Tuesday 2. March 2021

Arbeitslosigkeit KONKRET

Frau Winter* berichtet von ihrer Zeit in der Arbeitslosigkeit. Ein Erfahrungsbericht.

 

"Arbeitslosigkeit macht sprachlos!"


Arbeitslose FrauIch habe mein ganzes Leben lang hart gearbeitet. Mit 15 Jahren begann ich in einer Möbelpackfirma und  arbeitete dort bis zu meinem 56. Lebensjahr. Dann musst meine Firma aufgrund von Umstrukturierungen zusperren und ich war arbeitslos. Es war eine harte Arbeit. Meine Arbeitskollegen haben mich manchmal ausgelacht, weil ich als Frau diese Arbeit mache. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Mit 30 Jahren bekam ich meine Tochter. Ich bin heute so stolz auf meine Tochter, weil sie eine gute Arbeit hat.

 

Nutzlos, minderwertig und aussortiert

Das erste Mal in meinem Leben war ich arbeitslos, das erste Mal in meinem Leben musste ich zum AMS gehen. Ich habe mich so geschämt, wie ich dort hingegangen bin und habe mir gedacht, jetzt gehörst du auch zu denen dazu, die keine Arbeit haben und von der Gesellschaft schief angeschaut werden. Es war eine ganz schlimme Zeit für mich. Ich, die immer arbeiten gegangen ist, war jetzt arbeitslos. Ich kam mir so nutzlos, so minderwertig, so blöd und aussortiert vor. Ich war so frustriert, weil ich nicht selber eine neue Arbeit fand. Durch meinen früheren Job kannte ich viele Leute. Wenn sie mich auf der Straße trafen, fragten sie mich gleich: „Arbeiten Sie nicht mehr in der Firma? Sind Sie schon in Pension?“ Meine Nachbarn wussten, wann ich in der Früh zur Arbeit ging und am Abend heimkam. Die haben mich auch angesprochen, dass sie mich nicht mehr zur gewohnten Uhrzeit aus dem Haus gehen sehen. Ich musste mir immer irgendwelche Ausreden suchen und schauen, dass ich irgendwie aus dem Gespräch rauskomme. Ich wollte niemandem sagen, dass ich arbeitslos bin. Dafür habe ich mich zu sehr geschämt. Ich habe auch ihre Blicke wahrgenommen und wie sie hinter meinem Rücken sagten: „Die hat keine Arbeit. Aber wenn die arbeiten möchte, dann würde sie bestimmt eine Arbeitsstelle finden.“

 

„Ah so, sie sind Arbeitslosengeldbezieherin!“

Finanziell hatte ich in der Zeit nicht so große Probleme. Ich bin ein Sparmeisterin und habe immer sehr billig gekocht. Wenn ich ein hartes Brot daheim hatte, ging ich nächsten Tag ein Schlagobers und einen Sauerrahm einkaufen und machte mir eine Rahmsuppe. Was mir schon ein wenig weh tat war, dass ich mit meinen Freundinnen nicht mehr so oft ins Kaffeehaus gehen konnte. Aber die wussten ja, dass ich arbeitslos war und haben mich dann immer wieder mal auf ein Frühstück eingeladen. Das hat mich sehr gefreut. Dafür lade ich sie jetzt ab und zu im Kaffeehaus ein, um ihnen das wieder zurückzugeben. Das ist auch ein gutes Gefühl für mich. Meine Mutter hingegen war froh, dass ich arbeitslos war. Denn so hatte ich viel Zeit für sie und besuchte sie jeden Tag. Das war auch für mich gut. Ansonsten hätte es Tage gegeben, da wäre ich nicht aus dem Bett gekommen. Ich putzte zu Hause nur mehr, wenn ich Besuch von meiner Tochter bekam. Aber ich hatte ja keinen Grund mehr aufzuräumen, und jeden Tag dachte ich mir, morgen ist auch noch ein Tag, wo ich putzen kann. Ich habe total meinen Tagesrhythmus verloren. Ich saß bis in die Nacht hinein vor meinem Fernseher. Das hat mich abgelenkt von meinen traurigen Gedanken und den Selbstvorwürfen. Ganz schlimm waren Arztbesuche für mich. Immer wenn ich bei der Anmeldung stand, sagt die Assistentin so laut, dass es alle hören konnten: „Ah so, sie sind Arbeitslosengeldbezieherin!“ Ich war sprachlos, konnte mich nicht wehren und ging dann nicht mehr zum Arzt. Ich habe mich so geschämt. 

 

Ich hatte keinen Lebenslauf und keine Bewerbung
Mein erster AMS-Betreuer war sehr nett zu mir und hat mir viele gute Tipps gegeben. Nach einem halben Jahr bekam ich eine neue AMS-Betreuerin. Ich musste mindestens 5 Bewerbungen in der Woche auf dem Computer schreiben. Aber meinem Leben habe ich noch nie eine Bewerbung geschrieben, auch keinen Lebenslauf und ich hatte auch keine Ahnung, wie man mit einem Computer arbeitet. Das AMS hat mich zu einer Firma geschickt, die ein Bewerbungsfoto von mir machten und für mich den Lebenslauf und die Bewerbungen schrieben. Das war mir schon sehr peinlich, dass ich das nicht selber schaffte.

 

Schaffte die Arbeit nicht mehr körperlich

Ich versuchte selber eine Arbeit zu finden und hatte Glück. Ich begann im Verkauf bei einer Tankstelle. Den ganzen Tag musste ich nur Waren schleppen und in die Tiefkühlung einschlichten. Nach einem Monat kündigte ich, weil ich die Arbeit körperlich nicht mehr schaffte, und dann war ich wieder arbeitslos. Anschließend bekam ich eine Stelle als Verkäuferin bei einem Erdbeerverkaufsstand. Die Arbeit machte mir sehr viel Spaß und lernte viele nette Leute kennen.

 

Stelle über die Aktion 20.000

Doch leider war die Arbeit auf 4 Monate beschränkt und ich musste schweren Herzens wieder zum AMS gehen, um mich arbeitslos zu melden. Meine neue AMS-Betreuerin war wieder sehr nett. Sie sah, wie schlecht es mir ging und bot mir einen Platz in einem Projekt für arbeitslose Menschen an. Es war mir wirklich egal, wo ich arbeite. Ich wollte nur eine gute Stelle bekommen.

So kam ich damals über die Aktion 20.000 in ein Projekt, wo ich im Verkauf arbeitete. Ich war so froh über diesen Arbeitsplatz. Ich wurde gebraucht, ich bekam gute Rückmeldungen von meiner Chefin. Ich hatte wieder einen Tagesrythmus. Ich hatte viel zu tun und die Arbeit war sehr abwechslungsreich. Leider war das Jahr schnell vorbei und die Aktion 20.000 ist ausgelaufen. Ich stand wieder ein Jahr lang ohne Arbeit auf der Straße. Doch dann hat mich meine letzte Chefin angerufen und fragte, ob ich in den Verkauf zurückmöchte. Ich sagte natürlich sofort ja! So bin ich jetzt noch bis Ende Mai 2021 in diesem Projekt, helfe mit die Projekträumlichkeiten umzusiedeln und freue mich auch schon auf meine Pension. Denn dann ist es ja legal, dass ich keiner Arbeit mehr nachgehe. Sorgen bereitet mir nur die Höhe meiner Pension. Ich habe jetzt meinen Pensionsbescheid bekommen. Da die letzten 15 Jahre für die Berechnung hergenommen werden und meine Arbeitslosigkeit in diese Zeit gefallen ist, bekomme ich dadurch um einiges weniger an Geld. Das kann sich finanziell nicht ausgehen. Ich weiß noch nicht, wie ich das schaffen werde! 

 

Das Interview führte Barbara Mitterndorfer-Ehrenfellner.

*) Name und Foto von der Redaktion geändert

 

 

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