Keeping the Faith
Eine persönliche Einführung zum Brief
von Kristoffer Jonasson
(Referent für Ökumene und Weltreligionen)
Im vergangenen Jahr hatte ich die Gelegenheit, Daniels Eltern kennenzulernen, die uns aus Belarus in Linz besuchten. Unsere Diözese hat seit vielen Jahren die Ehre, die katholische und die jüdische Gemeinschaft in Belarus auf unterschiedliche Weise zu unterstützen. Während dieses Besuchs erzählte mir Daniels Vater mit sichtbarem Stolz von seinem Sohn und von dessen YouTube-Kanal, auf dem er sich mit Fragen des Glaubens, des interreligiösen Dialogs und des Verständnisses zwischen Religionen beschäftigt.
Einige Zeit später meldete sich Daniel selbst bei mir und fragte, ob ich bereit wäre, ihm für seinen Kanal ein Interview zu geben. Natürlich sagte ich gerne zu. Die Planung und Durchführung gestalteten sich jedoch schwierig, da Daniel in Israel lebt und während dieser Zeit wiederholt Raketenangriffe erleben musste. Sirenen und Unsicherheit gehörten für ihn zum Alltag.
Was mich besonders beeindruckte, war Daniels Haltung: Obwohl er als junger Mensch mitten im Krieg lebt – einem Konflikt, den manche sogar als religiösen Krieg bezeichnen – begegnete er anderen Religionen und Menschen ohne Hass. Stattdessen blieb er dem Dialog und seinem Glauben treu.
Das hat mich sehr bewegt. Deshalb bat ich Daniel, einen kurzen Text darüber zu schreiben, wie es für ihn ist, als junger Jude in einer so turbulenten Welt zu leben.
Hier ist seine Antwort:
Glaube in turbulenten Zeiten
Man sagt, in einem abstürzenden Flugzeug gebe es keine Atheisten. Unsere Welt fühlt sich derzeit an wie ein Flugzeug, das in heftige Turbulenzen geraten ist.
Ich wurde vor achtzehn Jahren in Minsk in eine jüdische Familie geboren. Zu meinen schönsten Erinnerungen gehört, wie wir als Familie am Schabbatabend um den Tisch versammelt waren: Wir zündeten die Kerzen an, sprachen die Gebete, und meine Eltern segneten meine Schwester und mich.
Oft erinnerten wir uns auch an meine Urgroßeltern. Dass meine Familie heute existiert, verdanken wir dem Überleben meiner Großeltern während des Holocaust. Ein Teil meiner Vorfahren kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gegen die Nationalsozialisten, ein anderer Teil konnte rechtzeitig evakuiert werden. Mehr als 800.000 belarussische Juden – fast die gesamte jüdische Gemeinschaft des Landes – kamen im Holocaust ums Leben.
Im Jahr 2022 begann der Krieg in der Ukraine. Ich war damals vierzehn Jahre alt. Gemeinsam mit meiner Familie entschied ich, meine Schulzeit in Israel zu beenden. Das bedeutete, eine neue Sprache zu lernen und allein zu leben und zu studieren. Meine Eltern konnten mich nicht begleiten, da ihre betagten Eltern in Belarus geblieben waren.
Ich erinnere mich noch genau an den 7. Oktober 2023, als der Terrorangriff der Hamas auf Israel stattfand. Mehr als 1.200 unschuldige Menschen – Männer, Frauen und Kinder – wurden ermordet, viele weitere verschleppt. Seit 2023 gab es kein Schuljahr mehr ohne Krieg oder militärischen Konflikt. Ich habe gelernt, angezogen zu schlafen, im Ernstfall schnell den nächsten Schutzraum aufzusuchen und darauf zu achten, dass auch alle meine Mitschüler in Sicherheit sind.
Jedes Mal, wenn eine Sirene ertönt, fühlt es sich anders an – und doch gleich beunruhigend. Trotz Angst und eines ständigen Gefühls der Bedrohung versucht man zu handeln, sich zu schützen und anderen zu helfen. In solchen Momenten werden Glaube und Gebet besonders wichtig.
Für mich ist Glaube weniger ein Substantiv als vielmehr ein Verb – vor allem, wenn es um Beziehungen zwischen Menschen geht. Gemeinsam haben wir Lebensmittelpakete für Bedürftige gepackt und an unserer Schule einen Debattierclub gegründet, in dem jüdische und arabische Jugendliche lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Mit sechzehn begann ich außerdem einen YouTube-Kanal mit dem Titel Keeping the Faith. In Gesprächen mit bedeutenden religiösen Persönlichkeiten und Gelehrten – jüdischen, christlichen und muslimischen – beschäftige ich mich mit der Rolle der Religion und der Bedeutung des interreligiösen Dialogs in der modernen Welt.
Ich bin überzeugt: Wenn man einen Dialog mit dem „Anderen“ beginnt – selbst wenn man zunächst nur eine Mahlzeit teilt oder etwas über die Familie des anderen erfährt –, wird es leichter, Brücken der Freundschaft zu bauen. Meine Klassenkameraden und Freunde sagen, ich sei einfach ein Optimist. Vielleicht haben sie recht. Doch ich glaube, dass durch ehrliche und konstruktive Kommunikation – und besonders durch interreligiösen Dialog – eine bessere Welt entstehen kann.
Daniel Kemerov
Gründer und Moderator des YouTube‑Kanals Keeping the Faith.
Englisches Original:
Faith in Turbulent Times
They say there are no atheists in a crashing plane. Our world feels like an aircraft caught in great turbulence...
I was born in Minsk eighteen years ago, into a Jewish family. One of my fondest memories was of our family gathering at home around the Shabbat table, lighting candles and praying, and my parents blessing the children, my sister and me.
We also often remembered my great-grandparents. My family exists today because my grandparents survived the Holocaust because a part of them fought the Nazi in the Red Army during World War II, and another part evacuated. More than 800,000 Belarusian Jews, almost the entire Belarusian Jewish community, perished in the fires of the Holocaust.
In 2022, the war began in Ukraine, I turned 14, and my family and I decided that it would be best for me to complete my high school studies in Israel. That meant learning a new language and living and studying alone. My parents could not leave with me, since their elderly parents remained in Belarus.
I remember October 7, 2023, when the Hamas terrorist attack on Israel took place. More than 1,200 innocent people—men, women, and children—were killed, and many were taken captive. There hasn’t been a single school year since 2023 without a war or military conflict. I learned how to sleep dressed, how to evacuate to the nearest bomb shelter quickly and check that all classmates are also in a safe place.
Every time a siren sounds, it feels like something new. Despite anxiety and a sense of danger, you try to act, hide, and help others. In such cases, faith and prayer are especially important...
For me, faith is more of a verb than a noun, especially when it comes to relationships between people. For example, we packed food parcels for those in need, created a debate club at school where Jewish and Arab teenagers learned to conduct dialogue.
When I was 16, I started my YouTube channel under the heading "Keeping the Faith." In my interviews with prominent religious leaders and scholars (Jewish, Christian, and Muslim), I explore the role of religion and the importance of interfaith dialogue in the modern world. I believe that if you initiate a dialogue with the "Other," even just share a meal or learn about their family, it's easier to build bridges of friendship. My classmates and friends say that I am simply an optimist, and maybe I am. But I believe that through productive communication, including interfaith dialogue, a better world can be built.