Tuesday 15. October 2019

„Die Musik hat mich so gefesselt...”

Ferry Bératon (1859-1900): Anton Bruckner (1889). (Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anton_bruckner.jpg)

Mit seiner Messe Nr. 1 in d-Moll für Soli, vierstimmigen gemischten Chor, Orchester und Orgel (WAB 26) schaffte Anton Bruckner (1824-1896) den endgültigen Durchbruch als Komponist.

In dieser Messe wagte sich Anton Bruckner erstmals in größere Dimensionen kirchenmusikalischer Kompositionen (Besetzung, Formgestaltung, Schwierigkeitsgrad) vor: Mit ihr überschritt er "erstmals den Bereich des Gängigen und direkt Orts- und Funktionsbezogenen", wie Melanie Wald-Fuhrmann in Hans-Joachim Hinrichsens "Bruckner-Handbuch" (2010) schreibt.

 

Eigentlich hatte er die erste Fassung 1864 unter dem Eindruck einer Aufführung von Wagners "Tannhäuser" geschrieben, um sie zu Kaiser Franz Josephs Geburtstag am 18. August 1864 bei einer Festmesse in Bad Ischl aufzuführen. Das Werk wurde allerdings nicht rechtzeitig fertig, sodass die Messe erst am 20. November 1864 im Alten Dom (heute: Ignatiuskirche) in Linz uraufgeführt wurde. Die Großzahl der Mitwirkenden wurde von Linzer Gesangsvereinen gestellt, Bruckner dirigierte dabei selbst. Die Uraufführung der Messe war sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum ein unglaublicher Erfolg. Dieser ersten Messe folgten mit der Messe Nr. 2 in e-Moll (UA 1869, WAB 27), die anlässlich der Eröffnung der Votivkapelle des Linzer Mariendoms entstand, und der Messe Nr. 3 in f-Moll (UA 1872, WAB 28) später zwei weitere Höhepunkte seines kirchenmusikalischen Schaffens. 

 

"Das Ausgezeichnetste, was seit langem in diesem Fache geleistet wurde..."

 

Im Linzer Abendboten Nr. 266 war am Tag nach der Uraufführung des Werks zu lesen: "Die gestern in der Domkirche exekutirte neue Messe in D-dur [sic!] von Bruckner ist nach dem Ausspruche unserer bewährtesten Kunstverständigen das Ausgezeichnetste, was seit langem in diesem Fache geleistet wurde." Noch später bemerkte man in der Besprechung der Messe im Linzer Abendboten Nr. 280 vom 7. Dezember 1864, dass sich diese Messe als "das Werk eines bedeutenden, auf eigenen Füßen einherschreitenden Talents [manifestirt]", weil sie auf Kenner und Laien einen gleich mächtigen Eindruck ausübe. Besonders hervorgehoben wurde bei den Kritikern die Wirkung auf die Zuhörer: "Auf manchen Hörer mag die Messe einen befremdenden Eindruck gemacht haben, weil der pathetisch schwungvolle Tonbau, die frische Rhythmik, das lebhafte Colorit der Instrumentation weit über die hergebrachte Form der gewöhnlichen Messen hinausgehen." Gelobt wurde der Komponist von Kritiker Franz Gamon in der Linzer Zeitung Nr. 297 (vom 29. Dezember 1864): "Herr Bruckner hat nicht nur mit großer Meisterschaft die höchsten Aufgaben der Tonkunst gelöst, sondern auch, und zwar namentlich seine Begabung für den höheren Styl, die Symfonie bewiesen." Als "hervorragendste Stelle in der Messe" betrachtete dieser das "Patrem omnipotentem" und das "Judicare" im "Credo".

 

"Die Musik hat mich so gefesselt..."

 

Ermöglicht wurde die Uraufführung der Messe durch den Linzer Bischof Franz Josef Rudigier, einem großen Bewunderer und Förderer Bruckners. Hans Commendas Anekdotensammlung "Geschichten um Anton Bruckner" (1946) erzählt von Bischof Rudigiers Ergriffenheit beim Hören des Werkes, indem dieser gestand: "Die Musik hat mich so gefesselt, dass ich während ihres Erklingens nicht beten konnte!"

 

 

Nach der Aufführung wurde Bruckner ein Lorbeerkranz mit der in goldenen Lettern gestickten Widmung "Von der Gottheit einstens ausgegangen, muß die Kunst zur Gottheit wieder führen" sowie ein Huldigungsgedicht, dessen Anfangs- und Schlusszeile die Widmung des Ehrenkranzes bildeten, überreicht.

 

"Höchst interessantes Concert..."

 

Eine Wiederholung des Werkes wurde nach den prächtigen und mächtigen Klängen im Dom angeregt. Bereits wenige Tage nach der Uraufführung wurde diese für 18. Dezember 1864 durch Kreiskommissär Moritz von Mayfeld im Linzer Redoutensaal als "Concert spirituel" bestätigt, wie der Hinweis im Linzer Abendboten Nr. 283 vom 12. Dezember 1864 zeigt: "Die Anzahl der für dieses höchst interessante Concert vorgemerkten Sperrsitze ist bereits so groß, daß die Subskription sehr bald wird abgeschlossen werden müssen, daher Diejenigen, welche noch Sperrsitze zu haben wünschen, gut thun dürften, ihre Anmeldung um keinen Tag zu verzögern." Und nach diesem Konzert durfte sich Bruckner erneut über große Begeisterung und den Beifall eines vollen Saales freuen.

 

"Zur größeren Ehre Gottes..."

 

Auch in diesem Sakralwerk hält sich Bruckner an die liturgischen Erfordernisse, denn seine geistliche Musik komponierte er – auch wenn sie schon zu seinen Lebzeiten in Konzerten aufgeführt wurde – in erster Linie für den Gottesdienst. Viele kirchenmusikalische Werke Bruckners sind darum auch mit der Inschrift "(O.)A.M.D.G – (Omnia) ad maiorem Dei gloriam" (deutsch für "zur größeren Glorie des Herrn", "(alles) zur größeren Ehre Gottes") versehen – ein Zeichen seiner intensiven Hinwendung zu Gott. Der tief religiöse Bruckner soll einmal bemerkt haben: "Wenn mich Gott schließlich zu sich ruft und fragt ,Was hast du aus dem Talent gemacht, das ich dir gab, Bursche?‘, so werde ich ihm die Partitur meines Te Deums überreichen und hoffen, dass er gnädig mit mir ist..."

 

Quellenangabe:

Commenda, Hans (1946): Geschichten um Anton Bruckner. Linz: Verlag H. Muck.

Linzer Abendbote Nr. 266 (21. November 1864): Bericht über die d-Moll-Messe am 20. November 1864. URL: http://www.abil.at/Datenbank_Scheder/Bruckner_Chonologie.php?we_objectID=1230 [Stand: 04/2017]

Linzer Abendbote Nr. 283 (12. Dezember 1864): Hinweis auf Wiederholung der d-Moll-Messe am 18. Dezember 1864. URL: http://www.abil.at/Datenbank_Scheder/Bruckner_Chonologie.php?we_objectID=12322 [Stand: 04/2017]

Linzer Zeitung Nr. 283 (11. Dezember 1864): Besprechung der d-Moll-Messe vom 30. November 1864. URL: http://www.abil.at/Datenbank_Scheder/Bruckner_Chonologie.php?we_objectID=12321 [Stand: 04/2017]

Linzer Zeitung Nr. 297 (29. Dezember 1864): Besprechung der d-Moll-Messe vom 30. November 1864. URL: http://www.abil.at/Datenbank_Scheder/Bruckner_Chonologie.php?we_objectID=12332 [Stand: 04/2017]

Wald-Fuhrmann, Melanie: Geistliche Vokalmusik. In: Hinrichsen, Hans-Joachim (Hrsg.) (2010): Bruckner-Handbuch. Stuttgart: Metzler-Bärenreiter. S. 224-289.

Bild: Ferry Bératon (1859-1900): Anton Bruckner (1889). Öl auf Leinwand (Link zum Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anton_bruckner.jpg). © APPER/wikimedia.org/PD

 

(sp)

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