Friday 26. April 2019
Verein für Linzer Diözesangeschichte

5. Symposion zur Linzer Diözesangeschichte - Nachlese

Der Verein für Linzer Diözesangeschichte griff in seinem mittlerweile 5. Symposium am 29. September 2017 das Jubiläum „100 Jahre Republik Österreich (1918−2018)“ auf und ging bei seiner jährlichen Veranstaltung - diesmal in Kooperation mit dem OÖ Landesarchiv - den Spuren der politischen Kirche in der Ersten Republik nach.

Mit mehr als 100 TeilnehmerInnen, darunter Bischof Manfred Scheuer und Altbischof Maximilian Aichern, war die in der Aula des Priesterseminars abgehaltene Veranstaltung - moderiert von Mag. Joesf Wallner von der Kirchenzeitung - wiederum ein schöner Erfolg. Auf dem Programm standen wissenschaftliche Vorträge, die Vorstellung des „Zwischenkriegsprojektes“ des OÖ Landesarchivs, ein Stummfilm aus dem Linzer Aloisianum der 1930er Jahre, eine Präsentation zeitgenössischer Plakate und ein Werkstattbericht von Studierenden der Katholischen Privatuniversität zum Thema „Wie bildet Geschichte“ anhand diözesangeschichtlicher Themen. Aufgelockert wurde das Symposium mit Musik aus der Zwischenkriegskriegszeit.

 

BV Dr. Johann Hintermaier
Prof.in Dr.in Ines Weber
Musikalische Beiträge, Ehepaar Peterl
Kongregationsfahnen des Aloisianums
Prof.in Dr.in Ines Weber
DDr. Helmut Wagner
Plakate der Zwischenkriegszeit
Dr.in Cornelia Sulzbacher, OÖLA
Film der 1930er Jahre aus dem Aloisianum
Mag. Wilhelm Remes, Aloisianum
Film der 1930er Jahre aus dem Aloisianum
Mag.a Karin Bachschweller
Werkstattbericht von Studierenden
Pop-Up-Buch zur Reformationsgeschichte
Wahlplakat 1930
DDr. Helmut Wagner, Prof.in Dr.in Ines Weber, Mag. Klaus Birngruber M.A.

 

Prof.in Dr.in Ines Weber, neue Kirchgeschichtsprofessorin an der KU Linz, befasste sich in ihrem Vortrag mit dem Engagement katholischer Frauen in der Zwischenkriegszeit. Die katholische Frau war auf vielfältige Art in gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontexten tätig, allen voran im Bereich der Caritas. Vor dem Hintergrund der Trennung von Staat und Religion im Schulbereich wurde die Rolle der Mütter als religiöse Erzieherinnen besonders herausgestrichen; damit in Zusammenhang steht die integrierende Rolle der Frau im Bereich von Ehe und Familie als Stützpfeiler einer auf christlichen Werten zu bauenden Gesellschaft. Mit der Verbandsarbeit, Frauen- und Mädchenerziehung (z.B. Mütterkurse) und Pressearbeit (Forderung nach „rede- und federgewandten Talenten“) wurden weitere Tätigkeitsfelder angesprochen als Ausdruck der „Berufung“ wie des „Berufs“ der katholischen Frau. Auch auf dem Feld der Politik wurde ein Einbringen der überaus vielfältigen weiblichen Kompetenzen und Erfahrungen eingefordert – nicht zuletzt durch die Möglichkeiten des 1918 eingeführten allgemeinen Wahlrechts für Frauen, das diese im christlich-katholischen Sinn gebrauchen sollten. Die Frau der Zwischenkriegszeit bespielte demnach alle gesellschaftlichen Felder (Ehe, Familie, Haus, Staat, Kirche); Frauenarbeit war daher zugleich Gesellschaftsarbeit. Ihre Fähigkeiten sollte sie wie „Schätze zu Schätzen des Volkes werden lassen“ und sie als „Edelsteine einfügen in den Neubau Deutschösterreichs“. All dies zielte auf einen Beitrag zur Erhaltung einer Kultur, die von christlichen Werten (v.a. Caritas, Schutz von Ehe und Familie) durchformt sein müsse, und auf Abwehr einer „drohenden Gottlosigkeit“. Begründet wurde diese Rolle vielfach mit dem „Apostolat der Frau“, die „eine Priesterin durch … Frömmigkeit und … Gebet, eine Predigerin durch … Beispiel und ein Apostel durch die Mitwirkung und Mitarbeit an den kirchlichen Zwecken und Aufgaben und vor allem eine Diakonissin durch die Betätigung auf dem Felde der Karitas“ sein müsse. Weber wies abschließend darauf hin, dass eine genaue Betrachtung der Zuweisung von Rollen bzw. des Engagements der Frau der Zwischenkriegszeit doch deutlich differenzierter zu sehen sei und weit über das klassische Rollenmuster „Kinder, Küche, Kirche“ hinausging.

 

DDr. Helmut Wagner, Kirchenhistoriker und Verleger, sprach über den „Katholische[n] Volksverein, der für Oberösterreich zugleich die Christlichsoziale Partei ausmachte“. Nach einem Definitionsversuch zum Begriff des „Politischen Katholizismus“ erläuterte er die geistes- und politikgeschichtliche Vorgeschichte, die zum Verständnis der Vorgänge um das Jahr 1918 und danach von entscheidender Bedeutung sind. Der von Bischof Franz Josef Rudigier, einem entschiedenen Gegner liberaler und sozialdemokratischer Bewegungen, 1870 als kirchlicher Verein gegründete „Katholische Volksverein“ bildete später die Parteibasis der Christlichsozialen in Oberösterreich; diese Symbiose von Religion und Politik war bestimmend für das Handeln dieser Bewegung, bot aber zugleich Stoff für Konflikte, die sich im Verhältnis zwischen dem Priester und Landeshauptmann Johann Nepomuk Hauser (1866–1927) und Bischof Johannes Maria Gföllner (1867–1941) manifestierten. Skizziert wurde die Person Hausers [das über diesen vorgesehene selbständige Referat musste leider kurzfristig abgesagt werden] als wichtige Persönlichkeit im damaligen politischen Geschehen – als Landtagsabgeordneter (1899), Mitglied des Reichsrates (1909), als Obmann der Christlichsozialen (1917) und als 2. Präsident der Nationalversammlung (1918/19). Wagner erläuterte die mit dem sukzessive erhöhten Anteil der Katholisch-Konservativen im oberösterreichischen Landtag in Zusammenhang stehenden Entwicklungen. Als Massenpartei prägten die Christlichsozialen die Geschichte des Landes in der 1. Republik ganz maßgeblich. Wagner stellte die hypothetische Frage, wie die politischen Entwicklungen mit den fatalen innenpolitischen Spannungen verlaufen wären, wenn es 1920 zu keinem Koalitionsbruch zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten auf Bundesebene gekommen wäre und die Konsensdemokratie, wie sie unter Hauser in Oberösterreich praktiziert wurde, auch in Wien verfolgt worden wäre. Theoretisch unterfütterte Wagner sein Referat mit einer Diskussion über Theorien des Politischen Katholizismus anhand des Begriffspaares „Sozialreform“ und „Sozialpolitik“. Im Brennpunkt des „neuen Staates“ 1918/1920 skizzierte er schließlich die Haltung der Christlichsozialen und jene Hausers zur jungen Republik und zur Rolle des Kaisers und schloss mit einem pragmatischen Zitat Hausers: „Wenn das Haus brennt, ist es unerheblich, von welcher Seite die Feuerwehr kommt.“

 

Dr.in Cornelia Sulzbacher, Direktorin des OÖ Landesarchivs, stellte das wissenschaftliche Großprojekt des Landes Oberösterreich zur Erforschung der Geschichte Oberösterreichs zwischen 1918 und 1938 vor, in dessen Rahmen schon zahlreiche Veröffentlichungen publiziert wurden. Mit einem Kurzvortrag über den Priester und Sozialdemokraten Franz Jetzinger („Er wird doch kein Lump sein“ –
Der Priester und Sozialdemokrat Franz Jetzinger im Spannungsfeld von Kirche und Politik (1918 – 1934) stellte Mag.a Karin Bachschweller, Historikerin und Archivarin am Stadtarchiv Wels, ihren im Rahmen dieses Projektes entstandenen Beitrag vor.

Mag. Wilhelm Remes vom Linzer Aloisianum führte einen in dieser Schule in den 1930er Jahren entstandenen, erst im Jahr 2000 wieder aufgefundenen Stummfilm vor. Der im 35 mm – Kinoformat produzierte Film mit mehr als 8 Minuten Dauer zeigt den Alltag des Schul- und Internatsbetriebes am Jesuitenkollegium Aloisianum auf dem Freinberg bei Linz, das damals als Privatlehranstalt zur Heranbildung von Zöglingen für den Priester-, Missions- bzw. Ordensberuf diente. Die im Film erkennbaren Fahnen der Marianischen Kongregation des Instituts sind erhalten und wurden beim Symposium ausgestellt.

 

Gemeinsam mit dem OÖ Landesarchiv konzipierte das Diözesanarchiv eine Ausstellung mit Plakaten der Zwischenkriegszeit mit Bezug zur Kirche. Quellen waren dabei Sammlungen des Landesarchivs und eines Pfarrarchivs. Mittels aufwendig erstellter Begleittexte wurden diese Zeitdokumente in den jeweiligen Kontext gestellt und erläutert. Einige der gezeigten Stücke entstanden im Vorfeld von Wahlkämpfen und zeigen die ungemeine Schärfe in den ideologischen Kämpfen zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten. Angesichts des aktuell in Österreich laufenden Nationalratswahlkampfes forderten die Plakate zu manchem Vergleich in dem einen oder anderen Themenbereich heraus.

 

Ebenfalls gezeigt wurden wissenschaftliche Poster von Studierenden der KU Linz, die sich im vergangenen Studiensemester 2016/17 mit Diözesangeschichte und wie diese Geschichte „bilden“ kann beschäftigt haben. In einem einleitenden Statement erläuterte Prof.in Weber, wie sie die Vermittlung der Inhalte ihres Faches Kirchengeschichte als persönlichkeits- und übergreifender kompetenzbildende Disziplin anlegt und ihre Studierenden durch deren aktive, multiperspektivische Arbeit am historischen Gegenstand „ausbildet“. So wurde etwa ein Interview mit einem fiktiven Gläubigen mit hohem theologischen Sachverstand aus der Epoche der Aufklärung ebenso konzipiert und vorgetragen wie ein Beratungsgespräch eines Abtes mit einem Gläubigen; besonders originell war die Erstellung eines Pop-Up-Buches zur Reformation in Oberösterreich, das die Entwicklungen in der Liturgie und im sakralen Raum zum Inhalt hat. Viele der SymposiumsteilnehmerInnen nutzten die eigens eingeräumte Möglichkeit, mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen.

 

MMag. Andreas Peterl (Klavier) und MMag.a Rita Peterl (Mezzosopran) trugen gekonnt Lieder aus der Zwischenkriegszeit vor, so u.a. "Wien, sterbende Märchenstadt". Dieses Wienerlied aus den frühesten 20ern (Text: Fritz Löhner-Beda, Musik: Hermann Leopoldi) thematisiert das Trauma der zum "Wasserkopf" gewordenen Metropole, welcher das Umland und die weltgeschichtliche Bedeutung abhanden gekommen ist und die angesichts schwerer wirtschaftlicher Probleme ihrem verlorenen Glanz nachtrauert.

In heiterer Stimmung gab sich die Teilnehmerschaft des Symposiums schließlich durch das gemeinschaftlich gesungene Verbandslied der Katholischen Frauenorganisation „Auf zum Schwur an den Altar“ aus dem Jahr 1924 (Melodie Ignaz Mitterer 1896).

 

Zum Bericht in der Kirchenzeitung

Verein für Linzer Diözesangeschichte
4020 Linz
Harrachstraße 7
Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

Kommunikationsbüro
Herrenstraße 19
Postfach 251
4021 Linz
https://www.dioezese-linz.at/
Darstellung: