Saturday 28. January 2023

Tag des Judentums 2023

Am 17. Jänner 2023 referierten Univ.-Prof.in Dr.in Susanne Gillmayr-Bucher, Professorin der Alttestamentlichen Bibelwissenschaft (Katholische Privat-Universität Linz) und Dr.in Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museums Wien, über die Bedeutung des Namens in Judentum und Gedenkkultur.

Mehr als 100 Besucher:innen waren der Einladung des christlich-jüdischen Komitees OÖ zum Tag des Judentums am 17. Jänner 2023 gefolgt, darunter auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz, Dr.in Charlotte Herman, Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Superintendent Dr. Gerold Lehner und Rektor Univ.-Prof. Dr. Christoph Niemand. In einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung wurde an der Katholischen Privat-Universität Linz der Bedeutung des Namens in Judentum und Gedenkkultur nachgegangen.


Univ.-Prof.in Dr.in Susanne Gillmayr-Bucher, Professorin für alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholischen Privat-Universität Linz, stellte in ihrem Vortrag die Frage nach der Bedeutung der Namen von Menschen sowie des Namens Gottes in alttestamentlichen/biblisch-jüdischen Schriften nach. Der Name eines Menschen bringt Identität und Zugehörigkeit zum Ausdruck. Viele biblische Figuren haben auch "sprechende" Namen, die an die Erfahrungen der Eltern erinnern oder auch das weitere Schicksal vorwegnehmen. Haben Personen in Erzählungen keinen Namen liegt der Fokus auf ihrer Rolle, ihren Taten oder ihrem Schicksal. Auch in biblischer Literatur sind Namen mit dem Erinnern verbunden. Personen werden durch Namen wiedererkannt und leben in ihren Namen weiter. Die Auslöschung des Namens ist daher katastrophal. Gillmayr-Bucher ging im zweiten Teil ihres Vortrags auf den Namen Gottes ein, auf die Unaussprechlichkeit des Eigennamens Gottes, auf die Frage nach dem Namen Gottes in der sog. "Dornbuscherzählung" und der Selbstverpflichtung, die mit dem Namen Gottes verbunden ist. Gott wird entsprechend seines jeweiligen Handelns benannt. Im Namen Gottes kommt zum Ausdruck, wie Menschen Gott erfahren, so das Fazit von Gillmayr-Bucher.

 

Von links: Superintendent Dr. Gerold Lehner, Präsidentin Dr.in Charlotte Herman, Bischof Dr. Manfred Scheuer, Univ.-Prof.in Dr.in Susanne Gillmayr-Bucher, Martin Kranzl-Greinecker, Rektor Univ.-Prof. Dr. Christoph Niemand, Dr.in Gudrun Becker.
Diskussion: Univ.-Prof.in Dr.in Susanne Gillmayr-Bucher, Dr.in Barbara Staudinger (online zugeschaltet) und Moderator Martin Kranzl-Greinecker.
Univ.-Prof.in Dr.in Susanne Gillmayr-Bucher

© KU Linz/Eder


Dr.in Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museums Wien, die online zugeschaltet war, sprach zum Thema "Der Name als Gedächtnisort im Judentum". Zu Beginn wies sie auf das Projekt des Jüdischen Museum Schweiz "Was ist ein Name?" hin, in dem 25 Personen anhand ihrer Namen den Dimensionen von Zugehörigkeit, Identität, Zuschreibungen und Diskriminierung nachgehen. Zudem führte sie auch die Entwicklung der Namensgebung in jüdischer Tradition im Laufe der Geschichte aus. Besonders eindrücklich stellte sie verschiedene Formen von Erinnerung im Judentum vor: Die Tradition der Memorbücher, in denen Namen von Verstorben verzeichnet waren, stellt ein "mobiles" Erinnerungszeichen im Judentum dar. Das Jiskor-Gebet als Erinnerungsgebet an Verstorbene, v.a. an die eigenen Eltern, hat einen wichtigen Stellenwert im Gedenken in jüdischen Gemeinden und in Synagogen. Auch die Stiftung von Zeremonialobjekten, z.B. eines Thoramantels, dient der Erinnerung, zumal oftmals die Namen derer, für die sie gestiftet wurden, darauf zu lesen sind.


Einen besonderen Stellenwert nimmt seit der Shoah, das Gedenken an deren Opfer ein. Die Orte und Formen der Erinnerung an die Opfer der Shoah sind vielfältig: in den jüdischen Gemeinden, im öffentlichen Raum, in "Täterländern" und in Israel. Namestafels, Namensmauern, Listen und genealogische Datenbanken dienen – auch für Angehörige - dazu Namen wiederzufinden, sich zu erinnern oder auch eine symbolische Anerkennung zu erfahren.


In der anschließenden, von Martin Kranzl-Greinecker moderierten Diskussion wurden noch weitere interessante Aspekte angesprochen: das Linzer Projekt der Erinnerungszeichen an vertriebene und getötete jüdische Linzer:innen, die Streichung jüdischer Namen aus der Buchstabiertafel durch Nationalsozialisten, die Frage nach "Täter:innenlisten", u.a.m.


Bei koscherem Wein und Bibelbrot wurden die Gespräche und Diskussionen im Foyer der Universität noch weitergeführt und vertieft.

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