Samstag 15. Dezember 2018

Arbeitszeitverkürzung für mehr Freiheit und mehr Beschäftigung

Mit Arbeitszeitverkürzung der hohen Arbeitslosigkeit begegnen und dadurch mehr Beschäftigung zu erreichen, war der Grundtenor des Referats von Dr. Markus Marterbauer, Wirtschaftswissenschaftler der AK Wien, beim 123. Sozialstammtisch am 14. Jänner 2016 im Cardjin-Haus. Kollektivvertraglich verankerte Methoden der Arbeitszeitverkürzung, wie zum Beispiel die Option einer zusätzlichen Urlaubswoche, führen nachweislich zu mehr Beschäftigung und gleichzeitig zu mehr Zufriedenheit der Beschäftigten.

Im Gespräch mit Dr. Markus Marterbauer
Begrüßung und einführende Worte
Blick ins Publikum
Pausengespräche
Büchertisch
Dr. Markus Marterbauer, Christian Winkler
Arbeitszeitverkürzung führt sichtlich zu mehr Zufriedenheit

 

Arbeitszeitverkürzung in Zeiten der Krise

In den Jahren der Wirtschaftskrise nach 2009 griffen viele Unternehmen zum Mittel der Kurzarbeit, um möglichst alle Beschäftigten zu halten. Das Mittel wirkte, Beschäftigungsverluste im großen Ausmaß konnten vermieden werden. Es zeigte sich aber auch, dass etwa die Hälfte der Beschäftigten bei der Rückstellung auf Vollzeit gerne bei der Kurzarbeit geblieben wäre. Hier wurden Chancen versäumt, so Marterbauer. Anstatt alle Beschäftigten wieder in die Vollzeit-Beschäftigung zu drängen, hätte man flexibler reagieren können. Die Krise hat gezeigt, dass sich die Menschen an kürzere Arbeitszeiten gewöhnen und den Mehrwert der gewonnenen Freizeit zu schätzen wissen. Denn genau das ist es, was die Menschen durch die verschiedenen Methoden der Arbeitszeitverkürzung gewinnen: mehr Freizeit, mehr Lebenszufriedenheit, mehr Freiheit.

 

Die Freizeitoption

Es braucht ein Umdenken in den Köpfen der Menschen, um Arbeitszeitverkürzung als positive Maßnahme für den Einzelnen und die Gesellschaft zu verankern. Marterbauer sieht hier vor allem die jüngere Generation im Vormarsch. So zeigte sich, dass in Betrieben, in denen die Freizeitoption kollektivvertraglich verankert ist, dies vor allem von 30-40Jährigen in Anspruch genommen wird. Erwartet worden war, dass den Lohnerhöhungsverzicht zugunsten der zusätzlichen Freizeit vor allem ältere Beschäftige in Anspruch nehmen würden. Tatsächlich ist es so, dass gerade die Gruppe der Jüngeren das Mehr an Freizeit schätzen, bzw. auch brauchen. Generell zeigt sich eine 12,5%ige Inanspruchnahme der Freizeitoption quer über alle Beschäftigungs – und Gehaltsgruppen hinweg. Es ist also ein Erfolgsprojekt der Gewerkschaft, es gibt faktische keine Kollektivvertragsverhandlungen mehr ohne den Aspekt der Freizeitoption. Nach Marterbauer gibt es noch einigen Spielraum bei den Kollektivverträgen der Industrie, es ist aber auch notwendig, in den öffentlichen Sektor weiterzudenken, wobei hier die Zahl der Beschäftigten als Verhandlungsbestandteil festzusetzen ist.

 

Weiterdenken

Die Freizeitoption ist nicht die einzige Methode der Arbeitszeitverkürzung, es gilt auch, neue Karenzmodelle zu entwickeln und diese in den Betrieben positiv zu verankern. Die Bildungskarenz könnte ausgebaut werden. Auch die Debatte um die 6. Urlaubswoche sollte verstärkt geführt werden, so Marterbauer. Die Ausbildungspflicht, im Wesentlichen eine Arbeitszeitverkürzung für Jüngere, könnte man auf 20 – 24-Jährige ausweiten. Der Abbau der durchschnittlich im Jahr geleisteten 270 Millionen Überstunden in Österreich würde natürlich auch sein Scherflein beitragen.

 

Weniger Arbeitszeit – mehr Beschäftigte

Über 500.000 Arbeitslose haben wir derzeit in Österreich, ca. 50.000 davon in Oberösterreich, Tendenz steigend. Es ist dringend notwendig, in den nächsten Jahren verschiedenste Methoden zur Bekämpfung der zunehmenden Arbeitslosigkeit durchzusetzen.   Arbeitszeitverkürzung ist eine davon. Eine vielversprechende, denn eine 10%ige Arbeitszeitverkürzung würde zu 3-7% Zusatzbeschäftigung führen und real um ungefähr 50.000 Arbeitsplätze die Arbeitslosigkeit verringern, so Marterbauer. Doch um zu einem wirklichen Umdenken im Bereich der Erwerbsarbeitszeit zu kommen, fordert er immer wieder auf, unsere Werte zu überdenken. Was ist uns als Gesellschaft wichtig, wie wollen wir leben, welche Möglichkeiten denken wir? Die jüngere Generation lebt es vor, sie reagiert auf alte, starre Strukturen mit häufigen Jobwechseln und wagt oftmals den Balanceakt mit befristeten Verträgen und unsicheren Arbeitsverhältnissen zugunsten der Freiheit, die sie sich davon verspricht. Natürlich auch gezwungenermaßen, denn die Arbeitswelt verändert sich und gerade im unterem Einkommensbereich ist die Zunahme von Teilzeitbeschäftigung und prekären Arbeitsverhältnissen groß. Die Veränderungen der Arbeitswelt nicht nur registrieren und hinnehmen, sondern gestalten und bewusst beeinflussen ist in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit für die Gewerkschaften eine große Herausforderung, denkbar schlecht ist die Verhandlungsposition. Dr. Markus Marterbauer lässt jedoch ein Pflänzchen der Hoffnung wachsen, wenn nicht gar eine ganze Blumenwiese, wie er es sich abschließend wünscht. Mit seiner spannenden Analyse und der hochprofessionellen Beantwortung der Publikumsfragen lädt er ein zum Mitgestalten einer Welt, in der ein gutes Leben für Alle möglich ist.

 

Präsentation von Markus Marterbauer - zum Download (pdf)

 

 

Zwei Buchempfehlungen:

  • Zahlen bitte! Die Kosten der Krise tragen wir alle. Dr. Markus Marterbauer; Deuticke Verlag, Wien 2011, Gebunden, 256 Seiten, EUR 17,90
  • AUSWEGE 002, Egon Christian Leitner (Hrsg.): Vom Helfen und vom Wohlergehen oder Wie die Politik neu und besser erfunden werden kann. Gespräche mit Markus Marterbauer, Fritz Orter und Werner Vogt, ca. 780 Seiten, EUR 32,50

(LS)

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