Donnerstag 14. Dezember 2017

ElternTelefon: Liebevolle Beziehungen rüsten Kinder fürs Leben

Was brauchen Kinder und Jugendliche für ihre seelische Gesundheit? Bei einer Pressekonferenz des ElternTelefons der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142 im OÖ. Presseclub am 9. Oktober 2017 gaben ExpertInnen wertvolle Tipps.

Die Grundlagen für seelische Gesundheit werden im Kleinkindalter gelegt und in der Jugendzeit vertieft. Eltern kommt bei der Erziehung ihrer Kinder eine große Verantwortung zu – eine Verantwortung, mit der sie sich oftmals überfordert fühlen.

 

Bei einer Pressekonferenz anlässlich des Welttags für seelische Gesundheit (10. Oktober) berichteten Mag.a Silvia Breitwieser, Leiterin der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142, und Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Projektleiterin des ElternTelefons – Notruf 142, aus ihrem Beratungsalltag und ermutigten Eltern, sich in Erziehungsfragen Hilfe zu holen.


Prim. Dr. Adrian Kamper, Leiter des Standortes Grieskirchen mit Schwerpunkt Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Klinikums Wels-Grieskirchen, gewährte Einblick in den Alltag einer psychosomatischen Station für Kinder und Jugendliche und nahm zu aktuellen Entwicklungen hinsichtlich der psychischen Gesundheit von Kindern Stellung. Vom Angebot des ElternTelefons zeigte er sich begeistert: „Das feinfühlige Zuhören am ElternTelefon ist eine wesentliche Arbeit im Bereich der psychischen Gesundheit und stellt eine große Hilfe für die Eltern dar.“

 

V. l.: Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner (Projektleiterin ElternTelefon), Primar Dr. Adrian Kamper (Klinikum Wels-Grieskirchen) und Mag.a Silvia Breitwieser (Leiterin TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142)

V. l.: Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner (Projektleiterin ElternTelefon), Primar Dr. Adrian Kamper (Klinikum Wels-Grieskirchen) und Mag.a Silvia Breitwieser (Leiterin TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142). © Diözese Linz / Eckerstorfer

 

Beziehungs- und Erziehungsqualität in der Familie ist entscheidend


Prim. Dr. Adrian Kamper ist Facharzt für Kinder und Jugendheilkunde, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Leiter des Standortes Grieskirchen mit Schwerpunkt Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Klinikums Wels-Grieskirchen. Kamper betonte, Fundament für die Entwicklung seelischer Gesundheit sei eine in der Familie gelebte Beziehungs- und Erziehungsqualität. „Für ein Kind ist es wichtig, liebevolle und positive Signale zwischen den Eltern zu erleben, wärmende Zuwendung von beiden Elternteilen zu erfahren und in gemeinsame Unternehmungen eingebunden zu sein“, erklärte der Primar. „Neurobiologisch ausgedrückt, sind Beziehungen das Superkonzentrat für die Gehirnentwicklung und die mentale Entwicklungskapazität: Sie fördern die emotionale Intelligenz, die soziale Kompetenz, die kognitive Kapazität und die Stress-Resilienz – lauter Voraussetzungen dafür, dass die Kinder als Erwachsene ihren Alltag meistern.“ Demgegenüber stünden das Miterleben ständiger Streitigkeiten zwischen den Eltern sowie Bedrohungen in Form von körperlicher und seelischer Gewalt – bis hin zu langwierigen Rosenkriegen, in denen die Elternteile das Kind gegeneinander ausspielen. Dies mitzuerleben, schade der seelischen Gesundheit von Kindern, so der Experte.


Eine besondere Bedeutung kommt für Kamper Ritualen im Alltag zu, die die seelische Gesundheit von Kindern stärken, vor allem am Abend und am Morgen. Am Abend ist darauf zu achten, dass Kinder und Eltern aus der Anspannung des Tages in die Entspannung des Abends finden, um dann auch gut schlafen zu können – eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten, wie der Experte weiß. Einen erholsamen Schlaf sieht Kamper bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen als essentiellen Baustein für seelische Gesundheit: „Erholsamer Schlaf fördert Aufmerksamkeit und Konzentration, sorgt für Ausgeglichenheit und bewirkt einen guten Umgang mit den eigenen Emotionen. Schlafmangel dagegen führt zu Energiemangel und setzt die Stressresilienz herunter, was über einen längeren Zeitraum zur Entwicklung psychischer Störungen führen kann. Der Tag beginnt daher am Vorabend mit einer Entspannungsphase, die einen erholsamen Schlaf ermöglicht.“


Auch der Morgen ist eine wichtige Zeit und sollte mit unterstützenden, humorvollen Worten beginnen. In diesem Zusammenhang warnt der Kinder- und Jugendpsychiater vor unbedachten Worten, die bei einem Kind den ganzen Tag nachhallen können: „Kinder finden dann nicht in ihren Rhythmus und können die ihnen gestellten Aufgaben nicht konzentriert bewältigen. Es ist immer die Perspektive des Kindes entscheidend, in die sich die Erwachsenen hineinversetzen müssen. Manche Kinder, die keine Frühaufsteher sind, brauchen eine gewisse Anlaufzeit, auch das muss berücksichtigt werden“, so der Experte.

 

Primar Dr. Adrian Kamper

Der Kinder- und Jugendpsychiater Primar Dr. Adrian Kamper. © Diözese Linz / Eckerstorfer

 

Psychische Störungen brauchen Behandlung


Das Jugendalter stellt nach Angaben des Experten eine kritische Lebensphase für die seelische Gesundheit dar. „Diese Umbruchszeit im Leben ist die Zeit, in der sogenannte erwachsenentypische Erkrankungen erstmals auftreten können bzw. klinisch erkennbar werden“, so Kamper. Der Kinder- und Jugendpsychiater ortet einen alarmierenden Trend im 21. Jahrhundert: Komplexe Erkrankungen mit körperlichen und seelischen Anteilen nehmen zu. „Etwa 15 Prozent der Jugendlichen sind bereits chronisch krank und entwickeln zusätzlich häufig klinisch relevante psychische Störungen wie Angst oder Depression“, weiß Kamper. Das Risiko dazu sei gegenüber gesunden Jugendlichen um ein Zwei- bis Vierfaches erhöht. Ähnliches gelte auch umgekehrt für Jugendliche mit primär psychischen Störungen im Hinblick auf eine zusätzliche körperliche Erkrankung. „24 Prozent der Mädchen und Burschen weisen psychische Symptome bis hin zu einer manifesten Störung auf. Während Mädchen im Jugendalter häufiger als Jungen eine sogenannte ‚Somatisierung‘, also körperliche Beschwerden ohne organische Grunderkrankung, oder Depressionen entwickeln, zeigen Jungen eher ein vermehrt ‚expansives Verhalten‘ – also ADHS oder eine Störung im Sozialverhalten“, so der Experte. Diese Störungen würden sich nicht „von selbst auswachsen“, sondern müssten unbedingt behandelt werden.


Deutsche Statistiken zeigen ein ähnlich alarmierendes Bild bei Kindern: 17 bis 20 Prozent der Kinder zeigen bereits psychisch auffällige Symptome, 10 Prozent eine manifeste psychische Störung. Psychisch auffällige Symptome sind etwa ADHS, emotionale Störungen mit Ängsten (z. B. Trennungsangst) oder depressive Symptome, also zu starke Traurigkeit, zu viel Rückzug, zu wenig altersentsprechendes Sozialverhalten.


In diesem Zusammenhang forderte Kamper eine Ausweitung der Versorgungsangebote, vor allem mehr ansprechende Anlaufstellen für Jugendliche, denn: „Die Bereitschaft, in Versorgung zu gehen, ist bei Jugendlichen nicht hoch – mehr als die Hälfte der Jugendlichen suchen keine Anlaufstellen auf oder finden keine attraktiven Anlaufstellen vor.“ In den vergangenen fünf Jahren seien fünf Niederlassungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Oberösterreich geschaffen worden. „Early life care“, also Unterstützungsangebote für Eltern und Kinder in der frühen Kindheit, würden in der Hälfte der oö. Regionen angeboten, wobei die ländlichen Gebiete unterversorgt seien. „Das Glas ist also erst halb voll“, so der Experte.

 


Den eigenen Kindern aufmerksam zuhören – keine Selbstverständlichkeit

 

Primar Kamper wies darauf hin, wie wichtig es sei, sich in Kinder einzufühlen und ihnen aufmerksam zuzuhören bzw. „dahinterzuhören“, wenn es um Beschwerden wie Bauchweh gehe. „Wenn ein Kind über Bauchweh klagt, dann ist es nicht vorrangig, möglichst viele Untersuchungen durchführen zu lassen. Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen, das Kind erzählen zu lassen und im Lebensalltag des Kindes nach Auslösern zu suchen: Wie geht es dem Kind in der Schule, was hat es beim Busfahren erlebt, was tut sich sonst in seinem Leben?“ Dieses Zuhören brauche ungeteilte Aufmerksamkeit, so der Experte: „Wenn ich dem Kind sage: ‚Erzähl, ich hör dir zu‘ und ich tippe nebenbei auf dem Handy herum, dann wird es nichts mehr erzählen. Ich erlebe das auch bei Eltern, die zu uns zur Beratung kommen und im Gespräch mit mir zum Handy greifen. Daheim ist es dann wohl nicht anders. Diese ungeteilte Aufmerksamkeit muss von klein auf gelernt werden – schon im Kindesalter müssen wir wertschätzende Rahmenbedingungen für ein echtes Gespräch sicherstellen. Erziehung im Jugendalter zu beginnen, ist definitiv zu spät.“


Auch Mag.a Silvia Breitwieser, Leiterin der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142, unterstreicht die Bedeutung des aufmerksamen Zuhörens in der Familie. „Sehr häufig werden im Gespräch mit Kindern nur Informationen und Fakten abgefragt. Kinder möchten aber einfach erzählen können – und das geht nur, wenn jemand gut zuhört.“

 

Primar Dr. Adrian Kamper und Mag.a Silvia Breitwieser.

Primar Dr. Adrian Kamper und Mag.a Silvia Breitwieser: "Die Kinder erzählen lassen und aufmerksam zuhören." © Diözese Linz / Eckerstorfer


Es ist keine Schande, sich in Erziehungsfragen Hilfe zu holen


Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Projektleiterin des ElternTelefons – Notruf 142, betonte, Elternschaft sei eine große Herausforderung: „Sich mit Kindern auseinanderzusetzen, ist anspruchsvoll, verlangt große Flexibilität und kann bis an die Grenzen der Belastbarkeit gehen.“ Der zeitliche Stress, unter dem Eltern leiden, wirkt sich auf den Gesundheitszustand der Eltern aus und wird gleichzeitig auf die Kinder übertragen – und beides verstärkt familiäre Probleme. Verstärkt wird der Druck häufig noch durch Bilder von der „perfekten Familie“ in den sozialen Medien, die so gar nichts mit der eigenen Realität gemeinsam haben.

 

Eltern brauchen daher Unterstützung, die ihre Erziehungskompetenz fördert und ihre Ressourcen stärkt, denn: „Das Wohlergehen der Eltern bedingt das Wohlergehen der Kinder, und dieses wiederum ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Investitionen in eine gelungene Elternschaft beeinflussen Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben positiv und sind folglich gesellschaftspolitisch, aber auch sozialökonomisch nachhaltig wirksam“, betont Lanzerstorfer-Holzner.


Wenn die Situation in der Familie zu belastend wird, ein Konflikt nicht mehr lösbar erscheint, sollten Eltern sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine erste Anlaufstelle ist das Elterntelefon – Notruf 142 der TelefonSeelsorge OÖ. Dort können Eltern an allen Tagen des Jahres rund um die Uhr kostenlos, vertraulich und anonym Hilfe in Anspruch nehmen – in der Akutsituation und ohne einen Termin vereinbaren zu müssen. „Viele Anruferinnen beginnen mit dem Satz: ‚Ich bin eine schlechte Mutter, ich habe in der Erziehung völlig versagt‘ oder ‚Ich hab das noch niemandem erzählt …‘“, berichtet Lanzerstorfer-Holzner aus ihrem Beratungsalltag. Eltern (hauptsächlich Mütter) rufen zum Beispiel an, weil sie die Streitigkeiten ihrer Kinder nicht mehr ertragen, weil sie mit ihren Kleinkindern völlig überfordert sind oder weil der jugendliche Sohn nur noch vor dem PC sitzt und sich völlig zurückzieht.

 

Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner

Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Projektleiterin des ElternTelefons, ermutigt Eltern, sich in Erziehungsfragen Hilfe zu holen.
© Diözese Linz / Eckerstorfer


Ein Telefongespräch kann in schwierigen Situationen weiterhelfen, weiß die Leiterin des ElternTelefons: „Die Anrufenden können mit einer neutralen Person über ihre Erziehungsschwierigkeiten, Sorgen, Nöte und Ängste sprechen – ohne Angst vor Bewertungen und Konsequenzen und ohne das Gefühl, versagt zu haben.“ Erziehung sei ein schambesetztes Thema, das durch das Gefühl, versagt zu haben, noch mehr tabuisiert werde. „Wenn Eltern anrufen, haben sie schon einen großen Schritt gesetzt. Sie können endlich einmal den Rucksack voller Probleme entladen, den sie mit sich herumschleppen“, betont Lanzerstorfer-Holzner. Gemeinsam wird dann nach gangbaren Lösungen in kleinen Schritten gesucht. Bei Bedarf werden Eltern ermutigt, Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen, und erhalten gleich die entsprechenden Kontaktadressen. „Unseren MitarbeiterInnen am ElternTelefon ist wichtig, die Anrufenden zu entlasten und zu unterstützen. Sie versuchen, die Kompetenzen und Ressourcen der anrufenden Eltern zu stärken, damit diese herausfordernde Lebensphasen entsprechend bewältigen können“, betont Lanzerstorfer-Holzner. Sie ermutigt Eltern dazu, sich vom Anspruch des Perfekt-sein-Müssens zu verabschieden: „Es reicht, gut genug zu sein.“

 

Statements der Pressekonferenz zum Nachlesen
 

 

V. l.: Mag.a Silvia Breitwieser (Leiterin TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142), Primar Dr. Adrian Kamper (Klinikum Wels-Grieskirchen) und Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner (Projektleiterin ElternTelefon)

V. l.: Mag.a Silvia Breitwieser (Leiterin TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142), Primar Dr. Adrian Kamper (Klinikum Wels-Grieskirchen) und Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner (Projektleiterin ElternTelefon). © Diözese Linz / Eckerstorfer

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