukirche wurde und Bürgermeister Franz Conrad Romanus den jungen Komponisten mit der vierzehntägigen Lieferung von Stücken für die Thomaskirche beauftragte. Alle Proteste des Thomaskantors Kuhnau blieben jedoch unerhört. Auch Telemanns Weggang 1705 veränderte nichts an Kuhnaus Situation, denn nun gründete sein ehemaliger Schüler Johann Friedrich Fasch (1688-1758) ein weiteres Collegium musicum und beantragte zudem bei der Universität die Leitung der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste und Feierlichkeiten in der Paulinerkirche. Dieses Recht ließ Kuhnau sich aber nicht entreißen und Fasch verließ 1711 schließlich Leipzig.

 

Auch die Situation an der Thomasschule ließ zu wünschen übrig – Kuhnaus Reformversuche, die er in mehreren Denkschriften darlegte, scheiterten aber an der Gleichgültigkeit des Leipziger Rats.

 

Kuhnaus letzte Lebensjahre blieben zwar frei von größeren äußeren Konflikten, doch die Streitereien und die viel zu geringe Anerkennung seiner musikalischen Verdienste seitens Rat und Bürger hatten den lange schon kränklichen Mann völlig zermürbt. Und so starb der zeitlebens unterschätzte Komponist, Lehrer, Musiktheoretiker und Universalgelehrte im Frühsommer 1722 in Leipzig.

 

Leben und Werk Kuhnaus sind zusammenfassend deutlich in drei Abschnitte gegliedert: seine Jugend und Lehrzeit mit dem Erwerb eines breitgefächerten Wissens (bis 1684), seine Zeit als Thomasorganist und Advokat in Leipzig mit Fokus auf Klavierkompositionen und Schriftstellerei (bis 1701), sein Wirken als Thomaskantor und Musikdirektor mit einer starken Hinwendung zur Kirchenmusik.

 

Zu Kuhnaus Schülern zählten Johann Friedrich Fasch, Johann David Heinichen (1683-1729) und Christoph Graupner (1683-1760). Sein Wirken zog allerdings noch weitere Kreise: Kuhnaus Amtsnachfolger Johann Sebastian Bach (1685-1750) war genauso von ihm beeinflusst wie Telemann, der bezeugt, dass er den Kontrapunkt vornehmlich durch das Studium Kuhnauscher Kompositionen gelernt und Kuhnau ihm damit als Muster gedient habe, um seinen eigenen kirchenmusikalischen Stil zu kreieren. So zählte Johann Adolf Scheibe (1708-1776) Kuhnau mit Keiser, Telemann und Händel zu den vier größten deutschen Komponisten. Und Johann Mattheson vermerkt 1740 in seiner „Grundlage einer Ehren-Pforte“: „Sein Nahme kann in allen dreien Stockwerken unsrer Ehrenpforte Platz haben: als ein braver Organist; als ein grundgelehrter Mann; und als ein großer Musikus, Componist und Chorregent. Fürs erste wüßte ich, in allen diesen Stücken zusammen, noch seines gleichen nicht.“[2

 

Kuhnaus Kirchenstücke wurden noch etwa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gelegentlich aufgeführt. Dann geriet Kuhnau allerdings in Vergessenheit und wurde fälschlicherweise in das Eck eines rückwärtsgewandten Künstlers gestellt. Werke wie das Magnificat in C-Dur vermögen diese Sichtweise auf den Komponisten jedoch auf beeindruckende Weise zu verändern, zeigen sie doch die große Vielseitigkeit seiner Tonsprache: dramatisch-theatralisch, fließend-arios, lyrisch-andächtig.
 

Das Werk: „Magnificat” (vermutlich vor 1711)

 

Das Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen worden ist. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, […] sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht.“ So beginnt eine Predigt von Dietrich Bonhoeffer über das Magnificat am dritten Advent 1933. Bereits seit dem sechsten Jahrhundert bildet das Magnificat, der Lobgesang der Maria, den Höhepunkt der Vesper. Und viele Komponisten haben sich von diesem Marienbild inspirieren lassen.

 

Johann Kuhnaus Vertonung des Magnificat aus dem Lukasevangelium (Lk 1,46-55) zählt zweifelsfrei zu seinen prachtvollsten Kompositionen und darf wohl als eines seiner Hauptwerke in seiner Funktion als Thomaskantor gelten. Sowohl in Besetzung als auch in Anlage und Form weist Kuhnaus Komposition bereits auf das bekanntere Magnificat seines Amtsnachfolgers Johann Sebastian Bach hin. Kuhnaus Magnificat ist in Kantatenform gestaltet, das heißt Solisten und Chor – beide übrigens fünfstimmig (SSATB) besetzt – musizieren im Wechselspiel. Die lebhafte Ausdrucksstärke legt Zeugnis drüber ab, dass Kuhnau sich – wie viele andere vor und nach ihm – mit seiner Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit in den Worten Marias wiederfand. Kuhnau zeichnet damit die Wünsche der Menschen in seinem Magnificat mit kräftig-lebendigen Farben in den Sätzen mit ihren unterschiedlichen Charakteren musikalisch nach. 

 

Johann Kuhnau: Magnificat (Manuskript) - Magnificat di Kuhnau

 

Johann Kuhnaus Magnificat ist nur in einer zeitgenössischen Partiturhandschrift überliefert. Es existiert kein Vorsatz- oder Deckblatt, lediglich auf der ersten Seite gibt es den Vermerk: „Magnificat á 3 Clarini, Tymp: 2 Oboe, 2 Violini, 2 Viole, 5 Voci e Continuo di Kuhnau“. Vom Notensammler Georg Johann Daniel Poelchau (1773-1836) ist am Ende der Seite außerdem vermerkt: „Von der Hand des Capellmeisters Stölzel in Gotha“.

 

Johann Kuhnau: Magnificat (Manuskript) - Von der Hand des Capellmeisters Stölzel in Gotha

 

Am Ende der Partiturhandschrift ist nach dem Schlussstrich der letzten Continuo-Zeile vermerkt: „D.S.G.“ („Deo Soli Gloria“).

 

Johann Kuhnau: Magnificat (Manuskript) - D.S.G.

 

Der Hinweis auf Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749) ermöglicht übrigens auch eine ungefähre zeitliche Einordnung des Werks, von dem weder konkreter Anlass noch Zeit der Entstehung überliefert sind: Da Hölzel von 1707 bis 1710 an der Leipziger Universität studierte und später kaum Zugang zu Kompositionen Kuhnaus gehabt haben dürfte, ist eine Entstehungszeit vor 1711 wahrscheinlich. 

 

Bekannt ist außerdem, dass in den Vespergottesdiensten der Hauptkirchen St. Nikolai und St. Thomas an den drei Marienfesten sowie an Weihnachten traditionell Aufführungen des lateinischen Magnificat stattfanden. Diese Tradition ist daher vermutlich auch als Anlass der Komposition zu sehen – dafür spricht auch die prächtige Besetzung mit Pauken und Trompeten sowie die Arien spätbarocken Gepräges. 
 

1. Magnificat anima mea (Sopran I, Sopran II, Alt, Tenor, Bass, Chor SSATB)
Magnificat anima mea Dominum.
2. Et exsultavit spiritus meus (Sopran I)

Et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo.

3. Quia respexit humilitatem (Alt)
Quia respexit humilitatem ancillae suae:
ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes.
4. Quia fecit mihi magna (Sopran I, Sopran II, Alt, Tenor, Bass, Chor SSATB)
Quia fecit mihi magna, qui potens est, et sanctum nomen eius.
5. Et misericordia eius (Tenor)
Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum.
6a. Fecit potentiam (Sopran I, Sopran II, Alt, Tenor, Bass, Chor SSATB)
Fecit potentiam in brachio suo, dispersit superbos mente cordis sui.
6b. Deposuit potentes (Duetto) (Sopran I, Bass)
Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles.
6c. Esurientes implevit bonis (Sopran I, Alt)
Esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes.
7. Suscepit Israel (Tenor)
Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae.
8. Sicut locutus est (Sopran I, Sopran II, Alt, Tenor, Bass, Chor SSATB)
Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula.
9. Gloria Patri (Bass)
Gloria Patri, gloria Filio, gloria et Spiritui Sancto.
10. Sicut erat in principio (Sopran I, Sopran II, Alt, Tenor, Bass, Chor SSATB)
Sicut erat in principio et nunc, et nunc et semper et in saecula saeculorum. Amen.

 

Anmerkungen:

[1] Zit. nach: Maul, Michael: Vorwort. In: Erler, David (2014) (Hrsg.): Johann Kuhnau (1660-1722): Magnificat. Leipzig: Pfefferkorn Musikverlag. S. III.
[2] Mattheson, Johann (1740): Kuhnau. In: Mattheson, Johann (1910): Grundlage einer Ehren-Pforte, woran der tüchtigsten Capellmeister, Componisten, Musikgelehrten, Tonkünstler &c. Leben, Wercke, Verdienste &c. erscheinen sollen. Berlin: Kommissionsverlag von L. Liepmannssohn. S. 153-158. S. 158.

 

Quellenangabe:

Erler, David: Zur Edition. In: Erler, David (2014) (Hrsg.): Johann Kuhnau (1660-1722): Magnificat. Leipzig: Pfefferkorn Musikverlag. S. IV-XV.
Glöckner, Andreas (2003): Bachs Es-Du-Magnificat BWV 243a – eine genuine Weihnachtsmusik? In: Bach-Jahrbuch 2003. Evangelische Verlagsanstalt. S. 38.
Harasim, Clemens: Kuhnau, Johann. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.) (2000): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil Kem-Ler, Band 10. Kassel / Stuttgart: Bärenreiter / Metzler. Spalte 824-833.
Maul, Michael: Vorwort. In: Erler, David (2014) (Hrsg.): Johann Kuhnau (1660-1722): Magnificat. Leipzig: Pfefferkorn Musikverlag. S. III. 

 

Bild:

Porträt des Johann Kuhnau („Jo. Kunau. Musicus.”). © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (Laufende Nummer: PG000169 / Porträt H 118).

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