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Sa. 01.08.26

Beinhaus Hallstatt

Mag. Josef Peter Zauner

„Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen.“

Das Hallstätter Beinhaus – Eine Entdeckungsreise

Wer die Michaelskapelle betritt und den Blick in das Beinhaus in der Krypta unterhalb der Kapelle richtet, begegnet einem außergewöhnlichen Ort. Rund 2.000 Schädel ruhen hier, mehr als 600 von ihnen sind kunstvoll bemalt und beschriftet. Doch zunächst fällt der Blick auf etwas anderes.

Auf das Kreuz.

Vor ihm brennt das ewige Licht.

Direkt darunter ruhen zwei Schädel, die ausschließlich mit Schlangen bemalt sind. Viele Besucher sehen zunächst Schädel, Gebeine und ein Kreuz. Doch wer einen Augenblick verweilt, entdeckt, dass dieser Ort eine Botschaft verkündet.

 

Vom Sieg über das Böse

Über dem Beinhaus befindet sich der Sakralraum der Michaelskapelle. Das Altarbild zeigt den Erzengel Michael im Kampf mit Luzifer. Der gefallene Engel wird besiegt dargestellt.

 

Bereits ein um 1450/60 entstandenes gotisches Glasgemälde zeigt den Erzengel Michael mit der Seelenwaage: Die guten und bösen Taten des Menschen werden gewogen, während der Teufel versucht, die Waage zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

 

Auffällig ist der Schwanz des Teufels am Altarbild des Michaelsaltares: Er endet in einem Widerhaken – als Sinnbild des Widerstandes gegen Gott. Dieses Zeichen begegnet uns auch im Beinhaus. Auf zwei Schädeln sind Schlangen dargestellt; auf beiden Schlangenschädeln wurde der Widerhaken bewusst in gleicher Weise gestaltet. Die Schlange erinnert an die biblische Erzählung von Adam und Eva und an den Ungehorsam gegenüber Gott. Umso eindrucksvoller ist ihre Platzierung: Über den beiden Schlangenschädeln erhebt sich das Kreuz Christi.


Michaelskirche Hallstatt, Detail aus dem Altarbild, Schwanz des Luzifers mit Widerhaken

So verbindet sich die Bildsprache der Michaelskapelle mit jener des Beinhauses: Michael besiegt das Böse – Christus aber überwindet durch Kreuz und Auferstehung Sünde und Tod. - Der Apostel Paulus nennt Christus den neuen Adam. Was durch den ersten Adam verloren ging, wird uns in Christus neu geschenkt. Das Kreuz wird damit zum Zeichen des Sieges und der Hoffnung auf das ewige Leben.

Schäd

Beinhaus Hallstatt, "Schlangenschädel".

Das Licht, das nicht erlischt

Vor diesem Kreuz brennt das ewige Licht. bEs erinnert an Christus, das Licht der Welt, und an die Hoffnung, mit der die Kirche ihre Verstorbenen Gott anvertraut:

 

„Herr, gib ihnen die ewige Ruhe.
Und das ewige Licht leuchte ihnen.“

 

Das ewige Licht brennt hier für alle Verstorbenen, deren Gebeine im Beinhaus ruhen. In der Präfation der katholischen Totenliturgie betet die Kirche jene Worte, die zugleich die Überschrift dieses Beitrags bilden:

 

„Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen.“

 

Diese Worte sind der Schlüssel zum Verständnis des Hallstätter Beinhauses.

Hier geht es nicht um den Tod. - Hier geht es um das Leben.

Nicht um Vergänglichkeit. - Sondern um Hoffnung.

Nicht um das Ende. - Sondern um Ostern.

 

Wer das Hallstätter Beinhaus nur mit den Augen betrachtet, sieht Gebeine vergangener Generationen. Wer es im Licht des christlichen Glaubens betrachtet, entdeckt ein eindrucksvolles Zeugnis der Auferstehungshoffnung.

 

Ein Ort des Glaubens

Das Beinhaus ist kein Museum. Es ist Teil eines geweihten Kirchenraumes. Bis heute brennt hier das ewige Licht. Bis heute wird hier gebetet. Bis heute erzählen Kreuz, Licht und die sterblichen Überreste vergangener Generationen gemeinsam von der Hoffnung auf die Auferstehung. Wer diesen Raum betritt, ist deshalb eingeladen, nicht nur zu schauen, sondern auch einen Augenblick still zu werden.

Vielleicht ein Vaterunser zu beten.

Vielleicht einen Namen in Erinnerung zu rufen.

Vielleicht an einen Menschen zu denken, den man vermisst.

 

Ein Brauch der Ehrfurcht

Die Geschichte des Hallstätter Beinhauses reicht viele Jahrhunderte zurück. Der Friedhof rund um die Pfarrkirche war aufgrund der besonderen geografischen Lage Hallstatts stets klein und konnte kaum erweitert werden. Deshalb wurden Gräber nach einer längeren Ruhezeit – in der Regel nach etwa 15 Jahren – wieder geöffnet.

 

Dabei hält sich bis heute manches Missverständnis über den Hallstätter Friedhof. Die Verstorbenen wurden und werden in Hallstatt ganz normal im Sarg liegend bestattet. Sie werden weder stehend beigesetzt, noch werden sie – wie mitunter behauptet wird – wegen des Beinhauses ohne Kopf bestattet. Auch die Gräber selbst werden in der üblichen Weise ausgehoben. Was aufgrund der beengten Platzverhältnisse tatsächlich kleiner ausfällt, ist die sichtbare Einfassung der Gräber an der Oberfläche. Diese platzsparende Gestaltung des Friedhofs hat mit der Art der Bestattung nichts zu tun. Entgegen einer weiteren oft wiederholten Annahme wurden auch niemals alle Verstorbenen nach Ablauf der Ruhezeit in das Beinhaus übernommen. Die Aufnahme erfolgte ausschließlich auf Wunsch der Verstorbenen oder ihrer Angehörigen.

 

Viele Hallstätter Familien entschieden sich bewusst für diese Form des Gedenkens. Auffallend ist, dass dieser Wunsch häufig über Generationen hinweg innerhalb derselben Familien weitergegeben wurde.

Ein besonderes Beispiel dafür ist die Familie Brandner,  stellte längere Zeit  die Hallstätter Totengräber und war dadurch in besonderer Weise mit dem Friedhof und dem Beinhaus verbunden. Die Schädel mehrerer Angehöriger dieser Familie befinden sich bis heute gemeinsam im Beinhaus – links von den dort auf Büchern ruhenden Priesterschädeln.

 

Und diese Tradition ist bis heute nicht beendet. Auch heute noch kann auf ausdrücklichen Wunsch eines Verstorbenen oder seiner Angehörigen ein Schädel nach entsprechender Ruhezeit in das Hallstätter Beinhaus aufgenommen werden. Dies geschieht nur noch selten – doch die Möglichkeit besteht bis heute. Das Beinhaus ist deshalb nicht Ausdruck einer allgemeinen Verpflichtung, sondern Zeugnis persönlicher Entscheidungen und gelebter Hallstätter Familiengeschichte.

 

Der Weg eines Schädels

War die Aufnahme in das Beinhaus gewünscht, wurden die Gebeine nach der Öffnung des Grabes sorgfältig gereinigt. Anschließend legte man den Schädel auf das hölzerne Brett unter dem Dach des sogenannten Totengräberhauses. Dort blieb er über längere Zeit liegen und war dem Wechsel von Sonne und Mond ausgesetzt. Licht, Luft und Zeit ließen den Knochen trocknen und hell werden.

Erst danach begann die Bemalung. Der Schädel erhielt den Namen des Verstorbenen und wurde mit Blumen, Blättern, christlichen Zeichen oder anderen Symbolen versehen. So wurde aus ihm ein persönliches Erinnerungszeichen.


Totengräberhaus Hallstatt, Brett zum bleichen der Schädel

Rund 2.000 Schädel – mehr als 600 davon bemalt

Im Hallstätter Beinhaus befinden sich heute rund 2.000 Schädel. Mehr als 600 von ihnen sind kunstvoll bemalt und beschriftet. Die Tradition der Schädelbemalung lässt sich in Hallstatt mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Dabei ist wichtig: Beinhaus und Schädelbemalung sind nicht dasselbe. Zahlreiche Schädel im Beinhaus sind unbemalt. Die Bemalung war keine Voraussetzung für die Aufnahme in das Beinhaus, sondern eine besondere Form des persönlichen Gedenkens. Viele der bemalten Schädel tragen den Namen des Verstorbenen. So bleibt sichtbar, dass hinter jedem von ihnen ein Mensch mit einer eigenen Geschichte steht.

 

Wissenschaftliches Interesse

Die Schädelsammlung des Hallstätter Beinhauses ist in ihrem weit überwiegenden Bestand bis heute an ihrem ursprünglichen Ort erhalten. Einzelne Schädel gelangten jedoch im 20. Jahrhundert zu wissenschaftlichen Forschungszwecken nach Innsbruck und in die anthropologische Sammlung des Naturhistorischen Museums in Wien. Dort befindet sich auch ein bemalter Hallstätter Schädel mit dem  Schlangenmotiv.

 

Die Sprache der Hoffnung

Auch die verschiedenen Bemalungen haben ihre eigene Sprache.

Efeu erinnert an das immerwährende Leben. Weil er auch im Winter grün bleibt, wurde er zum Zeichen von Treue und der Hoffnung auf das ewige Leben.

Eichenlaub spricht von Kraft, Beständigkeit und Treue.

Blumenkränze erzählen von Liebe, Dankbarkeit und bleibender Verbundenheit. Zugleich kann der geschlossene Kreis als Sinnbild der Ewigkeit verstanden werden.

Kreuze und andere christliche Zeichen bringen den Glauben und die Hoffnung auf die Auferstehung zum Ausdruck.

 

So erzählen die Bemalungen nicht nur von künstlerischem Können. Sie erzählen von Menschen, von Erinnerung, von Verbundenheit und von Hoffnung. Denn vor Gott bleibt niemand namenlos. Er kennt jeden Menschen beim Namen.

 

Die Priester Hallstatts

Im vorderen Bereich des Beinhauses ruhen die Schädel einiger Priester, die in Hallstatt ihren seelsorglichen Dienst versehen haben. Sie sind auf Büchern gelagert. Die Bücher erinnern an ihre Aufgabe, das Wort Gottes zu verkünden, die Heilige Schrift auszulegen und den Menschen den Glauben und die christliche Hoffnung zu erschließen. Auch im Tod bleibt dieses Zeichen mit ihrem priesterlichen Dienst verbunden.

Beinhaus Hallstatt, Priesterschädeln 

Das Beinhaus erzählt von Ostern

Viele Menschen verlassen das Hallstätter Beinhaus beeindruckt. Manche wegen seiner Geschichte. Manche wegen seiner kunstvoll bemalten Schädel. Vielleicht aber bleibt etwas anderes viel tiefer im Herzen:

Das Kreuz.

Das ewige Licht.

Die beiden Schlangenschädel.

Und die Worte der Kirche:

 

„Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen.“

 

Wer diesen Satz mitnimmt, nimmt die eigentliche Botschaft des Hallstätter Beinhauses mit. 

Denn dieser Ort erzählt nicht nur vom Tod.

Er erzählt von Christus.

Von seinem Sieg über das Böse.

Von seinem Sieg über den Tod.

Von der Hoffnung, die seit Ostern die Kirche trägt.

Und von der Verheißung, die Jesus selbst allen Glaubenden schenkt:

 

„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“
(Johannes 11,25)


Wussten Sie schon?

  • Im Hallstätter Beinhaus befinden sich rund 2.000 Schädel, mehr als 600 davon sind bemalt und beschriftet.
  • Das Beinhaus ist bis heute Teil eines geweihten Kirchenraumes und kein Museum.
  • Nicht alle Verstorbenen wurden hier aufgenommen. Die Übertragung in das Beinhaus erfolgte ausschließlich auf Wunsch der Verstorbenen oder ihrer Angehörigen.
  • Häufig pflegten dieselben Hallstätter Familien diesen Brauch über mehrere Generationen hinweg.
  • Die Tradition lebt bis heute: Auf besonderen Wunsch kann auch heute noch ein Schädel in das Hallstätter Beinhaus aufgenommen werden.
  • Nach der Öffnung des Grabes wurden die Schädel gereinigt und auf das hölzerne Brett unter dem Dach des sogenannten Totengräberhauses gelegt, wo sie durch Licht, Luft und Zeit trockneten und hell wurden.
  • Die Tradition der Schädelbemalung lässt sich in Hallstatt mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.
  • Die Schädel der Hallstätter Priester ruhen auf Büchern – als Zeichen ihres Dienstes an der Verkündigung des Evangeliums.
  • Vor dem Kreuz brennt das ewige Licht für die Verstorbenen – als Zeichen der christlichen Auferstehungshoffnung.

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