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Inhalt:

Beten mit der Bibel

Traditionelle Wege zu einem ganz persönlichen Gebet
Hände

Die zentralen Gebetstexte des Christentums stammen aus der Bibel: Das Vater unser und das Ave-Maria, das Magnificat und das Nunc dimittis sind Gebete, die unser Beten prägen. Dazu kommen die Psalmen, die als großes Gebetsbuch die Mitte unserer Bibel bilden, und viele weitere Gebete, die in die biblischen Texte eingefügt sind. 

 

GebetDie Bibel möchte als Wort Gottes einen Raum anbieten, in dem die Erfahrungen der Menschen mit Gott ihren Ausdruck finden. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament sehen wir Menschen, die  auf unterschiedliche Weise mit Gott ins Gespräch kommen. Beschrieben werden sowohl das Gespräch einzelner Personen mit Gott als auch gemeinschaftliche Formen des Betens wie Tempel- und Synagogengottesdienste. Die Treffen der ersten christlichen Gemeinden führen diese Traditionen fort: jeweils am ersten Tag der Woche, also am Sonntag, treffen sich die Gäubigen, um in den Schriften zu lesen, zu beten und das Brot zu brechen. 

 

Das wohl bekannteste Gebet der Bibel ist das Vater unser (Mt 6,9-13). Es beginnt mit Lob Gottes und geht dann in Bitten über: Die Bitte um das Lebensnotwendige, um Versöhnung und Befreiung von all dem, was dem menschlichen Zusammenleben nicht förderlich ist. Zusammen mit dem Vater unser ist von Jesus eine kurze Einführung über das Wie des persönlichen Betens überliefert. „Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu: dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ (Mt 6,6-8) Jesus selbst zieht sich immer wieder zum Gebet an einen einsamen Ort oder auf einen Berg zurückzieht.

 

Psalmen
Die Psalmen bilden die Mitte des Alten Testaments und sind das zentrale Lieder- und Gebetbuch des Judentums und des Christentums. Schon die Kirchenväter beschreiben den Psalter als eine Art Zusammenfassung der gesamten Heiligen Schrift, und bis heute faszinieren diese Text durch ihre Menschlichkeit. In ihnen können die Betenden sich selbst wiederfinden und alles, was sie bewegt vor Gott tragen: Not, Wut und Verzweiflung, Dankbarkeit und Freude, Sorgen, Zweifel und Vertrauen. In den christlichen Gottesdiensten haben die Psalmen ihren Ort zwischen Lesung und Evangelium gefunden, doch besonders im Stundengebet wird das Psalmenbeten intensiv gepflegt. Doch da man, wie schon der Kirchenvater Athanasius meint, in ihnen wie in einem Spiegel alle Regungen der Seele erkennt, eignen sich Psalmen auch gut für das persönliche Gebet. 

 

BookDas Vater unser und die Psalmen sind zwei bewährte Möglichkeiten, mit biblischen Texten zu beten. Sie bieten eine Sprache an für das Eintreten in den Gesprächsraum mit Gott, die über die persönlichen Möglichkeiten hinausgehen. Doch eignen sich die Texte der Bibel insgesamt, sie in der Reflexion als Ausgangspunkt für ein ganz persönliches Gebet zu werden.

 

Eine sehr alte Weise des Betens mit der Bibel, die heute wieder verstärkt praktiziert wird, soll im Folgenden vorgestellt werden: 

 

Lectio Divina – Geistliche Schriftlesung
Es ist eine Form des Betens, bei der die Bibel oder andere geistliche Schrift langsam und meditierend gelesen wird. Sie gliedert sich in vier Teile: Lesen (lectio), Betrachten (meditatio), Gebet (oratio), Kontemplation (contemplatio). Das langsame und meditierende führt zu einem inneren Dialog, der in einen Dialog mit dem Wort Gottes mündet. In das Gespräch mit Gott haben Gedanken und Anliegen aus dem Alltag ebenso ihren Platz wie das stille Verweilen vor Gott. 

 

Die Lectio Divina eignet sich sowohl für das gemeinschaftliche Gebet als auchLectio Divina für die persönliche Betrachtung. Das Bibelwerk Stuttgart (www.bibelwerk.de; www.lectiodivina.de) bietet eine Reihe von Schriften und Behelfen vor allem für das Beten in Gruppen an, stellt diesen Zugang aber auch in Online-Foren vor. 

 

Für das persönliche Beten mit der Bibel in dieser Tradition möchte ich hier einige Hinweise geben. 
Grundsätzlich kann dieses Gebet überall durchgeführt werden, wo es einigermaßen ruhig ist. Es bewährt sich aber, sich – schon als Teil der inneren Vorbereitung - einen Gebetsplatz herzurichten. Dazu sind folgende Fragen hilfreich: Wo möchte ich beten? Welchen Text habe ich ausgewählt? Liegt die Bibel oder ein Textblatt bereit? Liegt ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber bereit, falls ich etwas notieren möchte? Wie lange möchte ich beten?

 

Zu Beginn entzünde ich eventuell eine Kerze oder bringe ein Klangschale zum Klingen. Dann halte ich eine kurze Stille, um mich zu sammeln und zur Ruhe zu kommen. 

 

Nun folgen die vier Schritte:
Lesen des Textes (lectio): Ich lese den Text ein bis zweimal durch. Manchmal tut es gut, den Text (halb-) laut zu lesen, um ihn auch zu hören.
Betrachten (meditatio): Wort für Wort, Satz für Satz lese ich den Text noch einmal. Wann auch immer mich ein Wort, eine Wendung, ein Satz berührt, halte ich an und verweile dabei. Welche Gedanken oder Gefühle beschäftigen mich jetzt? Warum spricht mich gerade dieses „Wort Gottes“ an?
Beten (oratio) ist meine ganz persönliche Antwort auf das Wort von Gott, das mich gerade beschäftigt. Ich wende mich Gott zu und komme mit Gott ins Gespräch, so wie ich mit Menschen spreche, denen ich sehr verbunden bin. Vielleicht möchte ich Gott etwas Bestimmtes sagen.
Bei Gott verweilen (contemplatio): irgendwann sind genug Worte gesprochen. Jetzt bleibe ich noch still bei Gott. 

 

Wenn noch Zeit ist, gehe ich im Text weiter und wiederhole die Schritte. Wenn die Zeit, die ich mir vorgenommen habe, um ist, beende ich das Gebet, überlege, wie es mir damit ergangen ist, blase die Kerze aus oder bringe die Klangschale noch einmal zum Klingen und verlasse meinen Gebetsplatz.


Karin Hintersteiner
Theologin und Leiterin des Bibelwerks Linz

 

 

 


 

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