Thursday 8. December 2022

Bozen: Tagung zum Thema Missbrauch in der Kirche

Am 17. November 2022 setzten sich im Bozner Pastoralzentrum über 100 Expert:innen und Interessierte mit dem Thema Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch in der Kirche auseinander.

Seit 2010 setzt sich die Diözese Bozen-Brixen mit Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt in der Kirche auseinander. Jedes Jahr im November richtet der diözesane Dienst der Diözese Bozen-Brixen für den Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen eine Tagung aus, die sich mit dem Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt in der Kirche auseinandersetzt. Heuer stellten die Organisatoren um den Leiter des Dienstes, Gottfried Ugolini, den Grundsatz „Victims first“, also die Vorrangstellung der Betroffenen, in den Fokus der Vorträge und Workshops.


Eröffnet wurde die Tagung von Bischof Ivo Muser. Der Diözesanbischof wies in seinem Beitrag hin, dass die Kirche im Hinblick auf das Thema Missbrauch eine dreifache Aufgabe zu erfüllen habe: „Erstens haben wir zu bekennen, dass auch wir den Missbrauch von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen unterschätzt, unterbewertet und vertuscht haben. Zweitens sind wir den Betroffenen jene Aufmerksamkeit schuldig, die ihnen zu lange nicht gegeben wurde; auch jede psychologische, medizinische und rechtliche Unterstützung wurde ihnen oft vorenthalten. Jetzt soll ihnen Gerechtigkeit zuteilwerden. Dazu kommt noch eine dritte Aufgabe, nämlich, dass wir uns den Fehlern der Vergangenheit stellen und Verantwortung für deren Folgen übernehmen. Das heißt, dass wir alles in unseren Kräften tun sollen, und uns dabei professionell auch von außen unterstützen lassen, damit die Kirche ein sicherer Raum für Minderjährige und schutzbedürftige Erwachsene ist. Dafür braucht es Schutzkonzepte.“

 

Peter Beer: Unabdingbar, Betroffene an die erste Stelle zu setzen


Peter Beer vom internationalen Safeguarding-Institut an der päpstlichen Universität Gregoriana betonte in seinem Vortrag, dass es unabdingbar sei, zum einen die Opfer bzw. die von Missbrauch Betroffenen an erste Stelle zu setzen und zum anderen zielorientiert, zeitnah und nachhaltig das Thema Aufarbeitung anzugehen. „Die Interessen und Anliegen der Betroffenen wiegen entsprechend dem Grundsatz ‚Victims first‘ mehr als das Ansehen der Institution Kirche. Die Sorge um die Rechte der Betroffenen wird prioritär gegenüber jener um die Rechte der Täter wahrgenommen. Dogmatische Grundpositionen wie z. B. jene bezüglich des Beichtgeheimnisses werden als nachrangig gegenüber dem Schutz von durch Missbrauch gefährdeten Personen eingestuft. Anerkennungsleistungen für durch Missbrauch erlittenes Leid und Unrecht stehen vor der finanziellen Vermögens- bzw. Mittelabsicherung der kirchlichen Institution. Die Auseinandersetzung auf breiter kirchlicher Basis mit dem Thema Missbrauch hat Vorrang gegenüber dem gewohnten kirchlichen Regelbetrieb“, erklärte Beer seinen Ansatz.


Sobald man sich einmal dazu entschieden habe, sich proaktiv dem Thema Missbrauch und seiner Vertuschung zuzuwenden, so Beer weiter, komme es zu Spannungen, Unruhe, Veränderungsdruck und ähnlichem mehr: „Das muss nicht schädlich sein; ja im Gegenteil: es ist Voraussetzung dafür, dass etwas heilt, dass Gerechtigkeit einzieht und eine so alte Institution wie die Kirche zukunftsfest wird. Doch manchen wir uns nichts vor. Die hier angedeuteten Prozesse sind anstrengend und die Versuchung, sie zu meiden ist groß, obwohl sie so wichtig sind. Um genau dieses Vermeiden zu vermeiden, hilft nur, es zu thematisieren, sich offen darüber auszutauschen, Einwände gegen Vorgehensweisen gegen Missbrauch zu diskutieren und möglichst viele einzubeziehen, damit Projekte zum Umgang mit der Missbrauchsthematik auf möglichst vielen Schultern ruhen, die Akzeptanz möglichst groß ist, der Durchhaltewillen möglichst lange anhält.“

 

Dagmar Hörmandinger-Chusin: Interventionsplan ist ein notwendiger Baustein


Dagmar Hörmandinger-Chusin von der Stabsstelle für Prävention von Missbrauch und Gewalt der Diözese Linz, sprach hingegen über Schutzkonzepte und die Voraussetzungen dafür, dass sie funktionieren. Als Schutzkonzept beschrieb die Referentin aus Linz in ihrem Vortrag das für jede Institution passende System von Maßnahmen für den besseren Schutz von Mädchen und Jungen vor sexualisierter Gewalt. Es könne nicht von oben oder außen verordnet werden, sondern müsse vielmehr innerhalb einer Einrichtung oder eines Vereins von Vorstands- oder Einrichtungsebene unter Beteiligung der hauptberuflichen und ehrenamtlichen Fachkräfte, Eltern, Kindern und Jugendlichen selbst erarbeitet und sodann im Alltag angewandt werden.


„Ein sicherer Ort für Menschen, insbesondere für Kinder- und Jugendliche und Schutzbedürftige, braucht eine klare Grundlage. Menschen, die in die katholische Kirche Vertrauen haben, die ihre Ressourcen und Synergien zur Verfügung stellen, haben das Recht auf eine Kultur des achtsamen Miteinanders“, sagte Hörmandinger-Chusin. Die Referentin unterstrich auch, dass sexualisierte Gewalt oder Gewalt trotz guter Präventionsarbeit nicht gänzlich verhindert werden können. Aber gute Prävention könne bewirken, dass eine Tat schneller entdeckt wird. „Ein Interventionsplan ist deshalb, auch wenn noch kein Fall bekannt ist, ein notwendiger Baustein.“


Workshops am Nachmittag


Nach den Vorträgen am Vormittag konnten die 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nachmittag bei sechs Workshops ihr Praxiswissen vertiefen. Bei den Workshops ging es um die Folgen von Misshandlung für Kinder und Auswirkungen von Traumata für Erwachsene, um die Sexualität bei Menschen mit Behinderungen, um die Vorgangsweise bei Meldungen an die Staatsanwaltschaft, um Erfahrungen mit der Erarbeitung und Einführung von Schutzkonzepten und um die Vorgangsweise der Polizei bei der Ermittlung und Befragung von Kindern bei Missbrauchsfällen.


"Mit dieser Tagung setzt die Diözese einen weiteren wichtigen Schritt Kultur der Aufmerksamkeit und Verantwortung zum Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Missbrauch werden Veränderungsprozesse in und außerhalb der Kirche angestoßen", ist der Leiter des diözesanen Dienstes für den Schutz von Minderjährigen, Gottfried Ugolini, überzeugt.

Stabsstelle für Gewaltprävention
Kinder- und Jugendschutz der Diözese Linz
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Katholische Kirche in Oberösterreich
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