Sonntag 24. Juni 2018

Die Seligpreisungen und Martyrium Johann Grubers

Predigtvorschlag zum Allerheiligenfest 1. 11.2017, Lesejahr A

Evangelium: Mt 5,1-12a

 

Autor: Dr. Christoph Freudenthaler, PH der Diözese Linz

Liebe Pfarrgemeinde!

Zu Allerheiligen und zu Allerseelen denken wir an unsere Verstorbenen, wir erinnern uns an die Heiligen unserer Kirche, wir erinnern uns aber auch an Menschen, die ein heiligmäßiges Leben führten, die sich von Gott berühren ließen und in deren Leben die Seligpreisungen, die wir im heutigen Evangelium gehört haben, in ganz besonderer Weise spürbar werden.
 

„Selig, die um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werden, denn Ihnen gehört das Himmelreich …“. Ist diese Botschaft noch aktuell? Wo werden wir Christen und Christinnen in Österreich aufgrund unseres Glaubens verfolgt und verleumdet? Gibt es heute noch Vorbilder, an denen wir uns im Sinne der Seligpreisungen orientieren können?

Ich möchte Ihnen heute von einem solch heiligmäßigen Leben im Sinne der Seligpreisungen erzählen, von einem Oberösterreicher, von dem Priester und Pädagogen Dr. Johann Gruber, der 1944 im KZ Gusen grausam zu Tode kam und nach dem Krieg in unserer Diözese vorerst vollkommen in Vergessenheit geriet.
 

Wer war dieser Johann Gruber oder „Papa Gruber“, wie er von seinen Mithäftlingen in Gusen bezeichnet wurde, was zeichnete sein „heiligmäßiges“ Leben aus?

Johann Gruber wurde 1889 in Grieskirchen geboren. Schon mit 11 Jahren verlor er innerhalb eines halben Jahres Vater und Mutter. Der Pfarrer nahm sich seiner an und so kam er in das Knabenseminar Petrinum nach Linz. Er maturierte mit Auszeichnung und wurde 1913 im Linzer Dom zum Priester geweiht.
 

Gruber war ein leidenschaftlicher Seelsorger und ein begnadeter Pädagoge. Der damalige Bischof Gföllner erkannte sein pädagogisches Talent und schickte ihn für die Lehrerausbildung nach Wien. Dort wurde er mit den fortschrittlichen Ideen der Pädagogik konfrontiert, mit neuen Unterrichtsformen, mit dem für damalige Verhältnisse bahnbrechenden Konzept der gemeinsamen Erziehung von Buben und Mädchen. Sein Studium in Wien schloss er 1923 mit dem Doktorat der Philosophie ab.
 

Zurückgekommen nach Linz wollte Gruber all diese fortschrittlichen Ideen in die Praxis umsetzen. Er war Lehrer mit Leib und Seele. Ehemalige Schüler/-innen erzählten von seinem spannenden und fesselnden Unterricht. Gruber war blitzgescheit, sprach italienisch, französisch und englisch. 1933 wurde er Direktor der Linzer Blindenanstalt unter der wirtschaftlichen Leitung der Linzer Kreuzschwestern. Gruber rührte um, er setzte sich für die Blinden ein und führte sofort entsprechende Reformen ein. Er öffnete die Tür zwischen Buben- und Mädchentrakt. Er pflegte ein nahes Verhältnis zu seinen Schüler/-innen, begleitete die Blinden Arm in Arm in die Stadt, um sie zu führen. Er spielte mit den Jugendlichen Fußball und setzte sich für eine bessere Ernährung der Kinder ein. All diese Aktivitäten führten zu schweren Konflikten mit den kirchlichen Stellen, etwa mit dem bischöflichen Ordinariat oder den Linzer Kreuzschwestern, die mit dem offenen Erziehungsstil Grubers, insbesondere mit der Öffnung des Buben- und Mädchentraktes nichts anfangen konnten.
 

Gruber war ein kritischer Zeitgenosse: er stand dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber und war gegen den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Am 10. Mai 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet und 1939 wegen Aufwiegelung gegen den Staat und eines angeblichen Sittlichkeitsdelikts verurteilt. Nach einem Aufenthalt in der Strafanstalt Garsten kam er ins KZ Dachau und wurde schließlich 1940 ins KZ Gusen überstellt.

Mit seiner gewitzten Bauernschläue verstand es Gruber im KZ die SS-Leute zu bestechen, Suppe für die besonders geschwächten Mithäftlinge zu organisieren. Er baute eine heimliche Lagerschule auf und rettete vielen Häftlingen das Leben. Am 4. April 1944 flog das Hilfswerk Grubers auf, er wurde in den Bunker von Gusen gesteckt und starb nach tagelanger Folter am Karfreitag, den 7. April 1944, an den Folgen seines Martyriums.

Nach der Befreiung schrieb ein Mithäftling über Johann Gruber: „Er war der Christus in der Hölle.“ Ein anderer Überlebender berichtete: „Ein Mithäftling erhielt die Kommunion aus der Hand des Priesters. Ich zeigte ihm, dass ich auch danach Verlangen hatte, denn die Kommunion war meine Hoffnung. Er schaute mich lange und sehr lieb an: `In deinem Zustand, in diesem Moment, ist die Suppe wichtiger als die Hostie. Eure Hostie, meine Kinder, es ist eine Rübensuppe´.“ Über diesen Satz sprach er nach seiner Befreiung aus dem KZ mit einem befreundeten Prälaten, der gesagt hätte: „Das war ein Heiliger“.
 

Allerheiligen - Was zeichnet das heiligmäßige Leben Johann Grubers aus und wie können wir es mit unserer Zeit und mit unserem Leben in Berührung bringen?

Gruber war ein unbequemer Zeitgenosse, er eckte an. Er verweigerte sich der weit verbreiteten Stimmung seiner Zeit und setzte sich gegen das Unrechtssystem der Naziherrschaft von Beginn an zur Wehr. Wir können uns ein Beispiel nehmen an seiner Zivilcourage und seiner schlauen Aufmüpfigkeit, mit denen er gegen ein gottloses, barbarisches Herrschaftssystem Widerstand leistete.
 

Auch heute ist es für uns Christen und Christinnen so wichtig, wach und kritisch zu sein, uns zu engagieren, einer Stimmung zu widerstehen, in der Menschen auch hier bei uns in ihrer Gottesebenbildlichkeit, in ihrer Würde nicht wahrgenommen werden. Denken sie etwa an die Flüchtlinge, an die Ausländer/innen ... Jeder Einzelne von uns ist aufgerufen – so wie Papa Gruber hellwach zu sein, wenn es um das Wohl der Menschen und das Wohl unserer Erde geht. „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.“
 

Es gibt so viele Möglichkeiten am Wohl unserer Erde mitzuarbeiten: ob das ein Engagement in einem Verein ist, am Arbeitsplatz, in der Pfarre, in der Jugend- oder der Altenarbeit … Johann Gruber weist uns den Weg, dort, wo wir stehen, uns tatkräftig für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzusetzen.
 

Faszinierend an Johann Gruber ist seine Glaubenshaltung, von der wir lernen können: Gruber war ein kritischer Zeitgeist, er wird aber auch als gütiger, lebensfroher Mensch beschrieben. Man kann wohl sagen, er hatte das Herz am richtigen Fleck: Ein Mithäftling erzählt von der Herzenswärme, mit der sich „Papa Gruber“ um die Gefängnisinsassen gekümmert hat, wenn er schreibt: „An dem Tag, an dem Papa Gruber mich gefunden hatte, hatte ich nur noch wenige Stunden zu leben. Ich litt schrecklichen Hunger und fror im Fieber. Papa Gruber brachte gekochten Erdäpfelbrei. Er hatte Tränen in den Augen. … Er fütterte die Häftlinge mit einer mütterlichen Geduld, besonders die Kranken, die nicht mehr essen wollten und den Tod wie eine Erlösung erwarteten.“
 

Diese Haltung der Güte und Fürsorge kann ansteckend sein bis in unsere heutige Zeit: sie hat viele Gesichter: die Pflege von Angehörigen, die Sorge und Liebe zu unseren eigenen Kindern, unseren Enkeln, der Besuch von Alten und Kranken, die Unterstützung von Asylwerber/-innen.

Sie sind unter uns, die „Alltagsheiligen“, die guten Seelen, die aus ihren Glauben heraus handeln. Ganz nahe von uns und in uns gibt es diese lebendige Seite des Glaubens, wenn wir wach, engagiert, gütig und fürsorglich sind. „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen, selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden …“.
 

Das Martyrium Johann Grubers und die vielen Alltagsheiligen unserer Zeit weisen uns den Weg der Seligpreisungen. Auf diesem Lebensweg wird uns am heutigen Allerheiligentag verheißen „Freut euch und jubelt, eurer Lohn im Himmel wird groß sein“ Amen!

 

Gottesdiensttexte aus dem Pfarrleben von St. Georgen an der Gusen

Fürbitten:

Jesus Christus, du hast den Priester und Pädagogen Dr. Johann Gruber berufen und ihn mit deinem Wort erfüllt. Seine Menschlichkeit war von deinem Geist geprägt. Im Gedenken an ihn beten wir zu dir:

  • Es gibt Situationen mitten im Alltag, mitten im Leben, wo wir gefragt sind - als Alltagsheilige. Schenke uns eine Haltung der Güte und der Fürsorge, damit sich Menschen in unserer Gegenwart wohl und geborgen fühlen.
  • Schenke uns einen kritischen Geist und stärke uns, durch unser konkretes persönliches Engagement am Wohl unserer Erde, unserer Gesellschaft und unserer Pfarre mitzuwirken.
  • Sei bei denen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und lass uns wachsam sein, wenn in unserer Gesellschaft Parolen des Rassismus und der Verhetzung verbreitet werden.
  • Schärfe unsere Augen und Ohren, öffne unsere Hände, weite unsere Herzen, sodass wir hilfreich wirken können, wo wir gebraucht werden.

Gütiger Gott, du kennst das Leid und die Not der Menschen. Heile und vollende Du, was wir nicht leisten können. Darum bitten wir Dich durch Jesus Christus jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Gabengebet:

Gütiger Gott, wir bringen diese Gaben - Brot und Wein – dar im Gedenken an den ermordeten „Papa Gruber“, der in Zeiten größter Not und Bedrängnis den Menschen Nahrung und Hoffnung gebracht hat. Wandle unsere Herzen, um in der Verbundenheit mit dir füreinander zum Brot des Lebens zu werden. Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, der lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen.

Schlussgebet:

Gott des Lebens und der Liebe, du hast den Priester und Pädagogen Dr. Johann Gruber berufen und ihn mit deinem Wort erfüllt. Sein Tun und Handeln war von deinem Geist geprägt. Du hast ihm die Kraft gegeben, sich inmitten eines menschenverachtenden Systems bis in den Tod durch Nächstenliebe, Güte und Fürsorge für andere einzusetzen. „Papa Gruber“ hat in Zeiten größter Not und Bedrängnis den Menschen Nahrung, Hoffnung und Wärme gebracht. Halte im Gedenken an „Papa Gruber“ eine mahnende Erinnerung in uns wach, damit sich diese Unmenschlichkeiten nicht wiederholen. Stärke die kritische Unterscheidung der Geister in uns und überall dort, wo das Gute gefährdet ist. Hilf uns einzutreten für Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde durch Christus, unseren Herrn. Amen.

(Gruber Gebet des Papa Gruber Kreises von St. Georgen an der Gusen)

Liedvorschläge:

  • Meine engen Grenzen, Gotteslob 437
  • Von guten Mächten wunderbar geborgen, Gotteslob 897
  • Meine Zeit steht in deinen Händen, Gotteslob 907
  • Da wohnt ein Sehnen tief in uns, Gotteslob 909

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INTERESSE wird vom Sozialreferat der Diözese Linz herausgegeben. Die gedruckte Ausgabe von INTERESSE erscheint vier Mal im Jahr und kann beim Sozialreferat der Diözese Linz [sozialreferat@dioezese-linz.at] abonniert werden.

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