Saturday 18. September 2021
Liturgiebörse

Nährt euren Hunger nach Leben! / Erntedankpredigt

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Sozialpredigthilfe aus dem Sozialreferat der Diözese Linz

Sozialpredigthilfe 187/05

Lebenshunger

Gottesdienstvorschläge zum Erntedanksonntag 2005
Evangelium: Joh 6,24-35 (Lesejahr B 18. Sonntag im Jahreskreis)





Vorschlag zur Predigt: Nährt euren Hunger nach Leben!


Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder,

allenthalben wird uns derzeit vor Augen gehalten, dass wir Menschen in den Industrieländern zu träge geworden sind. Es fehlt uns an Risikobereitschaft und Unternehmergeist, zeigen die ÖkonomInnen. Wir bringen keine sportlichen Spitzenleistungen mehr, das tun praktisch nur noch Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten - in den USA z.B. fast ausschließlich die Schwarzen, beweisen die SportwissenschaftlerInnen. Wir besitzen keinen Forscherdrang mehr, weswegen unser Land zunehmend ins Mittelfeld von Forschung und Innovation abrutscht, beklagen die BildungsexpertInnen. Und selbst in unseren Ehebetten herrschen im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. Langeweile und Eintönigkeit - die prickelnde Erotik, die damals vorhanden war, ist uns verloren gegangen, belegt die Sexualforschung. Kein Zweifel: Es ist nichts mehr los mit uns, der Dampf ist raus, wir leben selbstzufrieden, aber lustlos und passiv vor uns hin. Der Hunger nach Leben, die Sehnsucht nach intensiver Erfüllung ist den meisten von uns verloren gegangen. Wir sind satt geworden in den reichen Ländern der Erde, satt nicht nur im leiblichen Sinne, nein, satt auch an inneren, spirituellen Bedürfnissen. Und so wird unser Leben arm an Höhepunkten - trotz der unendlich vielen Möglichkeiten, die es uns eigentlich bietet.

Woran mag es liegen, dass wir so satt geworden sind? Was führt zu dieser nicht zu übersehenden Lustlosigkeit? Gewiss gibt es nicht die eine Ursache, die alles erklärt. Und doch liegen einige wesentliche Faktoren dafür auf der Hand: Der Wohlstand hat uns satt gemacht im leiblichen Sinne, das sehen wir an der wachsenden Zahl übergewichtiger Menschen. Er hat uns aber auch einen Großteil unserer sonstigen materiellen Wünsche erfüllt. Unsere Wohnungen und Häuser sind bequeme „Nester”, Maschinen nehmen uns einen Großteil der körperlichen Anstrengungen des Alltags ab, die Freizeitindustrie bietet rund um die Uhr genügend Unterhaltung, von der wir uns nur berieseln lassen brauchen, und in den Konsumtempeln sind beinahe alle Produkte jederzeit auf Lager, wenn wir sie kaufen wollen.
Noch krasser erleben das die Kinder und Jugendlichen: Ihnen sind nicht nur die äußeren, materiellen Begrenzungen genommen, die die ältere Generation ohne Klagen akzeptieren musste, nein, auch die gesellschaftlichen Begrenzungen fallen immer mehr weg. Was verbieten Eltern heute noch ihrem Kind, wenn es nur lange genug darum bettelt? Welchen Wunsch erfüllen sie ihm nicht und bleiben konsequent bei einem „Nein!”, wenn sie davon überzeugt sind, dass das dem Kind oder Jugendlichen gut tut? Ich bin jedenfalls ziemlich sprachlos, wenn ich an die vielen 13- oder 14-Jährigen denke, die jeden Samstagabend bis spät in die Nacht durch die Linzer Fußgängerzone ziehen; oder wenn ich an die 9- oder 10-Jährigen denke, die selbst kurze Wege nicht zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen, weil Mama oder Papa ja jederzeit als Chauffeur bereit stehen.- Ja, gerade jungen Menschen gaukeln wir vor, es liefe im Leben alles nach ihren Wünschen - grenzenlos und ohne Widerstände. Das macht sie satt, ob sie wollen oder nicht.

Liebe Schwestern und Brüder, spontan wird vielleicht mancher denken: Es ist doch schön, wenn alle satt sein dürfen, wenn niemand Hunger leiden muss, sondern seine materiellen Bedürfnisse gut befriedigt werden können. Gewiss! Ich möchte nicht so verstanden werden, als würde ich mir die Notzeiten vergangener Jahrzehnte zurückwünschen, und schon gar nicht, als würde ich in solchen Notzeiten die Lösung aller Probleme sehen. Vielmehr geht es mir darum, jenes Problem zu verdeutlichen, auf das Jesus im heutigen Evangelium hinweist: Da strömen die Menschenmassen zu ihm, weil sie vom Wunder der Brotvermehrung gehört haben. Sie hoffen, dass auch sie ZeugInnen eines solchen Spektakels werden können. Doch Jesus weist diese irrige Hoffnung zurück: „Müht euch nicht um die Speise, die verdirbt”, mahnt er sie (Joh 6,27). Rennt doch nicht den oberflächlichen Spektakeln nach! Sucht vielmehr nach dem, was dauerhaft satt macht, was den eigentlichen Hunger eures Lebens stillt! Die Sattheit eures Bauches, so will er sagen, verleitet euch zur Trägheit eures Herzens. Wenn ihr euch vorrangig um die materiellen Befriedigungen sorgt, geht euch der Lebenshunger verloren, füllt sich euer Herz mit Selbstzufriedenheit, Langeweile, Öde, Leere. Nährt also euren Hunger!
Nährt euren Hunger - das klingt paradox. Und das ist es gewissermaßen auch. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei: Nur wenn wir hungrig bleiben, wenn wir noch Träume haben, Ziele, Visionen für uns und die ganze Welt, können wir uns beschenken lassen. Wer satt ist, ist nicht mehr empfangsbereit. Wie aber können wir unseren Hunger nähren? Wie können wir die Sehnsucht nach dem ganz Großen in uns wachhalten? Die Antwort, die Jesus im Evangelium gibt, ist sehr versteckt: Wir sollen die Brotvermehrung nicht als Spektakel, sondern als „Zeichen” (Joh 6,26) begreifen - als Zeichen für eine tiefere Wirklichkeit - für Gottes Handeln und für seinen Willen. Als Zeichen dafür, dass er alle satt machen will.
Und wenn wir sie so verstehen, dann wird es uns umtreiben, dass auch heute noch 800 Millionen Menschen Hunger leiden. Dann wird ihr Hunger uns anrühren und unseren Hunger nähren. Dann werden wir in uns eine brennende Sehnsucht verspüren, dass diese schreiende Ungerechtigkeit ein Ende haben möge. Mehr noch: Wir werden auch wahrnehmen, wie unser übertrieben wohlhabender Lebensstil denen die Ressourcen wegnimmt, die in Armut und Hunger leben. Wir werden sehen, welche Hungerlöhne sie erhalten, weil wir alles zum Schnäppchenpreis im Supermarkt einkaufen.

Und wenn wir dann auch nur ein kleines bisschen nachdenken, werden wir mit Leidenschaft und Engagement unseren bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass diese Ungerechtigkeiten verringert werden: Durch die Unterstützung von Hilfsprojekten in armen Ländern, durch den Kauf fair gehandelter Waren, durch unser Eintreten für Gerechtigkeit auch hier bei uns, durch einen materiell einfacheren, aber spirituell reicheren Lebensstil. „Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden”, sagt Jesus (Mt 5,6). Den Hunger nähren, das heißt für uns, die wir Gott sei Dank leiblich satt sind, den Hunger jener verspüren, die tatsächlich nicht genug zu essen haben.

Liebe Schwestern und Brüder, heute am Erntedankfest danken wir Gott dafür, dass er uns reichlich geschenkt hat, was wir zum Leben brauchen. Wer dafür wirklich von Herzen dankt, der kann gar nicht innerlich satt sein. Denn die geistig Satten, die Selbstzufriedenen können nicht mehr danken - sie haben ja vergessen, was Hunger heißt. Für die Ernte danken kann nur, wer um die Not der Hungrigen und die Qual des Hungers weiß. Und so ist es gerade der Dank, der in uns die Erinnerung an den Hunger wach hält und uns zur Solidarität mit den Hungernden antreibt. Dankbarkeit für die Gaben der Erde ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass wir weiter Suchende, Sehnsüchtige, Ausschau Haltende bleiben - und am Ende des Lebens einmal die große Erfüllung erfahren, für die die Satten nicht offen sind.

Ein Tischgebet, das mir sehr kostbar geworden ist, formuliert folgende Bitte: „Herr, gib denen, die Hunger haben, Brot, und denen, die Brot haben, Hunger nach Leben!” Das ist es, worum ich heute mit Ihnen beten möchte. Denn wenn das durch unser Zutun wahr wird, dann können alle Hungernden leiblich satt werden - und alle Satten blieben zugleich spirituell hungrig - hungrig nach Leben, hungrig nach Glück und Erfüllung.

               
Anmerkung: Das Motto des Erntedanksonntags wurde übernommen von der OeKU, der ökumenischen Arbeitsstelle Kirchen und Umwelt in der Schweiz. Bei dieser Stelle können auch weitere Materialien zum Thema bezogen werden.

Ergänzende Materialien:

Gebet zur Segnung der Erntegaben oder auch an einer anderen Stelle des Gottesdienstes:

Gott, unser Vater,
du sorgst für deine Geschöpfe.
Menschen, Tiere und Pflanzen schenkst du Nahrung im Überfluss.
Wir danken dir für die Ernte des Jahres.
Nähre und stärke uns mit dem, was auf den Feldern gewachsen ist.
Lass uns allezeit dankbar sein vor dir, unserem Schöpfer,
und gib, dass wir deine Gaben mit allen Menschen teilen.
Gib denen, die Hunger haben, Brot,
und denen, die Brot haben, Hunger nach Leben.

Meditativer Text:

Ihr könnt mich nicht verstehen, ihr Satten,...
dass ich unendlich hungrig vor einem Stückchen Brot knie.
dass ich ein kleines Stück Brot innig anschaue.
dass dieses kleine Stück Brot mehr sättigt als die großen Mahlzeiten.
dass ich niemals satt werde nach diesem Brot.
dass ich wie ein Verliebter Zwiesprache halte mit dem Stückchen Brot.
dass ich ein kleines Stückchen Brot mit Ehrfurcht umgebe.
dass ich das Stück Brot verehre, weil es mich erinnert an den, der sagte: Ich bin das Brot.
dass an diesem Brot mein Leben hängt, meine ganze Hoffnung.
weil ihr zu schnell zufrieden seid.
weil ihr gesättigte Satte seid.
weil ihr den Hunger nach Leben verloren habt.
weil euer Leben ohne Hunger kein Leben ist.
(Quelle unbekannt)

16.09.2005, Dr. Michael Rosenberger (Umweltsprecher der Diözese Linz)

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