Sunday 20. September 2020
Pfarre Vorchdorf

Kopfstand

... ein Impuls, nicht nur zum Fest "Maria Himmelfahrt" ... eine Gedanken-Übung, nicht nur für den Sommer ...

Können Sie noch einen Kopfstand machen? Ich hab es lange nicht probiert – zu gefährlich scheint mir dieses Unterfangen. Die Botschaft unseres Glaubens aber, vor allem wenn wir auf die Person Mariens blicken, zeigt, dass Gott nicht unbedingt immer klar logisch kalkuliert und agiert, sondern manchmal Herz über Kopf. So wie das ja beim Kopfstand ist. Der bekannte deutsche Kinderbuchautor Janosch hat eine Kolumne in der Wochenzeitung „Die Zeit“, wo er kluge Fragen beantwortet. Eine lautet: Wie heilt man sich selbst? Seine Antwort: „Kopfstand. Alles wird umgekehrt und oben wird unten und kaputt wird voll gut.“
Vielleicht hat sich das Gott auch gedacht, als er ein einfaches Mädchen zur Mutter seines Sohnes erwählt hat oder als Jesus die Kinder als jene gepriesen hat, die im Reich Gottes vorne dabei sind oder als einfache Fischer und nicht Religionsführer oder Schriftgelehrte die Botschaft von der Auferstehung in die ganze Welt getragen haben.
Dass solche Geschehnisse die übliche Weltordnung auf den Kopf stellen, umkehren, das ist einsichtig. Auch im Magnificat – im Lobgesang Mariens – ist davon die Rede, dass ER die Mächtigen vom Thron stürzt und die Herrschaftsverhältnisse umkrempelt. Wenn Gott an Maria und so vielen anderen Menschen, die ihr Leben mit ihm gelebt haben, aufzeigt, dass er andere Maßstäbe anlegt, als die jeweilige Gesellschaft es tut, dann heißt das auch für uns als Christen heute, dass wir den Kopfstand durchaus üben sollen. Vielleicht nicht unbedingt gleich die Turnübung, aber zumindest immer wieder mal die Gedanken-übung … was, wenn ich dieses oder jenes von der anderen Seite betrachte. Wenn ich mir überlege, dass der Nachbar der mich nervt, von Gott geschickt ist. Wenn ich mir mal überlege, warum ich liebenswert bin und dabei nicht auf mein TUN blicke – also dass ich liebenswert bin, weil ich anderen helfe oder so – sondern auf mein SEIN – wenn ich mir bewusst mache, dass ich ich bin und dass das in Gottes Augen genügt. Denn er sieht mich anders. Er sieht in meinen Schwächen die Chance und sieht da, wo ich manchmal rot sehe und mich ärgere immer noch einen Weg. Solche Gedankenübungen sind heilsam. Und wir alle bedürfen der Heilung In jedem Leben – das zeigt uns Maria – sind da mitunter durchaus große Fragezeichen und Herausforderungen. Bei ihr die Schwangerschaft als lediges Mädchen, ihr rebellischer Sohn der sie abweist, der Weg an seiner Seite ans Kreuz … und was sind unsere Wunden, die uns das Leben zugefügt hat? Aber genau im Wissen um unsere schwachen Seiten, um alles was da im je eigenen Leben auch verkehrt gelaufen ist, geschieht Heilung. Wagen wir immer neu einen Kopfstand. Lassen wir zu, dass sich auch unser Leben verändern darf. Mitunter kann es sein, dass wir Angst davor haben, weil wir wissen, dass ich da auch ganz schon fallen kann. Aber Maria zeigt vor, dass man sich auch auf Ungewisses einlassen muss und vertrauen muss. Kopfstand. Kaputt wird voll gut, sagt Janosch. Manchmal stehen wir Kopf, manchmal fallen wir, immer aber dürfen wir wissen, dass Gott uns auffängt. So wie er Maria getragen und letztlich aufgenommen hat, was wir in diesen Tagen feiern. Eine der Namensbedeutungen von Maria ist „die Geliebte“. Wenn wir wissen, dass auch wir in diese Liebe Gottes hinein genommen sind, dann mag manches Kopf stehen. Aber wir werden heil, weil es so sein darf, dass wir den Blickwinkel ändern. Die Gefahr beim körperlichen Kopfstand ist, dass zu viel Blut in den Kopf kommt, auch wenn manche Yogalehrer das positiv sehen, weil das angeblich das Gehirn anregt. Beim göttlichen Kopfstand, bei Gottes Umkehrhaltung, die er uns lernen will, besteht nicht so sehr die Gefahr, dass uns schwindlig wird vom Kreislauf her, aber mitunter schwindlig vor Glück, denn Herz über Kopf ist diese Haltung. Da geht es dann mehr ums Lieben, als ums Denken. Maria, die Geliebte, war Liebende. ER möchte uns auch zu Liebenden machen. Also vielleicht üben wir nicht unbedingt heute die Yogaübung, aber mitunter lassen wir immer wieder mal zu, dass das Herz, die Liebe über dem Logischen und Alltäglichen steht.
Das ist es, was ich von Maria lerne … und den Kopfstand üb ich auch wieder mal, aber auf weichem Untergrund :-).

Gedanken von P. Franz.

Bild von Anant Sharma auf Pixabay.

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