Freitag 24. November 2017

Abgestempelt!

 

Nicht wollen?

 

Nicht können!

 

 

In einer Kampagne ruft die Wirtschaftskammer Unternehmen mit den Worten "Bitte melden SIE uns Arbeitsunwillige" auf, jene Menschen, die sich um einen Job bewerben (müssen), ihn aber "scheinbar" nicht wollen, namentlich bekanntzugeben.

Es geht dabei nicht darum, das Matching zu verbessern – also die Abstimmung von Stellenausschreibung und Qualifikation – sondern darum, scheinbar „Arbeitsunwillige“ zu erfassen und zu sanktionieren.

 

Die genauen Kriterien der Arbeitsunwilligkeit werden nicht näher erläutert. Die Wirtschaftskammer vertraut hier auf das „ Gefühl“ der Personalisten. „Dieser Bewerber will nicht wirklich, der ist nur gekommen, um den Stempel abzuholen - den melde ich.“ wird sich so manch genervter Personalverantwortliche nach einem erfolglosen Bewerbungsgespräch denken. In der Folge wird den Genannten als Sanktion dann das Arbeitslosengeld für mindestens vier Wochen gestrichen und der Druck auf sie dadurch massiv erhöht.

Dieses Vorgehen ist der Grund, sich mit dem abwertenden Begriff der „Arbeitsunwilligkeit“ genauer auseinanderzusetzen. Es stellt sich die Frage: Warum bewirbt sich jemand um einen Arbeitsplatz, den er oder sie nicht haben will? Die Antwort darauf kann im Grunde nur sein, man ist dazu gezwungen. Tut man es nicht, ist mit Sanktionen zu rechnen, also der Sperre des Arbeitslosengeldes oder der Notstandshilfe. Die BewerberInnen sind aber darauf als ihren Lebensunterhalt angewiesen, denn sonst würden sie sich nicht die Schmach antun, sich zumindest den Stempel zur Bestätigung der Bewerbung abholen zu wollen. Wird ein Mangel am Wollen ersichtlich, liegen die Ursachen in der Regel tiefer.

 

Menschlich betrachtet

 

Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten, den eigenen Fähigkeiten entsprechend, tätig zu sein und gebraucht zu werden. Jede Mutter, jeder Vater wünscht sich für sein Kind, dass es mit seinen angeborenen und erworbenen Kompetenzen und Wissen einen Platz in der Welt findet und so sein Leben sinnvoll gestaltet. Ein Anspruch, den die derzeitige Erwerbsarbeitswelt oft nicht erfüllen kann. Die Diskussion um „Arbeitswilligkeit“ ist vielmehr eine Diskussion um „ArbeitsPLATZwilligkeit“, bei der die Anforderungen an die Beschäftigten genauer betrachtet werden sollten. Meistens sind die Sparten mit Personaljammer genau jene mit den schlechteren Bedingungen für potentielle ArbeitnehmerInnen. Wochenend- und Abenddienste oder niedrige Entlohnung trotz hohem Stresspegel sind z.B. in der Gastronomie als Selbstverständlichkeit zu akzeptieren, lange Anfahrtszeiten oder fehlende öffentliche Verkehrsmittel machen die Sache nicht einfacher.

 

Nicht wollen - Nicht können?

 

Manchmal ist ein „Nicht wollen“ ein „Nicht wollen können“ also ein „Nicht können“. Die physischen und psychischen Erwartungen der Betriebe an die ArbeitnehmerInnen sind oftmals überfordernd. Natürlich hätte man lieber keinen Bandscheibenvorfall Ende 30 gehabt und natürlich wäre es besser, nach drei Jahren in Österreich schon perfektes Deutsch zu sprechen oder die Depression aufgrund der Scheidung nach 20 Jahren Ehe einfach zu unterdrücken. Doch dies ist nicht möglich, denn hinter jedem Menschen steht eine Biographie. Viele Menschen machen aufgrund ihrer Lebensgeschichte, ihrer gesundheitlichen Einschränkungen, ihrer fehlenden Ausbildung die Erfahrung, dass sie in der Arbeitswelt keinen Platz finden können. Immer wieder heißt es: „Wir haben uns für eine/n anderen entschieden.“ Meistens kommt überhaupt keine Rückmeldung auf die mühsam verfasste Bewerbung. Nach wie vielen erfolglosen Versuchen darf ein Mensch resignieren? Nach 100? Nach 500? Lange Zeit erfolgloser Arbeitssuche zermürbt und bricht den Menschen. Irgendwann überwiegt das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Die mühsam bekämpfte Resignation siegt und geht in Stagnation über. „Mich braucht keiner mehr – dann will ich nicht mehr“, so das Fazit. „Bevor ich noch einmal hören muss, dass mich keiner will, gebe ICH zu verstehen, dass ich nicht mehr will.“ Der letzte verzweifelte Versuch, Haltung zu bewahren, die Situation nicht ganz aus der Hand zu geben oder die Selbstachtung aufrechtzuerhalten.

 

Furcht vor Entwürdigung

 

Es ist viel verlangt, wenn ein Mensch, der 30 Jahre lang in einem Betrieb tätig war und aufgrund des Konkurses seinen Arbeitsplatz verloren hat, nun als Küchenhilfe für die Hälfte des bisherigen Lohnes arbeiten muss. Es ist eine irrsinnige Überwindung für die junge Alleinerzieherin, die täglich ihre Psychopharmaka schluckt, tagsüber die gutgelaunte, lebenslustige Kellnerin zu spielen. Manche Menschen schaffen es – manche schaffen es nicht oder trauen es sich von vornherein nicht zu.

Ablehnung hat oft mit Angst zu tun. Lehne ich einen Arbeitsplatz ab – oder vielmehr die Bedingungen eines Arbeitsplatzes – so steckt oftmals die Frucht dahinter, durch das Akzeptieren über die eigenen Grenzen gehen zu müssen oder die Würde zu verlieren. Die Furcht vor Entwürdigung lässt uns Situationen ablehnen, bevor wir sie genau kennen. Eine Ablehnung eines Arbeitsplatzes mit schwierigen oder einschränkenden Arbeitsbedingungen heißt eigentlich: „Ich will als Mensch gesehen werden, nicht bloß als Arbeitskraft.“ Statt des vermittelten Eindruckes, nicht arbeiten zu wollen, heißt dies: „Ich will SO nicht arbeiten!“

Ein Aufruf, Menschen als arbeitsunwillig abzustempeln, ohne diese und ihre Gründe genau zu kennen ist eigentlich ein Aufruf zur Unmenschlichkeit oder Entmenschlichung. Wie müssten in einer menschlichen Arbeitswelt Unternehmen, die dringend Arbeitskräfte suchen, BewerberInnen gegenübertreten? Mit Interesse, mit Offenheit und auch mit Verständnis für belastende Erfahrungen.

 

 

Lydia Seemayer, Christian Winkler

 

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