W wie...

Johann Pachelbel: Choralbearbeitung: „Vom Himmel hoch, da komm ich her”
Aus: Orgellandschaft Oberösterreich IV. Die Orgeln der Pfarrkirche St. Leonhard bei Freistadt und der Pfarrkirche Münzbach bei Perg. Gustav Auzinger spielt Werke von Albrechtsberger, Brixi, Fischer, Grünberger, Lucchesi, Monn, Muffat, Pachelbel, Speth und Vanhal. Studio Weinberg 2000. (Mit freundlicher Genehmigung von Gustav Auzinger, künstlerischer Leiter der CD-Reihe Orgellandschaft Oberösterreich)
| Text |
|
Es kam ein Engel hell und klar
1. Vom Himmel hoch, da komm ich her.
2. Euch ist ein Kindlein heut’ geborn
3. Es ist der Herr Christ, unser Gott,
4. Er bringt euch alle Seligkeit,
5. So merket nun das Zeichen recht:
6. Des laßt uns alle fröhlich sein
7. Merk auf, mein Herz, und sieh dorthin!
8. Sei mir willkommen, edler Gast!
9. Ach, Herr, du Schöpfer aller Ding,
10. Und wär’ die Welt vielmal so weit,
11. Der Sammet und die Seide dein,
12. Das hat also gefallen dir,
13. Ach, mein herzliebes Jesulein,
14. Davon ich allzeit fröhlich sei,
15. Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
(Text: Martin Luther [1534/1535] und Valentin Triller [1555]) |
| Entstehung & Geschichte |
|
Im Mittelalter kamen die Bänkelsänger in die Dörfer und Städte und erzählten von den Neuigkeiten, die sie unterwegs aufgeschnappt hatten. Die Neugier lockte die Menschen stets aus den Häusern. Auch der Reformator Martin Luther erlebte das im thüringischen Wittenberg und erkannte, dass die Leute bei diesen – spannenden, heiteren, interessanten – Neuigkeiten besser zuhörten als bei seinen Predigten und sogar noch Spaß dabei hatten. Und so machte er, der den Leuten stets „aufs Maul schauen” wollte, sich dies zunutze und verwandelte ein Bänkelsängerlied („Ich kumm auß frembden landen her”) in ein Weihnachtslied („Vom Himmel hoch, da komm ich her”). Seine fahrenden Sänger kamen allerdings nicht mehr „aus frembden Landen”, wie es im mittelalterlichen Lied heißt, sondern „vom Himmel hoch”. Die Menschen sollten die alte Botschaft vom menschgewordenen Gott auf neue Weise zu hören bekommen – das war Luthers Hintergedanke. Fast wörtlich übernahm Luther dabei die erste Strophe des mittelalterlichen Liedes. Indem er nur wenige Worte anpasste und zunächst die Melodie des Spielmannsliedes verwendete, konnte sich so in Liedform rasch in Kirchen und auf Marktplätzen all das verbreiten, was er dem Volk zu sagen hatte.
Entstanden ist das beliebte Weihnachtslied vermutlich 1534 oder 1535 für die Weihnachtsbescherung von Luthers eigenen Kindern. Durch die Unterlegung des mittelalterlichen Bänkelsängerliedes mit einem neuen Text handelt es sich bei dem Lied um eine sogenannte „Kontrafaktur”. Das Aufnehmen und Weiterführen von Melodien galt – anders als heute, wo man mit Urheberrechtsklagen rechnen müsste – damals als respektvolle Weiterführung von bereits Vorhandenem. 1539 komponierte Luther zu dieser Ursprungsfassung die Choralmelodie, auf die das Lied seit seinem Druck im selben Jahr gesungen wird. Ergänzt wurde der Text 1555 noch durch eine vorangestellte Strophe von Pfarrer Valentin Triller, die das Geschehen lokal und temporal explizit bestimmt.
(sp) |
Mir ist das Lied, dem Luther den Text des Chorales unterlegt hat, untergekommen. Da lautet der Anfang: „Ich kumm auß frembden landen her und bring euch vil der newen mär“. Heute wäre der Überbringer der „newen mär“ wahrscheinlich im Mittelmeer ertrunken oder stünde in einem libyschen Lager kurz vor dem Hungertod. Also: Geht an die Krippe, ihr eifrigen Schützer des Abendlandes, und lest dort alle Strophen des Chorals „Vom Himmel hoch, da komm ich her“!
(Gustav Auzinger)
