Donnerstag 13. Dezember 2018

Wie Jesus im Stroh...

Interview mit zwei orthodoxen Christen aus Gallneukirchen.

Gallus Bote: Weihnachten steht ja kurz bevor, daher die erste Frage: Wie wird in orthodoxen Familien Weihnachten gefeiert?

 

Miloš Vasiljković: Der erste Unterschied ist, dass es zu Weihnachten keine Tanne gibt, sondern bei uns ist es die Eiche, auf Serbisch badnjak.

Kathrin Vasiljković: Das ist ein schöner Brauch.

Miloš: Also zu Weihnachten geht der Papa oder der Opa mit den Kindern in den Wald, um den Baum zu holen. Das ist (in Serbien) nicht verboten, den kann man einfach abschneiden. Er ist ca. 2 Meter groß und sollte noch viel Laub haben. Schon im Wald wird gebetet und dann wird Wein und ein Stück Brot genommen, aber ganz genau kann ich mich daran leider nicht mehr erinnern. Ich war als Kind mit, aber das ist schon so lange aus. Auf jeden Fall nimmt man den Baum dann mit nach Hause und der Papa oder Opa nimmt einen Sack voll mit Stroh und das wird am Boden aufgestreut, das symbolisiert den Stall, in dem Jesus Christus geboren ist. Es wird am Boden gegessen an diesem Abend.

Kathrin: Nur mit dem Löffel, ohne Messer oder Gabel. Man kann ein Leinentuch ausspannen und auf diesem Tuch richtet man an, was man vorbereitet hat. Man sitzt im Stroh am Boden und es wird ein Arme-Leute-Essen aufgetischt. Es wird nichts Tierisches gegessen, kein Fleisch, keine Milchprodukte, nur Fisch ist erlaubt, denn dieser Tag ist eigentlich noch ein Fasttag.

Miloš: Fisch, gemahlene Bohnen, Paprika, …

Kathrin: gefüllte Paprika mit Zwiebeln und Erdäpfeln, süßer Blätterteig mit Äpfeln.

Miloš: Genau, und Nüsse und Süßigkeiten für die Kinder werden ins Stroh geworfen.

Miloš: Und nachher, wenn man fertig gegessen hat, wird der Baum hereingeholt.

Kathrin: Der Baum wird nicht mit der bloßen Hand berührt, sondern mit einem Handschuh. Und herinnen warten die Familienmitglieder, auch mit Handschuhen bekleidet, mit einem Sieb, in dem Getreidekörner sind. Wenn der Hausherr herein kommt mit dem Eichenzweig, wird er mit den Körnern beschmissen.

Einen Zweig gibt er in den Ofen hinein, der sollte natürlich eingeheizt sein, und einen Zweig oben drauf. Und ab diesem Zeitpunkt sollte keiner mehr auf Besuch kommen, bis zum nächsten Morgen. Bei uns kommt dann am Morgen darauf immer Alex, unser Enkelsohn, er ist der polaznik, man kann das vielleicht mit Glücksbringer oder Begleiter übersetzen. Man lädt gerne junge Menschen, Kinder, ein, die bringen Glück für das folgende Jahr. Sie bringen Neuanfang, Erfolg und Gesundheit. Und diese polaznik werden dann beschenkt.

Dann wird drei Tage nicht geputzt, das bleibt so, wie es ist. Mit dem Getreide am Boden und dem Stroh.

Und der nächste Tag ist dann der erste Weihnachtsfeiertag, da gibt es zum Beispiel Schweinsbraten oder Spanferkel.

Gallus Bote: Gibt es außer der Eiche noch eine Tradition, z.B. wie bei uns die Krippe?

Kathrin: Nein, eine Krippe gibt es nicht, das sind ja wir, die lebende Krippe. Wir zelebrieren das ja richtig, wie es eigentlich war. Gut, wir kriegen kein Kind, aber … (lacht)

Besonders Weihnachten ist es schön, in die Kirche zu gehen. Auch dort liegt dann überall Stroh.

Gallus Bote: Welche Feiertage sind sonst noch besonders wichtig im orthodoxen Festkreis?

Miloš: Ostern natürlich, und Pfingsten. Das wird drei Tage lang gefeiert. Es kommen viele Gäste, auch weitschichtige Verwandte.

Und groß gefeiert wird auch Sveti Nikola, der Heilige Nikolaus.

Kathrin: Das Fest ist am 19. Dezember, da der julianische Kalender, an dem sich die meisten orthodoxen Kirchen orientieren, ja 13 Tage hinter dem gregorianischen, dem „normalen“ Kalender, ist.

Ein weiterer wichtiger religiöser Feiertag ist, vor allem für die Schüler in Serbien, der Hl. Sava am 26. Jänner. Das ist der Schutzpatron der Schulen und Schüler. Es gibt sogar eine Hymne für den Hl. Sava. Jedes Kind, das in Serbien in die Schule geht, lernt dieses Lied.

Miloš: Und eine besondere Rolle spielt für uns Serben der Hauspatron, in unserer Familie der Heilige Michael. Der Patron wird vom Vater an seine Söhne weitervererbt.

Kathrin: Den feiern wir zwei Mal im Jahr, am 19. September und am 21. November. Dieses Fest zu Ehren des Familien-Schutzheiligen nennt man Slava.

Zu diesem Anlass wird der Slavni (slavski?) Kolač gebacken, ein besonders verziertes Brot aus Weizenmehl (siehe Foto). In die fünf Plättchen werden die Buchstaben IC XC NIKA geprägt, was „Jesus Christus Sieger“ bedeutet. Die Zöpfe sind die Dornenkrone, der Laib steht für den Körper und den Himmel gleichzeitig. Und die Taube ist, wie im Katholischen, der Heilige Geist. Dieser Brotlaib wird zu jedem großen Feiertag gebacken.

Miloš: Zu Weihnachten werden zwei davon gemacht. Einen Kolač für uns und einen für den ersten Besucher, den polaznik.

Gallus Bote: Gibt es ein bestimmtes Ritual, wie das Brot geteilt wird?

Kathrin: Ja, besonders beim Schutzpatronenfest. Wenn die Gäste kommen, wartet man schon mit einem Serviertablett, auf dem stehen ein paar Gläser mit Wasser, ein paar kleine Löffel, eine Schüssel mit gekochtem Weizen, ein Glas mit Rotwein. Jeder Gast bekreuzigt sich, nimmt einen Löffel, ein Glas mit Wasser und einen Löffel mit gekochtem Weizen und trinkt dazu einen Schluck Rotwein.

Wenn alle da sind, gibt es eine Vorspeise, meze, zum Beispiel sauer eingelegter gebratener Paprika und andere Spezialitäten aus der serbischen Küche. Dazu reicht man das Brot. Geschnitten wird es aber schon vorher, nur mit der Familie.

Miloš: Da nimmt man das Brot und es wird das Vater Unser, Oce nas, gebetet. Dann wird das Brot kreuzweise eingeschnitten.

Kathrin: Vorbereitet werden auch zwei volle Gläser mit Rotwein.

Miloš: Und der Wein wird dann über die Ritzen im Brot geleert und unten aufgefangen, das symbolisiert das geflossene Blut von Jesus Christus.

Kathrin: Und dann wird es von drei männlichen Familienmitgliedern geteilt. Ein Stück wird auf einen Schrank gelegt, für die Tiere, zum Schutz von Haus und Hof. Und dann reißt sich jeder ein Stück ab.

Gallus Bote: Kleiner Themenwechsel: Gibt es auch sieben Sakramente?

Kathrin: Ja, es gibt sieben, aber es ist ein bisschen anders. Es gibt die Taufe und gleich unmittelbar im Anschluss bekommt das Kind (oder auch der Erwachsene) die Myronsalbung, das ist Firmung, und die Kommunion. Das ist eine lange, schöne Feier. Also Taufe und Hochzeit sind eigentlich die größten Feiern in der Kirche.

Gallus Bote: Bei der Hochzeit bekommt man ja eine Krone aufgesetzt, stimmt das?

Kathrin: Ja, die Krönung. Das junge Paar hat meistens den Eindruck „Das dauert ewig“, weil die Kronen schwer sind, das sind richtige Kronen.

Gallus Bote: Sie haben sich ja erst später serbisch-orthodox taufen lassen.

Kathrin: Ja, genau. Ich komme aus der der DDR und dort war die Taufe nicht üblich. Daher war der orthodoxe Glaube für mich interessant und ich habe gesagt: Sicher lasse ich mich taufen, denn ich möchte, dass meine Kinder mit einem Glauben aufwachsen. Damals, als wir die jüngere Tochter mit sechs Monaten taufen ließen, ließ ich mich gleich mittaufen.

Gallus Bote: In welcher Kirche feiern Sie hier in Österreich?

Kathrin: Unsere Kirche ist in Linz, beim Hafen, neben dem Posthof.

Miloš: Die müssen Sie sich innen anschauen, die ist wirklich schön, mit ganz vielen Ikonen.

Gallus Bote: Und der Gottesdienst ist auf Serbisch?

Miloš: Ja, auf Serbisch. Und es wird sehr viel gesungen, es gibt immer einen Chor.

Kathrin: Und wir stehen bei jeder Messe. Links stehen die Frauen und rechts die Männer.

Miloš: Diese Kirche haben die Orthodoxen von der katholischen Kirche gekauft, nur mit Spenden. Jetzt ist sie in Besitz der orthodoxen Kirche.

Gallus Bote: Wie viele Leute sind in einem Gottesdienst?

Miloš: 200 Leute schätze ich. Aber besonders eng ist es zu Weihnachten.

Gallus Bote: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Bianca Hainbuchner und Agnes Weiß-Krejza

Evangelium von heute
Aus dem Heiligen Evangelium nach Matth?us - Mt 11,7b.11-15 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden; er sagte: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?...
Pfarre Gallneukirchen
4210 Gallneukirchen
Pfarrplatz 1
Telefon: 07235/62309
Telefax: 07235/62309-20
Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

Kommunikationsbüro
Herrenstraße 19
Postfach 251
4021 Linz
https://www.dioezese-linz.at/
Darstellung: