Friday 28. January 2022

Wenn ein Virus zu familiärer Zerrüttung führt

Die bevorstehende Advent- und Weihnachtszeit steht erneut unter dem Zeichen des Covid-19-Virus.

Nach einem etwas ruhigeren Sommer trifft uns die Pandemie wieder mit voller Wucht.

Bei der TelefonSeelsorge OÖ macht sich das auf zweierlei Arten bemerkbar: Einerseits steigt die Zahl der per Telefon, Mail und Chat durchgeführten Beratungen, andererseits nimmt auch die emotionale Intensität der Gespräche zu. Ein Großteil der Anrufenden hat auf Grund der steigenden Belastungen immer weniger Bewältigungsressourcen zur Verfügung. Es kommt vermehrt zu Krisen.
 

Wie schon das Jahr 2020 forderte auch das Jahr 2021 von uns allen einen hohen Tribut. Kaum jemand mehr, der nicht genervt, gestresst, erschöpft, wütend oder ausgelaugt ist. Nun ist die Debatte rund um Corona um eine sehr emotional diskutierte Facette reicher: die Impfung. Die Frage „Bist du geimpft?“ wird oftmals gleich nach der Begrüßung gestellt. Gesellschaftliche Gräben scheinen sich zunehmend zu vertiefen. Die Themen Corona-Maßnahmen, Lockdown und Schutzimpfung hängen häufig wie ein Damoklesschwert über dem Familienfrieden. Aber auch in anderen Bereichen wie dem Berufsleben gibt es meist kein Entrinnen: Der Umgang mit der Pandemie dominiert die Gespräche und polarisiert wie kaum ein Thema ja zuvor. 
 

Wie geht die TelefonSeelsorge OÖ in ihren Beratungsgesprächen damit um?

Viele Anrufer*innen fühlen sich durch den Lockdown oder die angekündigte Impfpflicht fremdbestimmt und handlungsohnmächtig. Erschwerend kommt hinzu, dass wir Menschen mit Unsicherheit grundsätzlich nicht gut umgehen können. Um dieses unangenehme bis ängstigende Gefühl loszuwerden, klammern sich derzeit viele an vereinfachte Darstellungen und verharmlosende Erklärungen – sogenannte fake-news. Dadurch wird vermeintliche Sicherheit erlangt, alles ist „eh nicht so schlimm, wie alle sagen“ – die eigene Sicherheit ist wiederhergestellt, die Bedrohung abgewendet.

Auf der anderen Seite gibt es viele, die ihr Unverständnis und ihre Enttäuschung über Maßnahmengegner*innen äußern, denen die zunehmende Polarisierung und Emotionalisierung Sorge bereitet.  Unsere Berater*innen lassen sich nicht auf Diskussionen ein, in denen es um Meinungen und darum geht, was nun wirklich richtig oder falsch ist. Denn in diese Gedanken und Debatten sind die Menschen meist im Alltag schon genug verwickelt. Relevant sind die Sorgen und Ängste der Ratsuchenden und ihre Auswirkungen auf die Handlungen sowie das persönliche Befinden der jeweiligen Person. Wir unterstützen die Anrufer*innen dabei, 1) alles Belastende auszusprechen, 2) die belastende Lebenssituation gemeinsam zu beleuchten, 3) ein gutes Sensorium für die eigene Gefühlswelt zu entwickeln und 4) einen ersten, kleinen Schritt Richtung Problemlösung zu finden.   

Denn gerade jetzt hat der Grundsatz der TelefonSeelsorge enorme Bedeutung: Reden hilft!

 

Was kann ich tun, wenn der Familienfrieden gefährdet ist?

  1. Beziehung, Verbundenheit und Wertschätzung erhalten

Eine tragfähige Beziehung zu mir wichtigen Personen sollte einen höheren Wert darstellen als übereinstimmende Meinungen in Sachen Corona.

Ihr Gegenüber ist mehr als die Summer seiner/ihrer Teile. Versuchen Sie daher, auch die guten Seiten, das Verbindende zu sehen: „Bei Corona sind wir gegensätzlicher Meinung, für deine Unterstützung bei der Kinderbetreuung bin ich dir aber sehr dankbar“. „Deine Meinung zur Impfung kann ich nicht teilen, unsere gemeinsamen Spaziergänge schätz(t)e ich trotzdem sehr“.

Stellen Sie das Gemeinsame über das Trennende. Erinnern Sie sich, was Sie an der Person gemocht haben/mögen, welche positiven Erlebnisse Sie geteilt haben, wofür Sie Ihr gegenüber wertschätzen. Führen Sie sich diese Dinge immer wieder vor Augen, wenn Sie merken, dass die Beziehung für Sie mühsam wird.  

  1. Respekt vermitteln

Aufmerksames Zuhören, Nachfragen und das Eingehen auf das Gesagte/Gehörte, vermitteln dem Gegenüber Respekt. Abschließend könnten Sie sagen: „Ich denke anders als du. Sachlich finden wir keinen gemeinsamen Nenner. Ich akzeptiere das. Du bist mir wichtig und ich bemühe mich auszuhalten, dass wir in diesem Fall unterschiedlich sind.“

Sollte Ihre Meinung im Gegenzug allerdings nicht respektiert werden, thematisieren Sie das in Form von Ich-Botschaften und teilen Sie Ihrem Gegenüber auch mit, dass Sie sein Verhalten verletzt, kränkt, ärgert, traurig macht und was, Sie sich erwarten würden/wünschen …

  1. eine neutrale Sprache verwenden

Bemühen Sie sich um eine möglichst bewertungs- und aggressionsfreie Sprache. Spinner, Covidioten, Deppen … wie leicht rutscht uns dieses oder jenes Schimpfwort heraus. Aber besonders Kinder und Jugendliche bringt es in Bedrängnis bzw. Loyalitätskonflikte, wenn Eltern über nahestehende Personen derartig abschätzig sprechen. Versuchen Sie, auch Ihre Gedanken diesbezüglich zu mäßigen. (Gedachte) Schimpftriaden erhöhen nur Ihren Ärger und dadurch auch Ihr Stresslevel. Unterbrechen Sie sich bewusst und wenden Sie sich angenehmeren Dingen zu.

  1. Klarheit schaffen und Diskussionen stoppen

Druck (z.B. Belehrungen, Drohungen), Streit und Aggression erzeugen eher Gegendruck und führen zu verhärteten Fronten.

Klären Sie für sich, welche Meinung/Position Sie dem anderen zugestehen können? Wird es für Sie zu irrational oder zu aggressiv, kommunizieren Sie freundlich im Ton, aber klar in der Sache: „Diese Meinung/Haltung will und kann ich absolut nicht teilen. Wir haben unterschiedliche Standpunkte. Ich will darüber nicht weiter diskutieren." Versteigen Sie sich keinesfalls in weitere inhaltliche Diskussionen.

  1. eine Auszeit nehmen oder den Kontakt reduzieren

Wird Ihrem Wunsch nach „diskussions-/coronafreien Zonen“ nicht nachgekommen, gehen Sie – auch räumlich – auf Abstand. „Eine Diskussion führt uns nicht weiter, ich brauche eine kurze Auszeit an der frischen Luft. Danach können wir uns gerne über etwas Anderes unterhalten bzw. etwas Gemeinsames (spielen, essen, spazieren gehen, musizieren …) tun.“

Diese Unterbrechung hilft Ihnen auch dabei, etwaigen Ärger Ihrerseits zu reduzieren – atmen Sie mehrere Male tief ein und aus.

Die Konsequenz kann auch eine Reduktion des Kontaktes sein, falls Ihnen die (Familien-)treffen aktuell nicht guttun. Achten Sie auf Ihre Grenzen.

  1. Fragen stellen

Wenn sich das Gespräch in Richtung Verschwörungstheorien entwickelt, sollten Sie nicht mehr inhaltlich diskutieren, sondern – wenn überhaupt – lieber Fragen stellen: „Woher hast du diese Informationen?“, „Wieso glaubst du gerade dieser Quelle?“. Freundliches Nachfragen kann eventuell dazu führen, dass Ihr Gegenüber Ungereimtheiten selbst erkennt.

  1. ein persönliches Gespräch hat immer Vorrang

Grundsätzlich ist das persönliche Gespräch immer dem geschriebenen Wort vorzuziehen. Stimmlage, Gestik und Mimik stellen Nähe her, weshalb das Streitpotential gerade bei „anonymeren“ Diskussionen per Mail, Messanger, Chat besonders hoch ist.

  1. Kommunikation über soziale Medien einschränken

Möchten Sie Familienmitglieder/Freunde auf fragwürdige Inhalte deren Facebook-Seite bzw. in der Familien-Whatsapp-Gruppe hinweisen, suchen Sie das direkte Gespräch oder senden Sie dem/der Betroffenen eine persönliche Nachricht. Kommentare, die für alle sichtbar sind, können als Bloßstellung erlebt werden und die Emotionen hochkochen lassen.

Bitten Sie darum, solch komplexe Themen wie eine Pandemie nicht mittels Whatsapp zu diskutieren. Machen Sie auch klar, dass Sie ungefragt keine verschwörungstheoretischen Inhalte per Mail, Whatsapp etc. erhalten wollen. Wenn das nicht möglich ist, halten Sie sich aus der Debatte heraus oder schränken Sie Ihre Nutzung der digitalen Medien stark ein.

  1. Gut für sich selbst sorgen

Die Pandemie und auch ihre sozialen Folgen kosten viel Kraft. Schauen Sie gut auf sich: Reduzieren Sie Ihren Medienkonsum, planen Sie tägliche „Corona-Auszeiten“, nehmen Sie Ihre Gefühle war und sprechen Sie mit Vertrauenspersonen über Ihre Ängste und Sorgen.

Stoppen Sie Grübeleien, Ärgerwolken, innerliche Schimpftiraden ganz bewusst, indem Sie laut „Stopp“ sagen. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung und versuchen Sie, sich einige Minuten nur auf das Ein- und Ausatmen zu fokussieren. Lassen Sie dabei die Gedanken wie Wolken vorbeiziehen.

Tanken Sie Kraft bei Dingen, die Ihnen Freude bereiten, ob Sie nun spazieren gehen, laufen, singen, tanzen, lesen, schreiben, basteln, malen, Kekse backen, Musik hören oder einfach in die Luft schauen.

 

Hier finden Sie noch weitere Strategien für den Umgang mit Ängsten und Sorgen

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