Freitag 22. September 2017

Raum der Stille an der Universität

Die ehemalige Hauskapelle der KHG Linz, errichtet im Jahr 1968, ist seit 2002 ein interreligiöser „Raum der Stille an der Universität“, der Angehörigen aller Religionen zur Nutzung offen steht.

 

Die künstlerische Umsetzung stammt von den jungen Kunstschaffenden Andrea Barth, Andrea Krenn und Peter Kulev, die mit ihrem Teamprojekt den an der Linzer Kunstuniversität ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entschieden.

 

Das von ihnen verfolgte Konzept besticht durch weitgehende Integration der ursprünglichen Bausubstanz ebenso wie durch radikale Klarheit und Konsequenz in materieller sowie formaler Hinsicht. In seiner „wüstenhaften“ Kargheit stellt der Raum einen bewussten Gegenpol zur reizüberfluteten und hektischen Atmosphäre pulsierenden universitären Lebens dar und bietet zugleich Freiraum für vielfältige Formen religiöser Nutzung sowie für temporäre künstlerische Gestaltungen.

 

 

Konzept

Raum der Stille an der Universität: Warum so und nicht anders?

 

Dieser Raum will und soll in seiner Leere und Unbestimmtheit ein Stück heilsame Wüste inmitten unserer Lebenswelt sein – „heilsam“ deshalb, weil die Stille und Leere der Wüste zumindest in der Tradition der biblischen Religionen der bevorzugte Ort der Gottesbegegnung ist.
Theologie des Raumes: Einem unbekannten, vielnamigen Gott (vgl. Apg 17,23)

 

… Gott …

 

Der Raum lebt vom materiellen Kontrast der zentralen Raumelemente: Dem Kunstprodukt Beton – Symbol menschlichen Schaffens – stehen die Naturelemente Erde und Licht – Symbole göttlicher Schöpfung – gegenüber. Die in einen Lichtspalt mündende zentrale Bodenlinie aus gestampftem Lehm durchbricht das ansonsten durchgängige Betonkorsett des Raumes und soll die alle Fesseln irdischer Realität, insbesondere alle Verengungen und Eigenmächtigkeiten menschlichen Seins sprengende Macht göttlicher Transzendenz erinnern.

 

… vielnamig …

 

Da der Raum als interreligiöser Gebets-, Meditations- und Feierraum dienen soll, wurde auf die feste Anbringung jeglicher eindeutig einer bestimmten religiösen Tradition zuordenbaren Symbole bewusst verzichtet. Die im zentralen Lichtspalt dauernd brennende Kerzenflamme symbolisiert die ewige, lebendige Gegenwart des Göttlichen.

 

… unbekannt …

 

Die auffallende Kargheit des Raumes setzt die akustische Stille des Raumes fort in die Welt der übrigen Sinne. Die bewusste Bild- und Gegenstandslosigkeit des Raumes will Platz schaffen für die Begegnung mit der die materielle, gegenständliche Welt übersteigenden Wirklichkeit und ist zugleich Ausdruck der Bescheidenheit menschlichen Wissens über Gott bzw. Seines jegliches menschliche Fassungsvermögen übersteigenden Wesens. Zugleich fordert die Leere und Unbestimmtheit des Raumes aber auch heraus, ihn mit immer wieder neuen, aber niemals dauerhaften (weil stets unzulänglich bleibenden) Ausdrucksformen religiöser Erfahrung zu füllen: durch die zeitweilige Einbringung künstlerischer Gestaltungselemente etwa oder einfach in Gestalt einer lebendigen Feiergemeinschaft.


Aus dem Ausschreibungstext zum Künstlerwettbewerb

 

„Der neugestaltete Raum soll die Funktion eines konzentrierten Raumes der Stille wahrnehmen. Er soll als christlicher Raum erkennbar sein, aber auch nicht konfessionell gebundene Personen ansprechen. Er soll flexibel nutzbar sein und sowohl Einzelnen als auch kleinen Gruppen von 3 bis 30 Personen Raum geben. Im Unterschied zu jetzt soll er einen freundlich einladenden und zugleich kraftvollen Charakter erhalten.“

 

Bauliches Konzept: ehrlich und klar

 

Die ursprüngliche Bausubstanz sollte so weit wie möglich erhalten bleiben – sowohl in Form als auch Material. Den stärksten Eingriff an den Wänden stellt die Schließung der Oberlichte im Mittelbereich der Ost-Wand und die senkrechte Durchschneidung dieses Wandteils zur Gewinnung eines Lichtspalts dar. Der Haupteingang wurde auf Kosten der Sakristeigröße in die Mitte der West-Wand – direkt gegenüber dem Lichtspalt – gerückt. Bei den verwendeten Materialien wurde auf möglichst große Ehrlichkeit und Klarheit Wert gelegt: grauer bzw. oliv eingefärbter Beton (Wände, Boden, Decke; die Heraklith-Elemente in den seitlichen Deckenfeldern waren aufgrund akustischer Gegebenheiten notwendig), rot gebeiztes Holz (Möblierung, Eingangsbereich), Glas (Oberlichten, Lichtspalt, äußere Eingangtür), gestampfter und geölter Lehm (zentrale Bodenlinie). Auch die eingebrachten Elemente (Möbel, Lichtflächen) sollten der Quadratform des Raumes entsprechend möglichst einfach und geradlinig gestaltet sein.

Genese

Provisorium – KHG-Kapelle – Raum der Stille an der Universität

„Eine Entwicklungsgeschichte“

 

Provisorium

Bei der Errichtung der KHG Ende der 60er Jahre wurde der heutige Raum der Stille zwar als Kapelle der KHG konzipiert, allerdings wenig in die ästhetische Ausgestaltung derselben investiert (abgesehen von einem Tabernakel und Kerzenständern aus Stahlguss des Linzer Bildhauers Prof. Helmuth Gsöllpointner). Entsprechend einer populären kirchenbaulichen Maxime jener Zeit lehnte man die Errichtung eines besonders gestalteten Gottesdienst- bzw. Sakralraumes ab; Liturgie könnte überall gefeiert werden, ein einfacher Mehrzweckraum sollte dafür genügen. Außerdem war wenige Jahre zuvor im Zuge der Errichtung der Johannes Kepler-Universität auf dem Gelände des Starhemberg’schen Schlossparks Auhof die alte, bereits baufällig gewordene Schlosskapelle (im Bereich des heutigen Universitätsplatzes und Uni-Centers) abgetragen und gleichsam als Entschädigung der Diözese seitens des Linzer Hochschulfonds’ die Errichtung eines (inter-) religiösen Andachtsraums auf dem neuen Universitäts-Campus in Aussicht gestellt worden, was in den Folgejahren allerdings nie realisiert wurde. Auch Pläne zum Bau einer offen zugänglichen Universitätskapelle auf einem kircheneigenen Grundstück schräg gegenüber der KHG kamen nie zur Ausführung.


Vor diesem Entstehungshintergrund wird verständlich, weshalb die frühere KHG-Kapelle bei vielen Nutzern bereits nach wenigen Jahren den Eindruck eines de facto zur Dauerhaftigkeit umgewidmeten Provisoriums erweckte. Viele empfanden sie als zu nüchtern und unpersönlich. Die schlechte Schall- und Wärmeisolierung taten ein übriges, um den Raum kalt und abweisend erscheinen zu lassen.

 

KHG-Kapelle

 

So begann man, den Kapellenraum Schritt für Schritt mit Elementen zu versehen, die Geborgenheit und Wärme vermitteln sollten: Die Sichtbetonwände und –decken wurden teilweise mit Holz verkleidet, die elektrische Beleuchtung verändert, von der Textil-Künstlerin Waltraud Bräuer ein moderner Webteppich für die Altarwand geschaffen; ein heller, runder Wollteppich in der Mitte des Raumes (zusätzlich auf dem bestehenden dunkelgrauen Spannteppich) sollte für Wärme und Weichheit sorgen, eine große Grünpflanze Lebendigkeit schenken, kupferne, in unterschiedlicher Höhe von den umlaufenden Fensterbänken herabhängende Kerzenhalter mit ihren warmen „Lichttropfen“ eine höhlenartige Geborgenheit vermitteln.


All diese Maßnahmen vermochten das schlechte Raumklima aber nur unwesentlich zu verbessern. In der kälteren Jahreshälfte blieb die Kapelle eine dunkle „Eishöhle“ mit muffiger Luft und das Problem der schlechten akustischen Abdichtung nach außen weiterhin ungelöst. Die Kapelle wurde oft eher als zusätzlicher Musikprobenraum denn zu Meditation, Gebet oder Gottesdienstfeier genutzt.

 

Immer wieder wurden Stimmen laut, einzelne Elemente an der Kapelle zu ändern. An der ungünstigen Gesamtsituation der Kapelle hätten all diese Einzelmaßnahmen aber kaum etwas zu ändern vermocht.

 

Ende der 90er Jahre schließlich wollten einige engagierte Studentinnen selbst Hand anlegen oder gemeinsam mit Künstlern Veränderungen in der Kapelle vornehmen. Nach einem längeren Diskussionsprozess war klar: Erstens wären größere bauliche Eingriffe unabdingbar, um das Raumklima grundlegend zu verbessern, zweitens hätte eine „kleine“, zunächst kostengünstigere Lösung – nämlich selbst Hand anzulegen – wahrscheinlich nur für eine „Studentengeneration“ Gültigkeit; allzu bald würden sich erneut unzufriedene „Reformer“ zu Wort melden – auf längere Sicht hin also kaum eine Kostenersparnis. Der Gedanke an ein neues Gesamtkonzept gewann Gestalt. Zugleich lag die Idee nahe, gerade an einer Hochschulgemeinde nicht arrivierte Künstler, sondern Studierende selbst mit der Entwicklung eines solchen Konzepts zu betrauen.


Raum der Stille an der Universität

 

So ging man im November 2000 daran, an der Linzer Kunst-Universität für die dort Studierenden einen Künstlerwettbewerb auszuschreiben. Die KHG – und innerhalb der KHG v.a. die Katholische Hochschuljugend – hat ihre Wünsche und Erwartungen klar formuliert und in den Ausschreibungstext eingebracht. Dort heißt es: „Der neugestaltete Raum soll die Funktion eines konzentrierten Raumes der Stille wahrnehmen. Er soll als christlicher Raum erkennbar sein, aber auch nicht konfessionell gebundene Personen ansprechen. Er soll flexibel nutzbar sein und sowohl Einzelnen als auch kleinen Gruppen von 3 bis 30 Personen Raum geben. Im Unterschied zu jetzt soll er einen freundlich einladenden und zugleich kraftvollen Charakter erhalten.“ Seitens der KHG und mit grundlegender Unterstützung der Professorin für Kunst an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz DDr. Monika Leisch-Kiesl wurden die Wettbewerbsphase begleitende Gespräche und ein Vortrag angeboten, in denen sich die Studierenden mit dem Thema „moderner Sakralraum“ auseinandersetzen konnten.


Ende Mai 2001 wählte eine Jury[1] aus sieben eingereichten Entwürfen das Gemeinschaftsprojekt der Architektin Andrea Barth, der Malerin Andrea Krenn und des Bildhauers Peter Kulev als Siegerprojekt aus, das zur Umsetzung gelangen sollte. Das Konzept der Künstlergruppe hat die Juroren überzeugt durch den sensiblen Umgang mit dem bestehenden Raum, durch das Nicht-Verbergen der ursprünglichen Architektur des Hauses, durch kraftvolle Schlichtheit und Geradlinigkeit, durch die einfache Symbolik von Erde und Licht als Naturelemente im Kontrast zum Kunstmaterial Beton und durch die konsequent einheitliche und zugleich akzentuierende Material- und Farbwahl.

 

Die Künstlergruppe hat im Laufe eines einjährigen Gesprächsprozesses gemeinsam mit der KHG und dem Architekten Franz Treml sowie dem Bauingenieur Friedrich Guggenberger an der Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzeptes und seiner Umsetzung gearbeitet. Nachdem durch Subventionszusagen seitens des Landes OÖ., der Stadt Linz, des Linzer Hochschulfonds’ (auf Grundlage der bei der Errichtung der JKU eingegangenen Verpflichtung, s.o.) und der Diözesanfinanzkammer die Finanzierung gesichert war, konnte Mitte Juli 2002 mit den Umbauarbeiten begonnen werden. Am 9. Oktober 2002 wurde der neue Raum der Stille an der Universität durch Diözesanbischof Maximilian Aichern feierlich eröffnet und gesegnet.


Mag.a Johanna Raml-Schiller / Dr. Markus Schlagnitweit

Eröffnungs-Predigt

„Einem unbekannten Gott“

Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 17,16a.19-34a)

 

In jenen Tagen, als Paulus in Athen auf seine Gefährten wartete, nahmen ihn einige mit, führten ihn zum Areopag und fragten: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du vorträgst? Du bringst uns recht befremdliche Dinge zu Gehör. Wir wüssten gern, worum es sich handelt. Alle Athener und die Fremden dort taten nämlich nichts lieber, als die letzten Neuigkeiten zu erzählen oder zu hören. Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch: Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschen bedienen, als brauche er etwas: er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art. Da wir also von Gottes Art sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung. Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, lässt jetzt den Menschen verkünden, dass überall alle umkehren sollen. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte. Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören. So ging Paulus aus ihrer Mitte weg. Einige aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig…

 

Predigt zur Eröffnung des Raumes der Stille an der Universität

(zur Bibellesung: Apg 17,16a.19-34a – Paulus am Areopag)

 

Als in den frühen Nachkriegsjahren der damalige Wiener Kardinal Innitzer zum ersten Mal die neugegründete KHG in Wien besuchte, eröffnete er seine Ansprache mit dem Satz: „Hier ist der Areopag.“ Er charakterisierte damit die Hochschulgemeinde just als einen Ort, an dem sich Menschen treffen, um – wie in der Apostelgeschichte beschrieben – die letzten Neuigkeiten auszutauschen und zu diskutieren – Neuigkeiten freilich nicht bloß im heutigen Sinne von tagesjournalistischen „news“, sondern eher im Sinne von aktuellen Themen und Geistesströmungen. Die Hochschulgemeinde sollte also gelten als bevorzugter (kirchlicher) Ort des intellektuellen Diskurses und des offenen, zeitgemäßen Gesprächs über „Gott und die Welt“. Der Stil und überhaupt die Kultur solchen Diskurses haben sich in den Jahrzehnten seit der Gründung der ersten österreichischen KHG zweifellos stark verändert. (Um diese Veränderungen festzustellen, braucht man nur einmal ein wenig in unseren Archiven zu stöbern und frühere Semesterprogramme unserer KHG mit den aktuellen zu vergleichen.) Dennoch glaube ich, dass die Bezeichnung „Areopag“ heute sogar noch zutreffender als damals ist für die Situation, in der wir als christliche Gemeinde an der Universität stehen:

 

Wir bewegen uns heute in einem geistigen und sozialen Umfeld, dem eindeutig profilierte, identitätsstiftende und den persönlichen Lebensstil prägende weltanschauliche bzw. religiöse Milieus weitgehend abhanden gekommen sind. Jede/-r Einzelne ist heute in weit größerem Ausmaß gefordert als früher, eine persönliche geistige Heimat erst einmal zu finden, und vielen gilt nicht einmal mehr ein solches Finden, stattdessen ein permanentes Suchen und Ausprobieren als die allein mögliche, vielleicht sogar die allein sinnstiftende und insofern erstrebenswerte Daseinsgestalt. Dieser Individualisierung entspricht auch jene „neue Religiosität“, von der heute allenthalben wieder die Rede ist, nachdem frühere Prophezeiungen vom bevorstehenden „Tod der Religionen“ sich offenbar als trügerisch erwiesen haben – eine neue Religiosität freilich jenseits der alten religiösen Erzählgemeinschaften und großen verbindlichen Institutionen; eine individuell suchende Religiosität, die sich – wenn überhaupt – noch am ehesten um einen gemeinsamen Altar sammeln ließe, der genau jene Widmung trägt, die Paulus am Athener Areopag fand: „EINEM UNBEKANNTEN GOTT“. – Ja, wir befinden uns als KHG heute mindestens so sehr wie vor 50 / 60 Jahren auf einem Areopag – oder stellen zumindest den Anspruch, es zu sein und den Raum dafür zu schaffen. Und genau das haben wir sozusagen auch „hand- und dingfest“ umzusetzen versucht mit der Einrichtung dieses „Raumes der Stille an der Universität“:

 

Wer diesen Raum betritt, wird ihn normalerweise kaum einmal so voller Menschen erleben wie heute, sondern er wird vielmehr unausweichlich konfrontiert mit einer nicht nur für religiöse, sondern überhaupt für unsere üblichen Lebensräume untypischen und ungewohnten Leere und Unbestimmtheit: Praktisch kein explizit einer bestimmten Religion zuordenbares Symbol findet sich hier, kein die Lust der Augen befriedigendes und auf sich ziehendes Ornament oder Bildnis; nicht einmal die Möblierung ist bequem und unseren Wohnlichkeitsansprüchen gerecht. Lediglich die Linie aus gestampftem Lehm am Boden und der Lichtspalt, in den sie mündet, die beide gewissermaßen das harte Betonkorsett des Raumes sprengen, schaffen gerade aufgrund dieses sprengenden Impetus’ und des materiellen Kontrastes (hier das menschliche Kunstprodukt Beton, da die Naturelemente Erde und Licht) so etwas wie einen spezifisch religiösen Bezug: Sie verweisen auf die Kraft religiöser Transzendenz, die alle Korsette dieser Welt und auch alle Verengungen und Eigenmächtigkeiten unseres menschlichen Seins sprengt. Darüber hinaus aber passt für diesen Raum in seiner Bilderlosigkeit und Leere bestenfalls die Widmung: „EINEM UNBEKANNTEN GOTT“. Jeder Mensch – ob sein Gott schon bzw. überhaupt einen Namen trägt oder nicht, ob sein Suchen und Fragen überhaupt schon eine Antwort erfahren hat oder nicht – ist wie am Athener Areopag eingeladen und aufgefordert, diesen „Raum eines unbekannten Gottes“ zu nutzen und sich anzueignen.

 

Aber nicht nur für die noch unbestimmt Suchenden oder die bewusst sich nicht festlegen Wollenden will dieser Raum offen sein; er birgt in seiner Leere auch eine wichtige Botschaft, ja eine geradezu heilsam provozierende Erinnerung für alle, deren Gott sehr wohl einen konkreten Namen trägt: Wir als KHG, als kirchliche Gemeinde an der Universität wollen ja selbstverständlich auch weiterhin für einen Gott einstehen, der keineswegs namenlos geblieben ist in unserer Geschichte. Wir wollen weiterhin – und gerade auch in diesem Raum und unserem areopagartigen Umfeld – von diesem, unserem Gott sprechen und zeugen – ähnlich wie auch Paulus am Areopag den unbekannt verehrten Gott ja nicht unbenannt gelassen hat. Aber die Apostelgeschichte verschweigt in ihrem Bericht auch nicht, dass Paulus mit seinem Vorgehen nicht gerade sehr erfolgreich war. Vielleicht benahm er sich damals einfach zu ungestüm.

 

Vielleicht zieht ein Mensch, der wie Paulus allzu sicher und selbstbewusst von seinem Gott spricht, sich mit gutem Grund das Misstrauen und die Skepsis der ihm Zuhörenden zu. Macht er den Gott, für den er spricht, denn nicht gerade durch seine angebliche Klarheit und Begreifbarkeit suspekt in den Augen der noch nicht Gläubigen? Und müssen sich nicht auch viele unserer kirchlichen Predigten und Ansprachen mit Recht die kritische Frage gefallen lassen: wie denn eigentlich von Gott, von jenem unendlich Anderen in jener beinahe familiären Vertraulichkeit gesprochen werden kann, wie dies zuweilen geschieht – mit welchem Recht wir denn eigentlich den schlechthin Unbegreiflichen als Objekt unserer theologischen Begriffswut vergewaltigen – und wie wir dazukommen, von dem jedes menschliche Maß Übersteigenden mit einem vorgeblichen Wissen zu sprechen, als wären nicht wir Sein, sondern Er unser Geschöpf? – Vielleicht ist eine zeitgemäße christliche Rede von Gott heute mehr denn je herausgefordert zur Vorsicht und Selbstbescheidung – heute mehr denn je, weil die uns umgebende Welt doch schon so übervoll ist von Gottesreden und Glücksverheißungen, die einer gründlichen Prüfung dann doch nie standhalten und sich wenigstens auf Dauer als hohl und leer erweisen. Und vielleicht ist es in dieser von falschen Versprechungen und vordergründigen Ersatzreligionen so überfüllten Welt deshalb umso glaubwürdiger, ganz anders von Gott zu künden: nämlich im Modus der Verborgenheit und Entzogenheit. Ja, vielleicht ist das heute die sinnvollste Weise, in einer vor Machbarkeitswahn und Selbstverliebtheit strotzenden Welt glaubwürdig und wahr von Gott zu reden: im bescheidenen, aber unbeirrten Hinweis auf Seine Unverfügbarkeit und letzte Entzogenheit.

 

Und gerade auch dafür steht dieser neue Raum der Stille an der Universität in seiner geradezu beunruhigenden, provozierenden Nüchternheit und Leere: Gleichsam als Stein gewordene Einladung, der Stille des Geheimnisses einen Ort zu sichern im schier allgegenwärtigen und uns die Ohren verschmierenden Gedudel und Gedröhn unseres Alltags; als Herausforderung, manche Leerstellen in unserem Leben bewusst frei und offen zu halten und nicht vorschnell aufzufüllen mit allerlei sinnlosen Sinnstiftern; als Erinnerung, die großen und echten Fragen unseres Lebens überhaupt einmal zu stellen und stehen zu lassen und nicht vorschnell abzuwürgen durch vertrauensselige Griffe in die vermeintliche Schatzkiste religiösen Katechismuswissens.

 

Dieser Raum will und soll in seiner Leere und Unbestimmtheit ein Stück heilsame Wüste inmitten unserer Lebenswelt sein. Von „heilsamer“ Wüste spreche ich deshalb, weil die Stille und Leere der Wüste zumindest in der Tradition der biblischen Religionen der bevorzugte Ort der Gottesbegegnung ist. Amen.

 

Dr. Markus Schlagnitweit

Gebet

Gebet für Glaubende und Suchende
zur Eröffnung des Raumes der Stille an der Universität

 

Ewiger Gott, kein Ort kann Dich fassen, und auf keinen Ort ist die Begegnung mit Dir beschränkt. Dennoch sind uns besondere Orte der Stille und Aufmerksamkeit, der gemeinsamen Feier in Deinem Namen, aber auch der Entspannung und Leere wichtige Markierungen auf unserem Weg zu Dir und mit Dir.

 

Höre deshalb unser Beten:
Segne diesen Raum der Stille an der Universität. Lass Gläubige aller Religionen ebenso wie noch unentschieden Dich Suchende hier Spuren Deiner Gegenwart finden und Deine Liebe erfahren. Erfülle sie mit Deinem Heiligen Geist, sodass sie nicht müde werden, Dich immer wieder neu zu suchen, und mach sie fähig, Deinen heilvollen Willen für ihr eigenes und das Leben ihrer Mitwelt zu erkennen. Dieser Raum sei ihnen ein Ort des Gebetes – des dankbaren und Dich lobenden ebenso wie des klagenden und suchenden Gesprächs mit Dir. Und wenn sie diesen Raum wieder verlassen: Sei Du mit ihnen. Darum bitten wir in der Kraft Deines Geistes. Amen.

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