Donnerstag 14. Dezember 2017

„Machet die Thore weit”

Christian Flor (1626-1697)
Hans von Bartels  (1856–1913): Am Sande (Blick nach Osten zum Turm der St. Johanniskirche). (Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_von_Bartels_Am_Sande.jpg)

Das Psalmkonzert zum ersten Advent „Machet die Thore weit” stellt Christian Flor als kunstfertigen Komponisten vor.

Der Komponist: Christian Flor (1626-1697)

 

Christian Flor wurde 1626 im holsteinischen Neukirchen (Kreis Oldenburg) als Sohn des Pastors Otto Flor und dessen Frau Catharina geboren. Wie bei vielen Komponisten dieser Zeit ist über seine Jugend und Ausbildung wenig bekannt – über seine Schülerschaft bei Heinrich Scheidemann in Hamburg oder Franz Tunder in Lübeck kann daher nur spekuliert werden. 

 

Seine erste Anstellung erhielt Flor 1652 an der St. Marienkirche in Rendsburg. Im Frühjahr 1653 heiratete er Margarethe Hudemann, die Witwe seines Vorgängers. Im Herbst desselben Jahres wurde schließlich seine erste Tochter Catharina getauft.

 

Spätestens 1654 wechselte Flor als Organist an die Lambertikirche in Lüneburg, die zwar nicht die Hauptkirche der Stadt darstellte, aber eine der bedeutendsten Orgeln Norddeutschlands beherbergte – die 40 Register dieser Orgel boten ihm künstlerisch große Entfaltungsmöglichkeiten, materiell hingegen war Flor mit einem Gehalt von 100 Reichstalern für damalige Verhältnisse schlecht bezahlt.

 

Mit Michael Jacobi (1618-1663), dem Kantor an der Johanniskirche, der Lüneburger Hauptkirche, war er freundschaftlich verbunden – beide waren bestrebt, die unbefriedigende musikalische Situation in Lüneburg nach dem Dreißigjährigen Krieg zu verbessern und wieder auf das hohe Niveau der Zeit vor 1618 zu führen. Darum unterstützte Flor ab 1658 auch Jacobis regelmäßige Passionsmusiken mit seinem Cembalospiel.

 

Nach Jacobis Tod 1663 bewarb sich Flor für dessen Amt als Kantor an der Johanniskirche – eine mutige Bewerbung, da Organisten damals für gewöhnlich nicht die nötige Qualifikation für das Kantorenamt in St. Johannis, das in erster Linie Unterricht am Johanneum und erst an zweiter Stelle die Organisation und Durchführung der Musik im Gottesdienst vorsah, hatten. Flors Bewerbung wurde daher abgelehnt, einige Jahre später (1676) zeigte der Lüneburger Rat aber seine Wertschätzung für Flor, indem er diesen als Nachfolger von Franziscus Schaumkell (1589/90-1676) zum Johannisorganisten ernannte. Damit muss sich auch Flors finanzielle Situation verbessert haben, denn 1683 erhielt er das materiell begüterten Bewohnern Lüneburgs vorbehaltene Bürgerrecht. Und darum verwundert es auch nicht, dass Johann Matheson in seiner „Grundlage einer Ehren-Pforte“ Flor als den „berühmten Lüneburgischen Organisten“[1] bezeichnet.

 

Trotz seiner Tätigkeit als Organist und der Einschränkung an Anlässen legte Flor zahlreiche Kompositionen vor. Davon sind immerhin fünfzehn Gelegenheitskompositionen zu Hochzeiten und Trauerfeiern, rund 250 Lieder, das Fragment einer Passionsmusik, drei Orgelpräludien, elf Cembalosuiten, 37 Tanzsätze und vierzehn Choräle erhalten. Verschollen ist leider eine Matthäuspassion aus dem Jahr 1667.

 

Neben seiner Tätigkeit als Organist und Komponist war Flor ein beliebter Lehrer und gefragter Orgelsachverständiger. Bekannt sind Gutachten für Orgeln in Hamburg-St. Nicolai (1687), Hamburg-St. Jacobi (1693) oder das Rathausglockenspiel in Lüneburg (1689). 

 

Bereits 1671 war Flors erste Frau Catharina gestorben, so heiratete er 1673 Anna Dorothea Lange (1641-1685). Die aus dieser Ehe stammenden Söhne Johann Georg (1679-1728) und Gottfried Philipp (1682-1723) traten in die Fußstapfen des Vaters – der eine trat die Nachfolge seines Vaters in St. Lamberti an, der andere wurde Organist in St. Michaelis in Lüneburg. Flor selbst starb 1697 in Neukirchen bei Eutin.
 

Das Werk: „Machet die Thore weit” (o.A.)

 

Das Psalmkonzert zum ersten Advent „Machet die Thore weit“ wird den sogenannten „Organistenmusiken“ zugerechnet. Mit dieser – besonders in Nordeutschland verbreiteten – Kunstform präsentierten sich die Organisten als kunstfertige Komponisten: die eher klein besetzten Kompositionen wurden von der Orgel aus musiziert, als abwechslungsreiche Ergänzung zu den Gesängen der von den Kantoren geleiteten Chöre mit oftmals konservativem Repertoire. Vielfach wurden diese Werke während der Austeilung des Abendmahls musiziert. 

 

Flors Komposition vertont den Text von Psalm 24,7-10. Dem Text entsprechend ist das Werk in fünf Abschnitte (I. Sinfonia. & Machet die Thore weit. / II. Wer ist derselbige König der Ehren? / III. Machet die Thore weit / IV. Wer ist derselbige König der Ehren. / V. Sela) gegliedert. Bestimmt sind diese Abschnitte von markanten Themen und gekennzeichnet durch expressive Ausdeutung des Textes mit musikalischen Mitteln. Die Frage „Wer ist derselbige König der Ehren?“ wird von den Einzelstimmen in einem Imitationssatz ausgeführt, bevor die Antwort „Es ist der Herr, stark und mächtig“ homophon blockartig gesetzt erklingt. Dieses Frage-Antwort-Schema wird zwei Mal auf unterschiedliche Weise durchgeführt, bevor das Psalmkonzert mit einer ideenreichen Doppelfuge („Sela“ – dabei handelt es sich um ein oft wiederkehrendes Tonzeichen in den Psalmen des Alten Testaments und wird als Ruhepunkt bzw. Schlusszeichen im Sinne eines „Amen“ interpretiert) endet.
 

I. Sinfonia. & Machet die Thore weit.
Machet die Thore weit und die Thüren in der Welt hoch,
daß der König der Ehren einziehe.
II. Wer ist derselbige König der Ehren?

Wer ist derselbige König der Ehren?
Es ist der Herr, stark und mächtig im Streit.

III. Machet die Thore weit
Machet die Thore weit und die Thüren in der Welt hoch,
daß der König der Ehren einziehe.
IV. Wer ist derselbige König der Ehren.
Wer ist derselbige König der Ehren?
Es ist der Herr Zebaoth, er ist der König der Ehren.
V. Sela
Sela.

 

Anmerkungen:

[1] Mattheson, Johann (1740): Flor. In: Mattheson, Johann (1910): Grundlage einer Ehren-Pforte, woran der tüchtigsten Capellmeister, Componisten, Musikgelehrten, Tonkünstler &c. Leben, Wercke, Verdienste &c. erscheinen sollen. Berlin: Kommissionsverlag von L. Liepmannssohn. S. 66.

 

Quellenangabe:

Schnoor, Arndt / Jacobi, Jörg: Vorwort. In: Schnoor, Arndt / Jacobi, Jörg (Hrsg.) (2007): Christian Flor: Machet die Thore weit. Bremen: edition baroque.
Schnoor, Arndt / Kremer, Joachim: Flor, Christian. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.) (2000): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil E-Fra, Band 6. Kassel / Stuttgart: Bärenreiter / Metzler. Spalte 1338-1341.

 

Bild:

Hans von Bartels(1856–1913): Am Sande (Blick nach Osten zum Turm der St. Johanniskirche). (Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_von_Bartels_Am_Sande.jpg) © © AndreasPraefcke/wikimedia.org/PD

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