Donnerstag 16. August 2018

„Franz Jägerstätter ermutigt zu kleinen persönlichen Entscheidungen, die vielleicht Großes bewirken“

Anlässlich des 75. Todestages des oberösterreichischen Seligen Franz Jägerstätter fand am 8. und 9. August 2018 in St. Radegund und Tarsdorf ein internationales Gedenken statt, an dem etwa 150 Personen teilnahmen.

Zentraler Gedanke: Franz Jägerstätter ist auch heute Vorbild – sein Beispiel ermutigt zu Wachsamkeit, kritischer Unterscheidung von Recht und Unrecht und zu Eigenverantwortung.

 

Der Innviertler Landwirt und Familienvater hatte sich aus Glaubensgründen geweigert, mit der Waffe für das Nazi-Regime in den Krieg zu ziehen. Daraufhin wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tod verurteilt und vor 75 Jahren, am 9. August 1943, in Brandenburg an der Havel durch Enthauptung hingerichtet.

 

Das jährliche Jägerstätter-Gedenken wird von der christlichen Friedensinitiative Pax Christi und der Pfarre St. Radegund organisiert. Es begann bereits am 8. August 2018 mit einem Abendgebet in der Kirche St. Radegund. Zum eigentlichen Gedenktag am 9. August kamen knapp 150 Personen: Sie waren aus Oberösterreich, Salzburg und Tirol, aber auch aus Italien und Deutschland angereist. Unter den TeilnehmerInnen waren u. a. Bischof em. Maximilian Aichern, die drei Jägerstätter-Töchter Maria Dammer, Aloisia Maier und Rosalia Sigl sowie weitere Familienmitglieder, der Vorsitzende des Jägerstätter-Beirats Bischofsvikar Mag. Maximilian Mittendorfer, der Leiter des Jägerstätter-Instituts Dr. Andreas Schmoller, Pastoralamts-Direktorin Mag.a Gabriele Eder-Cakl, Mitglieder von Pax Christi, der Pfarrer von St. Radegund und Pfarradministrator von Tarsdorf Mag. Markus Menner und sein Vorgänger Mag. Josef Steinkellner.

 

 

„Wir haben immer einen Handlungsspielraum, den wir wählen können“

 

Am Vormittag referierte im Pfarrsaal Tarsdorf um 9.30 Uhr Dr.in Magdalena Holztrattner, M. A., Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), zum Thema „Sinnorientierung: Was trägt ein Leben gegen entmenschlichende Tendenzen in der Gesellschaft?“ Sie schlug dabei eine Brücke zwischen dem Leben von Franz Jägerstätter und dem heutigen Ringen von Menschen um Gerechtigkeit bzw. dem Engagement gegen Armut in ihren vielfältigen Formen. Zu Beginn ihres Vortrags nahm Holztrattner Bezug auf das Zitat von Franz Jägerstätter aus einer seiner letzten Aufzeichnungen: „Wenn ich auch mit gefesselten Händen schreibe, aber immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt wäre … (…) Zu was hat denn Gott alle Menschen mit einem Verstande und freien Willen ausgestattet, wenn es uns, wie so manche sagen, nicht einmal zusteht, zu entscheiden, ob dieser Krieg, den Deutschland führt, gerecht oder ungerecht ist?“ Dieser freie Wille, der dem Menschen von Gott geschenkt sei, sei die letzte Instanz, der der Mensch gehorchen solle, betonte Holztrattner. Sie folgte in ihrem Referat einem Dreischritt zu den Fragen: Welche entmenschlichenden Tendenzen orten wir heute? Welche Quellen finden wir? Was gibt uns Sinn und Orientierung? Die ksoe-Direktorin betonte, Aufgabe der Menschen von heute sei es, den eigenen Blick zu schärfen, (Medien-)Berichte zu hinterfragen, ins kritische Gespräch mit anderen zu kommen und sich eine differenzierte Meinung zu bilden.

 

Dr.in Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), bei ihrem Vortrag im Pfarrheim Tarsdorf.

Dr.in Magdalena Holztrattner. © Diözese Linz / Eder-Cakl

 

Als entmenschlichende Tendenz von heute nannte Holztrattner unter anderem den in der Gesellschaft vorherrschenden übertriebenen Leistungsgedanken. „Wir erleben die Beurteilung von Menschen nur mehr nach ihrer Leistung – nach dem Motto: ‚Ich leiste, also bin ich‘“, so die Theologin und Sozialethikerin. Unbezahlte Arbeit gelte heutzutage wenig. „Was würde passieren, wenn die Menschenrechte an vorherige Leistung geknüpft würden?“, fragte Holztrattner kritisch. Dieses übertriebene Leistungsdenken zerstöre langsam den Gedanken der Solidarität und habe spürbare Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen. Papst Franziskus betone immer wieder, ChristInnen müssten der Gleichgültigkeit entgegenwirken; auch Franz Jägerstätter habe diese Haltung durch sein Tun aufgezeigt, so Holztrattner weiter. „Gottes Liebe zu den Menschen will das gute Leben aller und nicht nur das bessere Leben weniger“, brachte es die ksoe-Direktorin auf den Punkt.

 

Man müsse sich fragen, wer heute die Frage nach der Verantwortung hochhalte und wer es wage, ein System in Frage zu stellen, wie Franz Jägerstätter es getan habe. Holztrattner dazu wörtlich: „Wir haben immer einen Handlungsspielraum, den wir wählen können.“ Franz Jägerstätter habe sich diesen Denkraum erhalten: Das Gebet und der Austausch mit seiner Frau Franziska hätten ihm immer wieder die innere Freiheit für sein Handeln geschenkt, betonte Holztrattner. Die Quelle dabei sei für Jägerstätter immer „die Verbindung mit und in Gott“ gewesen.

 

Holztrattner wies darauf hin, dass die einzelne Gewissensentscheidung von Franz Jägerstätter höchste kirchliche Dokumente und Entscheidungen beeinflusst habe, etwa die Betonung der herausragenden Stellung des Gewissens in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils. Jägerstätter habe dadurch bestehende Verhältnisse verändert. „Er ermutigt dadurch auch uns, kleine persönliche Entscheidungen zu treffen, die vielleicht auch Großes bewirken können“, stellte Holztrattner den Bezug zum Heute her.

 

Die Frage nach Sinn und letztem Halt sei die Frage nach dem tiefsten Grund des Menschen, so Holztrattner. „Der tiefste Grund ist für uns ChristInnen das, was die Liebe mehrt, die Hoffnung stärkt und den Menschen in seiner Würde nährt“, gab die ksoe-Direktorin eine berührende Antwort auf diese Frage.

 

Abschließend plädierte Holztrattner für die Heiligsprechung von Franz und Franziska Jägerstätter als christliches Ehepaar, weil „der Weg von Franz ohne Franziska nicht möglich gewesen wäre und die beiden auch unter widrigsten Umständen von der Liebe Christi Zeugnis gegeben haben“.

 

Dr.in Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), bei ihrem Vortrag im Pfarrheim Tarsdorf.
Vortrag im Pfarrheim Tarsdorf

© Diözese Linz / Eder-Cakl

 

 

Vorbild in der Wachsamkeit, in der Unterscheidung der Geister und im Glauben

 

Um 14 Uhr führte eine Fußwallfahrt von Tarsdorf nach St. Radegund, wo um 16 Uhr eine Andacht zur Todesstunde von Franz Jägerstätter stattfand, die von Pax Christi gestaltet wurde. Um 19.30 Uhr feierte Bischofsvikar Maximilian Mittendorfer mit den TeilnehmerInnen die Hl. Messe in der Pfarrkirche von St. Radegund. In seiner Predigt nahm Mittendorfer Bezug auf das Schreiben von Papst Franziskus „Gaudete et exsultate“ (Freut euch und jubelt“) über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Jeder und jede sei darin aufgerufen, am je eigenen Platz Christus nachzufolgen. Mittendorfer wörtlich: „‘Lass zu, dass die Taufgnade in dir Frucht bringt‘, ist im päpstlichen Schreiben zu lesen. Es ist ein gutes Zeichen, dass gerade der Tauftag des seligen Franz Jägerstätter, der 21. Mai, sein Gedenktag ist.“ Franz Jägerstätter habe das Papstwort mit seinem Leben bereits vorweggenommen, so der Bischofsvikar. Jägerstätter habe es einmal so formuliert: „Christsein ist der höchste Beruf.“ Die Heiligkeit sei bei Franz Jägerstätter auf mehrfache Weise erkennbar, führte Mittendorfer aus: in seinem wachen Geist („Franz Jägerstätter schaut sich um in der Welt, liest, bildet sich, kennt zum Beispiel den Bischofsbrief Gföllners, in dem steht, dass der Nationalsozialismus nicht mit dem Christentum vereinbar ist“), in seiner tiefen Religiosität, die auch den Krisen standhielt, und in der Bildung seines Gewissens.

 

Die große Gnade von Franz Jägerstätter sei Franziska gewesen, betonte der Vorsitzende des Jägerstätter-Beirats: „Sie haben einander im Glauben gestärkt und halfen armen Nachbarn. Das erfahrene Glück seiner Ehe war Franz Jägerstätter ein Gottesbeweis. Beide trug die Hoffnung, dass sie im Himmel zusammenkommen. Beide haben ihre Berufung zur Heiligkeit als einfache Christen erkannt und gelebt.“ Mittendorfer unterstrich, Franz Jägerstätter sei für Christen von heute ein Vorbild: „Wir können von ihm lernen, wachsam zu sein, zu unterscheiden, Unrecht zu durchschauen, die eigene Verantwortung wahrzunehmen als BürgerInnen und ChristInnen, das Gebet zu pflegen und das Evangelium für uns persönlich zu übersetzen. Lassen wir uns von beiden Franz und Franziska ermutigen, dort wo wir stehen, nach Heiligkeit zu streben.“

 

Wallfahrt von Tarsdorf zum Jägerstätter-Haus
Kirche in St. Radegund
Gedenkmesse mit Bischofsvikar Maximilian Mittendorfer in der Kirche von St. Radegund

© Diözese Linz / Eder-Cakl

 

Den Abschluss des Gedenkens bildete eine Lichterprozession zum Grab von Franz und Franziska Jägerstätter (1913-2013), der Frau des seligen Franz Jägerstätter.

 

: Stilles Gedenken beim Grab von Franz und Franziska Jägerstätter
Die drei Jägerstätter-Töchter Maria Dammer, Aloisia Maier und Rosalia Sigl
: Stilles Gedenken beim Grab von Franz und Franziska Jägerstätter

© Diözese Linz / Eder-Cakl

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