Thursday 6. May 2021

Die Gabe der Hoffnung

Barbara Pachl-Eberhart erzählt, wie sie in schweren Zeiten gelernt hat zu hoffen. 

Ich kann ja, wenn man mich lässt, stundenlang über früher reden. Sie auch? Oh, wenn wir doch nur zusammensitzen könnten, Sie und ich, bei einem Glas Wein! (Oder Pago, das trinke ich lieber.) Über welches Früher würden wir uns wohl unterhalten? Vermutlich über das, an dem alles besser war. Das würde uns guttun. Und es wäre nicht schwer. Neuerdings müssen wir ja gar nicht weit ins Vergangene schauen, um dieses „bessere Früher“ zu finden. Nicht in die Kindheit. Nur ins Jahr vor Corona. Es ist noch frisch, es lebt noch in uns, es pulsiert, so sehr, dass wir verlockt sind, darauf zu warten, dass es bald wieder so ist. So wie früher, vor Kurzem, bevor …

 

Beruflich rede ich auch oft von früher. Dabei trinke ich aber kein Pago, nur Wasser. Da sitze ich nicht, sondern stehe auf Bühnen. Und das Früher, auf das ich mich dabei besinne, war nicht besser. Nicht gut. „Nicht nur gut“, betone ich gerne. Ich spreche da von der Zeit, die im Jahr 2008 zu Ostern begann. Von damals, als mein Mann und meine beiden Kinder tödlich verunglückten. Als ich erst einmal am Boden lag - und mir redlich überlegte, ob ich jemals wieder aufstehen will.

 

Barbara Pachl-Eberhart

 

Wer mich da auf der Bühne stehen sieht, erkennt, dass ich offenbar einen Grund gefunden habe, um dem Leben wieder die Hand zu reichen. Und er erfährt: Ich habe nicht nur einen Grund gefunden, sondern recht viele. Und wer mir weiter zuhört, der weiß bald, dass das Leben meine Hand angenommen hat. Und mich weiterführte, als ich es mir je hätte erträumen können.

 

Hoffnung. Das ist es, was ich durch meine Geschichte vermittle. So sagen es die, die sich für das öffnen, was ich erzähle. Mein Dasein nährt Hoffnung: dass eine schlechte Zeit nicht das Ende sein muss. Dass etwas in uns tatsächlich stärker, zäher, kräftiger ist als alles, was uns den Mut rauben will. Dass das Leben im besten Sinne unberechenbar ist. Wunder nicht ausgeschlossen. Die Talfahrt ist nie so gerade und steil, wie man es sich vorstellt, bevor …

 

„Sie hat es geschafft.“ Das sagen manche über mich. Und deuten das als Grund zur Hoffnung: dass man, dass ein Mensch ganz schön viel schaffen kann. Am besten, indem man lernt, wie es geht: das Aufstehen, das Weiterleben, das Wachsen und Reifen.

 

Kann ich sagen, gar lehren, wie es geht? Ich selbst habe es nicht gern, wenn das Wort „schaffen“ fällt. Es klingt nach Leistung, nach Klimmzug, nach Ziel und Hurra. Das entspricht nicht dem, was ich seit dem Tod meiner Familie erlebt habe. Ja, vielleicht habe ich dieses und jenes errungen. Natürlich bin ich stolz auf das, was ich geschrieben, erdacht und aufgebaut habe. Aber wesentlich ist das alles nicht. Es ist nicht das, woraus ich heute, im Jetzt, das uns derzeit umgibt, meine wirkliche Hoffnung schöpfe.

 

Was habe ich im Jahr 2008 zu hoffen gelernt? Was nehme ich mit aus meinem Früher, das mir das Heute erhellt und meine Schritte leicht macht, wenn sie in Richtung Morgen gehen?

Nun, darüber rede ich auf den Bühnen, stundenlang. Und doch weiß ich, dass es im Nachhall ein paar wenige Worte sind, die in den Köpfen und Herzen der Menschen bleiben. Diese paar Worte, diese Ideen will ich hier mit Ihnen teilen.

 

Die erste Idee: Es gibt keine Autobahn. Es gibt, was das Leben betrifft, keine Abfahrt, die wir verpassen könnten. Das Leben ist anders als jede Gerade. Wir können in jedem Moment die Spur, die Richtung, die Gangart wechseln. Immer wieder. Deshalb gibt es auch kein Scheitern. Sondern nur ein „oh, aha, da bin ich gerade gelandet.“ Vielleicht in einem Schlagloch. Vielleicht im Dreck. Und dann? Dann kommt der nächste Schritt. Einer, der meistens gut weiß, wohin er jetzt will. Auf ihn darf ich hoffen.

 

Der zweite Gedanke: Es gibt Zeiten, da ist Glück nicht die Kategorie, um die es geht. Es kann erleichternd sein, den Druck, immer glücklich sein zu müssen, abzulegen. Als ich trauerte, wusste ich, dass ich jetzt eine ganze Weile nicht glücklich sein konnte. Ich hatte keinen Stress damit, es zu versuchen. Vielleicht erlebte ich gerade deshalb damals so viele Momente des kleinen, überraschenden Glücks. Was ich noch erleben durfte, war: Ich darf immer noch Mensch sein, wenn ich nicht ständig grinse. Ich bin meinen Freunden auch wertvoll, wenn ich ernst bin und still.

 

Wie möchte ich leben, abseits des Strebens nach dauerndem Glück? Das war eine Frage, die mich lange begleitet hat und auf die ich, gerade in der tiefen Trauerzeit, viele Antworten fand. Ich möchte anderen helfen, im Kleinen, wo es sich gerade ergibt. Ich möchte danken, wenn man mir hilft. Ich möchte mich ausdrücken, in Worten, in Kunst. Ich möchte Pläne schmieden und probieren, was geht. Ich möchte das Weiche meiner Daunendecke spüren und die Kühle der Nacht. Ich möchte wach bleiben und hören, welcher Ruf des Lebens gerade an mich ergeht. Und wenn da gerade kein Ruf ist, möchte ich warten, in Frieden, und die Nachbarn freundlich grüßen. Das alles kann ich, egal, ob ich glücklich bin oder nicht. Das alles kann ich auch jetzt. Jederzeit.

 

Die dritte Idee kam damals, 2008, von meiner Freundin. Ich erzählte ihr von ein paar Fettnäpfchen, in die andere Freunde – und auch ich – getappt waren. „Was Deiner Familie passiert ist, ist so was von falsch“, sagte sie. „Wie vermessen wäre es von Dir und Euch, jetzt alles ganz richtig machen zu wollen?“ Das erleichterte mich ungemein.

 

Als Pfadfinderkind lernte ich den Gruß der Wichtel: „So gut ich kann“. Der Rest ist, bis heute, Vertrauen. Er kann gar nichts anderes als Vertrauen sein. Nur wenn ich vertraue, gelingt mir mein „so gut ich kann“. Vertrauen ist die Bedingung, nicht der Lohn. Meine Hoffnung sucht nicht nach Futter im Außen. Sie ist meine Gabe ans Leben. Eine Gabe, die mich selbst, während ich sie schenke, am kräftigsten speist. 

 

Ich hoffe. Nicht auf etwas Bestimmtes. Ich lebe aus, in und wegen der Hoffnung: dass mein „so gut ich kann“ zu dem führt, was sich durch mich, im Leben, auf Erden erfüllen will. Sie ist mein Lebensquell, gespeist aus dem Wunsch, selbst Quelle der Hoffnung zu sein.

 

Früher, das kann ich sagen, habe ich nicht so geredet. Jedenfalls nicht vor 2008. Da war ich noch der Meinung, dass ich alles schaffen kann – und selbst schuld bin, wenn es nicht so läuft wie ich wollte. Deshalb bin ich, ganz ehrlich, gar nicht so sicher, ob früher wirklich alles besser war.

Oder ob nicht gerade das Heute der richtigste aller Zeitpunkte ist. Wie sehen Sie das? Den Rest besprechen wir dann am besten bei einem Glas Wein. Oder Pago. Freuen Sie sich auch so sehr darauf wie ich? 

 

Zur Website von Barbara Pachl-Eberhart

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