Dienstag 11. Dezember 2018

Erntedankpredigt: Taste, fühle, begreife

Predigtvorschlag zum Erntedankfest 2018, Lesejahr B,

von Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger, Linz

 

Lesung: Apg 2,43b-46
Lesung aus der Apostelgeschichte


Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen.
44 Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam.
45 Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.
46 Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot
und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens.
47 Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk.
Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.


Evangelium: Mk 6,34-44
Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
34 Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen;
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Und er lehrte sie lange.
35 Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät.
36 Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können!
37 Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen!
Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen zu essen geben?
38 Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach!
Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische.
39 Dann befahl er ihnen, sie sollten sich in Mahlgemeinschaften im grünen Gras lagern.
40 Und sie ließen sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig nieder.
41 Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis,
brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.
Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen.
42 Und alle aßen und wurden satt.

43 Und sie hoben Brocken auf, zwölf Körbe voll, und Reste von den Fischen.
44 Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten.


Predigt:


Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder,


kleine Kinder essen leidenschaftlich gerne mit den Fingern. Wenn es sich um halbfeste Lebensmittel wie Brot handelt, formen sie daraus Figuren und kneten die weiche Masse intensiv durch. Und wenn es um zähflüssige, klebrige Lebensmittel geht wie Marmelade, Brei oder Kuchenteig, dann verschmieren sie diese mit Freude im ganzen Gesicht. Ist das alles nur kindliches Unverständnis? Tun Kinder das nur, weil sie noch nicht „sachgerecht“ mit Speisen umgehen können? Fehlt ihnen schlichtweg die entsprechende Motorik?

 

1) Die Lust, Essen und fühlen

Klar, größere Kinder und Erwachsene haben gelernt, die verschiedenen Esswerkzeuge fachgerecht zu bedienen: Messer, Gabel und Löffel. Das ermöglicht es ihnen, die Speisen sauber zu verzehren. Es verringert die Lebensmittelverluste, weil die Nahrung nicht an Händen und Gesicht kleben bleibt. Und es erlaubt den Verzehr richtig heißer Speisen, bei deren Berührung wir uns die Finger verbrennen würden. Daher betrachten wir das Essen mit Besteck als Zeichen unserer Kultur und als Ausweis einer „guten Kinderstube“. Wir fühlen uns den Menschen im „finsteren Mittelalter“ meilenweit überlegen, die zum Essen bestenfalls einen Löffel hatten, die meisten Speisen aber mit den bloßen Händen
griffen. Und nur für wenige Speisen erachten wir es als statthaft, sie beim Verzehr in die Hände zu nehmen: Für bestimmte Sorten Obst zum Beispiel oder für Geflügel.


Wir übersehen aber, dass die Kinder das Formen und Verschmieren von Nahrung mit großer Lust vollziehen. Nicht Langeweile oder Unwissen bewegen sie dazu, sondern die erkennbare Lust, das Essen zu ertasten und seine Berührung auszukosten. Insofern genießen Kinder das Essen mehr als Erwachsene, denn der Tastsinn rückt beim kultivierten Essen mit Besteck fast völlig in den Hintergrund. Nur noch der Mund ertastet die Nahrung und spürt, ob sie weich ist oder hart, zäh oder knackig. Während die anderen vier Sinne bei einem gepflegten Mahl voll auf ihre Kosten kommen, wird der Tastsinn weitgehend ausgeschaltet. Das ist ein nicht zu unterschätzender Verlust. Und er wiegt
umso schwerer, als das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Berührungslosigkeit ist. Sensoren nehmen uns die Berührung von Gegenständen ab, in den alltäglichen Beziehungen herrschen distanzierte Umgangsformen vor, Körperberührungen unterliegen schnell dem Verdacht der Übergriffigkeit. So paradox es klingt, aber bald berühren wir überhaupt nur noch Touch Screens.


2) Die Lust, das Brot zu brechen
Das Evangelium vermittelt uns von Jesus ein dezidiert anderes Bild. Er berührt alles und alle, und seine Berührungen heilen. Er ergreift eine Hand, umarmt ein Kind, legt die Hand auf den Kopf einer Kranken. Und er lässt sich berühren, auch von Menschen, die nach dem jüdischen Gesetz als unrein gelten. Jesus ist ein „kontaktfreudiger“ Mensch im wörtlichen Sinn, ein „berührungsfreudiger“ Mensch, und das tut den Menschen in seiner Nähe und ihm selber sehr gut.


Auch einen Großteil seiner Nahrung hat Jesus wie alle Menschen seiner Zeit mit den Händen gegriffen und zum Mund geführt. In besonderer Weise hat dies offensichtlich für das Brot gegolten. Das Brechen des Brotes, von dem wir im Evangelium gehört haben, vollzieht Jesus offensichtlich so einmalig, dass ihn die Emmausjünger am Osterabend genau daran erkennen (Lk 24,31). Nicht am Klang seiner Stimme. Nicht an seinem Gang. Sondern an seiner Art, das Brot zu brechen. Das ist Er,  unverwechselbar und einzigartig.


Brot brechen ist ein Tun mit den Händen. Wer Brot bricht, spürt seine Oberfläche, seine Struktur, seine Feuchtigkeit, seine Festigkeit. Ein feines Weißbrot fühlt sich anders an als ein grobes Vollkornbrot. Ein hartes Knäckebrot bricht, ein weicher Brotfladen reißt. Die jesuanische Praxis des Brotbrechens ist ein Feuerwerk an Eindrücken für den Tastsinn. Und die gebrochenen Stücke wandern weiter durch die Hände der austeilenden Jünger in die Hände der hungrigen Menschen. Von Hand zu Hand wandert das Brot, als „handgreifliche Speise“, wird berührt und erspürt. Diese Berührung ist sehr lustvoll – sie weckt Vorfreude auf den Verzehr, denn was gibt es Köstlicheres als ein gutes Brot! Auch hier also, im Umgang mit den Lebensmitteln, ist Jesus kontaktfreudig. Und jene, die Angst vor einer falschen Berührung von Speisen haben, nämlich die Pharisäer, kritisiert er heftig (Mk 7,1-23).


3) Die „handgreifliche Speise“ Brot
Liebe Schwestern und Brüder, auch in unserer so berührungsarmen Mahlkultur der modernen Industriegesellschaften gehört das Brot zu den Speisen, die mit den Händen angegriffen werden dürfen. Nur in vornehmen Hotels wird es mit einer Zange aus dem Korb genommen. Doch die spirituelle Chance, die uns damit eröffnet wird, nutzen wir viel zu wenig. Heute an Erntedank lade ich Sie ein, das Brot bei Ihrer nächsten Mahlzeit einmal mit geschlossenen Augen zu betasten. Spüren Sie, wie wundervoll diese Berührung ist! Und tun Sie das ruhig immer wieder. Sie werden sehen, es wird Ihren Genuss des Essens und Trinkens intensivieren. Und wer intensiv genießt, wird dankbarer für das, was er genießt. Er ahnt tiefer die Kostbarkeit der Nahrung.


Gerne können Sie das Berühren der Nahrung auch an anderen Lebensmitteln mit geschlossenen Augen ausprobieren. Vor allem aber lade ich Sie ein, jenes Brot so aufmerksam zu empfangen, das wir hier im Gottesdienst brechen und das wir Gott sei Dank seit dem II. Vatikanischen Konzil wieder wie zu Jesu Zeiten in der Hand empfangen. Die Handfläche ist eine der drei tastempfindlichsten Zonen unseres Körpers. Nur die Fußsohlen und die Gesichtshaut sind ähnlich sensibel für Berührungen. Wenn wir die Eucharistie auf unserer Handfläche entgegennehmen, dann berührt uns Jesus an einer der empfindsamsten Stellen unseres Körpers. Er rührt uns an mit seiner überfließenden Zärtlichkeit, mit seiner leidenschaftlichen Fürsorge und mit seiner grenzenlosen Hingabe. Er berührt uns so wie damals die Kranken, die Ausgegrenzten und die Kinder. Schließen Sie die Augen, wenn Ihnen das eucharistische Brot auf die Hand gelegt wird! Nehmen Sie es mit größter Ehrfurcht und Dankbarkeit entgegen! Und genießen Sie lustvoll diese atemberaubende leibhaftige Nähe Gottes!


Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, ihr Kinder zeigt uns am unverstelltesten, wie lustvoll es ist, eine Berührung der Lebensmittel zu erleben und zu genießen. Ihr macht uns deutlich, was wir Erwachsenen verlieren, wenn wir uns allzu enge Tischsitten auferlegen. Und dann wundern wir uns, dass wir die Lebensmittel, die der Schöpfer wachsen lässt, nicht mehr wertschätzen. Wer mit allen Sinnen wirklich genussvoll isst und trinkt, kann gar nicht anders als dankbar sein. Er wird innehalten und dem danken, der ihm so Köstliches geschenkt hat.


Liedvorschlag:
GL 468 Gott gab uns Atem


Gebet zur Segnung der Erntegaben oder auch an einer anderen Stelle des Gottesdienstes:
Gott, unser Vater,
du sorgst für deine Geschöpfe.
Menschen, Tieren und Pflanzen schenkst du Nahrung und Lebensraum im Überfluss.
Diese Nahrung dürfen wir mit allen Sinnen genießen, sie tasten, fühlen und begreifen.
Wir danken dir für die Ernte des Jahres
in ihrer unendlichen Vielfalt und ihrem unerschöpflichen Reichtum.
Nähre und stärke uns mit dem, was auf Wiesen und Feldern, Almen und Bergen
und in Gärten und Weinbergen gewachsen ist.
Lass uns allezeit dankbar sein vor dir, unserem Schöpfer.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

 

 

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