Monday 1. June 2020

Wer entscheidet über die Unterstützung auf dem Weg in die Arbeitswelt?

info 125 / März 2020

Verstärken AMS-Algorithmen die Soziale Ungleichheit?

Sind Sie arbeitssuchend? Dann achten Sie darauf, welches Geschlecht Sie haben, wo und wann Sie geboren wurden – es könnte Ihre Chance, sich über Erwerbsarbeit in die Gesellschaft zu integrieren, massiv beeinflussen.

 

Wesentliche Dimension
Erwerbsarbeit hat eine wesentliche Dimension, über die Menschen ihre Identität und ihre Integration in die Gesellschaft begründen. Wer „hocknstaad“, also erwerbsarbeitslos ist, hat gleich schlechtere Karten am Stammtisch, im Pfarrgemeinderat oder bei der Ausrüstung der Kinder für den Schikurs. Nicht nur, weil das Geld oft fehlt, sondern vor allem, weil die gesellschaftliche Anerkennung über den Faktor Erwerbsarbeit läuft. Egal, was die Person sonst noch arbeitet, leistet, sich engagiert oder bemüht.

 

Technische Unterstützung
Wer arbeitssuchend ist, kann in Österreich die Dienste des AMS nutzen. In letzter Zeit werden die BeraterInnen auch von Computerprogrammen in ihren Entscheidungen unterstützt. Der sogenannte AMS-Algorithmus stuft die BewerberInnen nach ihren Vermittlungswahrscheinlichkeiten ein und entscheidet seit Kurzem, wer wie hohe Betreuungs- und Förderungszuwendung erhalten soll. 
Algorithmen fallen aber nicht vom Himmel. Sie folgen jener Logik, mit der sie gefüttert und trainiert worden sind. Programmierer sind in unseren Breiten mit 90% überdurchschnittlich hoch männlich, weiß und jung. Deren subjektive Erfahrungen und Bedürfnisse fließen über die Daten mit ein. Ist deren Erfahrung z.B., dass im gesellschaftlichen Diskurs Leistung fast ausschließlich unter dem Blick lohnsteuerpflichtiger Erwerbsarbeit gemessen wird, werden sie den Algorithmus anders programmieren als wenn sie wirtschafts- wie gesellschaftspolitisch grundlegende Leistungen wie Pflege-, Erziehungs- und ehrenamtliche Arbeit bewusst reflektiert haben. Dass diese Arbeitsleistung fast ausschließlich von Frauen und meistens im Niedriglohnsektor oder unbezahlt erbracht wird, schlägt sich dann auch über Algorithmen zu Buche. Dass also – bei gleichbleibenden weiteren Merkmalen – nur der Faktor „weibliches Geschlecht“ die statistischen Vermittlungschancen, die der AMS-Algorithmus berechnet, deutlich beeinflusst, ist beschämend. Es ist nicht nur Ergebnis der Zahlenbasis, mit der der Algorithmus gefüttert wurde, sondern auch Spiegel der weiterhin anhaltenden Diskriminierung von Frauen in Gesellschaft und Arbeitswelt. Dass der Faktor „Betreuungspflicht“ in Kombination mit dem Faktor „männliches Geschlecht“ nicht, mit dem Faktor „weibliches Geschlecht“ aber deutlich negativ wirkt, ist ebenso bedenkenswert. 

 

Kritische Bewertung
Nun spiegelt der AMS-Algorithmus schlicht die gesellschaftliche Wirklichkeit, möchte man einwenden. Stimmt leider auch. Daher ist es nötig, technische Hilfsmittel kritisch zu bewerten und ethisch zu hinterfragen. Algorithmen sind in Mathematik gegossene Meinungen. Es ist sehr genau zu schauen und sozialethisch zu befragen, welche gesellschaftlichen Vorurteile und Benachteiligungen durch sie verstärkt und weiterverbreitet werden. Denn der AMS-Algorithmus ist nicht mehr nur ein technisches Hilfsmittel, sondern seit Kurzem eben auch jene Instanz, die über die Vermittelbarkeit in den ersten Arbeitsmarkt entscheidet. Und die arbeitssuchenden Menschen in drei Kategorien der statistischen Vermittelbarkeit einteilt: Jene, die aufgrund des Algorithmus in die erste Gruppe fallen, erhalten relativ wenige Zuwendungen in Form von Fördermaßnahmen, weil sie mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit bald wieder eine Erwerbsarbeit finden werden. Jenen in der zweiten Gruppe werden die meisten Förderungen angeboten. Jene in der dritten Gruppe bekommen, wie die erste Gruppe, wenige Zuwendungen. Sie werden jedoch scheinbar aufgegeben und in ein separates Beratungszentrum ausgelagert. Obwohl sie eigentlich die meisten Unterstützungsmaßnahmen bräuchten, um - was das Ziel von AMS-Maßnahmen sein soll – wieder in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert werden zu können. 

 

Sozialethische Themen
Geht es aber um die individuelle Förderung von Menschen? Oder hauptsächlich darum, die AMS-Mittel effizient einzusetzen? Poliert dieser AMS-Algorithmus hauptsächlich die Erfolgsstatistik der Regierung und des AMS auf? Genau hier liegt ein zentrales sozialethisches Problem: Werden jene Menschen, die aufgrund beeinflussbarer und – wie das Geschlecht – unbeeinflussbarer Faktoren statistisch schlecht eingestuft werden einfach „links liegen gelassen“? Wird in ihre Zukunft deshalb bewusst so wenig investiert, weil „es sich eh nicht auszahlt“? Werden Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Alters, ihres Geschlechts oder ihrer einseitig zugeschriebenen Belastungen „Betreuungspflicht“ eingruppiert werden, aufgrund von Algorithmen auf das gesellschaftliche Abstellgleis gestellt? Bekommen jene bewusst weniger, die es sowieso schon besonders schwer haben? 

 

Gesellschaftlich Verantwortung
Wer aber übernimmt die gesellschaftliche Verantwortung für die Konsequenzen dieser Entscheidungen? Wer kümmert sich dann um sie, wenn sie ohne Erwerbsarbeit auch aus Prozessen gesellschaftlicher Beteiligung fallen? Diese Fragen zu reflektieren ist wichtig, damit soziale Ungleichheiten nicht durch technische Hilfsmittel wie Algorithmen verstärkt werden.
Darum: Achten Sie darauf, welches Geschlecht Sie haben, wo und wann Sie geboren wurden und wo Sie aktuell leben – es könnte Ihre Chance, sich über Erwerbsarbeit in die Gesellschaft zu integrieren, massiv beeinflussen. Denn die derzeitig verwendeten AMS-Algorithmen verstärken soziale Ungleichheiten.

 

Autorin: MMag.a Dr.in Magdalena M. Holztrattner MA, Direktorin Katholische Sozialakademie Österreich

 

Download info 125

 

Achtung: die im info 125 vorgestellten Veranstaltungen mussten aufgrund der aktuellen Lage abgesagt oder verschoben werden!

Absagen:

Sozial-Stammtisch, 23. April 2020, mit Prof. Nikolaus Dimmel

Aktionstag zum Tag der Arbeitslosen, 30. April

 

Terminverschiebungen:

10 Jahre Jugendprojekt, 6. Mai 2020: das Geburtstagsfest wird verschoben in den Herbst. Der neue Termin wird rechtzeitig angekündigt.

JAM DAY Jugend.Arbeit.Musik, 15. Mai 2020: der JAM DAY findet statt am 25. September 2020.

 

GUTES LEBEN FÜR ALLE - Politisches Gebet für Frieden - Gerechtigkeit - Bewahrung der Schöpfung:

Wir gehen derzeit davon aus, dass die angegebenen Termine stattfinden können:

04.06.2020: Kirche der Kreuzschwestern "Der Geist, der Leben schafft"

17.09.2020: Martin Luther Kirche "Gottes Schöpfung für alle"

04.12.2020: Kirche der Kreuzschwestern "Friede ist teilen"

 

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