Sunday 20. October 2019

Jägerstätter-Predigt von Kardinal Schönborn zu Allerheiligen 2007

Ich glaube, hier ist unserer Kirche ein kostbarer Schatz anvertraut, den wir kennenlernen sollen, der uns vielleicht mehr sagt als viele soziologische und psychologische Studien über den weiteren Weg der Kirche in unserem Land.

Gelobt sei Jesus Christus!

 

Vor knapp einer Woche wurde im Linzer Mariendom der oberösterreichische Bauer Franz Jägerstätter selig gesprochen. Ich habe mich 40 Jahre lang auf diesen Tag gefreut. 1967 habe ich als Student in einem Buch zum ersten Mal über ihn gelesen. Der amerikanische Soziologe und Historiker Gordon C. Zahn, der über den christlichen Widerstand im Nationalsozialismus gearbeitet hat und auf diesen bei uns weitgehend unbekannten Zeugen des christlichen Glaubens gestoßen war, hat über ihn die erste Biographie geschrieben (In Solitary Witness. The life and death of Franz Jägerstätter, 1964). Gordon C. Zahn ist heute schon betagt und sterbenskrank. Er konnte aber noch die Nachricht von der Seligsprechung von Franz Jägerstätter aufnehmen und wahrnehmen. Mich hat von Anfang an dieser Gestalt fasziniert, dass er eine lebendige Seite des Evangeliums ist. Das Evangelium ist nicht nur ein zuverlässiger Bericht über das, was damals in Galiläa und in Jerusalem geschehen ist. Es ist das lebendige Buch, das heute lesbar ist. Franz Jägerstätter war und ist für mich ein konkreter und anschaulicher Kommentar der Seligpreisungen, die wir eben gehört haben. 


Was mich von Anfang an an ihm fasziniert hat, war seine Klarsicht und Weisheit. Dieser Mann, der nur Volksschulbildung hatte, hat klarer gesehen als viele Studierte, dass der Nazionalsozialismus radikal und zutiefst unvereinbar ist mit dem christlichen Glauben. Seine Gewissensentscheidung war von Anfang an klar. Er war der einzige im Ort, der beim Anschluss bei der Volksabstimmung mit „Nein“ gestimmt hat. Gleichzeitig war Franz Jägerstätter nie ein Fanatiker, bis in die letzten Briefe aus dem Gefängnis ist er immer ganz konkret. Er sorgt sich um die Arbeit in der Landwirtschaft, er fragt nach der Familie, er ist praktisch und bodenständig und er ist ein unvergleichlich liebender Ehemann, gesegnet mit einer unvergleichlich liebenden Ehegattin. Fasziniert hat mich an ihm seine unbedingte Christusliebe, und daraus folgend seine Bereitschaft und sein Verlangen, Christus ganz konkret nachzufolgen, auch in der Verachtung, in der Ablehnung, in der Verfolgung und auch im Tod. Fasziniert hat mich an ihm seine Klarheit, in der er nie verurteilt hat. Immer wieder wird bis heute die Frage gestellt: Sind dann alle die, die den Militärdienst geleistet haben, von der Kirche verurteilt durch die Seligsprechung dessen, der den Kriegsdienst für Hitler verweigert hat? Sollten manche das glauben, so wäre dies ein tiefes Missverständnis, denn Franz Jägerstätter hat selber die klare Antwort gegeben: „Mir“, sagt er, „ist die Gnade gegeben, das zu erkennen, deshalb muss ich meinem Gewissen folgen“. Immer wieder hat er klar gesagt, „es steht mir nicht zu, über die anderen zu urteilen“. Er hat sogar noch alle möglichen Gründe gesucht, um zu verstehen, warum andere seinen Weg nicht gehen, nicht konnten oder wollten, er ist ihn gegangen ohne Urteil und Verurteilung anderer. Er hat das Verurteilt werden, das Unverstanden sein in seinem einsamen Weg als einen Teil seines Auftrags und seiner Sendung verstanden.

Liebe Brüder und Schwestern, am heutigen Fest Allerheiligen ist es mir ein Anliegen, Gott zu danken für diesen neuen Seligen unseres Landes. Ich bin überzeugt, dass er ein großes Geschenk für unser Land ist. Deshalb möchte ich ihn heute sprechen lassen und nicht mich selber. Die Laienpredigt ist in diesem Falle bestens angebracht. Er hat viel geschrieben und bis in die letzten Tage seines Lebens hinein hat er Gedanken notiert, nicht wissend, was aus ihnen wird. Schon nach seinem Todesurteil im Gefängnis in Berlin hat er mit gefesselten Händen kleine Notizen geschrieben, das so genannte „Heft 4.“, das erhalten ist. Die etwa 200 Gedanken, die er da niedergeschrieben hat, sind von einer solchen Klarheit und Tiefe, dass ich nicht zögere zu sagen, hier spricht ein großer Meister des christlichen Lebens. Es liegt vor uns, Brüder und Schwestern, dass wir diesen neuen Seligen, von dem ich hoffe, dass er auch bald heilig gesprochen wird. Wir haben hier einen Schatz bekommen, der für die Kirche und unser Land wirklich kostbar ist, den wir kennenlernen sollen. Wir haben jetzt dankenswerter Weise einen ganz besonderen Schatz bekommen, die gesamte Korrespondenz zwischen Franz und Franziska. Sie wollte erst nach ihrem Tod ihre Briefe an ihn veröffentlicht wissen, und hat doch angesichts der Seligsprechung jetzt zugestimmt, dass auch ihre Briefe veröffentlicht werden. Wir haben also die ganze Korrespondenz und die Schriften von Franz bis hin zu den letzten Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Ich glaube, hier ist unserer Kirche ein kostbarer Schatz anvertraut, den wir kennenlernen sollen, der uns vielleicht mehr sagt als viele soziologische und psychologische Studien über den weiteren Weg der Kirche in unserem Land. So habe ich zwölf Worte ausgewählt, die ich Ihnen einfach vorlesen möchte, die Franz mit gefesselten Händen geschrieben hat, schon zum Tod verurteilt und in der Erwartung der letzten und endgültigen Begegnung mit seinem geliebten Herrn (Zitiert aus: Franz Jägerstätter. Der gesamte Briefswechsel mit Franziska. Aufzeichnungen 1941-1943. Hsrg. Von Erna Putz).

 

  1. Zu trösten versteht am besten, wer selber durch tiefes Leid hindurchgegangen ist und auf dem Weg des Kreuzes Gott näher kam.

  2. Alle äußeren Leiden und Verfolgungen können den inneren Widerstand dessen nicht brechen, in dem Christus lebt und wirkt. Wenn der Blick aufs Ewige gerichtet ist, verlieren zeitliche Drangsale ihre Schrecken.

  3. Die Gegner spotteten, wenn Paulus in unbegrenzten Seeleneifer außer sich geriet. Die Parole: „Nur nichts übertreiben“, war stets denen eigen, die nichts von Christusliebe, sondern von berechnender Eigenliebe geleitet waren und darum fürchteten, das Leben könnte „ungemütlich“ werden. 

  4. Wo einer im anderen Christus sieht, fällt die Unterordnung nicht schwer, am wenigsten in der Ehe und Familie. 

  5. „Von der Ehe: Der Mann ist das Abbild Christi, des Erlösers, seines Leibes der Kirche. Die Frau ist Abbild der bis zur Selbsthingabe von Christus geliebten Kirche, der Braut Christi. Nicht Selbstsucht führt sie zusammen, sondern der Wille, sich gegenseitig zu heiligen. Eines wird dem anderen zum zweiten Ich. Und diese Einheit in der Zweiheit ist eingegliedert in die übernatürliche Lebensgemeinschaft mit Christus. Die Ehe ist also unendlich mehr als ein „weltlich Ding“.

  6. Christus hat am Kreuze genug gelitten, um diE ganze Menschheit zu erlösen. Aber weil jeder Christ ein Glied am mystischen Christusleib ist, hat Gott auch ihm ein bestimmtes Maß von Leiden zugedacht. Da es in der Lebenseinheit mit dem mystischen Christus gelitten wird, darf es auch „Leiden Christi“ oder „Drangsal Christi“ genannt werden. Es kommt der Kirche, die ja der mystische Leib Christi ist, zugute und wird erst vollendet, wenn die leidende und streitende Kirche in die triumphierende übergegangen ist. Aus dieser tiefen Leidensmystik erwächst Freude am Leiden für andere.

  7. Ein wunderbar knappes Wort, das wir uns alle ganz leicht merken können: „Die Liebe ist wie das Oberkleid, die „Uniform“ der Jünger Jesu. An ihr werden sie erkannt. 

  8. „Die elterliche Autorität darf nicht aus Laune missbraucht werden. Unverstandene Kinder und ungerecht behandelte werden verschüchtert oder verbittert.“

  9. „Der Anschluss an Christus sichert uns nicht vor irdischem Leid, gibt aber Leidenskraft im Hinblick auf die ewige Vergeltung.“

  10. „Keine Zeit darf sich das Christusbild nach ihrem Geschmack formen, sonst wird es gefälscht.“

  11. Wie die Wanderer, Arbeiter und Kämpfer das lange weite Obergewand um die Hüften gürteten, um sich leichter bewegen zu können, so sollen sich auch die Christen zur Arbeit oder zum Kampf im Dienste Gottes rüsten und durch Abstreifen alles dessen, was sie hierbei hindert, ihrem Ziel entgegenwandern. Sie müssen geistig nüchtern, das heißt vom Taumel der Sünde frei sein.

  12. Ein Wort, das sehr viel über seinen eigenen Weg sagt, über seine Ehe mit Franziska, der er unendlich viel verdankt und wir alle auch: Von dem Einfluss einer frommen, keuschen und allzeit gütigen Frau auf ihren Mann erwartet der Apostel mehr als von der Predigt des Missionärs.

 

Brüder und Schwestern, ich erwarte mir mehr von der Predigt des neuen Seligen, als von mancher unserer Priester- und Bischofspredigten.

 

Danken wir heute Gott für diesen neuen Zeugen der Seligpreisungen. Amen.

 

(fk)

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