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Fr. 16.10.26

„Trauer muss nicht allein getragen werden.“

Nicole Leitenmüller

Im Gespräch mit Nicole Leitenmüller, Referentin für Trauerpastoral in der Diözese Linz

Am 23. Oktober 2026 lädt der Mariendom von 16.00 bis 18.00 Uhr gemeinsam mit der Referentin für Trauerpastoral der Diözese Linz, Nicole Leitenmüller, zu einem Trauercafé im Domcafé ein. Bei Kaffee und Tee gibt es Raum für Begegnung, Austausch und die Erfahrung, mit der eigenen Trauer nicht allein zu sein. Im Vorfeld haben wir mit Nicole Leitenmüller darüber gesprochen, was Trauernden helfen kann, warum Erinnerungen Zeit brauchen und weshalb manchmal auch das gemeinsame Schweigen entlastend sein kann.

 

Viele Menschen erleben Trauer als sehr einsames Gefühl. Was hilft deiner Erfahrung nach dabei, mit diesem Verlust nicht allein zu bleiben?

 

"Trauer braucht Zeit. Oft teilt sie das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“. Nichts ist mehr ganz so, wie es war. Der Verlust eines geliebten Menschen kann sich anfühlen, als würde man plötzlich allein auf einem unbekannten, steinigen Weg stehen.

Gerade dann kann es helfen, nicht alles mit sich selbst auszumachen. Ein empathisches Gegenüber, das zuhört und den Schmerz mitaushält, kann entlasten. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die Halt geben: eine Kerze anzünden, Geschichten aus der gemeinsam erlebten Zeit erzählen oder das Lieblingsessen des verstorbenen Menschen kochen.

Trauer braucht Raum. Raum für Tränen, Erinnerungen, Wut, Stille und manchmal sogar für ein Lächeln. Wie ein schwerer Rucksack wird sie nicht von heute auf morgen leichter. Doch wenn jemand ein Stück des Weges mitgeht, muss sie nicht allein getragen werden. Professionelle Trauerbegleitung und vertraute Menschen können dabei unterstützen."

 

Muss man im Trauercafé über seine Trauer sprechen, oder ist es auch in Ordnung, einfach da zu sein und zuzuhören?

 

"Niemand muss im Trauercafé über seine Trauer sprechen. Es ist völlig in Ordnung, einfach da zu sein, zuzuhören oder die Gemeinschaft mit anderen trauernden Menschen zu erleben.

Trauer und gesellschaftliche Erwartungen lassen sich oft nur schwer miteinander vereinbaren. Nach einer Verlusterfahrung können Termine, Feiern oder Veranstaltungen mit einem verbindlichen "Tun-Charakter" überdurchschnittlich anstrengend und belastend sein. Umso wertvoller kann ein Ort sein, an dem nichts geleistet werden muss.

Viele Menschen merken im Laufe ihrer Trauer, dass sich Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen verändern. Sich dieser Veränderungen bewusst zu werden und sie ernst zu nehmen, ist ein Zeichen von Stärke. Im Trauercafé darf jede Person selbst entscheiden, was gerade guttut: reden, zuhören, schweigen oder einfach bei einer Tasse Kaffee/Tee sitzen und da sein.

Manchmal braucht es keine Worte. Oft reicht die Gesellschaft von Gleichgesinnten, ein verständnisvoller Blick, das gemeinsame Schweigen oder das Aushalten der Stille. Zu spüren, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann entlasten und das Gefühl vermitteln: Ich bin mit meiner Trauer nicht allein."

 

Trauer wird häufig mit der ersten Zeit nach dem Tod eines Menschen verbunden. Warum kann es wichtig sein, Trauer und Erinnerung auch lange danach noch einen Platz zu geben?

 

"In der Literatur und im Austausch mit trauernden Menschen wird immer wieder deutlich: Die erste Zeit nach einem Todesfall ist häufig von organisatorischen Aufgaben geprägt. Begräbnisvorbereitungen, Behördengänge und viele Entscheidungen lassen oft nur wenig Raum für die persönliche Trauer und die Frage: Was brauche ich jetzt eigentlich? / Wie soll mein neues verändertes Leben weitergehen,….?

Trauer hält sich nicht an Zeitvorgaben. Sie endet nicht mit dem Begräbnis und kennt keine festen Fristen. Im Alltag begegnet sie uns oft überraschend und in Wellen. Ein bestimmtes Lied, ein vertrauter Geruch, ein gesprochenes Wort oder eine Erinnerung können plötzlich den verstorbenen Menschen wieder ganz nahe kommen lassen.

Gerade deshalb kann es wichtig sein, der Trauer und den Erinnerungen auch lange nach dem Verlust einen Platz zu geben. Trauer ist Ausdruck einer bedeutsamen Beziehung – der Mensch hatte Bedeutung in meinem Leben; war wertvoll. Sie erinnert daran, dass dieser Mensch Teil des eigenen Lebens war und bleibt. Erinnern bedeutet nicht, in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Vielmehr geht es darum, den Verlust Schritt für Schritt in das neue veränderte Leben zu integrieren."

 

Das Trauercafé findet bewusst bei Kaffee und Tee im Domcafé statt. Was kann ein solcher niederschwelliger und offener Rahmen Menschen ermöglichen, die um einen geliebten Menschen trauern?

 

"Trauer ist allgegenwärtig. Sie lässt sich nicht auf den Friedhof, die Kirche oder das stille Kämmerchen beschränken. Nach heutigem Verständnis braucht Trauer Räume im Leben und in der Gesellschaft, in denen sie sichtbar sein darf.

Ein Trauercafé bietet genau einen solchen niederschwelligen und offenen Rahmen. Bei Kaffee und Tee können Menschen zusammenkommen, ohne etwas leisten oder von ihrer Trauer erzählen zu müssen. Der öffentliche Raum ermöglicht es, sich selbst zu reflektieren, zuzuhören, Erfahrungen auszutauschen oder einfach nur da zu sein.

Nicht jede trauernde Person möchte ihre Gefühle offenlegen. Manche suchen das Gespräch, andere finden Trost im Zuhören oder im stillen Dabeisein. Beides hat seinen Platz. Die Entscheidung, wie viel jemand von seiner Trauer teilen möchte, liegt ausschließlich bei der betroffenen Person! Oft entsteht gerade durch diese Offenheit etwas Entlastendes: die Erfahrung, mit der eigenen Trauer nicht allein zu sein. Das Wissen, dass andere Menschen ähnliche Verluste erlebt haben, kann Verbundenheit schaffen, selbst dann, wenn nur wenige oder gar keine Worte gesprochen werden. Ein Trauercafé lädt dazu ein, Trauer als Teil des Lebens wahrzunehmen und ihr in einer achtsamen Gemeinschaft Raum zu geben."

 

Allerheiligen und Allerseelen sind für viele Menschen wichtige Tage des Erinnerns. Was wünscht du dir, dass Menschen nach diesen zwei Stunden im Domcafé mit nach Hause nehmen, vielleicht auch jene, die mit Kirche oder traditionellen Formen des Totengedenkens wenig anfangen können?

 

"Ich wünsche mir, dass die Menschen die Erfahrung mit nach Hause nehmen, mit ihrer Trauer nicht allein zu sein. Trauer ist zutiefst individuell.

Manche Menschen finden in den Ritualen und Feiertagen der katholischen Kirche Orientierung und Halt, andere können mit kirchlichen Traditionen wenig anfangen. Die Trauer selbst unterscheidet sich jedoch kaum.

Spiritualität kann in Zeiten des Verlustes ein verlässlicher Begleiter sein. Sie muss dabei nicht an eine bestimmte Konfession gebunden sein. Sie kann sich in religiösen Ritualen, in einem persönlichen Gebet, in der Verbundenheit mit der Natur, in Erinnerungen oder in der Erfahrung zeigen, Teil von etwas Größerem zu sein. Sie kann helfen, dem Schmerz einen Platz zu geben und Trost, Hoffnung und Zuversicht zu finden.

Das Vermissen, die Sehnsucht und die Herausforderungen des Alltags nach einem Verlust sind unabhängig von Konfession oder religiöser Zugehörigkeit. Deshalb brauchen Menschen Möglichkeiten, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen und Erinnerungen lebendig zu halten. Rituale, persönliche Gedenkformen, verständnisvolle Begleiter:innen und Orte des Austauschs können dabei unterstützen. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern nur den eigenen Weg.

Die Angebote der Katholischen Kirche in Oberösterreich verstehen sich als Einladung, nicht als Voraussetzung. Im Mittelpunkt steht der Mensch mit seiner ganz persönlichen Geschichte. Wenn Menschen nach diesen zwei Stunden mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass ihre Trauer sein darf, wie sie ist, und dass es Wege und Begleitung für diese herausfordernde Lebensphase gibt, dann ist für mich viel erreicht."

 

Wichtige Infos:

Freitag, 23. Oktober, 16.00 bis 18.00 Uhr
Domcafé im Domcenter Linz

Keine Anmeldung notwendig!

 

In Kooperation mit dem Nordico Stadtmuseums Linz im Rahmen des Kunstprojekts Griefyards.

 

Weitere Angebote rund um Trauerbegleitung finden Sie hier:

Trauerhilfe | Angebote zu Tod und Trauer in Oberösterreich

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Mariendom Linz


Domplatz 1
4020 Linz
Telefon: 0732/946100
domcenter@dioezese-linz.at
https://www.mariendom.at

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Montag bis Samstag: 8.00 bis 19.00 Uhr 

Sonn- und Feiertage: 8.00 bis 19.15 Uhr 

 

Besichtigungen sind während der Gottesdienste und Veranstaltungen nicht möglich

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Herrenstraße 19
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