Tuesday 9. March 2021

Die drei Versprechen

 

Ein kleiner Bub besuchte seinen Großvater, er schaute zu, wie er an einer mächtigen Krippenfigur schnitzte. Einige andere standen schon fertig auf dem Tisch. Und als er ein wenig müde seinen Arm auf die Tischkante legte, merkte er, wie alle Gestalten lebendig wurden. Und er war ganz erstaunt, dass er mit ihnen reden konnte. Und noch mehr: Hirten, Könige, Maria und Josef waren nicht mehr klein und er nicht mehr groß, sondern er ging mitten unter ihnen umher, ohne aufzufallen.

 

Und so ging er mit ihnen in den Stall von Bethlehem hinein. Da schaute er das Kind an. Und das Kind schaute ihn an. Plötzlich erschrak er heftig, und die Tränen traten ihm in die Augen. »Warum weinst du denn?«, fragte das Jesuskind. »Weil ich dir nichts mitgebracht habe.« »Ich will aber gern etwas von dir haben«, entgegnete das Kind. Da wurde der Kleine rot vor Freude.

 

»Drei Sachen will ich von dir haben«, sagte das Jesuskind. Da fiel ihm der kleine Bub ins Wort: »Meinen neuen Mantel, meine elektrische Eisenbahn, mein schönes Buch mit den schönen Bildern?« »Nein!«, erwiderte das Jesuskind, »das alles brauche ich nicht. Dazu bin ich nicht auf die Erde gekommen. Ich will von dir etwas anderes haben.« »Was denn?«, fragte er erstaunt. »Schenk mir deinen letzten Aufsatz!«, sagte das Jesuskind leise, damit es niemand anders hören sollte.

 

Da erschrak der Bub. »Jesus«, stotterte er ganz verlegen, und kam dabei ganz an die Krippe und flüsterte: »Da hat doch der Lehrer druntergeschrieben: Nicht genügend!« »Eben deshalb will ich ihn haben.« »Aber warum denn?«, fragte er. »Du sollst mir immer das bringen, wo »nicht genügend« druntersteht. Versprichst du mir das?« »Ja, sehr gern«, antwortete der Bub.

 

»Und dann möchte ich noch etwas von dir«, fährt das Kind in der Krippe fort, »ich möchte deinen Milchbecher!« Jetzt wird der kleine Junge traurig: »Meinen Milchbecher? Aber der ist mir doch zerbrochen!« »Eben deshalb möchte ich ihn haben«, sagt das Jesuskind liebevoll, »du kannst mir alles bringen, was in deinem Leben zerbricht. Ich will es heil machen!«

 

»Aber nun mein dritter Wunsch«, sagte das Jesuskind. »Du sollst mir nun noch die Antwort bringen, die du der Mutter gegeben hast, als sie fragte, wie denn der Milchbecher kaputtgegangen sei.« Da legte der Kleine die Stirn auf die Kante der Krippe und weinte bitterlich: »Ich ... Ich ...«, brachte er unter Schluchzen hervor, »ich habe den Becher umgestoßen. In Wahrheit habe ich ihn jedoch absichtlich auf den Boden geworfen.«

 

»Ja, du sollst mir immer alle deine Lügen, deinen Trotz, dein Böses, was du getan hast, bringen«, sagte das Jesuskind. »Und wenn du zu mir kommst, will ich dir helfen. Ich will dich annehmen, an deiner Hand nehmen und dir den Weg zeigen. Willst du dir das schenken lassen?« Und der Bub schaute, hörte und staunte ... nach Walter Baudet

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