Friday 5. June 2020
Pfarre Vorchdorf

"Wir hatten zur Ruhe aufgerufen"

Vor genau 75 Jahren waren bewegende Tage für unser Land. Wir haben zusammengestellt, was die Pfarrchronik über die letzten Kriegstage des Jahres 1945 berichtet.

Der damalige Pfarrer Dr. P. Rudolf Hundstorfer (1943-1945) schreibt unter anderem: "Es bleibt mir unvergesslich, wie die Leute die Änderung der Lage kaum fassen konnten." Unser "Pfarrchronist" Rudi Hüttner hat uns die entsprechenden Eintragungen des damaligen Pfarrers zugänglich gemacht. Diese Zeilen geben einen authentischen Überblick, wie die letzten Tage des "1000-jährigen Reiches" hier in Vorchdorf wahrgenommen wurden. Mich machen solche Schilderungen zugleich bertroffen, aber auch unendlich dankbar für das Geschenk des Friedens, das nun schon 75 Jahre währt. Beten wir weiter für unser Land - gerade in diesen Tagen.

 

31. März: Heute eine ganz geheime Sitzung des Pfarrkirchen-Rates samt meinen beiden Kooperatoren, von der keinerlei Notizen gemacht wurden. Es wurde für den äußersten Fall alles sorgfältig besprochen: Sicherung des Allerheiligsten und der heiligen Gefäße, Organisierung der Seelsorge und des Nachrichten-Dienstes, falls unsere Heimat Kriegsgebiet werden sollte. P. Philibert: das Gebiet der Lokalkaplanei Einsiedling; P. Heinrich: alles Pfarrgebiet auf dem rechten Almufer; P. Rudolf: Ort und alles übrige Gebiet am linken Almufer. Bei Familie Schmid, Hammingergut in Hörbach, Notaltar errichtet. Alles zur Zelebration der hl. Messe Nötige disloziert, Diese Sitzung wird niemand vergessen, der sie mitgemacht hat.

 

2. April: Die Kar- und Ostertage verliefen unter ungewöhnlich starker Beteiligung der Gläubigen. Es ist Ostermontag. Abends ca. 8 h kam ein Militär-Auto mit 8 Rote-Kreuz-Schwestern, die für einige Tage im „Blauen Saal“ (derzeit Betten-Magazin des LW. Lazaretts 3/XVII) provisorisch Unterkunft finden, da auch im Dorf schon das letzte Winkelchen bewohnt ist. Die Schwestern kamen aus einem Lazarett in der nächsten Nähe von Preßburg (Bratislava). Auch P. Heinrich bekam Flüchtlingsbesuch aus Wien: 17 Personen, von denen er 3 kannte; sie wurden vorläufig im Musikvereinssaal untergebracht, werden aber wohl in den Kreis Vöcklabruck weiterwandern müssen.

 

3. April: Die am Karsamstag (31.3.) begonnenen Schützenlöcher-Grabungen werden heute fortgesetzt. Man scheint also das Dorf verteidigen zu wollen.

 

5. April: Das Auto mit den 8 DRK-Schwestern ist nach Ischl weitergefahren. Gestern ½ 11 Uhr nachts von Wehr-Ertüchtigungs-Lager-Leuten das Lied „Hängt die Juden, stellt die Pfaffen an die Wand“ gesungen, nachdem einige Zeit Ruhe geherrscht hatte. Werden wir es noch oft hören müssen?... Der Grund für diese Beleidigung ist unersichtlich.

 

6. April: Um 10 h nachts kommen Tante und Großtante von P. Fidelis aus Wien hier an. Ich konnte sie nur im Speiszimmer für diese Nacht einquartieren; sie sind seit Montag auf der Flucht. Der Major queruliert weiter; er scheint nicht zu wissen, wieviel es geschlagen hat… - Nach 9 h abends hielt der Gauleiter August Eigruber über Radio Linz eine Ansprache, die darin gipfelte, dass der Gau „Oberdonau“ nicht geräumt, sondern bis aufs Äußerste wird verteidigt werden.

 

10 April: Anbetungstag trotz des schönen Wetters (und trotz der damit erhöhten Fliegergefahr) sehr gut besucht! – Nachmittags mit Dr. Pfaffenwimmer nach Kirchham; treffen im dortigen Pfarrhof Quartiermacher für zwei Wächter und etwa 200 Kriegsgefangene. Es sollen in der Gegend etwa 3000 Kriegsgefangene untergebracht werden. Der Ortsbauernführer Langleithner sagte mir, diese Maßnahme dauere nur einige Tage. – Fam. Norden kommt mit ihren Koffern in Grieskirchen nicht mehr weiter.

 

21. April: Schwerer Bomben-Angriff auf Attnang. – Bei schlechtem Gesundheitszustand an der Beichte in Einsiedling mitgeholfen. Wir arbeiten so gut wir können weiter.

 

22. April: Nach Berichten sind die Schäden in Attnang sehr groß, besonders hohe Menschenverluste im Bahnhofviertel. Schloss, Kirche und Kloster im nahen Puchheim scheinen verschont geblieben zu sein.

 

29. April: Sehr würdige Feier der Erstkommunion der Kinder. Aber der äußere Rahmen! Während des Gottesdienstes kriegsmäßige Übung der Wehrertüchtigungs-Lager Leute mit viel Lärm und Geschieße.

 

4. Mai: Gestern nachts eine Rede des Gauleiters; er sagte nur das einzig Mögliche nicht. Mittags wieder nach Vorchdorf zurück wegen der Verschärfung der Kriegslage. Mittags neuerliche Rede des Gauleiters: „Linz ist keine Festung – Verteidigung vor Linz – geschossen wird nur, wenn die Amerikaner schießen – Donaubrücken werden nicht gesprengt – Verstärkung der Ostfront: das war mein ganzes Bemühen.“
Trotzdem wird gemeldet, dass im benachbarten Wimsbach Maschinengewehre in Stellung gebracht werden. – Nach Rückkunft in Vorchdorf 5 Uhr abends Krankenbesuch im Lazarett, wo mir P. Heinrich meldete, dass bei Lindach schon die Amerikaner stünden. Darauf übertrug ich das Allerheiligste für die Nacht um 7 Uhr abends zu Familie C. Kitzmantel. Kurz vorher übernahm ich sieben Landdienstmädchen aus Niederösterreich von einem SS-Auto in die Tenne zum Nachtquartier. Sie waren zu meiner freudigen Überraschung durchwegs sehr anständig. Um Mitternacht hielt der Gauleiter seine letzte Radio-Ansprache über den Draht- u. Rundfunk Linz von Kirchdorf-Micheldorf aus, wie man später erfuhr, mit der Ankündigung, dass Linz in der Nacht geräumt werde. Wir drei Priester und Fam. C. Kitzmantel wechselten in der Nacht bei der Anbetung des Allerheiligsten ab.

 

5. Mai: Um 6 Uhr früh übertrug ich das Allerheiligste wieder in die Pfarrkirche; die Gottesdienste fanden in der vorgesehenen Weise statt. Vor 9 Uhr meldete man mir, dass die weißen Fahnen, welche auf Lazarett und Altersheim laut Anweisung des Gauleiters angebracht worden waren, verschwunden seien. Daraufhin schlüpfte ich durch unseren Gartenzaun zum Lazarett hinüber, wo mir Frau Stöffler und 2 Schwestern zuriefen, das Lazarett werde soeben von SS besetzt, ebenso das ganze Dorf und die Verteidigung sei in Vorbereitung. Darauf ging ich zum Mesner und trug das Allerheiligste neuerdings aus der Kirche. Um einer eventuellen Besetzung der Dorfbrücke durch SS auszuweichen, ging ich über Bergern, wo ich erst unter SS geriet, aber unbehelligt blieb, beim Schmiedweg über den Steg, am Bahnhof vorbei in die Mühle zu Messenbach (Familie Morawetz-Nößlinger) u. stellte dort das Hochwürdigste Gut im besten Zimmer ab. Die Familie wechselte mit mir ebenfalls in der Anbetung ab. Meinen Leuten hatte ich vor dem Weggang noch empfohlen, das Haus zu verlassen, da sich ohnehin in den nächsten Stunden das Schicksal von Vorchdorf entscheiden müsse.
Sehr bald nach meinem Weggang brachte die SS in Bergern ein Geschütz u. zwei Maschinengewehre in Stellung. Das Kommando wurde in das Haus des Bürgermeisters (Gütlbauerngut) gelegt, wie mir dessen Tochter Lini bereits eine Stunde später weinend erzählte. Inzwischen war ich auf Nachschau gegangen, traf vor der Brücke Camillo Kitzmantel u. Frau Würmer, die im Pfarrhof meldeten, dass ich nicht – wie ursprünglich beabsichtigt – zu Familie Schmid in Hörbach gegangen war, sondern in der Mühle zu Messenbach mich aufhielt. Etwa um 10 h vormittags war das erste amerikanische Auto in Vorchdorf eingerollt.
Als ich gegen 11 Uhr über den Platz ging, war die Entwaffnung des Militärs und der SS im vollen Gange. P. Heinrich berichtete mir, dass er mit Dr. Jaksche eine Rot-Kreuz-Station für Erste Hilfe im Speiszimmer errichtet hatte und dass alles secundum quid wohlauf sei. Es wehten auch bereits die ersten rot-weiß-roten Fahnen neben manchen weißen; eine Anzahl von Häusern hatte überhaupt noch nicht beflaggt. – Herr Jaroschik, der nebst dem Volkssturm-Kompanie-Kommandanten Lexl von der SS wegen Entfernung von Panzersperren am härtesten bedrängt und durch einen Schlag mit einer Maschinen-Pistole an der Hand verwundet war, kam in den Pfarrhof und wurde so gut als möglich betreut.
Gegen 12 Uhr ging ich nochmals in die Mühle und holte das Allerheiligste heim. Das Ärgste war gut vorübergegangen. Deo gratias!
Ununterbrochen rollten die amerikansichen Kriegsfahrzeuge durch: ihr Ziel war Steyr und überhaupt die Enns-Linie.
Als ich gegen Mittag in den Pfarrhof heimkam, war das Speiszimmer voll von Leuten. Außer meinen Mitbrüdern und Dr. Jaksche waren da: der Ortsgruppenleiter I. Engelhofer, der Bürgermeister Priellinger, zwei Unterkommandanten des „Volkssturmes“, Herr Jaroschik, der inzwischen den Besuch seiner Frau erhalten hatte und der christliche Arbeitervertreter Söllinger sind mir in Erinnerung. Alle harrten der nächsten Ereignisse. Zunächst kamen einige Franzosen, die ich höflich ersuchte, den Boden der katholischen Kirche zu achten und eventuelle Maßnahmen gegen den einen oder anderen der bei mir Anwesenden für den gerichtsordnungsmäßigen Weg aufzuschieben. Außerdem bat ich, dies auch der Besetzungsmacht mitzuteilen. Inzwischen hatten wir die österreichische Fahne ausgehängt – als 4. Haus des Ortes, wenn ich nicht irre. In diese Spannung hinein fiel das Mittagessen, zu dem niemand recht Lust hatte. Es war doch für die Nerven der meisten zuviel gewesen. Nach Tisch ging der Bürgermeister heim, dem ich ebenso wie dem Ortsgruppenleiter bestätigen konnte und vor der Abordnung der Franzosen, die für den Ersten Tag den Ordnungsdienst übernommen hatten, auch bestätigte, dass beide Funktionäre im Rahmen ihrer Dienstpflicht korrekt und menschlich vorgegangen seien. Den Ortsgruppenleiter, der eine kranke alte Mutter, seine Frau und drei kleine Kinder daheim hatte, behielt ich im Pfarrhof und hier auch über Nacht, damit eine eventuelle Verhaftung oder Gewaltakte sich nicht vor den Familien-Angehörigen vollziehen. Es passierte auch nichts im Hause; sondern am nächsten Tag wurde Engelhofer von der Straße weg von den Amerikanern mitgenommen, der Bürgermeister aber wurde von ihnen veranlasst, die Geschäfte provisorisch weiter zu führen. Am Sonntag war ja dann schon die amerikanische Militärverwaltung im Amt.

 

Am Sonntag, den 6. Mai hatten wir bei allen Gottesdiensten zur Ruhe und zum Neuaufbau im Geiste des Christentums, zum inneren Frieden aufgerufen und es bleibt mir unvergesslich, wie die Leute die Änderung der Lage kaum fassen konnten. Viele wurden ganz weiß im Gesicht und meinten, jeden Augenblick müsse noch jemand kommen und uns verhaften. Sosehr war das Volk durch Jahre terrorisiert worden und sosehr gewohnt, bloß zwischen den Worten zu lesen, dass ihnen die offene, aber ohnehin äußerst maßvolle Sprache ein unerhörtes Wagnis schien. Auch die Zusammensetzung der Kirchenbesucher war anders: man sah alle möglichen Uniformen und alle Nationen unter ihnen, da für die Kriegsgefangenen und Ausländer der gemeinsame Kirchenbesuch mit der einheimischen Bevölkerung nun nicht mehr verboten werden konnte.
Im Übrigen brachte der Tag viel Unruhe und Leid: ein Anzahl von Häusern musste innerhalb weniger Stunden evakuiert und den Amerikanern zur Verfügung gestellt werden. Sie nahmen sich die ihnen am geeignetsten scheinenden Gebäude und so kamen nicht die Nationalsozialisten, sondern fast durchwegs österreichisch gesinnte Menschen zum Schaden. Abends hielten wir eine sehr gut besuchte Dankandacht, doch musste sie wegen der Ausgangssperre etwas vorverlegt werden. Es knallte an allen Ecken und Enden: Freudenschüsse der amerikanischen Soldaten, der Ausländer und auch manche ungewollten Detonationen; so z.B. hatten sich die beiden Ministranten Herbert Radner und Wolfgang Paradowski an Kriegsrelikten verletzt u. mussten ins Lazarett eingeliefert werden. Wir hatten bei allen Gottesdiensten davor gewarnt, Kriegsgerät und unbekannte Funde zu berühren.
Ungehorsam war lebensgefährlich und kam trotzdem vor. Am Sonntag brachte man den Volkssturm-Kommandanten Lexl, auf den am Vortag ein SS-Mann 10 Schüsse abgegeben hatte, zum Glück ohne zu treffen – er sollte ja mit Jaroschik wegen Entfernung einer Panzersperre noch am Dorfplatz erschossen werden – ins Luftwaffenlazarett: sowohl um seine Gesundheit zu stärken als auch ihn vor Verhaftung zu bewahren, da er doch ein „Prominenter“ des verflossenen Regimes war, der sich aber in entscheidender Stunde tapfer für das Volk eingesetzt hatte.

 

7. Mai: Berichte und Klagen wegen Behelligung von Mädchen bei mir vorgetragen. Ich versuchte über die Gemeinde und durch persönliche Vorsprache beim Ortskommandanten, Oberleutnant Gerald I. Foley, einem Katholiken, Gerechtigkeit zu erreichen, schied aber mit dem unbehaglichen Gefühl, dass die Schuld nicht auf einer Seite allein liege. Hauptpunkt der Besprechung, bei der uns Frl. Gusti Zangl als Dolmetscherin diente, war aber die Sicherheit von Kirchham, wo viele Ungarn und sonstige Ausländer taten, was sie wollten. Um 14 h 21 wurde die vollständige Kapitulation der Südarmeen im Radio gemeldet.

 

8. Mai: Die Franzosen, die sich mir gegenüber äußerst nobel benahmen – so boten mir z.B. ein schönes Auto aus der Kriegsbeute an, das ich natürlich nicht annahm – führten mich nach Pettenbach, da ich nur über Vorchdorf und Kirchham im Bilde war und dort erfuhr ich doch von einigen anderen unserer Pfarreien, dass alles gut vorübergegangen sei. Nach Rückkunft kam der Auftrag, die genauere Festlegung des Ausgehverbotes (8h früh – 5 h abends zunächst nur frei) durch Anschlag an den Kirchentüren bekannt zu machen. Mittags erhielten wir Seelsorger Ausweise, die uns völlige Ausgangsfreiheit brachten. 14h 15 mit den Franzosen in Gmunden bei Hochwürdigen Herrn Knoll. Das Bild rundet sich immer mehr. Abends zog sich ein Franzose durch eine Panzerfaust eine schwere Verletzung zu.

Ratifikation der allgemeinen Kapitulation in Berlin. Allseitiger Waffenstillstand ab 1 Minute nach Mitternacht zum 9. Mai.

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