Friedhof
Redigierte Zusammenfassung aus dem Amtssachverständigengutachten von Michael Schiebinger (Bundesdenkmalamt) im Zuge der Unterdenkmalschutzstellung des Lenzinger Friedhofs (15.05.2024)
Planung
Zu Beginn der 1950er Jahre wurde in Lenzing einhergehend mit der Pfarrerhebung die Frage nach dem Friedhof angegangen und ein geeigneter Standort gesucht. Der begehrte Grund lag jedoch bereits auf Seewalchener Gemeindegebiet, da das Lenzinger Gemeindegebiet sehr eng gezogen war. Auch die Gemeinde- und Parteipolitik der Nachkriegszeit mischte in der Friedhofsfrage mit, da die politische Gemeinde einen nichtkonfessionellen Friedhof wollte, die Pfarre aber einen konfessionellen - Pfarrer und Bürgermeister lagen im Streit darüber.
Unabhängig voneinander verfolgten daher die Gemeinde und die Pfarre jeweils eigene Planungen. Während sich die Pfarre vorderhand mit der Gemeinde auf eine Beauftragung von Architekt Hans Aigner verständigte, hintertrieb Pfarrer Meindl die Vereinbarung, indem er den mit ihm befreundeten Linzer Dombaumeister Matthäus Schlager hinzuzog. Beide Architekten konnten 1949 letztlich ihre jeweiligen Entwürfe für die Friedhofsanlage vorlegen. Aigner konzipierte einen Entwurf im Sinne der Nachkriegsmoderne, während Schlager ein konservativ-historisierendes Projekt vorstellte. Der Bauausschuss kritisierte beide Projekte und der Pfarrer wetterte gegen die gartennahe Gestaltung in Aigners Konzept.
Der Diözesankunstrat rügte hingegen die Kritik des Pfarrers und lobte die Idee des Gartenfriedhofs. Als sich letztlich auch der einflussreiche Linzer Architekt Hans Foschum für das Projekt Aigners aussprach, erhielt letzterer die Beauftragung mit der Auflage, Anpassungen zur Kosteneinsparung vorzunehmen.
Link: Hans Aigner auf wikipedia
Bautätigkeit
Die Baugenehmigung war bereits erteilt und so nahm Pfarrer Meindl am 10. Oktober 1950 die erste konfessonelle Beisetzung am Bauplatz vor. Die politische Gemeinde war davon nicht informiert und brach brüskiert die Gespräche mit der Pfarre ab. Dies führte jedoch zu keiner Verzögerung mehr. Im ersten Bauabschnitt konnten bis Herbst 1951 die Einfriedungsmauer, das Totengräberhaus und der überdeckte Gräberplatz (Gruftkapelle) errichtet werden.
Mit der Übernahme der Pfarre durch Provisor Johann Kierner konnte der Streit mit der politischen Gemeinde beigelegt werden. Das gemeinsame Friedhofsprojekt wurde fortgeführt. Die Gemeinde übernahm die Kosten für die Aufbahrungs-/ Aussegnungshalle. Der zunächst als zu modern empfundene Entwurf Aigners wurde letztlich auch von der Diözese Linz angenommen.
Weihe
Die Bauführung war in der Folge jedoch mangelhaft und die beauftragte Baufirma ging in Konkurs. Dennoch konnten die Arbeiten nach einer Neuvergabe im Juni 1953 vollendet werden. Am 28. Juni 1953 nahm Diözesanbischof Dr. Franz Zauner die Weihe des Friedhofs und der Aufbahrungs-/ Aussegnungshalle vor.
Die Halle wurde an der Vorderseite mit einer Sgraffito-Darsellung des "müden Wanderers" versehen, geschaffen von Herbert Dimmel. Alle Detailformen von der Türschnalle bis zu Holzsäule wurden vom Architekten persönlich entworfen, wie die erhaltenen Pläne zeigen. Der neu errichtete Friedhof wurde 1954 in einem Beitrag in der deutschen Zeitschift "Der Baumeister" der Fachwelt vorgestellt.
Link: Herbert Dimmel auf wikipedia
Erweiterung
Das rasante Bevölkerungswachstum führte gut zehn Jahre nach der Vollendung der ersten Bauetappe 1965 zu einer ostseitigen Erweiterung und einer Flächenverdoppelung. Hans Aigner führte dabei seine frühere Gestaltung mit der Einfriedungsmauer fort. 1967 wurde der von Aigner konzipierte, zum Gemeindeanteil des Friedhofs gehörige Urnenhain vollendet. Die Diözese verweigerte damals aber eine kirchliche Segnung.
Aktueller Zustand
- 1975 und 1979 wurden die Einfriedungsmauer und die Gruftkapelle neu eingedeckt. An Stelle der Lärchenholzschindeln traten solche aus Eternit. Die offene, aber nicht benutzte Gruftkapelle wurde nachträglich mit einer Tür geschlossen und zu einem Arbeitsraum der Friedhofsmitarbeiter.
- 1988 wurde die Aufbahrungshalle im Bereich der seitlichen Aufbahrungskojen geringfügig mit einer Zwischenwand adaptiert.
- 2014/ 15 erhielt die Aufbahrungshalle rezente Kunststofffenster und eine rückwärtige Erweiterung anstelle des bisherigen Totengräberhäuschens. Die Erweiterung von Architekt Johann Knahm nahm nun die Aufbahrungskojen auf. Deshalb konnte der Hauptraum im Inneren um die bisherigen Kojen erweitert werden.
- Auf der Ostseite wurde der Aufbahrungshalle zudem ein niedriger Zubau angefügt und das bestehende Seitenportal in diesen versetzt.
Wie Fotoaufnahmen aus den 1950er Jahren zeigen, sind alle wesentlichen Gestaltungsdetails der Aufbahrungs-/ Aussegnungshalle aus der Bauzeit erhalten geblieben. Die Freiflächen des Friedhofs wurden seit dem Bestehen mehrfach umgestaltet. Die stringente Reihung der Gräber und die Grabeinfassungen entsprechen nicht dem von Aigner intendierten Konzept von parkähnlichen Flächen.
Künstlerische Bedeutung
Der Friedhof Lenzing stellt als Anlage ein baulich und konzeptuell zusammenhängende Einheit dar, die von der Persönlichkeit Hans Aigner geprägt wurde und trotz der drei Bauphasen zwischen 1951 und 1957 harmonisch ineinandergreift. Der Architekt hatte von Beginn an ein Gesamtkonzept erstellt, das eine sukzessive Erweiterung nach einem gestalterischen Schema ermöglichte. Hauptelement und Kulminationspunkt der architektonisch-künstlerischen Gestaltung wurde die Aufbahrungs-/ Aussegnungshalle. Sie vermittelt mit ihrem Turm, den Portalen und der Sgraffitoausstattung am Äußeren und im Inneren einen repräsentativen Anspruch und wirkt durch die Elemente sakral. Auch die nicht-konfessionelle Nutzung zeigt sich in der Ikonografie der Sgraffitodarstellungen, die zwar mit den mönchsartigen Gestalten einen sakralen Anklang aufweisen, aber dennoch eine profane Deutung der Rast und des Todes vermitteln.
Mit der Wahl der Lärchenholzeindeckung, mit dem Holzvordach und der durchgehend organischen Gestaltung des Baukörpers suchte Aigner eine Einbindung seines Baus in die traditionelle Architektur des oberösterreichischen Voralpenlandes. Neben dem Traditionsbezug setzte der Architekt gleichzeitig aber auch auf moderne Elemente und Materialien, wie den Terrazzoboden oder die innovativen Konglomeratrahmungen, die expressive Holzbrüstung, die Türgestaltung oder die innovativen Deckenspots auf der Empore. Die Aufbahrungs-/ Aussegnungshalle verbindet als qualitatives, durchdachtes und bis ins kleinste Detail vom Architekten gestaltetes Werk somit die Tradition mit der Innovation und steht somit mustergültig für die frühe Nachkriegsmoderne in Oberösterreich.
Zeitgeschichtliche Bedeutung
Die langwierige Planungsgeschichte und die doppelte Eigentümerschaft durch die politische Gemeinde und die Pfarre offenbart die gesellschafts- und kirchengeschichtliche Entwicklung der Nachkriegszeit. Im bäuerlich geprägten Umfeld des Alpenvorlandes war eine junge Industriegemeinde entstanden, deren Bewohner:innen durch Zuzug mehrheitlich der Arbeiter:innenschaft entstammten. Die Erfahrungen aus der Zwischenkriegszeit führten dazu, dass viele Arbeiter:innen der Katholischen Kirche fern standen. Auch die mehrheitlich sozialdemokratische Lenzinger Gemeindeführung stand sichtlich in Opposition zur Kirche. Der Pfarrer vermochte die politisch-ideologischen Gräben ebenso nicht zu überwinden und fachte das Misstrauen weiter an. Durch die politische Rivalität der beiden großen Lager im ländlichen Umfeld der NachkriegszeitSo entstand ein lokaler Machtkampf, der an Giovanni Guareschis Erzählung über Don Camillo und Peppone erinnert, die zeitgleich verfilmt wurde.
Jenseits des politisch-ideologischen Zweikampfes zwischen Bürgermeister und Pfarrer offenbart die heutige Anlage das gemeinsame Bemühen, einen ansprechenden und würdigen Ort der Ruhestätte und des Totengedenkens zu schaffen. Die komplexen Planungsschritte waren nicht nur dem gegenseitigen Widerstand geschuldet, sondern auch dem Streben nach Qualität. Gleichsam als Mittler fungierte Architekt Hans Aigner, der seine eigenen Vorstellungen weitgehend einbringen konnte.
Zwar blieb der Friedhof großteils noch in traditioneller Weise Eigentum der Pfarre, doch schuf die Marktgemeinde mit der Aufbahrungs-/ Aussegnungshalle einen auch unabhängig von der Kirche und ihren Riten funktionierenden Abschiedsort. Bis heute kann die Halle konfessionell oder nicht-konfessionell genutzt werden. Das war in den 1950er Jahren zur Errichtungszeit im ländlichen Umfeld von Lenzing ein Novum. Ebenso zukunftsgewandt zeigt sich der Urnenhain, der zu einem Zeitpunkt entstand, als die Katholische Kirche sich noch weitgehend der Feuerbestattung widersetzte. Der Anlage des Friedhofs in Lenzing kommt folglich als Zeugnis des Wandels der Bestattungskultur der Nachkriegszeit und als Dokument des Lenzinger Unabhängigkeitsbestrebens eine kulturelle Bedeutung zu.
Regionale Bedeutung
Im flächenmäßig größten Bezirk Oberösterreichs mit seinen 52 Gemeinden - im Bezirk Vöcklabruck - sind im 20. Jahrhundert nur zwei Friedhöfe neu entstanden. Jener in Lenzing ist im Vergleich zu Desselbrunn zudem der einzige, der auf eine Gestaltung im Sinne der Nachkriegsmoderne setzte. Weitet man den Blick auf das gesamte Bundesland, so zeigt sich ebenso, dass in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nur wenige Neuanlagen entstanden. Der Anlage des Friedhofs Lenzing kommt folglich auch hinsichtlich seiner unikalen typologischen Stellung eine künstlerische Bedeutung für Oberösterreich zu.