Achtsamkeit, Stille und Vertrauen auf Gottes Wirken
Religion als bewusste Entscheidung
Einen entscheidenden Unterschied zu früheren Generationen sieht der Abt darin, dass Religion heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Früher seien große gesellschaftliche Feste häufig zugleich kirchliche Feste gewesen. Heute hingegen sei der Glaube stärker zu einer persönlichen Entscheidung geworden – ein Gedanke, der auch vom Religionsphilosophen Charles Taylor beschrieben wird. In der modernen Gesellschaft sei Religion zu einer Option geworden.
Darin erkennt Eckerstorfer jedoch nicht nur eine Krise, sondern auch eine Chance. Wer sich heute zum christlichen Glauben bekennt, tue dies meist bewusst. Gerade dadurch könne der Glaube an Tiefe gewinnen.
Für den Abt wird daran deutlich: Der Glaube verschwindet nicht – er verändert lediglich seine Gestalt. „Kirche war nie eine statische Größe“, betonte er. Zeiten des Aufbruchs und des Rückgangs hätten sich in der Geschichte immer wieder abgewechselt.
Seine Ermutigung an die interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer lautete daher, den Wandel nicht nur als Verlust zu deuten, sondern auch als Möglichkeit für Neues. „Wir leben in einer Zeit des Übergangs“, hielt er fest. „Aber Gott lässt uns in diesem Wandel nicht allein. Vielleicht hat er gerade jetzt Großes mit uns vor.“
Achtsam leben
Ein zentraler Gedanke seines Vortrags war die Achtsamkeit. Dabei griff Eckerstorfer auf die Regel des heiligen Benedikt zurück. Dieser versteht die Fastenzeit als Einladung zu einem bewussteren Leben: nicht nur durch Verzicht, sondern vor allem durch größere Aufmerksamkeit für das eigene Leben, für das Gebet und für die Beziehung zu Gott.
Dabei gehe es weniger um strenge Regeln als um eine Haltung der Freude. Der Mensch solle „in der Freude des Heiligen Geistes“ leben und Gott aus freiem Willen etwas schenken. Schon die Wüstenväter hätten darauf hingewiesen, dass das wichtigste „Fasten“ oft nicht beim Essen beginne, sondern im Umgang miteinander. Wer ständig über andere urteile oder schlecht über sie spreche, verfehle den Kern des geistlichen Lebens.
Die Bedeutung der Stille
Abt Bernhard referierte auch über die Bedeutung der Stille in unseren Kirchen. In vielen Gottesdiensten gehe diese verloren – etwa durch Gespräche oder Unruhe vor Beginn der Messe. „Das Schweigen hat eine große Kraft“, erklärte Eckerstorfer. Stille sei kein leerer Raum, sondern eröffne die Möglichkeit, auf Gottes Stimme zu hören. Gerade in der Liturgie könne bewusstes Schweigen ein starkes Zeichen sein. Wenn Menschen gemeinsam still werden, entstehe Raum für Gebet und innere Sammlung.
Neben diesen geistlichen Aspekten ging der Abt auch auf praktische Fragen der Liturgie ein. Leuchtet während einer Lesung plötzlich die nächste Liednummer auf der elektronischen Anzeige auf, beginnen viele automatisch zu blättern – und verlieren dabei die Aufmerksamkeit für das Wort Gottes. Solche scheinbar kleinen Details könnten die Atmosphäre eines Gottesdienstes stark prägen. Umso wichtiger sei es, achtsam zu handeln und den liturgischen Ablauf zu respektieren.
Eine innere Glaubenskultur
In seinem Vortrag thematisierte der Abt auch das, was er „innere Kultur“ des Glaubens nennt. Eine feste Tagesstruktur, kurze Gebete und bewusste Rituale helfen dabei, den Glauben im Alltag zu verankern. Selbst kleine Gesten – etwa ein Kreuzzeichen oder ein kurzes Gebet am Morgen – prägen den Tag. Auch Stoßgebete tragen dazu bei, den Alltag immer wieder mit Gott zu verbinden.
Sein Fazit: Wer den Glauben ernst nimmt, müsse nicht immer mehr tun. Viel wichtiger sei es, bewusster zu leben, achtsam zu sein und Gott Raum zu geben.
„Der Heilige Geist drängt sich nicht auf“, erinnerte der Abt. „Er wirkt dort, wo wir still werden und ihn suchen.“
Der Segen des Scheiterns
Zum Abschluss griff Eckerstorfer nochmals eine Begebenheit aus dem Leben des heiligen Benedikt auf. Dieser wurde einmal Abt eines Klosters, dessen Mönche seine strengere Lebensweise nicht akzeptierten und sogar versuchten, ihn zu vergiften. Benedikt verließ das Kloster schließlich – und zog aus dieser Erfahrung eine wichtige Lehre. In seiner späteren Ordensregel betonte er, dass ein Abt nicht nur streng, sondern vor allem verständnisvoll sein müsse. Für Abt Bernhard Eckerstorfer zeigt diese Geschichte: Auch Scheitern kann ein Segen sein. „Manchmal führt gerade eine schwierige Erfahrung dazu, dass wir tiefer verstehen, worum es im Glauben wirklich geht“, sagte er.
Seine Botschaft an die Zuhörer fasste er in einem einfachen Gedanken zusammen: Der christliche Weg beginnt im Inneren – in der Aufmerksamkeit, in der Stille und im ehrlichen Bemühen, Gott zu suchen.