Sunday 29. November 2020

Auch hinter dem Nebel scheint die Sonne

Gedanken von Sandra Schlager zur nebeligen Herbstzeit im coronageprägten Jahr 2020

Ich mag den Lauf der Jahreszeiten: Jedes Jahr freue ich mich neu auf den Frühling mit seinen Blüten, das Wachsen und die Wärme des Sommers, die bunten Blätter und den Nebel im Herbst und auch den kalten und am liebsten schneereichen Winter. Wenn es draußen neblig oder dunkel ist, genieße ich das Heimkommen in die warme Stube ganz besonders: ich mache es mir dann gerne beim Knacken des Holzes im Holzofen oder bei Kerzenschein gemütlich.

 

Doch die letzten Tage macht meine Freude über den Rhythmus der Jahreszeiten eine Pause: der Nebel, der gefühlt seit Wochen über dem Land hängt, setzt mir zu. Vielleicht erinnert er mich heuer besonders an jenen nebligen Tag vor vielen Jahren, an dem meine Mama aus dem Leben ging. Und ganz gewiss hat es auch damit zu tun, dass ich viele Begegnungen mit lieben Menschen vermisse, und die Ungewissheit, wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht, wie ein dichter Nebel in der Luft hängt. Wann dürfen die Kinder wieder ganz normal zur Schule gehen? Wann kann ich meine Schwester, meine Patenkinder, meinen Papa und meine Oma wieder einfach so in den Arm nehmen? Wann werde ich wieder normal in die Arbeit fahren? Wann dürfen wir wieder Veranstaltungen mit und für Frauen anbieten? Ich weiß es nicht. Jetzt geht es darum, die Menschen, die uns lieb sind zu schützen, das verstehe ich und das ist mir auch wichtig.

 

Die Erinnerung an eine Zeit, in der wir uns zur Begrüßung ganz selbstverständlich die Hand gegeben haben, ist nach einem dreiviertel Corona-Jahr tatsächlich schon bedeckt von einer Nebelschicht, ich bin oft wirklich überrascht, wie selbstverständlich wir diese (vorübergehende) Vorsichtsmaßnahme angenommen haben, wir uns an das allgemeine „Hallo“ zur Begrüßung statt dem Handschlag gewöhnt haben.

 

Doch, ganz ehrlich: diese Begrüßung mit Händeschütteln fehlt mir einfach. Dieses Spüren meines Gegenübers, das In–Kontakt-kommen, das Einander-kurz-in-die-Augen-Sehen. All das liegt wie hinter dem Nebel verborgen, scheinbar unendlich weit weg. Genauso schwer fällt es mir dieser Tage oft zu spüren, dass auch hinter dem Nebel die Sonne für mich scheint.

 

Aber heute, heute hat mich die Sonne angelacht! Ich war mit dem Auto unterwegs, fuhr gerade aus einem Wald heraus, da lachte sie mich an! Sie hatte sich ein Loch durch den dichten Hochnebel gestrahlt, ich glaube, nur um mich kurz anzulachen. So, als ob sie mir sagen wollte: Hey, ich bin da, für dich und für alle anderen. Auch wenn du mich eine Zeitlang nicht siehst und spürst: ich lache, strahle und leuchte für euch, ich wärme euch!

 

Seit diesem kurzen Moment freue ich mich wieder über den Lauf der Jahreszeiten. Bei einem warmen Bad im Kerzenlicht freue ich mich heute Abend auf die Zeit, in der das Abstandhalten, Daheimbleiben, Händewaschen und Maskentragen in unserer Erinnerung hinter einer Nebelschwade verschwindet und wir uns wieder nach Herzenslust umarmen und mit Händeschütteln begrüßen werden.

 

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Weitere spirituelle Impulse im Jahreskreis

 

Nebel, Baum und Sonne

 

Sandra Schlager, Pädagogische Referentin der kfb oö, im November 2020

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