Mitten im Leben dem Tod begegnen
„Wenn ein Mensch stirbt, verändert sich ein Leben. Wenn ein Kind oder ein junger Mensch stirbt, verändert sich für Eltern oft die ganze Welt“, sagt Familientrauerbegleiterin und Autorin Mechthild Schroeter-Rupieper. Und er stelle ganze Familiensysteme vor eine tiefgreifende Erschütterung. Daher dürfe der Blick nicht nur auf den Eltern, sondern auch auf den Geschwisterkindern liegen. Diese würden häufig verhaltener oder zeitverzögert trauern, weiß die Gründerin der Familientrauerarbeit in Deutschland und Mitbegründerin der Familientrauerarbeit in Österreich. Oft, weil sie ihre Familie nicht zusätzlich belasten wollen, oder auch, weil sie noch zu jung seien, um die Dimension des Todes zu verstehen. Manche Kinder wirken zunächst unauffällig, funktionieren in der Schule oder ziehen sich zurück. Erst später – manchmal Monate oder Jahre danach – zeigen sich Fragen, Gefühle oder auch körperliche Reaktionen. Für Begleitende sei es deshalb wichtig, diese leisen oder verzögerten Formen der Trauer wahrzunehmen.
Kinder und Jugendliche durch die Trauer begleiten
Kinder und Jugendliche in Verlustzeiten zu begleiten, ist ein Schwerpunkt von Schroeter-Rupieper. Diese würden oft anders trauern als Erwachsene, sie wechseln zwischen Traurigkeit und spielen: „Kinder und Jugendliche brauchen in solchen Situationen vor allem Orientierung, ehrliche Information und die Einladung, Teil des Abschieds zu sein.“ Doch viele Erwachsene haben Angst, etwas falsch zu machen.
Es sei wertvoll, wenn Kinder bis hin zu jungen Erwachsenen durch verständige Information und eine zugewandte Haltung der Bezugspersonen ermutigt werden, Abschiede mitzugestalten. Wie, das hängt vom Alter ab: „Babys und Kleinkinder können durch Sprache, Nähe und Zuwendung der Bezugsperson beteiligt werden. Fotos können später dokumentieren, dass sie Teil der gemeinsamen Zeit während Krankheit, Sterben und Abschied waren”, sagt Schroeter-Rupieper. Für Kinder im Grundschulalter könne es hilfreich sein, Bücher zur Situation Krankheit, Sterben, Tod und Trauer zu besitzen, Bilder zu malen oder andere kreative Ausdrucksmöglichkeiten zu nutzen, um Gefühle sichtbar zu machen. Informationen an Kinderbetreuungseinrichtungen können helfen, dass Kinder dort verstanden und unterstützt werden. Jugendliche wiederum möchten nicht immer mit ihren Eltern oder unmittelbaren Bezugspersonen sprechen. In solchen Situationen könne es hilfreich sein, wenn Gespräche mit erwachsenen außenstehenden Bezugspersonen, Trauerbegleitenden oder mit Gleichaltrigen in begleiteten Gruppen möglich seien.
„Menschen suchen zunächst einen Menschen, der zuhört“
Trauer in Familien sei nie gleich, sie „hängt auch davon ab, wie ein Mensch gestorben ist“, sagt Schroeter-Rupieper und verweist auf den Tod nach einer längeren Krankheit, nach einem Unfall oder durch Suizid. „Diese Unterschiede prägen auch, welche Form von Hilfe Familien brauchen“, sagt die Expertin: etwa konkrete Unterstützung, Gespräche oder auch Rituale. „Hier spielen Telefonseelsorge, Trauerpastoral und Krisenteams eine wichtige Rolle. Sie sind oft erste Anlaufstellen für Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihren Gedanken, ihrer Wut, ihrer Verzweiflung oder ihrer Sprachlosigkeit.“
In der Telefonseelsorge zeige sich etwas sehr Grundlegendes: „Menschen suchen nicht immer sofort Lösungen. Häufig suchen sie zunächst einen Menschen, der zuhört.“ Telefonseelsorge, Trauerpastoral und weitere Unterstützungsteams schaffen Räume, in denen Trauer ausgesprochen werden dürfe – ohne Bewertung und ohne Zeitdruck.
TelefonSeelsorge als Erstanlaufstelle
„Trauer ist keine Randerscheinung, sondern eine existenzielle Erfahrung und sie braucht Raum, Zeit und Verständnis“, weiß Silvia Breitwieser, Leiterin der TelefonSeelorge OÖ – Notruf 142. „Der Verlust des Partners/der Partnerin, eines Kindes, eines nahestehenden Menschen bedeutet das schmerzhafte Zerbrechen des normalen Alltags”, macht Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Referentin der TelefonSeelsorge OÖ – 142 und Psychotherapeutin deutlich. „Die Zeit steht still. Es gibt einen Alltag davor und einen danach.” Und dann würden die Gefühle kommen: Der Tod eines geliebten Menschen könne zu einer Reihe von Reaktionen führen, darunter Stress, Trennungsängste, Schuldgefühle bei betreuenden Angehörigen sowie ein vermindertes Engagement im Leben.
Eine Herausforderung bestehe darin, so Lanzerstorfer-Holzner, zu verhindern, dass aus einer normalen, gesunden Trauer eine chronische Belastung werde. Risikofaktoren wie fehlende soziale Unterstützung, destruktive Gedanken oder mangelnde Ressourcen im Umfeld können den Prozess erschweren. Nicht jede Form von Trauer brauche Therapie, aber jede Form verdiene Verständnis, Begleitung und gegebenenfalls präventive Unterstützung.
In Krisen können Gespräche schon sehr viel weiterhelfen: Bei den Beratungsgesprächen durch die Mitarbeiter:innen der TelefonSeelsorge gehe es um Stabilisierung durch Gefühlsregulation, Ressourcenaktivierung, um Information über Unterstützungs- und Therapiemöglichkeiten, aber auch um Erinnerungsarbeit. „Die Mitarbeiter:innen heißen willkommen, akzeptieren, das was ist, und hören zu, ohne gleich von sich selbst zu reden/schreiben. Sie nehmen uneigennützig Anteil, fühlen sich ein und halten gegebenenfalls Schweigen aus”, sagt Lanzerstorfer-Holzner.
TelefonSeelsorge ist „Leuchtturm im Dunkeln"
Bei der TelefonSeelsorge OÖ finden alle ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte. „Wir sehen uns als Leuchtturm in der Dunkelheit, der 24 Stunden leuchtet", sagt Lanzerstorfer-Holzner. Die Mitarbeiter:innen seien Profis im Zuhören. Der amtliche, psychosoziale Notruf ist rund um die Uhr unter der kostenlosen und vertraulichen Nummer 142 erreichbar. Wer lieber schreibt, kann sich täglich von 16.00 bis 23.00 Uhr an die ebenfalls kostenlose Chatberatung wenden: https://onlineberatung-telefonseelsorge.at oder eine Nachricht per Messenger senden: 0660 / 142 0 142.
Familienberatung hilft Trauernden
Der Satz „Ich dachte, wir hätten doch noch so viel Zeit“ zeige, wie unvorbereitet Menschen dem Tod begegnen, sagt Familien- und Lebensberater Klemens Hafner-Hanner: „Er fällt, wenn das Leben plötzlich eine Richtung einschlägt, mit der niemand gerechnet hat.“ Unsere Gesellschaft spare Themen wie Krankheit, Sterben und Abschied weitgehend aus: „Das sind Themen, die wir gerne auf einen Moment verschieben, in dem wir ,bereit‘ sind.” Aber dieser Moment komme selten so, wie erwartet.
In Trauerfällen sind auch die Mitarbeiter:innen der Familienberatung BEZIEHUNGLEBEN für die Menschen da: Sie bieten Unterstützung, wenn Angehörige schwer erkranken, Menschen nach einem Verlust Halt suchen oder Orientierung für Gespräche mit Kindern benötigt wird. Für Hafner-Hanner ist es auch wichtig, zu erwähnen, dass nicht nur Verwandte Hilfe benötigen: „Trauer braucht keine Verwandtschaftsurkunde“, sagt er. Auch Freunde dürfen trauern, und niemand müsse Trauer, Überforderung oder Angst allein bewältigen.
Unterstützung in 27 Beratungsstellen
Die BEZIEHUNGLEBEN Familienberatung betreibt in ganz OÖ insgesamt 27 Beratungsstellen, wo Menschen in Krisensituationen Hilfe und Begleitung finden. Über die Nummer 0732 / 77 36 76 können Termine für die Beratungsgespräche vereinbart werden. Auf der Homepage www.beziehungleben.at sind alle Beratungsstellen und die dort tätigen Berate:innen aufgelistet. 2025 fanden bei BEZIEHUNGLEBEN in Oberösterreich über 23 000 Beratungen für 9.319 Klient:innen statt. 58 % Frauen, 42 % Männer. 80 % Einzelpersonen, 17 % Paare, 3 % Familien und Gruppenberatung.
Für Trauernde da sein, den Schmerz aushalten
Wenn Freunde trauern, sind viele Menschen oft hilflos und überfordert, weil sie nicht wissen, was sie den Trauernden sagen sollen. Dabei geht es gar nicht so sehr um Worte, sondern darum „sich auf die neue Welt der Trauernden einzulassen", so Breitwieser, „sich dem Schmerz und der Verzweiflung auszusetzen". „Trauernden gibt es Halt, wenn jemand für sie da ist, der mit ihnen den Schmerz, die Ohnmacht und die Hilflosigkeit aushält", ergänzt Hafner-Hanner. Schroeter-Rupieper rät zudem, konkret auszusprechen, dass einem die Worte fehlen. Und dazu, bei Besuchen nicht mit leeren Händen zu kommen: Gutscheine, die erst später einzulösen sind oder Bücher seien gute Bespiele. Und manchmal macht es auch Sinn, wenn Freundinnen einfach nur zum Putzen kommen.