Mittwoch 25. April 2018
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Christliche Geschichtskultur heute

Religion ist geschichtlich

Judentum, Christentum und Islam sind geschichtliche Religionen d.h. sie beziehen sich unmittelbar auf eine „Gründungsgeschichte“ und halten diese in ihrer Glaubenspraxis wach.

Im Judentum stellt jedes Jahr beim Pessachfest das jüngste Familienmitglied die Frage „Wie hat alles angefangen?“ Der Hausvater beginnt dann die Geschichte zu erzählen, als Abraham auszog usw. Im Christentum ist die Bibel die zentrale Quelle. In jedem Gottesdienst erzählt der Priester von jenem Mahl, als Jesus Brot und Wein nahm und dann zu seinen Freunden sagte etc. … Gleichzeitig - so hat es das Trienter Konzil (1545-1563) für die katholische Kirche festgelegt - gilt als zweite katholische Basis die Tradition, also jene fortlaufende Geschichte, die sich in all den Jahrhunderten in der Kirche seither ereignet hat. Man kann also sagen: Wer zwar die Bibel kennt, aber die Geschichte der Kirche nicht, hat als KatholikIn nur die halbe Ahnung. 

 

Wir leben auf dem Boden der Geschichte

Was für die gesamte Kirche gilt, gilt auch für jede Pfarre. An jedem Ort, in jeder Region, sind die Menschen von dem geprägt, was sich dort ereignet hat. Die Geschichte formt unsere (individuelle und kollektive) Identität. Die Gegenwart, in der wir leben, ist nur die oberste vieler Schichten von vergangen Gegenwarten, auf denen unser heutiger Alltag stattfindet. Spüren wir tiefere Schichten auf, so stellen wir fest, sie bergen Heilungsgeschichten, Wundergeschichten, aber auch Konflikte, Verletzungen, alles, was es im Leben gibt. Wir sind gut beraten, die Wirkung von Geschichte für die Gegenwart nicht zu vernachlässigen. In der französischen Geschichtsforschung des 20. Jahrhunderts ist von der „langen Dauer der Geschichte“ die Rede. 100 Jahre bzw. drei Generationen fallen unter den Begriff „Zeitgeschichte“ und zählen gewissermaßen noch zur Gegenwart. 

 

 

Geschichtsbewusstsein ist mehr als Daten und Fakten - es braucht Auseinandersetzung und Refelxion. Foto: Alexas Foto, Pixabay.com

 

Geschichtskultur — Geschichtsbewusstsein — Memoria

Erfreulicherweise pflegen immer mehr Pfarren und Gemeinden den Schatz regionaler oder lokaler geschichtlicher Ereignisse. Veranstaltungen, Feste oder Rituale der Erinnerungs- und Geschichtskultur stärken die Identität. Über die Dokumentation hinaus gibt es noch die Möglichkeit einer reflexiven Vertiefung von Geschichte. Geschichtsbewusstsein verlangt mehr als Sammlung von Daten und Fakten, es fordert intensive Auseinandersetzung und Information sowie Reflexion lokaler historischer Ereignisse mit all ihren bisher unbekannten Aspekten, ihren Widersprüchlichkeiten oder ihren verborgenen Konfliktgeschichten. Dazu braucht es den intensiven Austausch und das gemeinschaftliche Gespräch, in denen Ereignissen der Vergangenheit einerseits lokal auf einer tieferen Ebene nachgegangen wird, wo aber andererseits versucht wird, geschichtliche Ereignisse auf einer großräumigen Ebene einzuordnen. Erinnerungs- und Geschichtskultur wird in diesem Prozess zur intensiven Memoria, in der eine neue/vertiefte Erkenntnis über sich selbst oder Versöhnung in der Gemeinde geschaffen werden kann. 

 

Memoria spürt weiße Flecken der Geschichtskultur auf

Herkömmliche Erinnerungskultur neigt dazu, mehrheitsorientiert zu sein und Minderheiten zu übergehen. Am Beispiel der Kriegerdenkmäler der letzten beiden Weltkriege kann gezeigt werden, dass dort zwar alle gefallenen Soldaten der Weltkriege genannt werden, aber die im politischen Widerstand, durch religiöse oder rassische Zugehörigkeit oder auf Grund einer Behinderung inhaftierten oder ermordeten Menschen keinerlei Nennung erfahren. Für eine umfassende Memoria einer Pfarre ist es ein Erfordernis unserer Zeit, ein hohes Geschichtsbewusstsein über die Orts- bzw. Pfarrgeschichte herzustellen.

 

Geschichte als pastorale Chance

Eine umfassende Memoria zu schaffen, ist für Pfarrgemeinden eine Chance. Dabei kann eine vertiefte Klarheit über die örtlichen oder regionalen Verhältnisse und vielleicht sogar eine Versöhnung erzielt werden. Dass dabei mit Umsicht vorzugehen ist, versteht sich von selbst. Es können - müssen aber nicht nur - Jubiläen und Gedenkjahre Anlass sein, um Gesprächs- oder Arbeitskreise einzurichten, die sich vertieft mit der eigenen Orts- und Pfarrgeschichte beschäftigen.


HS-Prof. DDr. Helmut Wagner
Historiker und Kirchenhistoriker
Lehrer an der Päd. Hochschule Oberösterreich
Eigentümer und Betreiber des Wagner Verlags

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