Wednesday 16. October 2019

Berührende private Vorführung des Jägerstätter-Films „A Hidden Life“ in St. Radegund

Nach seiner Cannes-Premiere war er am 4. Juni 2019 in St. Radegund vorab in einer privaten Vorführung zu sehen: der Film „A Hidden Life“ von US-Starregisseur Terrence Malick über Leben und Haltung des seligen Franz Jägerstätter und seiner Frau Franziska.

Eine Filmvorführung der besonderen Art erlebten am 4. Juni 2019 rund 60 Personen im Feuerwehrhaus in St. Radegund: Sie waren dabei, als Filmproduzent Josh Jeter das Drei-Stunden-Epos „A Hidden Life“ (dt. „Ein verborgenes Leben“) von Starregisseur Terrence Malick im Rahmen einer privaten Vorführung zeigte. Der deutsch-österreichisch besetzte Film über den seligen Franz Jägerstätter und seine Frau Franziska war am Sonntag, 19. Mai 2019 bei den 72. Filmfestspielen in Cannes unter großem Beifall präsentiert worden. Nach „The Thin Red Line“ (1998) ist „A Hidden Life“ Malicks zweiter Film über den Zweiten Weltkrieg. In die österreichischen Kinos kommen wird der Film vermutlich im Spätherbst 2019 bzw. Anfang 2020.

 

Private Filmvorführung in St. Radegund.

Private Filmvorführung in Jägerstätters Heimatort St. Radegund. © Diözese Linz / Fürlinger

 

Zur privaten Vorführung in Jägerstätters Heimat St. Radegund im Innviertel gekommen waren Jägerstätter-Tochter Maria Dammer, Enkel und Urenkel von Franz und Franziska Jägerstätter, Jägerstätter-Biografin Dr.in Erna Putz, Elisabeth Jungmeier vom Jägerstätter-Beirat, der Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts (FFJI) an der KU Linz Dr. Andreas Schmoller, Pastoralamtsdirektorin Mag.a Gabriele Eder-Cakl, Pfarrer em. Josef Steinkellner und Bürgermeister Simon Sigl. Auch zahlreiche Interessierte aus den Gemeinden St. Radegund, Ostermiething, Tarsdorf und anderen Orten aus der Umgebung hatten sich eingefunden. Eine Besonderheit war die Anwesenheit von Produzent Josh Jeter, der den Film zeigte, und Schauspielerin Valerie Pachner. Die in Wels geborene Pachner (31) verkörpert im Film Franziska Jägerstätter und beantwortete nach der privaten Vorführung geduldig die zahlreichen Fragen des Publikums.

 

Im Film wirken neben Valerie Pachner zahlreiche weitere heimische Schauspielgrößen mit, etwa Tobias Moretti (Pfarrer), Karl Markovics (Bürgermeister) und Sophie Rois. Die Rolle Franz Jägerstätters übernahm der deutsche Schauspieler August Diehl, der in Quentin Tarantinos Oscar-Film „Inglorious Basterds“ einen SS-Sturmbannführer mimte. Der im Februar 2019 verstorbene Bruno Ganz spielt einen NS-Richter. Gedreht wurde 2016 – damals noch unter dem Arbeitstitel „Radegund“ – in Südtirol (Brixen, Franzensfeste und Bergdörfer in den Dolomiten), in den Filmstudios Babelsberg in Potsdam, in der ostsächsischen Kreisstadt Zittau und – im August 2016 – auch zwei Tage lang im Jägerstätter-Haus in St. Radegund.

 

Jägerstätter-Haus St. Radegund

Jägerstätter-Haus in St. Radegund. © Diözese Linz

 

Besser die Hände gefesselt als der Wille

 

Der Film zeigt in bewegenden und poetischen Bildern das Ringen des Landwirts und Familienvaters Franz Jägerstätter (geboren am 20. Mai 1907 in St. Radegund) um die richtige Entscheidung aus dem Glauben in der NS-Zeit: Er liebt seine Frau Franziska und seine drei Töchter Rosalia (*1937), Maria (*1938) und Aloisia (*1940) über alles, kann aber nicht gegen sein Gewissen handeln. Viele wollen Jägerstätter davon überzeugen, seinen Widerstand gegen das Nazi-Regime aufzugeben und im Krieg zu kämpfen – von wohlmeinenden Freunden bis zum Dorfpfarrer, dargestellt von Tobias Moretti („Für Gott ist nicht wichtig, was du sagst, sondern was du im Herzen hast.“). „Denk an deine Familie. Dein Opfer würde niemandem helfen“, hört Jägerstätter im Film immer wieder. Der Bürgermeister, gespielt von Karl Markovics, schleudert ihm wutentbrannt entgegen: „Du bist ein Verräter!“

 

Sein innerer Kampf und sein Ringen, das er mit Franziska teilt, führt Franz Jägerstätter schließlich zu einer Gewissensentscheidung, die ihn das Leben kostet. „Besser die Hände gefesselt als der Wille“ – dieses Zitat aus einem seiner letzten Briefe aus dem Gefängnis an seine Frau, das auch im Film vorkommt, bringt die Haltung Franz Jägerstätters auf den Punkt: Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben, damit er die richtige Entscheidung trifft und Gut von Böse unterscheidet. Franz weigert sich aus Glaubensgründen, mit der Waffe für das Nazi-Regime in den Krieg zu ziehen – Christentum und Nationalsozialismus sind für ihn unvereinbar. Seine Frau Franziska bestärkt ihn bis zuletzt in dieser Entscheidung – und erhält dafür zunehmend den Vorwurf, sie sei schuld daran, dass er sich so verändert habe, so religiös geworden sei. Beide werden dafür von der Dorfgemeinschaft angefeindet und zunehmend isoliert, was im Film auf schmerzhafte Weise spürbar wird. Franz Jägerstätter wird vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tod verurteilt und am 9. August 1943 in Brandenburg/Havel enthauptet. Franziska am Ende des Films: „Die Zeit wird kommen, in der wir wissen, wofür das alles gut ist.“

 

'A Hidden Life', ein Film über Franz und Franziska Jägerstätter

Berührende Bilder: Der Film "A Hidden Life" über Franz und Franziska Jägerstätter. © Iris Productions

 

Dialoge – manchmal auf Englisch, manchmal auf Deutsch – werden im Film sparsam eingesetzt, aus dem Off erklingen markante Zeilen aus dem Briefwechsel von Franz und Franziska Jägerstätter, die die innige Beziehung des Ehepaares verdeutlichen. Die oft verzweifelten, aber vertrauensvollen Gebete der beiden zu Gott in vielen Szenen bringen zum Ausdruck, dass ihre Liebe zueinander von einem tiefen Glauben getragen ist, der ihnen die Kraft gibt, die Entscheidung gemeinsam durchzuhalten. So betet Franziska einmal sehr berührend: „Du liebst ihn mehr als ich. Gib ihm Mut, gib ihm Kraft.“

 

 

Schauspielerin Valerie Pachner: „Man versucht sich dieser Haltung anzunähern, sich damit zu identifizieren“

 

Die oberösterreichische Schauspielerin Valerie Pachner verkörpert in „A Hidden Life“ Franziska („Fani“) Jägerstätter auf sehr eindrückliche Art und Weise. Bei der privaten Filmvorführung in St. Radegund meinte sie: „Es war sehr besonders für mich, hier den Film anzuschauen. Für uns vom Filmteam war es von Anfang an sehr wichtig, dass es gut ist für die Familie, wie der Film geworden ist. Es ist schön, ihn heute auch mit der Gemeinde von St. Radegund zu teilen.“ Die drei Jägerstätter-Töchter Maria Dammer, Aloisia Maier und Rosalia Sigl hatten den Film bereits vor Cannes in St. Radegund sehen dürfen, Valerie Pachner hatte dabei die Textpassagen gedolmetscht. „Das war ein sehr spezieller Moment für mich, den Film mit den Töchtern zu sehen – es war wahnsinnig bewegend, ich kann es gar nicht richtig beschreiben“, so die Schauspielerin im Rückblick. „Überwältigend, hart für uns, aber großartig gemacht“, hatte Maria Dammer die emotionale Herausforderung dieser ersten Vorführung der Linzer KirchenZeitung geschildert. Bei der privaten Filmvorführung am 4. Juni verließ sie nach der ersten Hälfte sichtlich bewegt den Raum.

 

Wie hat Valerie Pachner sich in das Filmthema eingearbeitet? „Meine Großeltern waren Bauern, die bäuerliche Sphäre des Films war für mich daher nicht schwer zu begreifen“, so Pachner. Der Figur Franziska Jägerstätter angenähert hat sich Pachner vor allem über den Briefwechsel zwischen Franz und Franziska, der von Jägerstätter-Biografin Erna Putz dokumentiert und in Buchform herausgegeben wurde. Auch die Dokumentation „Die Witwe des Helden – Das Leben der Franziska Jägerstätter“ (2007) war hilfreich für die Vorbereitung: „In der Dokumentation ist Franziska Jägerstätter über 90 Jahre alt. Ich habe gesehen, dass sie nicht gebrochen ist, sondern immer noch gestrahlt hat. Das war für mich wichtig und hilfreich, um im Film durch das Leid durchzugehen.“ Insgesamt sei es eine „arge Erfahrung“ gewesen, so die Schauspielerin: „Man versucht sich dieser Haltung anzunähern, sich damit zu identifizieren. Franziska vertraut dem, von dem sie denkt, dass es richtig ist, obwohl das ungeheures Leid bedeutet. In die Nähe davon zu kommen, hat mir viel Kraft gegeben und mich bestärkt.“ Wenn man eine echte Figur verkörpere, fühle man sich als „Anwältin“ dieser Person und spüre eine besondere Verbundenheit, so Pachner. Terrence Malick habe ihr nur wenige Anweisungen gegeben, wie die Figur zu gestalten sei, „weil ihm glaube ich schnell klar war, dass ich da ohnehin in der richtigen Richtung unterwegs bin“, wie Pachner lächelnd meinte. „Am ehesten war ihm wichtig, dass Franziska neben der Leidenschaft und Stärke auch etwas Sanftes hat – und ein gewisses Verständnis und Mitgefühl ihrem Mann, aber auch den Menschen im Dorf gegenüber. Eine Liebe, die über ihre eigenen Bedürfnisse hinausgeht.“

 

Valerie Pachner schildert nach der Vorführung, wie es für sie war, in die Rolle von Franziska Jägerstätter zu schlüpfen.

Valerie Pachner schildert nach der Vorführung, wie es für sie war, in die Rolle von Franziska Jägerstätter zu schlüpfen. © Diözese Linz / Fürlinger

 

Die Arbeit mit Regisseur Terrence Malick sei vor allem von Freiheit geprägt gewesen, betonte die Schauspielerin. „Terry wollte, dass wir ihn überraschen – dass wir etwas machen, womit er nicht rechnet. Er hat eine Art, die einem erlaubt, Dinge, die im Moment passieren, mitzunehmen. Durch die Weitwinkelkamera kann man sich auch räumlich sehr frei bewegen. Terry mag es auch, wenn etwas nicht ganz stimmt. Wenn zum Beispiel eigentlich die Sonne scheinen sollte, aber es regnete gerade, dann war gerade das gut. Es hat mich gelehrt, alles anzunehmen und auch das Zufällige mit einzuarbeiten, weil das ja letztlich auch das Leben ist.“

 

Für Pachner hat der Film „eine weit gefasste Dimension von Spiritualität“, mit der viele gut mitgehen können. In Cannes sei der Film extrem gut angenommen worden: „Der Applaus hat fünfzehn bis zwanzig Minuten gedauert, mit Standing Ovations, das ging durch und hat nicht aufgehört. Das war eine ganz eigene Stimmung in dem Saal. Leute haben uns mit Tränen in den Augen angeschaut und es war wirklich für uns alle ein extrem bewegender Moment. Es hat vibriert in diesem Raum und das ging dann auch die ganze Nacht so weiter. Auch in den folgenden Tagen sind Menschen auf mich zugekommen und haben gesagt: ‚Oh Gott, was für ein Erlebnis!‘ Der Film ist wahnsinnig gut angekommen. Es ist ein Thema, das die Leute sehr bewegt hat: diese Haltung und Entscheidung von den Jägerstätters.“

 

Landschafts- und Dorfszenen wurden in Südtirol gedreht. „Hier in St. Radegund ist alles zu modern, da war das Drehen mit dem Weitwinkel nicht möglich“, erklärt Pachner den Ortswechsel in die Bergwelt Südtirols, der beim Radegunder Publikum bei der Filmvorführung fallweise für Erheiterung sorgte. Es sei aber wichtig gewesen, dass auch in St. Radegund gefilmt wurde: „Es war ganz besonders, dass wir im Jägerstätter-Haus und in der Gegend sein konnten – für den Dreh war es wichtig, quasi mit der ‚tatsächlichen Erde‘ verbunden zu sein“, so Pachner. Beim Dreh lernte sie auch die Jägerstätter-Töchter kennen – ein ganz spezieller Moment: „Wir drehten gerade eine Szene im originalen Schlafzimmer. Ich wusste, dass wir an diesem Tag die Töchter kennenlernen würden. Beim Dreh habe ich aus dem Augenwinkel bemerkt, dass bei der Kamera eine ältere Dame steht – da wusste ich: Das ist wahrscheinlich eine der Töchter. Und ich hatte in der Szene meinen Haarknoten aufgemacht. Als die Szene vorbei war, sind wir dann gleich aufeinander zu, Maria Dammer und ich. Das Schräge war, dass ich ihre Mutter spiele – das war ganz eigen und auch sehr berührend. Und dann hat sie mir wieder die Haare zum Knoten hochgemacht, so wie ihn ihre Mutter getragen hat. Das war ein sehr schräger, schöner und bewegender Moment – und der Beginn der Begegnung mit Maria und ihren Schwestern. Diese Beziehung ist für mich die letzten zweieinhalb Jahre sehr wichtig geworden.“

 

Sind einander sehr verbunden: Schauspielerin Valerie Pachner (r.) mit Jägerstätter-Tochter Maria Dammer

Sind einander sehr verbunden: Schauspielerin Valerie Pachner (r.) mit Jägerstätter-Tochter Maria Dammer. © Diözese Linz / Fürlinger

 

Produzent Josh Jeter: „Man konnte fühlen, dass das, was Franz getan hat, einen Nerv tief im Inneren berührt“

 

Produzent Josh Jeter, „rechte Hand“ von Terrence Malick, berichtete im Interview nach der privaten Filmvorführung, was Regisseur Terrence Malik veranlasst hatte, einen Film über Franz Jägerstätter zu drehen: „Ich glaube, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren hat ihm ein Freund ein Buch über Franz Jägerstätter gegeben. Ich weiß nicht, was dann genau den Ausschlag gab, aber er dachte schon Jahrzehnte über das Thema nach.“ Wichtig sei dem Starregisseur vor allem gewesen, die Geschichte von Franz und Franziska Jägerstätter richtig zu erzählen, so Jeter: „Terry wollte sie verstehen, begreifen, was sie bedeutet. Es war sehr wichtig für ihn, wirklich zu verstehen – die Geschichte, den Kontext, wer die beiden waren, wie ihre Beziehung zueinander war. Viele andere Werke legen den Fokus auf Franz. Terry war es wichtig, die Geschichte von Franz und Franziska zu erzählen, weil beide den Weg gegangen sind.“ Deshalb habe Malick das Drehbuch auch mit den Jägerstätter-Töchtern durchbesprochen und danach einiges umgeschrieben. „Viele Details, die die Töchter erzählten, waren für den Film sehr wichtig“, so Jeter.

 

Die Zusammenarbeit mit Terrence Malick schilderte Jeter als „partnerschaftlich und dynamisch“. Malick arbeite sehr hart, habe unglaublich viele Ideen, schaffe eine humorvolle Atmosphäre am Set und hole sehr viel Gutes aus den SchauspielerInnen heraus. „Er gibt ihnen mehr Freiheiten, als die Leute gewohnt sind“, schlug Jeter in die gleiche Kerbe wie zuvor Pachner. Die größte Herausforderung beim Dreh sei gewesen, die Geschichte richtig zu erzählen. „Man spürt in sich, warum diese Person etwas so Schönes gemacht hat. Aber es ist eine Sache, das zu spüren – und eine andere, verschiedene Elemente zu finden, die diese Schönheit transportieren. Terry nimmt sich viel Zeit, um immer näher an diese Schönheit heranzukommen. Und wir als Crew versuchen, geduldig zu sein und nicht aufzuhören, bis wir diese Schönheit gefunden haben – das ist herausfordernd. Wir haben drei ganze Jahre an diesem Film gearbeitet.“ Als er vor wenigen Wochen den fertigen Film das erste Mal gesehen habe, sei das ein berührender Moment gewesen. „Man konnte fühlen, dass das, was Franz getan hat, einen Nerv tief im Inneren berührt. Diese große Liebe der beiden zueinander, aber auch zu etwas, was über sie hinausgeht – es war schön für mich zu spüren, dass das im Film herauskommt.“

 

Für Josh Jeter, der Franz Jägerstätter erst über Terrence Malick kennenlernte, sind Franz und Franziska Jägerstätter auch Vorbilder für heute, denn: „Ihre Liebe geht über die eigenen Bedürfnisse hinaus. Sie waren verbunden mit etwas, das sie ihren schweren Weg gehen ließ. Und wenn man jemanden einen so schweren Weg gehen sieht für etwas Schönes, dann möchte man so etwas auch tun.“ Das Thema des Films sei auch heute aktuell, weil „besonders in Zeiten von Verärgerung und Angst die Gefahr besteht, dass die breite Masse in eine Richtung läuft. Es braucht mehr Menschen wie Franz, die die Gefahr darin erkennen.“

 

Ein tolles Team: Produzent Josh Jeter und Schauspielerin Valerie Pachner.

Ein tolles Team: Produzent Josh Jeter und Schauspielerin Valerie Pachner. © Diözese Linz / Fürlinger

 

„Franziska hätte große Freude mit dem Film“

 

BesucherInnen der privaten Vorführung zeigten sich tief bewegt. Jägerstätter-Biografin Dr.in Erna Putz meinte, die spirituelle Dimension des Films habe sie sehr berührt. „Beide Hauptpersonen sind sehr gut getroffen – Franz, wie ich ihn aus den Briefen kenne, und Franziska, wie ich sie aus Begegnungen kenne. Die schauspielerische Leistung vor allem der beiden Hauptdarsteller ist ganz hervorragend, und die Bildsprache hat sehr viel vermittelt.“ Auf Grundlage der Geschichte von Franz und Franziska habe Malick ein „eigenständiges und allgemeingültiges Werk“ erschaffen – er zeige eine große Liebe, die auch durch ganz schwere Situationen durchtrage. Franziska habe Franz in spiritueller Hinsicht geformt, „auf eine sehr sanfte Art“, wie Putz betont. Sie zeigte sich erfreut darüber, dass der Film „Klischees, beispielsweise in Bezug auf Priester“, vermeide. Putz ist sich sicher: „Franziska hätte große Freude mit dem Film – und sie wäre mit Valerie Pachner sehr zufrieden, die diese Stärke im Sanften ganz hervorragend spielt.“ Auch die Darstellung von Franz durch August Diehl wäre für Franziska Jägerstätter in Ordnung, glaubt Putz: „Es war ihr immer wichtig, dass Darsteller von Franz – ob auf der Bühne oder im Film – lieb, charmant und wendig sind.“

 

Dass Franziska Jägerstätter ihre Freude hätte, davon ist auch Elisabeth Jungmeier überzeugt. Sie ist Mitglied des Jägerstätter-Beirats, bei Pax Christi engagiert und Kontaktperson zu den „Friends of Franz“, die das Gedenken von Franz Jägerstätter in den USA (Bundesstaat New York) hochhalten. Die Gruppe hat sich am Vorabend der Seligsprechung von Franz Jägerstätter gegründet und setzt sich im Geist Jägerstätters in ihrer Heimat für den Frieden ein. Inspiriert durch das Zeugnis des seligen Franz Jägerstätter sehen sie es als ihre Mission, die Lehre vom „gerechten Krieg“ zu widerlegen. Jungmeier hat Franziska Jägerstätter gekannt und findet: „Ihr Inneres ist im Film gut dargestellt.“ Besonders berührt hat sie jene Szene, in der Franz und Franziska am Bahnhof von Tittmoning Abschied voneinander nehmen – Franz fährt in die Kaserne nach Enns, ein Wiedersehen ist ungewiss. „Franziska hat mir einmal erzählt, wie schlimm es für sie war, ihn fahren lassen zu müssen. Auf dem Heimweg war sie blind vor lauter Tränen“, erinnert sich Jungmeier.

 

Für Dr. Andreas Schmoller, den Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts (FFJI) an der Katholischen Privat-Universität Linz, ist Malicks Film „ein Kunstwerk, das beiden Jägerstätters und deren Beziehung gerecht wird – nicht im Sinne historischer Dokumentation, sondern in einem überhistorischen Zugang. Ich kenne keine andere Auseinandersetzung mit dem Thema, die beide Personen und ihre Beziehung so gut umsetzt. Der Film erstellt kein Psychogramm von Franz Jägerstätter, sondern setzt ihm ein Denkmal in einem sehr universalistischen Sinn – mit raffiniertem cinematografischem Handwerk. Gerade der zweite Teil hat für mich eine richtige Sogwirkung.“

 

Auch Pastoralamtsdirektorin Mag.a Gabriele Eder-Cakl zeigte sich tief berührt von „A Hidden Life“: „Der Film ist mit seinen Bildern, Farben und Worten wie eine Andacht und hat enorme poetische und ästhetische Kraft. Ich sehe darin starke Anklänge an die Jesusfigur und ihre Leidensgeschichte. So setzt sich etwa in der Gerichtsszene Bruno Ganz als NS-Richter auf den Opferstuhl und fragt Jägerstätter: ‚Verurteilen Sie mich?‘ Das erinnert mich an die Szene in der Leidensgeschichte, als Pontius Pilatus sich auf den Richterstuhl setzt und Jesus zur Kreuzigung freigibt. Oder die Schlussszene, als Franz im Hof auf seine Hinrichtung wartet und mit ihm zwei andere, von denen der eine sich an Franz‘ Schulter lehnt. Auch hier denke ich an die beiden Männer, die mit Jesus gekreuzigt wurden und von denen der eine Jesus bittet, an ihn zu denken, wenn er in sein Reich kommt.“ Auch die im Film vorkommenden Schafe und der Esel sind für Eder-Cakl Anspielungen auf biblische Erzählungen aus dem Leben Jesu. Der Fokus des Films liegt für die Pastoralamtsdirektorin auf der Spiritualität und Glaubenstiefe von Franz und Franziska Jägerstätter. Besonders berührt hat sie unter anderem „das Zittern, Weinen und Ringen“ von Franz, das seinen inneren Kampf sehr deutlich macht.

 

V. l.: Jägerstätter-Biografin Erna Putz, Produzent Josh Jeter, Schauspielerin Valerie Pachner, Elisabeth Jungmeier (Jägerstätter-Beirat), Pastoralamtsdirektorin Gabriele Eder-Cakl und Andreas Schmoller (Leiter Jägerstätter Institut KU Linz)

V. l.: Jägerstätter-Biografin Erna Putz, Produzent Josh Jeter, Schauspielerin Valerie Pachner, Elisabeth Jungmeier (Jägerstätter-Beirat), Pastoralamtsdirektorin Gabriele Eder-Cakl und Andreas Schmoller (Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts an der KU Linz). © Diözese Linz / Fürlinger

 

 

Mit ökumenischem Filmpreis ausgezeichnet, für den Oscar gehandelt

 

US-Starregisseur Terrence Malick (75), ein promovierter Philosoph, widmet sich in seinen Filmen immer wieder religiösen Themen. Für „The Tree of Life“ wurde er 2011 in Cannes mit der „Goldenen Palme“ ausgezeichnet. Zur Premiere von „A Hidden Life“ am Sonntag, 19. Mai 2019 bei den Filmfestspielen in Cannes war der medienscheue Regisseur nicht erschienen. Der Film wurde von der Jury mit dem „Ökumenischen Filmpreis“ ausgezeichnet. Dieser Preis wird seit 1974 an einen Film aus dem Wettbewerbsprogramm vergeben, der sich in besonderer Weise den christlich-spirituellen Dimensionen menschlicher Existenz verpflichtet weiß. In ihrer Preisbegründung lobte die Jury nicht nur die differenzierte Darstellung des menschlichen Dramas von Franz und Franziska Jägerstätter, sondern hob auch den Umgang mit dem Gewissensthema hervor. Der Film vermittle eine Ahnung davon, dass die innere Richtschnur im Extremfall keine Rücksicht auf konkrete materielle oder gesellschaftliche Bedingungen nehme, so die Jury.

 

Der Film gilt als oscarverdächtig. Ob er tatsächlich nominiert wird, steht nach Auskunft von Produzent Josh Jeter „noch in den Sternen – das können wir nicht planen“. Nach Aussage von Valerie Pachner wird der Film im Herbst in den USA in die Kinos kommen, im Spätherbst 2019 bzw. Anfang 2020 wird er dann auch in den österreichischen Kinos zu sehen sein – vermutlich nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln.

 

 

Ein Leben, das nicht verborgen blieb

 

Im Film wollen Nazi-Schergen Jägerstätter immer wieder klarmachen, dass seine Verweigerung sinnlos ist, dass von seinem Akt des Widerstands keine Wirkung ausgehen wird, dass niemand von seinen Taten erfahren wird. Auch der NS-Richter im Reichskriegsgericht in Berlin – gespielt von Bruno Ganz – fragt Jägerstätter: „Glauben Sie, dass irgendetwas, was Sie tun, den Verlauf des Krieges verändert? Glauben Sie, dass irgendjemand von Ihnen hören wird?“ Darauf spielt auch der Titel des Films an: „A Hidden Life“ – ein Leben, das verborgen bleibt. Der Filmtitel ist einem Text der britischen Autorin George Eliot entnommen:

 

„Das Wachstum des Guten in der Welt hängt in gewissem Grade von unhistorischen Taten ab, und dass die Dinge für dich und mich nicht so schlecht bestellt sind, wie sie es hätten sein können, verdanken wir zum großen Teil jenen, die getreulich ein Leben im Verborgenen gelebt haben und in Gräbern ruhen, die niemand besucht.“

 

(„The growing good of the world is partly dependent on unhistoric acts; and that things are not so ill with you and me as they might have been, is half owing to the number who lived faithfully a hidden life, and rest in unvisited tombs.“)

 

Jägerstätters Leben und seine Geisteshaltung blieben nicht verborgen. Am 7. Mai 1997, 54 Jahre nach Jägerstätters Hinrichtung, wurde vom Landgericht Berlin das Todesurteil gegen Jägerstätter aufgehoben. Die Aufhebung kommt einem Freispruch gleich und bedeutet moralische und juristische Rechtfertigung seiner Handlung. Ab 1989 wurden im Auftrag des damaligen Diözesanbischofs Maximilian Aichern Personen, die Jägerstätter kannten, als Zeugen einvernommen. Nach Unterstützung durch die Österreichische Bischofskonferenz, eine historisch-theologische Kommission und das Linzer Domkapitel wurde 1997 offiziell der Seligsprechungsprozess für Franz Jägerstätter eröffnet, am 21. Juni 2001 auf diözesaner Ebene abgeschlossen und die Akten der Selig- und Heiligsprechungskongregation übergeben. Postulator des Seligsprechungsverfahrens war Manfred Scheuer, damals noch Bischof von Innsbruck. Der Vatikan bestätigte am 1. Juni 2007 offiziell das Martyrium von Franz Jägerstätter. Die Seligsprechung erfolgte am 26. Oktober 2007 unter Bischof Ludwig Schwarz im Linzer Mariendom.

 

Bis heute ist Jägerstätter Vorbild in der Übernahme von persönlicher Verantwortung im Angesicht des Bösen. Er hat sich auch in Gefangenschaft und im Angesicht des Todes die innere Freiheit bewahrt.

Franziska Jägerstätter hat ihren Mann um 70 Jahre überlebt. Sie starb am 16. März 2013, wenige Tage nach ihrem 100. Geburtstag. Dr. Manfred Scheuer beschrieb noch als Bischof von Innsbruck in einer Predigt Franziska Jägerstätter folgendermaßen: „Wir verdanken Franziska Jägerstätter in gewisser Weise Franz Jägerstätter. Sicher war es sein ureigener Weg in der Einsamkeit seiner Gewissensentscheidung. Und doch: Sie war zunächst religiös die Aktivere; sie hat die Melodie Gottes in sich aufgenommen. So ist für Franz der Wille Gottes auch durch Franziska vermittelt worden. Wenn sie nicht zu ihm gehalten hätte, dann hätte er niemanden gehabt. Sie war wichtig für ihn, dass er so geworden ist.“

 

Franz Jägerstätter
Franziska Jägerstätter bei der Seligsprechung von Franz am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom.

 © Diözese Linz

 

"Die Liebe ist größer als die Zeit" - Artikel zur Filmvorführung in der Linzer KirchenZeitung

Filmreview von Andreas Schmoller, Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts an der KU Linz

 

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