Samstag 15. Dezember 2018

Franz Jägerstätter: Neun verschiedene Aspekte seiner Person

Aus dem Glauben heraus Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. 

  1. Freude an der Schöpfung
  2. Gelingen und Versagen / Umkehr
  3. Ehemann und Vater
  4. Gebet und Heilige Schrift
  5. Gabe der Unterscheidung der Geister
  6. Opfer und Täter
  7. Gewaltfreiheit und Feindesliebe
  8. Leiden und Sühne / Märtyrer
  9. Hoffnung auf Auferstehung

 


 

1. Freude an der Schöpfung

 

Franz Jägerstätter war kein Kind von Traurigkeit. Seine Zeitgenossen beschreiben ihn als lebensfrohen Menschen. Nach dem Zeugnis seiner Frau ist er von einer großen Liebe zur Natur geprägt. Das verbindet ihn mit Franz von Assisi, in dessen 3. Orden er eintritt. Als Bauer lebt er mit dem Kreislauf der Natur mit, freut er sich am schönen Wetter.

 

Fast in jedem Brief aus dem Gefängnis kommen Blumen zur Sprache, so die Veilchen seiner Tochter Rosl oder die Blüten der Marillenbäume. Für die Liebste eines verurteilten Franzosen bittet er Franziska um einige Stück Edelweiß. Im Geiste ist er dabei, wenn die Kinder daheim Blumen pflücken, sich über die Palmbuschen freuen, Ostereier scheiben oder an Fronleichnam Blumen streuen. „Bloß das frische Grün des Grases, wenn man sieht, tut einem schon wohl, was man sonst in der Freiheit gar nicht mehr beachtet.“ (40) In einem Brief aus dem Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Linz schreibt er an seine Frau Franziska: „Die Natur lässt sich nichts anmerken von all dem Elend, das über die Menschheit gekommen ist, wenn ich auch nicht viel davon sehe hier, so kommt mir doch vor, als würde heuer alles noch viel schöner grünen und blühen als in den vergangenen Jahren. Kaum fängt der Tag zu grauen an, so kann man schon vor unsrem Fenster das laute Singen der Amsel hören, auch die Vögel haben, scheint es, noch mehr Frieden und Freude.“ (208)

 

Die Freude an der Natur und am Leben ist verbunden mit einem gesunden Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein: „Wer sich als Christ von Minderwertigkeitsgefühlen beherrschen lässt, beweist, dass er gar nicht weiß, wie reich er ist, in seiner Zugehörigkeit zu Christus.“ (194) „Frohes Selbstbewusstsein darf trotz aller Leiden die Christen erfüllen.“ (204) Auch im Angesicht des Todes sieht er Frohsinn (190) und Optimismus (192) als christliche Grundhaltungen.

 

2. Gelingen und Versagen / Umkehr

 

Franz Jägerstätter wurde nicht als Heiliger geboren. Er ist nicht perfekt oder vollkommen von Anfang an. Auf dem Acker seiner Biografie gibt es Unkraut und Weizen (148), Gelingen und Versagen, Hindernisse, Schwierigkeiten, auch Umbrüche und Scheitern. So gibt er in Eisenerz seine religiöse Praxis vorübergehend auf. Zurück bleibt dann eine große innere Leere. Auch im Bereich von Beziehung und Partnerschaft zeigt er Schwächen, gerät in Sackgassen und Irrwege. Manchmal gehen auch seine Emotionen mit ihm durch.

 

In der ersten Hälfte der dreißiger Jahre hat er so etwas wie ein Bekehrungserlebnis, das verbunden ist mit der Bereitschaft zur Umkehr, zur Läuterung, zum Wachsen und mit der Geduld des Reifens. Er lernt aus eigenen dunklen Erfahrungen, er hört auf seine Frau Franziska, durch die er ein anderer wird, er lebt mit der Heiligen Schrift und ist ein Beter.

 

Wachsamkeit und Selbsterkenntnis stärkt er in der täglichen Gewissenserforschung. Was Umkehr bedeutet, wird in seinen Betrachtungen zum Vaterunser deutlich: „Überschauen wir noch einmal das Vaterunser, wir haben eigentlich nur zwei große und eine kleine Bitte: Hinein ins Gottesreich, heraus aus dem Reich der Sünde; zwischen diesen Hauptsorgen liegt das kleine Anliegen um das tägliche Brot.“ (97) Voraussetzung für Umkehr ist das Wissen um Freiheit und Verantwortung. Jägerstätter spricht sehr deutlich von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, von Sünde und Schuld, auch im Hinblick auf den Krieg und die damit verbundenen Verbrechen. Sündenbewusstsein ist dabei alles andere als ein pathologisches, unreifes Gefühl: „Sündenbewusstsein ist nicht knechtseliges Minderwertigkeitsgefühl, sondern ehrliche Selbsterkenntnis im Lichte des Allheiligen Gottes.“ (205)

 

3. Ehemann und Vater

 

 „Wir haben uns sehr gut verstanden. ... Wir haben einander recht gern gehabt.“ So sagt Franziska über ihre Ehe mit Franz (E. Putz, Franz Jägerstätter, … besser die Hände als der Wille gefesselt, Grünbach ³1997,43). Und über die religiöse Dimension in der Beziehung: „Wir haben eins dem anderen weitergeholfen im Glauben.“ (43) „… aber dass wir in unserer Ehe so glückliche und friedliche Jahre verlebten, dieses Glück wird uns unvergesslich sein, und es wird mich auch begleiten für Zeit und Ewigkeit; Du weißt auch, wie mich die Kinder freuten. Und deshalb überkommt mich auch hier noch manchmal so ein Glücksgefühl, dass mir öfters Tränen der Freude in die Augen treten, wenn ich auf das Wiedersehen denke.“ So schreibt Franz Jägerstätter in einem Brief an seine Frau Franziska am 19.10.1940 von Enns.

 

Als Vater hat er sich, durchaus unüblich, recht intensiv mit den kleinen Töchtern befasst. Auch die uneheliche Tochter sagt über ihren Vater: „Er war ein besonders guter Vater. Er ist oft zu uns gekommen. Er hat mich auch jedes Jahr zum Kirtag eingeladen. Uneheliche Kinder einzuladen, ist nicht allgemein üblich, aber er hat es getan. Er hat immer darauf geschaut, dass ich immer das bekomme, was ich gerne gehabt habe. Für mich war er immer etwas Besonderes.“

 

Es stellt sich für ihn die Entscheidung zwischen der Familie und seiner Glaubensüberzeugung. Dabei geht es nicht um Absage oder Negation, sondern um die Frage des Vorzugs. „Ich wollte, ich könnte Euch all dieses Leid, das Ihr jetzt um meinetwegen zu ertragen habt, ersparen. Aber Ihr wisst doch, was Christus gesagt hat: ‚Wer Vater, Mutter, Gattin und Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.‘ (57.62.75) „Die Bindung an den Willen Gottes muss stärker sein, als die Liebe zu den leiblichen Verwandten.“ (188) Franziska hatte zunächst versucht, ihren Mann umzustimmen. „Am Anfang hab ich ihn sehr gebeten, sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen, aber dann, wie alle mit ihm gestritten und geschimpft haben - die Verwandten sind gekommen -‚ hab ich es nicht mehr getan.“ Ihre Begründung: „Wenn Du jemand recht gern hast und der hat gar niemand, der ihn versteht.“ (E. Putz, Franz Jägerstätter … besser die Hände als der Wille gefesselt, 191)

 


4. Gebet und Heilige Schrift

 

 „Wir sollen nie sagen, wir müssen beten, sondern wir dürfen und können beten, denn zwingen tut uns Gott zu gar nichts.“ (93) In Erfahrungen der Anfechtung und der Isolation ist das Gebet eine Hilfe gegen die Schwachheit. „Gib ja das Beten nicht auf, damit Du nicht von der Schwachheit der Menschenfurcht überwältigt wirst“ (20), schreibt Franz Jägerstätter 1941. „Gebetsgemeinschaft ist die beste Kampfgemeinschaft für die Sache Christi.“ (193) So ist Gebet für Jägerstätter kein Alibi für Tat und Entscheidung, seine Frömmigkeit ist Vorentwurf der Tat, Kraftquelle im Widerstand. Gebet ist Einarbeitung in die Mitarbeiterschaft Gottes. Es öffnet Augen und Hände.

 

Damit verbunden ist die Liebe zur Heiligen Schrift. Die Bibellektüre ist für Franz Jägerstätter seit seiner Eheschließung mit Franziska wichtig. Pfarrer Karobath hatte ihm zur Hochzeit eine Bibel geschenkt. Franz Jägerstätter las täglich in der Hl. Schrift zu einer Zeit, in der es in der katholischen Kirche nicht üblich war. Er unterstreicht die Bedeutung der Bibel für die Gestaltung des christlichen Lebens, für die Bildung des Gewissens und des ganzen Menschen.

 

„Es dürfte nicht sein, dass jemand eine ganze Reihe frommer ‚Bücher‘ besitzt, aber nicht das ‚Buch der Bücher‘, worin Gott selber zum Menschen spricht.“ (201) In einer Situation zunehmender geistiger Isolation, in der ihm auch Priester und Bischöfe keine Orientierung mehr boten, schreibt er: „War nicht die Kirche in letzter Zeit stark bemüht, auch die Laien mit der Hl. Schrift … zu versehen, damit wir uns, wenn uns schon die persönlichen Führer weggenommen oder stumm gemacht würden, ohne sie zurechtfinden.“ (120) Die Heilige Schrift wird für ihn Norm und Kriterium seines Lebens und seiner Entscheidungen, letztlich weil sie Gottes Wort ist: „In der Bibel spricht Gott selber zu uns und gibt unserer Hoffnung eine unerschütterliche Grundlage.“ (193) „Wer die Schrift kennt, kennt Gottes Herz.“ (Gregor der Große) „Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht.“ (Hieronymus)

 


5. Gabe der Unterscheidung der Geister

 

Die biblische Wachsamkeit ist für Franz Jägerstätter eine grundlegende Haltung. Er verweist dafür auf das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1-12) und auf das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14-30). Wachsamkeit fordert er zum einen sich selbst gegenüber, zum anderen aber auch gegenüber gesellschaftlichen und politischen Vorgängen, damit das klare moralische Urteil nicht verloren geht (206).

 

Jägerstätter hatte die Gabe der Unterscheidung der Geister.Sein prophetisches Zeugnis beruhte auf einer klaren und weitsichtigen Analyse der Barbarei des menschen- und gottverachtenden Systems des Nationalsozialismus, dessen Rassenwahn, dessen Ideologie des Krieges und der Staatsvergottung wie dessen erklärten Vernichtungswillen gegenüber Christentum und Kirche.

 

Franz Jägerstätter wusste sich vor die Alternative gestellt: Gott oder Götze, Christus oder Satan. Er wusste, dass man nicht zwei Herren dienen kann (Mt 6,24) und dass Gott mehr zu gehorchen ist als Menschen (Apg 4,19). „Wer bringt es fertig, Soldat Christi und zugleich Soldat für den Nationalsozialismus zu sein? Für den Sieg Christi und zur selben Zeit auch für die nationalsozialistische Idee und für dessen Endsieg zu kämpfen?“ (164) Aus einem gebildeten und reifen Gewissen heraus hat er ein entschiedenes Nein zum Nationalsozialismus gesagt. Die Gabe der Unterscheidung der Geister ist eingebettet in konkrete Lebenserfahrung, in das Hören auf das Wort Gottes in der Hl. Schrift, auch in die Auseinandersetzung mit Beratern und Begleitern. Absolutes und letztes Kriterium für die Unterscheidung der Geister ist bei Jägerstätter der Wille Gottes: „Keiner irdischen Macht steht es zu, die Gewissen zu knechten.“ (191)

 


6. Opfer und Täter

 

Franz Jägerstätter hat seinen eigenen Weg klar erkannt. Diese Entscheidung war nicht verbunden mit einer Verurteilung derer, die anders gehandelt haben, oder mit einer Arroganz gegenüber denen, die in den Krieg gezogen sind. Seine Position: Sie hatten die Gnade nicht.

 

„Wir dürfen verurteilen die nationalsozialistische Idee oder Gesinnung, aber nicht den Menschen selbst.“ (164) „Was ist dann mit unseren Söhnen, Brüdern oder Gatten, welche an der Front kämpfen oder vielleicht gefallen sind? Dieses Urteil müssten wir eigentlich gänzlich Gott überlassen, wir haben weder das Recht, sie zu verdammen, noch auch heiligzusprechen.“ (165)

 

Freilich ist diese Zurückhaltung im Urteil keine indirekte Sanktionierung der herrschenden Interessen und der Gier nach ‚Lebensraum’. Bei der Beurteilung des Krieges geht er nicht von Siegesmeldungen, sondern der Wahrnehmung der Leiden und von der Frage nach der Schuld an den Opfern aus.

 

Franz Jägerstätter ist für viele ein Reibebaum. Noch immer gibt es Leugner jedweden NS-Verbrechens. Andere bezeichnen den Soldatendienst in der Deutschen Wehrmacht als Pflichterfüllung und Vaterlandsverteidigung, der in keiner Form in Frage gestellt werden darf.

 

In diesem Umfeld gilt Jägerstätter als Verrückter und Narr, denn: „Wenn er recht gehabt hätte, wären wir alle blöd gewesen.“ Manche sehen in ihm einen Feigling, der seine Familie im Stich gelassen hat. Seine Verehrung empfinden andere als Schlag ins Gesicht all derer, die in den Krieg gezogen sind. Viele tun sich schwer bei der Auseinandersetzung und Versöhnung mit ihrer Lebensgeschichte. Zu viel konnte nicht erzählt werden. Es gab die Angst vor dem Nichtverstanden-Werden. Anfragen an die Sinnhaftigkeit und Berechtigung des Angriffskrieges wurden gehört als Verurteilung, alles im Leben falsch gemacht zu haben. Dem Zwang zur Selbstrechtfertigung entsprach auf der anderen Seite ein unterschiedsloses Anschuldigen.

Können aber in einem Klima der Anklage konkrete Erfahrungen erzählt werden, Erfahrungen von gestohlenen Jahren, von verführten Idealen, der erstickten Lebensfreude, des Alleingelassenwerdens in Schuld, der Schlaflosigkeit nach dem Tod dessen, der neben einem stand? Wie soll einer damit leben, wenn er einen anderen erschossen hat? Was passiert mit der Erinnerung an die vielen kleinen und dennoch gefährlichen Widerstände, an den Einsatz für andere unter dem Preis des Lebens?

 

Manche wollen einfach vergessen. Diese Forderung nach Vergessen verrät aber die konkreten Opfer, sie vergisst Scham, Reue und Umkehr auf Seiten der Täter und will nicht wahrhaben, dass die Wahrheit Gottes auch Prüfung und Gericht ist. Nicht weiterhelfen kann das gegenseitige Aufrechnen von Leid und Unrecht, das „Auch-Du-Argument“: Auch die anderen hätten ihre Bosheiten und Gemeinheiten gehabt.


Wer in einer Handlung der Abwehr nicht versöhnt ist mit den Brüchen der eigenen Lebensgeschichte, kann es nicht aushalten, dass es andere Formen der Annahme und des Widerstandes gegeben hat. Versöhnung ist dabei etwas anderes als beruhigende Selbstbestätigung.

 

Die Begegnung mit Franz Jägerstätter soll nicht vor der notwendigen Scham bewahren, nicht vor dem Beklagen und der Klage, nicht vor der Umkehr. Für nicht wenige ist er Begleiter und Helfer, um bisher tabuisierte Erfahrungen des Krieges wahrzunehmen, um Getanes, Erlittenes und Versäumtes auszusprechen, um Vergebung für persönliche Schuld zu bitten.

 


7. Gewaltfreiheit und Feindesliebe

 

Franz Jägerstätter denkt vom biblischen Prinzip der Gewaltlosigkeit und von der Seligpreisung der Friedensstifter her: „Die Losung des Christen im Kampfe ist nicht: Gewalt mit Gewalt abwehren, sondern Geduld und Ausharren im Glauben.“ (206) Im Unterschied zu nationalsozialistisch Gesinnten betet er nicht um den Sieg, sondern um den Frieden. Dieses Gebet soll nicht nur Wort bleiben, sondern auch die Tat prägen. „Die Jünger Jesu halten Frieden, indem sie lieber selbst leiden, als dass sie einem Anderen Leid tun, sie bewahren Gemeinschaft, wo der Andere sie bricht, sie verzichten auf Selbstbehauptung und halten dem Hass und Unrecht stille. So überwinden sie Böses mit Gutem. So sind sie Stifter göttlichen Friedens mitten in einer Welt des Hasses und Krieges.“ (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, München 15.A. 1985, 87f.)

 

Franz Jägerstätter will die Militärpflicht verweigern, weil er den damaligen Krieg als Unrecht und Raubzug ansieht. Feindesliebe kommt bei ihm aus einem versöhnten Herzen, das keinen Groll und keine Rachegedanken hegt und verzeihen kann. Vorbild und Inspiration ist der sterbende Jesus, der seinen Feinden am Kreuz vergibt. 


„Feindesliebe ist nicht charakterlose Schwäche, sondern heldische Seelenkraft und Nachahmung des göttlichen Vorbildes.“ (184) „Jede Stunde, in der wir in Feindschaft leben, ist für die ewige Glückseligkeit verloren; denn wer mit den Menschen in Feindschaft lebt, kann nicht mit Gott in Freundschaft sein. Christus hat ja gesagt, gehe hin, versöhne dich mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.“ (115)

 


8. Leiden und Sühne / Märtyrer

 

Das Christentum ist für Franz Jägerstätter eine Religion des Kreuzes. Damit verbindet er freilich keine Lust am Schmerz, keine pathologische Leidenssehnsucht, keine Freude über Marter und Hinrichtung. Er war alles andere als ein Lebensverächter oder eingefleischter Neinsager.

 

Es geht um die Frage: Ist etwas von solchem Wert, wofür es sich zu leben lohnt, groß genug, um dafür zu sterben? Selbstmord wäre Flucht vor dem Bösen, Resignation in die Sinnlosigkeit, die Verleugnung der Ausrichtung des Menschen auf Gott.

 

Ein Märtyrer hingegen ist Zeuge für das Heilige trotz des Bösen, er ist Zeuge für Gott und die transzendente Orientierung des Menschen. Motiv und Grund seines Martyriums ist die klare Einsicht in moralische Werte, ist die Alternative: Gott oder Götze, aber auch das Mitfühlen mit Bedrängten und das Standhalten gegenüber jeder Gewalt. Letzter Grund des Zeugnisses ist die Hoffnung auf Auferstehung, die Erfahrung der Liebe Gottes und das Stehen zu Wert und Würde des Lebens.


„Weil jeder Christ ein Glied am mystischen Christusleib ist, hat Gott auch ihm ein bestimmtes Maß von Leiden zugedacht. Da es in der Lebenseinheit mit dem mystischen Christus gelitten wird, darf es auch ‚Leiden Christi‘ oder ‚Drangsal Christi‘ genannt werden. Aus dieser tiefen Leidensmystik erwächst Freude am Leiden für andere.“ (199)

 

Das Leiden Christi ist für Franz Jägerstätter Quelle des Trostes, des Anspruchs und Herausforderung, selbst den Weg des Leidens und Sterbens für andere zu gehen und seinen Tod als Sühne für die Schuld anderer zu sehen. Wie Jesus sich selbst als Opfer verschenkt und damit die Menschen mit Gott versöhnt (176), so wird Jägerstätter selbst zur Gabe. „Möge Gott mein Leben hinnehmen als Sühn-Opfer nicht bloß für meine Sünden, sondern auch für andere“, heißt es in seinem Abschiedsbrief (59).

 

Sicher ist das Wort von der Sühne mit vielen Missverständnissen verbunden. Aus der Sprache der Glaubenspraxis und aus der Theologie ist es weitgehend verschwunden. Es besteht der Verdacht, dass mit Sühne ein dämonisches und dunkles Gottesbild verbunden ist. Gott sei ein Blutsauger, ein Vampir, der zu seiner Befriedigung und Genugtuung das Lebensopfer von Menschen brauche. Fatal wäre auch eine quantifizierende Sicht von Sühne und Leiden im Hinblick auf Versöhnung. Gott wäre ein kleinkarierter Krämer, wenn seine Huld durch ein bestimmtes Maß an Leiden zu erkaufen wäre. So würde Gott ganz sicher nicht der bedingungslos vergebende und liebende sein. 


Und dennoch wäre es ein Verlust, aus den genannten Gründen die Wirklichkeit von Sühne zur Gänze zu streichen. Bei Sühne, Opfer und Stellvertretung geht es um die Struktur menschlicher Freiheit und menschlicher Gemeinschaft, und zwar gerade dann, wenn Freiheit und Beziehung von sich aus pervertiert, festgefahren, monologisch einzementiert, arrogant aufgeblasen, narzisstisch vergiftet, in ihren eigenen Möglichkeit erschöpft und zu Tode gelaufen sind. In der Sühne geschieht tätige und ausleidende Bitte um Vergebung, nicht mehr, denn Opfer und Schuld können nicht bewältigt oder aufgearbeitet werden, nicht weniger, denn es braucht das menschliche Mittun in der Überwindung des Bösen.

 

In Stellvertretung und Sühne geschieht ein Ausleiden und Verwandeln verleiblichter und verknöcherter Formen der Barbarei in einer Weise, dass Wirklichkeit wahrgenommen und zugleich ein Raum der Hoffnung eröffnet wird. Es wird nicht das Leiden an sich gesucht, sondern es wird im Leiden Gott, das Du und die Hoffnung gesucht. Sühne so verstanden ist der höchste Akt von Feindesliebe und Gewaltlosigkeit angesichts von Feindschaft und Gewalt.

 

Vorbild ist Jesus, der bereit ist, die Aggressionen an sich auslaufen zu lassen, und so das Böse durch das Gute überwindet (Röm 12,21). Von innen her bricht er die Logik des Bösen auf und überwindet sie. Nur so wird nicht das Karussell von Gewalt und Gegengewalt fortgesetzt.

 

Nur so werden Leiden und Gewalt nicht zum Wachstumshormon von Ressentiment, Rachegelüsten und Revanchismus. Im Vollzug von Sühne gibt es kein kaltes Mein und Dein, weder im Hinblick auf materielle Güter, auch nicht im Hinblick auf das Tragen der Lasten. Denn: „Einer trage des anderen Last.“ (Gal 6,2).

 

Weil Franz Jägerstätter sein Sterben so verstanden hat, kann sein Gedächtnis heute zum offenen Raum für Erzählen, Bekenntnis, Reue und Umkehr, Vergebung und Hoffnung werden. In seinem Zeugnis leuchtet Hoffnung auf, die auch die Täter und Verführten mit einschließt.

 


9. Hoffnung auf Auferstehung

 

Franz Jägerstätter sieht nicht ausschließlich auf den leidenden Christus: „Zum ganzen Christus gehört nicht nur die zerbrochene Knechtsgestalt des Karfreitags, sondern auch der Todesüberwinder des Ostermorgens.“ (199) Am Ostersonntag des Jahres 1943 kann er aus dem Gefängnis an seine Frau schreiben: „Christus ist auferstanden Alleluja. ... Wenn wir jetzt auch harte Zeiten zu verkosten haben, so müssen und können wir uns doch auch mit der Kirche mitfreuen, denn was gibt es Freudigeres, als dass Christus wieder auferstanden ist und als Sieger über Tod und Hölle hervorgegangen ist, was kann es für uns Christen trostvolleres geben, als dass wir den Tod nicht mehr zu fürchten haben.“ (42)

 

Gegen den Tod und gegen tödliche Mächte bezeugen Märtyrer den schöpferischen Ursprung des Lebens. Im Licht von Tod und Auferstehung Jesu setzt ihr Zeugnis die Hoffnung frei, dass uns am Ende nicht das Nichts, sondern die schöpferische Liebe dessen erwartet, der uns erschaffen hat. Märtyrer sind Hoffnungsträger für das Mitgenommen-Werden in das neue Leben, wie es in den Seligpreisungen angesprochen wird. Diese sind hineingesprochen in die offenen oder verdeckten Auseinandersetzungen von Gewalt und Gewaltlosigkeit, Unterdrückung oder Gerechtigkeit, Lüge oder Wahrheit.

 

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