Mein Gedanke zum Sonntag
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Röm 13, 10)
Wie fühlt man sich, wenn man kritisiert wird und auf einen Fehler aufmerksam gemacht wird. Wenn die Kritik wirklich berechtigt ist, könnte man spüren, dass der oder die Kritikerin mir helfen will, dass er oder sie mich auf einen Fehler aufmerksam machen will. Denn die Menschen, die auch schon einmal ein kritisches Wort sagen, sind bessere Freunde als welche, die immer schmeicheln. Gerade durch Menschen, die mich korrigieren, komme ich weiter. Es ist sicher schwer, Kritik und Zurechtweisung einzustecken. Doch bei keinem ist alles Gold, was glänzt. Wir haben unsere Schwächen und Fehler, sei es, dass wir sie kennen, sei es, dass wir sie nicht bemerken.
So schwer es auch ist, sich Fehler einzugestehen, ebenso schwer ist es, andere auf Fehler aufmerksam zu machen. Ich will ja nicht verletzen. Der Mitmensch könnte mir böse sein. Es könnte Streit geben. Wenn ich jemanden auf einen Fehler aufmerksam mache, dann muss das immer in der Haltung geschehen: Ich habe selbst meine Fehler. Ich möchte dir helfen und dich nicht ins Unglück laufen lassen. Dies ist eine gute Haltung, mit der jeder auf eine gut gemeinte Kritik reagieren kann.
Jesus zeigt dies im Evangelium. In jeder Gesellschaft und auch im Leben eines Menschen gibt es Punkte, die anderen schaden können, die das Leben eines Menschen oder das eigene Leben schaden können. Da kann es ein Akt der gegenseitigen Liebe sein, wenn ich einen Mitmenschen zurechtweise. Aber dieses Gespräch darf den Anderen nicht herabwürdigen. Jesus hat sich stets um diese Menschen bemüht. Er wollte sie zurückgewinnen für Gott. Jeder Mensch braucht die Möglichkeit, neu umzukehren.
Wir haben hier alle Verantwortung füreinander für das Leben hier in der Gemeinde, Verantwortung für das Leben in der Gesellschaft. Speziell Konflikte müssen angesprochen werden, damit es nicht zur Spaltung kommt. Der erste Schritt ist das Ansprechen des Unrechtes. Ohne diese Worte kommt der Konflikt nicht an die Oberfläche. Schweigen ist nicht immer Gold, es kann auch stillschweigendes Dulden von Unrecht sein. Nur durch dieses Ansprechen kann in den meisten Fällen das Problem gelöst werden. Der Apostel Paulus gibt uns einen anderen zusätzlichen Ratschlag: Gegenseitige Achtung und Liebe. Liebe zeigt sich, dass wir Verantwortung übernehmen. "Bleibt niemandem etwas schuldig. außer der gegenseitigen Liebe."
Das ist der Schlüssel für ein Zusammenleben, für eine gute Gemeinschaft. Denn alle Regeln und Gesetze kann man in eine einfache Regel zusammenführen: „Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt.“
Jemanden kritisieren oder gar zurechtweisen ist ein heikles Unterfangen. Es kann gelingen, wenn ich dem Gegenüber die Würde und die Freiheit lasse. Einander in guter Form zurechtzuweisen ist ein Akt der Nächstenliebe und der Verantwortung füreinander.
Christoph Nissel
Fachausschuss Liturgie, Wortgottesdienstleiter
