Zum 50. Kunstsonntag
Die Gotikstraße selbst wird derzeit neu aufgearbeitet. Was in den 1980er-Jahren als Tourismusprojekt im Mühlviertel begann, wird heute im Rahmen eines Interreg-Projektes gemeinsam vom Tourismusverband Südböhmen und Mühlviertel, den Diözesen Budweis und Linz, der OÖ Landes-Kultur GmbH sowie dem Bundesdenkmalamt kunsthistorisch neu erschlossen.
Besonders eindrucksvoll wurde dabei sichtbar: Die Gotik ist im Mühlviertel überraschend reich und eigenständig erhalten – jede Kirche ein individueller Kosmos, geprägt von regionalen Formen und Einflüssen, auch sichtbar etwa im Wirken der Baumeisterfamilie Parler.
Ein Text von Thomas von Kempen begleitete den Tag: "Von den Werken, die aus Liebe geschehen. (15. Kapitel)" - ein Leitmotiv, das sich wie ein roter Faden durch die Begegnungen mit Kunst und Glauben zog.
Waldburg: Maria Magdalena im Bildprogramm der Gotik
Die erste Station war die Pfarrkirche von Waldburg mit ihren beeindruckenden drei Flügelaltären. Besonders faszinierte der Hauptaltar mit seiner reichen Bildsprache rund um die heilige Maria Magdalena. Obwohl nicht im Zentrum des Altars positioniert, durchzieht sie als zentrales Motiv alle Bildfelder: als jene, die Jesus die Füße wäscht, dem Auferstandenen begegnet und ihn zunächst für den Gärtner hält, die die Kommunion empfängt und von Engeln in den Himmel getragen wird. Im Zentrum des Hochaltars steht eine Mariendarstellung, doch Maria Magdalena bleibt die eigentliche erzählerische Hauptfigur dieses großartigen ikonographischen Programms.
Rainbach: Gotik und moderne Öffnung
In der Pfarrkirche von Rainbach faszinierten die drei historischen Glocken, allen voran die Friedensglocke aus der Zeit um 1400, ergänzt von zwei durch die Künstlerinnen Irene und Christine Hohenbüchler neu gestaltete Glocken. Auch die Glasfenster von Margret Bilger aus dem Jahr 1963 hinterließen großen Eindruck – ihre kraftvolle Farbigkeit in Rot- und Violetttönen mit Schwarzmalerei verleihen dem Raum eine besondere Tiefe an diesem liturgischen Ort.
Besonders spannend erschien die architektonische Erweiterung der Kirche Ende der 1960er-Jahren unter Anton Zemann, bei der die Kirche nach Norden geöffnet und weitergebaut wurde – ein bemerkenswertes Beispiel gelungener Verbindung von Tradition und Moderne. Ein weiteres Juwel ist der gotische Karner neben der Kirche, heute Verabschiedungshalle des Friedhofs.
Freistadt: Neue Taufraumsymbolik und Orgelklang
Die dritte Station führte in die Stadtpfarrkirche Freistadt. Dort stand zunächst die neue Taufraumgestaltung von Claudia Czimek im Mittelpunkt, ebenso wie die Betrachtung des gotischen Reliefaltars der 14 Nothelfer in seiner reichen Schnitzkunst.
Ein besonderer Höhepunkt war das Orgelkonzert von Markus Wimmer mit mittelalterlichen Tanzstücken und Werken von Johann Sebastian Bach, darunter das Präludium und die Fuge in C-Dur. Die musikalische Interpretation machte den Kirchenraum selbst zum Resonanzraum der Geschichte und verlieh dem Nachmittag eine besondere akustische Tiefe.
St. Michael ob Rauchenödt: Kirche auf dem Hügel
Den Abschluss bildete St. Michael ob Rauchenödt, wenige Kilometer außerhalb von Freistadt in Richtung Sandl gelegen. Schon die Lage auf dem Hügel, umgeben vom aufgelassenen Friedhof, verleiht dieser Kirche eine einzigartige Atmosphäre. Im Zentrum des gotischen Flügelaltars steht der Hl. Michael mit seinen Attributen Schwert und Seelenwaage.
Eine abschließende Reflexions- und Dankesrunde, sowie ein gemeinsamer liturgischer Abschluss mit Gesang, Gebet und Segen im Kirchenraum rundeten den Tag ab. Dabei wurde nochmals spürbar, dass Sehen Genuss sein kann – Schönheit als eine Erfahrung, die berührt und innerlich bewegt.
Ein Tag des neuen Sehens
Durch die wunderbaren Einführungen von Hubert Nitsch wurde ein neues Sehen auf die Altäre und ihre Bildwelten eröffnet. Als wohlwollender und zugleich anspruchsvoller Pädagoge führte er mit seiner „inneren Bibliothek“ durch Naturgeschichte, Theologie und Ikonographie und machte Zusammenhänge sichtbar, die den Bildern neue Lesbarkeit verliehen.
Seine Vermittlung zeigte eindrucksvoll, dass gotische Kunst nicht nur historisches Erbe, sondern geistige Nahrung sein kann. Die Haltung der Gotik, ihre Verwurzelung im Alltag und zugleich ihre Ausrichtung auf Transzendenz wurden spürbar – „sonst hätte der Bauer seinen Weizen nicht anbauen können“, wie in einer pointierten Bemerkung anklingt.
So wurde der 50. Kunstsonntag, auf dessen Jubiläum der Vorsitzende des Forums St. Severin Paul Grünbacher bei der Begrüßung und der Geistliche Assistent Markus Schlagnitweit beim abschließenden Gottesdienst in der Linzer Ursulinenkirche hinwiesen, zu einem Tag der Freude und des Staunens, erfüllt von Dankbarkeit für die Schönheit. Die vier Kirchen hinterließen unzählige Eindrücke. Die Übersetzung ihrer Ikonographie in unsere Gegenwart gelang auf sehr inspirierende Weise.
Zurück bleibt ein vertieftes Sehen – und große Dankbarkeit für einen besonderen Jubiläums-Kunstsonntag, der von Cornelia Erber vom Forum St. Severin, Maria Reitter-Kollmann vom Diözesankunstverein Linz sowie Hubert Nitsch, Referent für Kunstpastoral und Kulturarbeit im Bereich Verkündigung und Kommunikation, vorbereitet und gestaltet wurde.