Mittwoch 19. Dezember 2018

Von Wunschbildern und Wirklichkeit: Junge Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit bestätigen und fördern

Ist die virtuelle Welt ein guter Entwicklungsraum? Anlässlich des Welttages der seelischen Gesundheit diskutierten die Expertinnen Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner und Mag.a Silvia Breitwieser von der TelefonSeelsorge Oberösterreich sowie Prim.a Dr.in Hertha Mayr vom Kepler Universitätsklinikum darüber, wie digitale Medien das persönliche (Körper-)Empfinden beeinflussen und wie eine gesunde Entwicklung von jungen Menschen unterstützt werden kann.

Internationaler Tag der seelischen Gesundheit

 

Der Internationale Tag der seelischen Gesundheit, auch Welttag der geistigen Gesundheit genannt, findet 2018 am 10. Oktober statt. Er wurde 1992 durch die World Federation for Mental Health mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Leben gerufen.

Anlässlich dieses Tages sprachen am 9. Oktober 2018 die drei genannten Expertinnen bei einer Pressekonferenz im OÖ. Presseclub in Linz über Körperbild und Medien. Sie gingen dabei den Fragen nach, ob die virtuelle Welt ein guter Entwicklungsraum ist und wie digitale Medien das (Körper-)Empfinden von Menschen beeinflussen.

 

Kinder und Jugendliche sollten in ihren Unterschieden wahrgenommen werden

 

Prim.a Dr.in Hertha Mayr vom Kepler Universitätsklinikum, Department für Psychosomatik am Neuromed Campus in Linz, wies darauf hin, dass Medien bestimmen, was schön ist und was nicht. Dadurch schaffen sie Körpernormen, die für Individuen die Frage stellt: „Wie muss ich aussehen, damit ich dazugehöre?“ Diese Normen entsprächen den Wunschbildern, die künstliche Schönheit, Schlankheit und Jugend von Frauen und Männern vermitteln und mit Träumen von Vitalität, Lebensfreude und Zugehörigkeit verbunden werden. Dabei führe die Mediendarstellung zu einer „Gleichmachung“ und berücksichtige nicht, dass Menschen lebendige, sich stets verändernde Wesen seien, so Mayr. Da die Realität der Menschen auf Vielfalt beruhe, bräuchte die Gesellschaft ein Konzept von Schönheit, das auf Vielfalt basiere und Unterschiede respektiere.

Mayr stellte heraus, dass in Entwicklungsphasen, in denen sich Jugendliche und junge Erwachsene befinden, nach Möglichkeiten zur Identifikation gesucht und bisher Haltgebendes durch vermehrte Unsicherheit und Instabilität begleitet wird. Medien stellten grundsätzlich ideale Möglichkeiten dar, neue Rollenbilder zu finden, doch das unrealistische Schlankheitsideal und die Flut an Bildern mit vermeintlichen Idealkörpern lasse die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wachsen. Folgen seien ein negativer Einfluss auf die Stimmung und das Körperbild, besonders wenn Gewicht und Körpermaße häufig kontrolliert würden, so die Analyse der Expertin.

Prim.a Dr.in Hertha Mayr

Prim.a Dr.in Hertha Mayr vom Kepler Uniklinikum leitet das Department  für Psychosomatik am Neurmed Campus in Linz. Foto (c) Diözese Linz / Fürlinger

 

Mayr: „Wer unsicher ist, möchte sich an Normen wie etwa dem Schlankheitsideal orientieren.“ Diäten könnten die subjektive Stimmung verbessern, doch bestehe besonders bei jugendlichen Mädchen in westlichen Industrieländern mit Überangepasstheit in der Kindheit und mangelnder Entwicklung eines positiven Selbstwertes und Körpergefühls ein besonderes Risiko für Essstörungen. Betroffene, mit denen Mayr zu tun hat, berichten, dass sie viel Zeit auf Plattformen wie Instagram, Blogs oder YouTube verbringen. Dadurch stelle sich der Wunsch ein, auch ein so „perfektes“ Leben wie die dort vertretenen Personen führen zu wollen. Das Betrachten dieser Seiten vermittle Hoffnung und sei ein Flüchten in eine heile Welt: „Wenn man eine Person ist, die viel vergleicht, ist man anfällig, Idolen nachzueifern.“ Dieser Versuch sei dann aber mit „Megastress“, dem Gefühl von Scheitern und einer Verschlechterung des eigenen Essverhaltens verbunden.

 

Hilfreich sind nachvollziehbare „recovery stories“

 

Was können nun Eltern, Freunde oder Betroffene tun? Das Wichtigste, so die Expertin: Kinder und Jugendliche sollten in ihrer Eigenart, mit ihren Besonderheiten und Unterschieden wahrgenommen und bestätigt werden. Die Gesellschaft sollte gerade den Normen, die Aussehen und Figur betreffen, sehr kritisch gegenüberstehen. Mayr betonte, Eltern und andere Bezugspersonen wie LehrerInnen seien Vorbilder und könnten die Entstehung ungünstiger Rollenbilder unterstützen. Vorbeugend könne man sich mit dem „Schönheitsideal Schlankheit“ beschäftigen und so rasch herausfinden, ob man selbst zu Gedanken neige, die Essstörungen begünstigen könnten. Mayr: „Hilfreich für von Essstörungen Betroffene sind sogenannte ,recovery stories‘, also nachvollziehbare Geschichten von Menschen, die es wirklich geschafft haben, aus einer Essstörung herauszufinden.“

 

Onlineberatung der TelefonSeelsorge: Schreiben tut der Seele gut

 

Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Projektleiterin des ElternTelefons der TelefonSeelsorge, und Mag.a Silvia Breitwieser, Leiterin der TelefonSeelsorge Oberösterreich, stellten positive und negative Aspekte der digitalen Medien in den Mittelpunkt und erweiterten den Fokus auf das allgemeine Befinden von Menschen. Einerseits bedeuteten digitale Medien vor allem für junge Menschen Wettbewerb und Stress, andererseits könne man gerade in der Onlineberatung die Vorteile der Digitalisierung nutzen.

Lanzerstorfer-Holzner: „Ein neuer Persönlichkeitstypus wird gefordert. Dieser ist selbstbestimmt, risikobereit und ichorientiert, will die Wirklichkeit neu schaffen, setzt auf Lifestyle und abwechslungsreiche Erlebniswelten. Begrenzende Aspekte der Wirklichkeit wie Leid, Krankheit oder Alter passieren nur anderen und werden verleugnet.“ Digitale Medien nutze dieser Typ Mensch für die narzisstische Selbstdarstellung. Hinzu komme bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Aufwachsen in einer Gesellschaft der „Selbstoptimierung“ und des Wettbewerbs. Einerseits seien Selbstmanagement und Self-Care (die Sorge um sich selbst) in der „Generation Y“ große Themen, insbesondere in der Gruppe bildungsnaher junger Erwachsener. Andererseits seien aber gerade diese jungen Leute oft unbeholfen und in scheinbar banalen Alltagsdingen auf Unterstützung angewiesen. Lanzerstorfer-Holzner weiter: „Die Außenwelt wird vielfältiger, so auch die Möglichkeiten der Menschen. Die Vorteile, die sich daraus ergeben, sind Freiheit und Individualität – die Schwierigkeiten: Verlust von Sicherheiten und klaren Identitäten.“

Neben allen Herausforderungen würden digitale Medien auch viele Möglichkeiten und Chancen bieten. So auch die Chance, Menschen in schwierigen Zeiten zu begegnen und ihnen professionelle Beratung im Internet anbieten zu können, so die Beraterin. Die TelefonSeelsorge tue das per Mail und im Chat.

Die Wirksamkeit der Onlineberatung sieht die Expertin im Niederschreiben der Probleme: Damit würden Menschen mit sich selbst in Kontakt kommen und könnten Problematisches mit mehr Distanz betrachten. Außerdem gäbe es die Möglichkeit, das Protokoll der Beratung auszudrucken, womit man Inhalte auch nach der Sitzung verarbeiten könne. Lanzerstorfer-Holzner: „Schreiben tut der Seele gut und ist – auch durch die Verzögerung – ein selbstheilender Prozess.“

Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Mag.a Silvia Breitwieser

Mag.a Barbara Lanzertorfer-Holzner (li.) ist Projektleiterin vom ElternTelefon der TelefonSeelsorge und Mag.a Silvia Breitwieser leitet die TelefonSeelsorge Oberösterreich. Foto (c) Diözese Linz / Fürlinger

Onlineberatung ziele besonders auf Personen ab, denen computervermittelte Kommunikation alltagsvertraut ist, sei aber auch für Menschen gedacht, denen es leichter fällt, ihre Gedanken niederzuschreiben als auszusprechen, und für Personen hilfreich, für die herkömmliche Beratungsformen eine zu große Hemmschwelle darstelle, so die Expertin.

Chatten sei für viele noch einfacher, als ein Mail zu schreiben – beides helfe, über belastende und intime Themen zu sprechen. Anonymität und räumliche Distanz würden einen Schutzmantel bieten, führte Lanzerstorfer-Holzner aus. Die Beratungen im Einzelchat finden nach vorheriger Terminvereinbarung statt. Die Beratungstermine dauern zirka 45 Minuten und können auf der Website der TelefonSeelsorge gebucht werden.

Die häufigsten Gründe, weshalb sich Ratsuchende an die Onlineberatung wendeten, seien Beziehungsprobleme in den vielfältigsten Formen, gefolgt von Einsamkeit und Isolation bzw. Problemen bei der Alltagsbewältigung. Besonders häufig fänden sich auch Themen wie psychische Erkrankungen bis hin zu Suizidgedanken, sagte Lanzerstorfer-Holzner. Der Großteil der Ratsuchenden sei weiblich (fast 75 Prozent), zirka die Hälfte derer, die Onlineberatung in Anspruch nähmen, sei jünger als 30 Jahre alt.

 

TelefonSeelsorge auch in sozialen Medien beworben

 

Um die Jugendlichen, die im Schnitt acht bis zehn Stunden „on“ sind, in ihrer Lebenswelt abzuholen, wird das Angebot der TelefonSeelsorge auch in sozialen Medien beworben. „Die digitale Revolution passiert und sie hört noch lange nicht auf“, analysierte Barbara Lanzerstorfer-Holzner. Von Seiten der TelefonSeelsorge solle das Signal ausgesendet werden: „Wir sind da, egal ob du schön, dick, dünn oder Durchschnitt bist. Es ist kein Versagen, wenn man sich Hilfe und Beratung holt, wenn es einem schlecht geht.“ Auf den sozialen Plattformen Facebook (www.facebook.com/TelefonSeelsorge142) und Instagram (www.instagram.com/telefonseelsorge142) wird versucht, realistisches Bildmaterial und Szenen aus dem Alltag zu teilen. Diese sollen Anregungen zur Selbstreflexion sein und seien durchwegs positiv gestaltet und formuliert. Auch mit dem Blog www.wolke142.at, einem Themenblog zu Lebensfragen und Lebenshilfen, setzt die TelefonSeelsorge auf die Präsenz im Internet.

 

v.l. Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Dr.in Hertha Mayr, Mag.a Silvia Breitwieser
v.l. Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Dr.in Hertha Mayr, Mag.a Silvia Breitwieser
Prim.a Dr.in Hertha Mayr
Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Mag.a Silvia Breitwieser

Pressekonferenz im OÖ Presseclub in Linz am 9. Oktober 2018 anlässlich des Welttages der seelischen Gesundheit am 10. Oktober 2018. Fotos (c) Diözese Linz / Fürlinger

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