Monday 10. May 2021

Die Bibel, ein Kinderspiel?!

Ein Mut machendes Interview mit Josef Danner

Josef, du bist heuer im Frühling zu uns ins Bibelwerk gekommen, weil du ein biblisches Jungscharlager zum Thema „Wunder Jesu“ machen wolltest. Wie ist es überhaupt zur Idee eines biblischen Sommerlagers für Kinder gekommen?

Bei uns hat es eine länger-jährige Tradition. Über eine Freundschaft von evangelischen und katholischen Kindern hat sich das herausgebildet; mit ihren Eltern, die zum Teil auch jetzt noch in diesem Jungscharlagerteam dabei sind, haben sie ein Jungscharlager geformt. Und mir scheint, in dieser evangelischen Kirche wird sehr klar auf das Wort Bedacht genommen. Früher haben sie thematische „Koffer“ mit Materialien, Methoden usw. verwendet. Für letztes Jahr haben wir keinen gefunden – da war dann das Thema „König David“. Und ich war sehr beeindruckt (Anm.: Josefs erstes Jungscharlager in Ebelsberg). Heuer haben wir gesagt, wir machen wieder ein biblisches Thema, und mir war es wichtig, dass einmal das Neue Testament in den Fokus kommt. Ich habe mich dann beraten mit Franz Kogler, mit der Anfrage: „Jesus im Wunderland“ (Anm.: das war dann auch das Motto des Jungscharlagers), und da habe ich ganz klar die Aussage bekommen: Schaut, dass Jesus nicht in einen Wunderwuzzi-Glauben hineinrutscht. Er hat mir dann den Tipp gegeben: Kees de Kort-Bibel, die ich selber sehr gern mag. Die bildhafte und schriftliche Darstellung ist sehr ansprechend, sehr einfach und sehr treu der Grundaussage. Und aus dem heraus hat er mir dann auch noch den Impuls gegeben: Fangt mit dem Engel an!

Mit welchem Engel?

Mit dem Engel am Grab. Der Engel am Grab sagt: Was sucht ihr Jesus hier, was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Geht’s nach Galiläa, dort, wo alles angefangen hat! Ich hab es so übersetzt: Geht dorthin, wo ihr herkommt. Dort werdet ihr Jesus begegnen. Ich habe dann dem Team verschiedene Bibelstellen aus der Kees de Kort-Bibel angeboten, sie am Boden aufgelegt, und wir haben uns dann geeinigt, dass wir jeden Tag eine Perikope nehmen, wo sich gleich eine Gruppe dazu gebildet hat. So haben wir schnell ein rundes Programm für die Woche zusammengestellt. Wir haben dann wieder mit dem Engel am Grab aufgehört.

Wie ist es euch im Sommer damit gegangen? Wie haben es die Kinder aufgenommen, die ja meistens wahrscheinlich daheim nicht so viel mit der Bibel zu tun haben?

Indem es das schon einige Jahre bei uns gibt, wissen die Kinder, was sie erwartet. Am Vormittag von halb zehn bis zwölf sind zweieinhalb Stunden im Fokus der Bibelarbeit gestanden. Am Nachmittag und Abend hatten wir buntes Programm. Den Tagesabschluss bildete eine durchgehende Erzählung („Nicht wie bei Räubers“) und ein Gebet. … Ja, wie ist’s uns gegangen? Am Vormittag recht gut! Die Kids sind drauf eingestiegen. Wir haben jeweils eine Erzählung gespielt. Dieses Erzählen ist ein wichtiges Element, es ist wenig vorgelesen worden, es wurde erzählt, und es war sehr nahe an diesen Formulierungen, Darstellungen von der Einheitsübersetzung …

Wer hat da erzählt? Warst das du? Waren das jugendliche oder erwachsene Lagerbegleiter?

Es waren immer zwei Leute für jeden Vormittag, für eine Perikope zuständig; meistens ein erfahrener Jungscharlagerbegleiter und ein junger dazu. Die Art und Weise des Spielens und Erzählens haben sie selber gewählt. Zum Teil nahmen sie Spielanregungen aus Internetseiten, um es zu vertiefen, oder kreative Bewegungssachen. Oder Spiele, wo sie in eine ähnliche Rolle schlüpfen, wo sie dann jemand anderen verbinden dürfen, z.B. der barmherzige Samariter: Ich darf jemanden verbinden. Und das hat sich dann durch den ganzen Tag gezogen – das war das Zauberhafte dabei.

Die Kinder haben es auch außerhalb des Programms übernommen?

Ich habe den Eindruck gehabt, dass diese Grundaussagen, diese Stimmung den ganzen Tag gefärbt haben, gerade beim barmherzigen Samariter. Die Kids haben gewusst: So, jetzt sollten wir einfach mal den Schwächeren helfen.

Wie waren deine Erfahrungen bzw. die deiner jugendlichen Begleiter?

Ich habe den Prozess, wie die Jugendlichen und die Erwachsenen auf die Bibelstellen zugegangen sind, wie sie es erarbeitet haben, nicht mitbekommen, aber von evangelischer Seite her ist da ganz viel an Vorprägung da, wie sie damit umgehen. Sie waren alle recht kompetent vorbereitet beim Lager.

Für mich war es herausfordernd, wie bei der Perikope vom verlorenen Sohn, vom barmherzigen Vater auf die Frage: Was hat der Sohn verkehrt gemacht?, die platte Antwort gekommen ist: Er hat den Vater verlassen. Da sag ich: Da tu ich mir schwer. Aber ich war in dieser Situation einfach nicht firm genug, dass ich eingestiegen wäre. Heute würde ich sagen: Jeder von uns verlässt Vater – und Mutter –, wenn er studieren geht und sich an jemand Neuen bindet. Ich glaube auch nicht, dass Gott Vater böse ist, wenn man sich mal auf seine Wege begibt –

– weil jeder Mensch im Laufe seines Lebens diese Erfahrung macht, dass man eine Zeit hat oder eine Phase, wo man sich von Gott abwendet.

Ja, ich glaube, das sind einfach notwendige, bereichernde Erfahrungen. – Ich habe für mich Bilanz gezogen: Was bringt’s, wenn ich jetzt eine große Diskussion entfache? Wegen der fünf Prozent fange ich jetzt nichts Großes an. Weil einfach so viel Gutes dabei war.

 

 

Kannst du ein biblisches Highlight vom Lager mit uns teilen?

Zwei, drei Dinge. Das eine ist der Samariter: Wir haben eine Bühne im Stadel aufgebaut, ein wirklich guter Raum zum Spielen. Der Samariter geht mit seinem Esel, und hinter einer Stehleiter, die als Berg verkleidet war, sind Räuber hervorgekommen und haben diesen Samariter verprügelt. Diese Betroffenheit, die auch die Kinder miterlebt haben … und dann gehen zwei Menschen vorbei und dann kommt jemand und hilft – nach der sehr großen Betroffenheit wurde veranschaulicht, was es bewirkt, wenn jemand hilft.

Ein zweites: Wir haben einen Gelähmten hereingetragen, und es war ein riesen Tumult im Haus, das Vorbeitragen von dem Gelähmten war absolut Nebensache.

Das hat gar nicht so viel Aufmerksamkeit erregt?

Dann haben wir einen Tischtennistisch und dann noch einen Tisch darauf gestellt, und wir haben ihn raufgehievt und mit einem Seil von oben hinuntergelassen, mitten in diese Menschenmenge hinein – auf einmal war das mitten im Zentrum. Das hat einen Zauber gehabt, das einmal veranschaulicht zu sehen: Und auf einmal ist das im Zentrum des Geschehens und die Leute öffnen sich in ihrem raumhaften Versammeln auf einmal in einen Kreis – und ein neues Thema ist da. Das war sehr, sehr spannend, dieses bibliodramatische Darstellen zu erleben.

 

 

Und ein drittes, eine dritte Erfahrung …?

Das war die Passionsgeschichte, die auch über ihre Etappen sehr gut gelungen ist, wie sie erzählt worden ist. Sie war recht gut nachvollziehbar in ihrer Nüchternheit, in ihrer Brutalität, und dann auch das Grab und dann der Engel. Mir war es beim Planen wichtig, diese Stellen à la Ignatius von Loyola, der die Exerzitien auch entlang des Evangeliums auffädelt, diese Woche aufzufädeln, damit vielleicht diese Dynamik entsteht, diese Dynamik des Lebens und Verwandelns und Auferstehens.

Werdet ihr nächstes Jahr dieses Lagerkonzept wieder wiederholen? Kannst du auch anderen Pfarren empfehlen es auszuprobieren?

Ja. Ich komme von einer anderen Pfarre, da haben wir – Ich muss ehrlich sagen, ich hab ein Stück weit Scheu gehabt, dort Bibel in den Mund zu nehmen oder sie irgendwie ins Spiel zu bringen, weil es eine kritische Menge von Begleitern braucht, die das mittragen. Und wenn diese kritische Menge einfach ins Fließen kommt, kann man – glaub ich – ganz schnell die Kinder mit reinführen. Es braucht eine gute Einführung. Ich bin schwer beeindruckt und ich muss sagen, ich lerne da ganz viel in dieser Kooperation (mit der evangelischen Kirche). Ich habe den Eindruck, die Bibel jemanden nahezubringen, ist eine Chance, die wir uns nicht leichtfertig entgehen lassen sollen, weil wir uns schämen oder uns nicht drübertrauen. Aber: Wer, wenn nicht wir, die kirchlichen Jugendarbeiter? Ich empfehle sehr, darüber nachzudenken. Es gibt Konzepte, die Koffer, die zum Teil theologisch sehr zu hinterfragen sind, weil manche Aussagen einfach zu platt oder in einer alten Theologie sind, die wieder neu aufgekocht wird. Da muss man genau hinschauen, damit man auch vertreten kann, was man tut. Diese Konzepte, die ich mit der Pfarre quasi neu entwickelt habe, die kann ich gerne empfehlen, weil sie gut funktioniert haben. Und es braucht natürlich jedes Mal ein neues Einarbeiten, Beziehung zu diesen Perikopen zu bekommen, die wirklich das ganze Leben abbilden: Todschlag und Gier und Eifersucht und Betrug.

Das heißt, man muss sich auch Themen aussetzen – hinschauen und nicht wegschauen?!

Ja, genau. Es oberflächlich zu machen, geht nicht; man muss wirklich eintauchen. Ich habe letztes Jahr die Geschichte von David und Batseba gehabt, und ich habe mich gefragt: Traue ich mir, den Jugendlichen und den Kindern das zu, die selber in Scheidungsgeschichten usw. drinnenstehen? Ich bin sie dann wirklich durchgegangen, auch diese Parabel mit dem Schaf (Anm.: 2 Sam 12,1–25), und es war äußerst dramatisch, aber es hat uns durchgeführt. Das ist auch das Spannende gewesen: Diese Texte haben die Dynamik: Man wird durchgeführt. Wenn man wirklich zweieinhalb Stunden rund um einen Text arbeitet.

 

 

Aber da bist du auch als Begleiter bzw. in der Leitung von diesem Lager herausgefordert …

Ja, sowohl als auch. Als Begleiter, der man eine kurze Sequenz plant und durchführt, und als Leiter, es auszuhalten, wie die unterschiedlichen Zugänge sind. Da ist es gut, die Neugierde sich offenzuhalten, mit Liebe hinzuschauen: Was haben sie verstanden, was ist ihres?, um es nicht vorschnell abzuwürgen. Das hat alles seine Gültigkeit.

Um es sich besser vorstellen zu können: Die Darstellungen der Bibeltexte wurden mit Gewändern inszeniert, und zwar sehr einfach genähten Gewändern, die wir von der evangelischen Johanneskirche (Linz-Süd) ausgeborgt haben – um zum Ausdruck zu bringen: Die Leute, die da spielen, schlüpfen in Rollen rein. Das hilft dann sehr. Es ist wirklich ein großer Schatz, den ich da kennenlernen darf!

Was ist dir jetzt in den letzten Jahren besonders wichtig geworden bei dieser „Vermittlung“ der biblischen Botschaft? Wie können wir die biblische Botschaft auch den kommenden Generationen weitergeben? Wie gehst du an dieses Thema heran?

Der kürzlich verstorbene Priester Alfred Habichler hat in meinem Praktikumsjahr in Garsten zu mir gesagt: „Josef, du kannst theologisch denken!“ Das hat mich ermutigt, meinem Zugang zur Bibel und zur Theologie zu trauen. Das war eine große Ermutigung, ein Benennen von dem, was ich ein bisschen in mir erkannt habe; wenn dir das ein Erwachsener sagt, ist das was Großes. – Jugendlichen und Kindern zutrauen, sie können theologisch denken, etwas vortragen, vorspielen, bearbeiten. Grundsätzlich einmal den Leuten zutrauen, sie können sich mit der Bibel auseinandersetzen. Das ist eine oft tragische Scheu: Die Bibel sei ja nur etwas für „G‘studierte“. Also es ihnen zutrauen, es aushalten, wenn Interpretationen daherkommen, die man so nicht unterschreiben kann. Da kann man dann auch diskutieren, aber in einer Form der Auseinandersetzung, die ein Lernen ist. Da geht es nicht so sehr um „Mache ich es richtig?“, sondern „Wie viel Liebe stecke ich in das, was ich tue?“. Wie viel Liebe stecken die Jugendlichen rein? Wenn sie draufkommen: Hoppala, da ist noch ein Schritt zu planen, dann ist das ein wunderbarer Lerneffekt, der nie zu spät ist. Also einfach es den Jugendlichen zutrauen, wirklich von Herzen her zutrauen, und mitgehen. Und wenn man das Gefühl hat, da braucht es jetzt noch etwas, das einfach behutsam und respektvoll dazulegen. Und es ist eben ein Wagnis!

 

Josef Danner mit dem Bibelvers zum Tag

 

Gibt’s jetzt noch irgendwas, worüber wir noch nicht gesprochen haben, was du vielleicht noch ergänzen willst?

Es ist eine Möglichkeit, auf einem Jungscharlager das zu machen. Manche können sich das gar nicht vorstellen, und da würde ich jetzt auch nicht diese Traditionen über den Haufen werfen, wo im sozialen Lernen ganz viel drinnen ist.

Die Kinder, die haben das wenigste Problem, wenn man selber als Team dahintersteht. Das muss gelingen, dass ein Team dahintersteht, dass es will.

Ich sehe es als Chance und es hat mich wirklich zum Staunen gebracht, dass solche Erfahrungen am Lager Platz haben. Es bereichert irrsinnig. Ich hoffe, ich habe neugierig machen können auf eine solche Erfahrung.

Danke für das Interview!                    

Bitte. Danke für die Einladung!

 

Josef Danner ist Pastoralassistent in Linz-Ebelsberg.

Das Interview führte Rainer Haudum, Referent im Bibelwerk Linz.

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