Heimaturlaub in Nigeria
Als ich vor drei Jahren dem Verein Help-Trans-Fair beitrat und als ehrenamtliche Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit von Pfarrer Leonard immer wieder Fotos und Videos aus Nigeria zugesandt bekam, fasste ich den Entschluss: Irgendwann werde auch ich mir all das persönlich anschauen, worüber ich auf Facebook, der Website und in den Regionalmedien schreibe.
Im vergangenen Jahr war es so weit. Ich nahm mich selbst beim Wort und beschloss, Teil der kleinen Nigeria-Reisegruppe bestehend aus Pfarrer Leonard, der Sierninger Ärztin Rita Brandstetter, Franz Hiesl aus Perg und Johann Peterseil aus Ried in der Riedmark zu werden. Die Begeisterung meiner Familie hielt sich in Grenzen. Nigeria war in letzter Zeit immer wieder negativ in die Schlagzeilen geraten; man hörte von Unruhen im Norden des Landes, zudem gab es eine Reisewarnung. Zugegeben: Auch ich hatte ein mulmiges Gefühl, doch tief in mir wusste ich, dass ich tausendfach belohnt werden würde, wenn ich durch das Tor meiner Zweifel und Bedenken gehen und mich auf dieses Abenteuer einlassen würde.
Und genau so war es. Die Eindrücke, die mir dieses Land schenkte, lassen sich kaum in Worte fassen. Die Freundlichkeit, Dankbarkeit und Offenheit, mit der man uns allerorts begegnete, übertrafen alles, womit ich gerechnet hatte. Wildfremde Menschen umarmten uns, segneten uns. Die Armut war zwar allerorts sicht- und spürbar, doch nie wurden wir bedrängt oder angebettelt. Im Gegenteil: Überall erwartete uns Gastfreundschaft und Dankbarkeit allein dafür, dass wir uns auf den weiten Weg in dieses Land gemacht hatten. Hunderte Male hörten wir während der fast 14 Tage unserer Reise die Worte „You are welcome“, und nie waren sie wie eine Floskel dahingesagt. Immer schienen sie direkt aus dem Herzen der Menschen zu kommen.
Tief bewegend waren für mich die Eindrücke auf der „Mary Agro Farm“, jenem landwirtschaftlichen Großbetrieb unweit der Stadt Enugu, der mit Hilfe des Vereins Help-Trans-Fair zu seiner heutigen Größe angewachsen ist. Viele Menschen aus der Region bekamen hier einen sicheren Arbeitsplatz. Sie erzählten uns, wie dankbar sie für diese Chance waren, und zeigten uns voller Stolz ihren Arbeitsbereich. Herzerwärmend war die Begrüßung durch die Studenten des Help-Trans-Fair-Ausbildungszentrums, das gemeinsam mit Weihbischof Ernest Obodo – dem Schirmherrn der gesamten Farm – errichtet werden konnte.
Unvergesslich bleibt auch ein Besuch in einem Waisenhaus: Zur Freude darüber, dass wir gemeinsam Sachspenden übergeben konnten, erfasste mich aber auch tiefe Betroffenheit und Demut darüber, wie gut es Kindern und jungen Menschen im Vergleich hier in Österreich geht.
Am berührendsten war für mich ein stiller Moment am Rande einer Veranstaltung. Eine ältere Frau nahm meine Hand, sah mir tief in die Augen und sagte: „God bless you all. I thank God that you are alive“ (Gott schütze euch alle. Ich danke Gott, dass ihr lebt). Ich sagte ihr, dass ich ihre Segenswünsche und lieben Worte daheim den Unterstützern und Freunden von Help-Trans-Fair ausrichten werde. Da strahlte sie, drückte mich zum Abschied ganz fest und verschwand in der Menge der vielen Menschen, die uns in Nigeria so wohlgesonnen waren.
Gerlinde Riegler-Aspelmayr