Saturday 8. May 2021

Arbeitslosigkeit ist eine enorme psychische Belastung

„Arbeitslosigkeit ist wie Folter“, so beschreibt ein junger Mann die Gefühlslage zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Resignation, in der sich viele arbeitslose Menschen befinden.

Die Corona-Krise betrifft in Oberösterreich zahlreiche ArbeitnehmerInnen durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit. Gut, dass die Zahlen schon zurückgegangen sind und neue Unterstützungen von Land und AMS gestartet werden. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist jedoch sehr stark gestiegen. Diese Situation erleben die Menschen als emotional sehr belastend. „Arbeitslosigkeit ist wie Folter“, so beschreibt ein junger Mann die Gefühlslage zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Resignation, in der sich viele arbeitslose Menschen befinden. Christian Winkler, Geschäftsführer der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung: „Die psychischen Folgen bei jenen, die einmal langzeitarbeitslos waren, wirkten jahrelang nach und sind neben den Einkommensverlusten wie ein Knick in der psychischen Gesundheit, das bestätigen unsere Erfahrungen und auch Studienergebnisse.“


„Auf die Sorgen und Ängste dieser Menschen wollen wir im Vorfeld zum Tag der Arbeitslosen am 30. April unser Augenmerk richten. Wie es Menschen in der Zeit ihrer Arbeitssuche geht, was sie alles durchmachen müssen, darüber wollen wir berichten“, so Christian Winkler. „Auch die Pfarren in Oberösterreich laden wir mit dem Angebot zur Zusammenarbeit ein, den Blick auf die Situation arbeitsloser Menschen zu richten.“


„Die Arbeitslosigkeit auf ein unvermeidbares Ausmaß (friktionell oder saisonal) zu reduzieren, soll das Ziel sein, und möglichst alle Arbeitssuchenden sollen Zugang zu einem passenden Arbeitsplatz haben, damit sie eigenständig ihre Existenz sichern können“, meint Christian Winkler.


Die Arbeitslosenstiftung betreut Jugendliche bei der Berufsorientierung und bei der Arbeitssuche, beschäftigt Erwachsene mittels Arbeitskräfteüberlassung und fördert Unterstützungseinrichtungen. Nachfolgend drei konkrete Berichte von arbeitssuchenden Menschen, die ihren Weg zu einem neuen Arbeitsplatz schildern. Aktuell arbeitslose Menschen trauen sich nur sehr selten, in ihrer so unsicheren Situation an die Öffentlichkeit zu treten.

 

 

Ich bin ein „Stehaufmanderl“, sagt Frau Annemarie E.
Annemarie E.* ist 49 Jahre, ihr Lebenslauf zeigt über 30 verschiedene Stationen.
„Körperlich anstrengende Arbeit stecke ich leichter weg als die psychischen Probleme, wenn ich keine Arbeit habe“, sagt Annemarie E. Sie war schon viele Male arbeitslos. Aber immer nur kurze Zeit. Kaum hatte Frau E. einen Job verloren, suchte sie sich den nächsten. Das funktionierte ganz gut, bis die Coronakrise kam und viele Menschen ihre Arbeit und ihre Perspektiven verloren. Über 30 Bewerbungen schickte sie an verschiedenste Firmen. Nur fünf Rückmeldungen bekam sie, leider Absagen. „Das ist sehr enttäuschend, diese Zeit war eine große Belastung für mich. Wenn ich an die Zeit denke, in der ich arbeitslos war, merke ich, dass sie viele Spuren hinterlassen hat, zum Beispiel Resignation aufgrund der vielen Absagen. Ich war entmutigt, Selbstzweifel begannen und ich suchte die Fehler bei mir.“ Über eine Freundin bekam sie den Tipp, dass ein Lebensmittelgeschäft MitarbeiterInnen sucht. Annemarie hat die Stelle bekommen und freut sich jetzt auf die KundInnen, KollegInnen und auf jeden neuen Tag. „Heute weiß ich, dass ich auch etwas wert bin, und das mit all meinen Unzulänglichkeiten,“ sagt Frau Annemarie E.

 

Zuerst die kleinen und dann die großen Schritte
Yamama A.* 19 Jahre, kam 2015 von Syrien nach Österreich und lebt mit ihrer Familie in Linz.
Seit 2017 hat die junge Frau die Arbeitsberechtigung. „Es ist ein steiniger Weg“, sagt Yamama. Die neue ungewohnte Kultur, die Vorurteile gegenüber geflüchteten Menschen, besonders gegenüber Frauen, die ein Kopftuch tragen, erlebt sie als große Belastung. 
Yamama wollte in ihrer Heimat Pharmazie studieren. Davon ist sie in Österreich weit entfernt. Hier hat sie den Polytechnischen Lehrgang besucht, Deutschkurse absolviert und Prüfungen bis B1 abgelegt. Sie war in einer Produktionsschule und danach drei Monate im Einzelhandel, dort musste sie wieder gehen, sie war sehr enttäuscht. Im Jugendprojekt JU-CAN schickte sie Bewerbungen an 30 verschiedene Firmen im Handel. Außer einigen Absagen bekam Yamama keine Rückmeldungen. Eine Firma fragte nach, ob sie immer das Kopftuch trage. Danach hat sich niemand mehr gemeldet. Nach Monaten der Ungewissheit bekam Yamama nun doch die Chance auf eine Lehrstelle im Einzelhandel. Sie hofft, dass sie den Arbeitsanforderungen gerecht wird und genug Kraft aufbringen kann. Und irgendwann will sie in der Pharmazie arbeiten, so wie ihre Großmutter.

 

Arbeitslos macht sprachlos, sagt Erika W.
Erika W.* ist 59 Jahre, jahrzehntelang hat sie bei einer Firma hart gearbeitet, bis diese in Konkurs ging.
„Ich bin immer arbeiten gegangen. Nie war ich arbeitslos und dann muss ich beim AMS vorstellig werden. Ich habe mich so geschämt, wie ich dort hingegangen bin“, erzählt sie. Viele arbeitslose Menschen suchen die Schuld bei sich selber. Jedoch ist Arbeitslosigkeit ein gesellschaftliches Problem. Denn es stimmt nicht, wenn gesagt wird, dass alle einen Job finden, wenn sie arbeiten wollen. Auf einen Arbeitsplatz kommen aktuell 12 arbeitslose Menschen. Frau W. versteckte sich vor den Nachbarn und vor ihren Freundinnen. Alleine ihre Familie bestärkte sie jeden Tag, damit sie nicht vor Selbstzweifeln ihre berufliche Perspektive aufgab. Ganz schlimm waren Arztbesuche für Frau W. Immer wenn sie bei der Anmeldung stand, sagte die Assistentin so laut, dass es alle hören konnten: „Ah, sie sind Arbeitslosengeldbezieherin!“ Diese beschämende Situation machte sie sprachlos, sie konnte sich nicht wehren und ging nicht mehr zum Arzt. Über die Aktion 20.000 fand sie nach langer Suche eine neue Stelle. Dort fühlte sie sich wieder gebraucht, sah wieder einen Sinn in ihrem Leben und bekam durch das positive Feedback ihrer Chefin wieder Lebensmut. 

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

 

 

 

 

 

 

 

Christian Winkler, Geschäftsführer der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung

 

 

 

Download Gottesdienstbehelf zum Tag der Arbeitslosen

Download Begleitbrief an die Pfarren


 


 

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