Dienstag 11. Dezember 2018

"zum:verGEHEN:erinnern"

Das Projekt "zum:verGEHEN:erinnern" ist ein Friedensprojekt der Katholischen Jugend in der Region Ennstal.

 

Es gibt dazu verschiedene Schwerpunkte:

 

zum verGEHEN -Historische Fakten

„Der Zug bot ein Bild des Grauens, wie die ausgemergelten Gestalten dahinwankten…“, berichtet die Pfarrchronik Weyer über den Todesmarsch ungarischer Juden. Der Todesmarsch diente zur „Evakuierung“ der an der Front eingesetzten Zwangsarbeiter. Kein Häftling durfte lebend in die Hände der rasch vorrückenden Roten Armee fallen! Aus diesem Grund wurden im März und April 1945 tausende jüdische Zwangsarbeiter vom Burgenland nach Mauthausen getrieben. Eine Route führte vom Südburgenland über Graz, Eisenerz und weiter durchs Ennstal und Steyr. Ein Zitat aus der Pfarrchronik Garsten beschreibt das Grauen folgendermaßen: „Sie wurden in einem unbeschreiblichen Zustand auf der Straße nach Steyr getrieben; langsam können sie sich nur fortbewegen, voll Hunger und übermüdet; Gras, Schnecken und was ihnen halt unterkommt suchen sie und essen es mit Gier; viele bleiben liegen, werden aber wieder aufgetrieben mit Schlägen und Tritten; wer gar nicht mehr weiterkommt, wird einfach erledigt, mit dem Gewehrkolben oder mit Fußtritten oder Genickschuss und dann in die Enns geworfen. Niemand darf ihnen etwas geben…“ (Zitate entnommen von Mauthausen Komitee Steyr)

 

gegen das VERGESSEN – Projektbeschreibung

Als Katholische Jugend ist uns das Eintreten für Gewaltfreiheit und gegen jeglichen Extremismus wichtig, deshalb möchten wir an dieses VerGEHEN erinnern und der Opfer gedenken.

 

erFORSCHEN – Ergänzung des Gedenkraumes

Als 72h-Projekt hat die katholische Jugend 2008 im Keller der alten Küchenbaracke des KZ Außenlagers Ternberg einen Gedenkraum eingerichtet, der den Opfern und der Zeit des Kraftwerksbaus unter den Nationalsozialisten gedenkt.

 

Mit diesem Projekt erweitern wir den Gedenkraum um ein Mahnmal, das an den Todesmarsch der ungarischen Juden durch das Ennstal erinnert, dafür haben wir mit Jugendlichen aus der Region ortsbezogene Informationen recherchiert und ZeitzeugInnengespräche geführt.

 

erFAHREN – Weg markieren

Innerhalb dieses Projektes wurde eine Gruppe von Holzstipfel gebaut, die den Weg markieren. Im Projektzeitraum von April bis Oktober 2015 standen diese Stipfel entlang der Eisenbundesstraße 115 und regten Vorbeikommende zum Nachdenken und Nachfragen an.

 

Die Holzstipfel wandern symbolisch den Weg der Todesmärsche entlang. Dafür arbeiteten 5 Schüler der Holz/Bau Gruppe der Polytechnischen Schule Großraming mit ihrem Lehrer Gerhard Garstenauer an der Umsetzung.

 

 

erINNERN – Lichteraktion

Am Sonntag, 12. April 2015 haben wir in den Gemeinden eine Lichteraktion organisiert, da die Pfarrchronik Großraming erwähnt, dass am 11. und 12. April 1945 an die 5.000 Juden durchgetrieben wurden.


Dabei wurden im Rahmen einer kleinen Andacht Kerzen auf der Enns auf die Reise geschickt. Diese symbolisieren die zahlreichen namenlosen Opfer entlang des Weges, die teilweise einfach in die Enns geworfen worden sind, wie dies z.B. die Pfarrchronik Weyer berichtet.

 

 

 

Wenn wir uns heute hier am Ennskai versammeln, gedenken wir nicht nur einem schrecklichen Ereignis, das vor 70 Jahren hier stattgefunden hat. Ich bin 18 Jahre alt, der Nationalsozialismus und seine Auswüchse haben im Grunde nichts mit meinem Leben zu tun, so könnte man meinen.

Ich bin nicht hier um irgendeine Schuld zuzuweisen, oder um mich moralisch überlegen fühlen zu können, oder mein Gewissen rein zu waschen. Ich bin hier um mir bewusst zu machen, wie wenig weit weg, wie präsent Todesmärsche, wie sie hier stattgefunden haben, in meinem und in unser aller Umfeld sind. Im Mittelmeer ertrinken Menschen, weil für sie der gefährliche Weg nach Europa der einzige mit Perspektive scheint. Im Nahen Osten bekriegen sich Menschen nur weil sie auf verschiedenen Seiten einer Grenze geboren wurden. Im IS werden Menschen ermordet, weil sie in eine „falsche“ Familie mit einer „falschen“ Religion geboren wurden.

Und wir leben in einem Land in dem von mancher Seite Muslime mit Islamisten verwechselt werden, wo Menschen mit dunkler Hautfarbe als „Negersauen“ beschimpft werden, wo von der „Islamisierung des Abendlandes“ gesprochen wird, wo Schwule für manche keine „echten Männer“ sind, als wären Angehörige von Minderheiten und Menschen, die nicht ganz unserer „Norm“ entsprechen, keine Menschen mehr wären.

Veranstaltungen wie diese Lichterfeier sollten uns bewusst machen, was Menschen anrichten können, ganz normale Leute, wie ich, wie ihr, wie Sie, wenn wir von Angst oder Misstrauen getrieben werden und von einem Teil der Gesellschaft, der diese Ressentiments schürt. Nur wenn man weiß, wozu Menschen fähig sind, kann man verhindern, dass so etwas wieder passiert.

Dieser Text stammt von Jakob Ulbrich, der ihn bei der Lichterfeier in Steyr vorgelesen hat.

 

 

Besuch des Stollens der Erinnerung

Etwa 30 Jugendliche der KJ Region Ennstal und der evangelischen Gemeinde Steyr besuchten am Freitag, 13. Februar 2015 den Stollen der Erinnerung in Steyr. In der 140 Meter langen, hufeisenförmigen Stollenanlage befindet sich eine Ausstellung über das KZ-Münichholz und ZwangsarbeiterInnen in Steyr. In der etwa zwei-stündigen pädagogischen Führung beschäftigten sich die jungen Menschen eingehend mit dem Schicksal jener Menschen, die während der NS-Herrschaft unter Zwang in Steyr in der Rüstungsindustrie arbeiten mussten. In verschiedenen Gruppen wurde zu verschiedenen Themen geforscht: die Lebenssituation und der Alltag im KZ, die Arbeitsbedingungen, die Erniedrigung der Häftlinge durch die Bevölkerung, die Widerstandsbemühungen. Die Jugendlichen zeigten sich von den Erkenntnissen der Ausstellung betroffen und beeindruckt.

 

Der Stollen der Erinnerung ist ein herausragendes Beispiel der ehrlichen Aufarbeitung der Geschichte. Über das „Museum Arbeitswelt“ können pädagogische Programme gebucht werden.

 

erFORSCHEN – ZeitzeugInnen

Das erste ZeitzeugInnengespräch im März 2015

 

Wie bewegt sich ein 11jähriger im Krieg und woran erinnert man sich 70 Jahre später noch?

 

 

Das mit Spannung erwartete 1. ZeitzeugInnengespräch beim Ehepaar Sallinger in Garsten, zu dem ich, als Dekanatsjugendleiterin und 2 Jugendliche eingeladen waren, war voller lebendiger Erzählungen über schwierige Zeiten, deren Bedrohungen und Tragik man aber als früher Teenager gar nicht so fassen konnte: „..für uns Buam war es ein Spaß, Abenteuer“.

 

Nach fast zwei Stunden voller erzählter Episoden und vieler beantworteter Fragen haben mich vor allem 2 Aspekte sehr berührt:

 

1. Die Bevölkerung wusste, dass „Juden zu Hunderten durchgetrieben“ wurden, es hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, junge Burschen liefen voller Neugier fast 2 km, um sich die Skelette anzuschauen, bis sie wieder von den Begleitmannschaften vertrieben wurden. Nicht jeder dieser Züge überquerte bei Sand die Brücke. Herr Sallinger erzählte, dass sie entlang der alten Bundesstraße nach Garsten zogen und beim steilen Berg in Sand viele aufgrund ihrer Schwachheit Probleme hatten.

 

2. Für Mädchen und Buben gab es große Unterschiede in den ersten Kriegsendewochen: Während die Buben abenteuerlustig übriggebliebene Gegenstände, wie Schreibmaschinen oder Fahrräder stahlen und nach schnell in der Enns entsorgter Munition tauchten, hieß es für die Mädchen Hausarbeit verrichten und vor allem nicht auffallen. Viele junge Frauen und Töchter mussten sich vor den Besatzungssoldaten verstecken und waren teilweise wochenlang auf Hütten am Berg oder in Kammern versteckt, um Nachstellungen und Vergewaltigungen zu entgehen!

 

Das Lebensmotto von Frau Sallinger brachte ihre Enkelin Magda sofort auf den Punkt: Vo nix, kummt nix!

 

Ein Herzliches Danke für dieses offene Gespräch und das Teilen der Erinnerung mit uns!

 

Ursula Stöckl, Dekanatsjugendleiterin Steyr

 

 

Das zweite ZeitzeugInnengespräch im Juni 2015 mit Franziska Schachner aus Losenstein

 

 

„Ein anderes Mal sind sie gerade vorbei gekommen, da sind wir gerade beim Essen gesessen, als sie sich (die Juden) ans Fensterkreuz geklammert und hereingeschaut haben. Naja was sollst du tun, darfst ja nichts tun, – wir haben dann jemanden von den Aufsehern gefragt, – es war einer dabei der ein wenig humaner war, ob wir ihnen halt ein paar Erdäpfel geben dürfen, so haben wir sie halt hinausgestellt und draufgestürmt sind sie, ist ja klar, ein jeder ist hungrig, jeder schaut, dass er ein wenig davon erwischt.“

 

Frau Schachner erzählt eindrücklich von der Zeit als die Todesmärsche durch Losenstein zogen. Von den hungrigen Menschen, die über kleinen Lagerfeuern Schnecken brieten, vom Pfarrer, der in der Nacht abgeholt wurde und eine Zeitlang eingesperrt war und von einem Cousin, der sich weigerte den Führergruß zu machen und als Strafe mit Plakaten behängt durch das Dorf getrieben wurde.

 

Sie kann sich erinnern, dass sie Schüsse gehört haben, als sie mit einer Freundin unterwegs war und gesehen haben, wie Hüte in die Enns nachgeschmissen wurden. Da wurden anscheinend ein Vater mit seinem Sohn erschossen, die zu schwach waren, um weiterzugehen. Aber sie betont auch, dass es unter den Begleitern des Zuges auch humanere Parteigenossen gab, die wegsahen, wenn den halb verhungerten Menschen Erdäpfel zugesteckt wurden oder die einen Wagen organisierten, der die Schwachen das letzte Stück bis zum Lagerplatz brachte. Frau Schachner erzählt auch von einer Freundin, die sich in den Zug reinschwindelte und dort Essen verteilte. Niemand bemerkte es, weil sie so ein kleines Mädchen war.

 

Auch Frau Schachner erlebte im Jahr 1945 ein Weihnachtswunder. Ihr Bruder hatte, früher als sein Jahrgang, einrücken müssen und kam am Heiligen Abend 1945 wieder nachhause. Der Pfarrer brachte ihn vom Bahnhof mit und ließ ihn zuerst vor der Tür warten und sagte zur Familie, dass es so schön wäre, wenn alle da wären und holte dann als Überraschung den Heimgekehrten herein.

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Schachner, dafür, dass sie sich Zeit genommen hat und über Erlebnisse erzählt hat, die lange zurückliegen und viele nicht schöne Erinnerungen beinhalten.

 

Das ZeitzeugInnengespräch wurde geführt von:

Michaela Renauer, Viktor, Amanda und Anna Blasl, Anita und Erich Buchberger

72 Stunden ohne Kompromiss: Die Projekte
Bunter Klecks

Bunter Klecks

Die 72h-TeilnehmerInnen gestalten den Eingangsbereich des Flüchtlingsheimes und organisieren ein gemeinsames...

Kulinarische Rundreise

Die Jugendlichen werden gemeinsam mit den BewohnerInnen Rezepte aus verschiedenen Kulturen kochen und fotografieren,...

See, decide, get started

Die Jugendlichen werden ein Video zu den SDGs drehen und darin erklären, wie auch im täglichen Leben der...

Soko St. Anna - Wir beschatten!

Die Jugendlichen verschönern die 2016 gebaute Gartenlaube, machen den Boden neu und gestalten sie mit Tischen und...

Miteinander im satten Grün

Die TeilnehmerInnen werden den Garten der Einrichtung wieder zu einem gemütlichen Platz des Zusammenseins und...
Region KJ Ennstal
Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

Kommunikationsbüro
Herrenstraße 19
Postfach 251
4021 Linz
https://www.dioezese-linz.at/
Darstellung: