Friday 20. May 2022

Tag des Judentums 2022

Der "Lerntag", der anlässlich des Tags des Judentums am 18. Jänner 2022 vom Christlich-jüdischen Komitee an der KU Linz veranstaltet wurde, widmete sich einer gegenwärtig wieder höchst aktuellen Problematik.

„Warum immer wieder ‚die Juden‘? Antisemitismus in Verschwörungstheorien, Vorurteilen und aktuellen Erfahrungen“: Unter diesem Thema stand die Veranstaltung an der Katholischen Privat-Universität Linz. „Leider vergeht ja kaum ein Tag an dem nicht in den Medien über antisemitische Vorfälle berichtet wird“, so Günter Merz, Mitglied der evangelischen Kirche im christlich-jüdischen Komitee, bei seiner Begrüßung.

 

Ursprünglich noch in vor-pandemischen Zeiten konzipiert, war die zunehmende Präsenz, die das Thema des Lerntages angesichts der massiv kursierenden Verschwörungstheorien und Holocaust-Relativierungen in der COVID-Krise wieder gewinnen würde, noch gar nicht abzusehen. Umso dringlicher, das Phänomen des Antisemitismus aus verschiedenen Blickwinkeln genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Dieser Aufgabe stellten sich – nach einmaliger pandemie-bedingter Verschiebung der Veranstaltung um ein Jahr – Dr. Roland Cerny-Werner, Assoz.-Prof. für Patristik und Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Paris Lodron Universität Salzburg und Mitglied des Zentrums für Jüdische Kulturgeschichte, und Benjamin Nägele, M.A.I.S., Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Pandemiebedingt wurden die Teilnehmenden per Zoom zugeschaltet oder konnten die beiden Vorträge und die Diskussion per Youtube-Livestream mitverfolgen.

 

Podiumsdiskussion von li: Dr. Roland Cerny-Werner, Mag. Martin Kranzl-Greinecker, Benjamin Nägele M.A.I.S. 

Podiumsdiskussion (v. l.): Dr. Roland Cerny-Werner, Mag. Martin Kranzl-Greinecker, Benjamin Nägele M.A.I.S. © KU Linz / Eder

 

Antisemitismus in der Geschichte: Kontinuität – Transformation

 

Bei seiner „Historischen Einführung in den Antisemitismus“ verfolgte Cerny-Werner die Wurzeln des Antisemitismus bis zum antiken Vorwurf des „Gottesmordes“ zurück, welcher ab dem 2. Jahrhundert dazu diente, Ausschließung und Gewalt an Jüdinnen und Juden religiös zu legitimieren. Bildmaterial von Darstellungen aus verschiedenen Jahrhunderten zeigten auf, wie sich Vorwürfe der Kinderschändung oder des Ritualmordes bis in die Gegenwart hinein tradiert haben. In der Spätantike bildete die Judenfeindlichkeit eine wichtige Säule der christlichen Identitätsbildung und fungierte insbesondere als Negativkonstruktion sowie bewusst betriebenes ‚Othering‘ zur Schärfung und Festigung des überhöhten ‚Eigenen‘ der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Stereotype verbanden sich hier immer wieder mit ‚realen‘ Verbrechensvorwürfen, woraus sich schon vor Jahrhunderten kuriose Sündenbockerzählungen entspinnen konnten. Der zweite Teil des Vortrags illustrierte die semantischen Brüche und Verschiebungen, die sich in der Neuzeit mit dem Übergang vom Antijudaismus zu einem biologistisch und sprachtheoretisch untermauerten Antisemitismus verzeichnen lassen. Imperialismus, Kapitalismus und Globalismus seien die Bedrohungen, die der moderne Antisemitismus als ganzheitliche politische Weltanschauung dem Judentum zuschreibe. Wer sich einer solch umfassenden und grundlegenden Ideologie verschreibe, der*die erblickt in der Ausrottung des Anderen die einzige Möglichkeit zum Überleben und zur Befreiung des Eigenen – so wie sich dies im Nationalsozialismus auf radikale Weise manifestierte.

 

Antisemitismus im Alltag: Zahlen – Fakten

 

Nach der ersten historischen Perspektive beleuchtete Generalsekretär Nägele in seinem Vortrag vor allem die gegenwärtigen Phänomene des Antisemitismus. In ihrer Vorstellung des Referenten erläuterte Dr.in Charlotte Herman (Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde Linz), wie Nägele während seines Studiums in Wien das dortige jüdische Gemeindeleben kennen- und lieben gelernt hatte, was nicht zuletzt mit ein Grund war, nach mehrjähriger Tätigkeit in Brüssel schließlich die Stelle beim IKG anzunehmen und nach Wien zurückzukehren. Doch sei in den letzten Jahren, so Nägele, die Zahl antisemitischer Vorfälle stark angestiegen. 2021 waren sogar Rekordzahlen an antisemitischen Taten zu verzeichnen (vgl. https://www.antisemitismus-meldestelle.at/), was einerseits mit dem erneuten Aufkeimen des Israel-Palästina-Konfliktes, vor allem aber auch mit den Bedrängnissen durch die Corona-Pandemie und den in diesem Kontext laut gewordenen Verschwörungstheorien zusammenhinge. In seinem Referat über die gegenwärtigen Formen des Antisemitismus definierte Nägele diesen als „Hass und Ablehnung gegenüber Jüdinnen und Juden“, der „in Wort oder Tat gegen Personen aber auch Sachen“ (Gebäude, Synagogen, Friedhöfe etc.), „die einzig deshalb ausgewählt wurden, weil sie jüdisch sind oder aber auch, weil sie als jüdisch wahrgenommen werden“. Dabei blieben strafrechtlich relevante Übergriffe nur die Spitze des Eisbergs, während der Großteil unterhalb der Strafbarkeitsgrenze verbliebe und oft von den Täter*innen gar nicht als antisemitisch wahrgenommen würde. Antisemitismus gäbe es sowohl in politisch rechts als auch in politisch links motivierten Lagern, oder wiese muslimischen Hintergrund auf. Besorgniserregend sei jedoch, dass er nun auch immer häufiger aus der Mitte der Gesellschaft käme und sozusagen salonfähig geworden sei. Deshalb sei es aber gerade in Bezug auf Verschwörungsmythen, die Antisemitismen befeuern, problematisch von „Theorien“ zu sprechen, handle es sich dabei doch über keine wissenschaftlich überprüfbaren Erklärungen, sondern um völlig unhaltbare und irrationale Erzählungen, die sich ganz klassisch in die seit Jahrhunderten tradierten antisemitischen Stereotypen einreihten. Von daher Nägeles Plädoyer: „Jede und jeder einzelne von uns hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf seine eigenen Fakten.“

 

Gespräch und Diskussion

 

Mag. Martin Kranzl-Greinecker, Chefredakteur der Fachzeitschrift UNSERE KINDER (Caritas Linz) und Vorstandsmitglied des Mauthausen Komitees Österreich (MKÖ), führte anschließend an die Vorträge durch das Gespräch mit den Referenten und die Fragen des Publikums. Mag.a Klara Porsch, Referentin des Katholischen Bibelwerks, betreute den Chat und brachte die Fragen und Beiträge der online Teilnehmenden in die Diskussion ein. Diese bezogen sich u.a. auf die Ähnlichkeit des Ritualmord-Mythos mit der während der letzten zehn Jahre in Amerika stark gewordenen QAnon-Verschwörungsideologie, die, wie Cerny-Werner bestätigte, einen „sehr intensiven antisemitischen Kern hat“ und deren Elemente sich auch in den europäischen Anti-Corona-Bewegungen finden.

Doch selbst im Vatikan sei man vor Verschwörungsthesen nicht gefeit, wie etwa die jüngeren Aussagen Kardinal Müllers bewiesen. Von daher sei es wichtig, auf solcherlei Äußerungen kirchlicher Oberer sofort zu reagieren, auch wenn der Großteil der katholischen Kirche nicht dem Verschwörungsspektrum zuzuordnen sei. Was die Daten der Antisemitismus-Melde-Stelle von 2021 auch zeigen, ist, dass der Großteil antisemitischer Übergriffe durchaus aus rechtsradikaler Ecke stamme und nur ein kleinerer Teil islamistisch motiviert sei, so Nägele auf die Frage nach einer spezifischen Zuordenbarkeit der Taten. Mag.a Isabella Bruckner, Referentin für Ökumene und Judentum und Univ.-Ass.in am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik der KU Linz, die die Veranstaltung Quarantäne-bedingt aus dem Homeoffice unterstützte, lenkte das Gespräch auf die „Nationale Strategie gegen Antisemitismus“, welche die Republik Österreich 2021 „zur Verhütung und Bekämpfung aller Formen von Antisemitismus“ verabschiedet hatte. 38 Maßnahmen wurden in sechs übergeordneten Themenbereichen dabei zum Schutz und zur Förderung jüdischen Lebens in Österreich und zum Kampf gegen Antisemitismus ins Auge gefasst. Zentral sei dabei das Österreich-jüdische Kulturerbegesetz, das jüdisches Leben – wie etwa die vier Kultusgemeinden in Wien, Graz, Linz und Salzburg – in Gegenwart und Zukunft nachhaltig absichern solle. Nur ein Teil aber betrifft dabei Sicherheit im unmittelbaren Sinn des Wortes. Andere Bereichen sind: „Jugendförderung – Kultur – Veranstaltungen, interreligiöser Dialog“, so Nägele. Dies sei wohl auch das beste Instrument gegen den Antisemitismus: „Interesse an positiv konnotiertem Judentum in Gegenwart und Zukunft; Interesse an positiv konnotiertem Judentum vor allem bei den Jugendlichen.“ Eine Vorzeigeinitiative sei hier das seit 2015 auch in Wien von der IKG betriebene Projekt Likrat (https://www.likrat.at; https://www.ikg-wien.at/Likrat), bei welchem 14- bis 18-jährige jüdische Jugendliche in Schulen gingen und Kindern von ihrem Leben als Jüdinnen und Juden zu erzählen, sodass Stereotype und Vorurteile abgebaut und Empathie aufgebaut werden könnten.

 

Benjamin Nägele, M.A.I.S., Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. 
Dr. Roland Cerny-Werner, Assoz.-Prof. für Patristik und Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Paris Lodron Universität Salzburg und Mitglied des Zentrums für Jüdische Kulturgeschichte.

© KU Linz / Eder

 

Abschluss und Dank

 

In seinen Schlussworten zitierte Martin Kranzl-Greinecker das bekannte Gedicht des lutherischen Pastors Martin Niemöller: „Als die Nazis die Kommunisten holten …“ und plädierte in diesem Sinn für „ein Miteinander, für Diversität und für ein Aufeinander-Achtgeben“.

Sein abschließender Dank galt an erster Stelle den beiden Referenten, im Weiteren dem Vorbereitungsteam des Christlich-jüdischen Komitees Linz, dem evangelischen Bildungswerk für die finanzielle Unterstützung, der KU Linz für die unkomplizierte Beherbergung und großzügige Gastfreundschaft sowie insbesondere dem Team vom Veranstaltungsmanagement für die umfassende und großartige Organisation der Technik.

Ein Video der Veranstaltung ist am YouTube-Kanal der KU Linz verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=X68dHId8Bno&t=51s

 

Veranstalter*innen und Vortragende

Veranstalter*innen und Vortragende: sitzend von li: Dr. Roland Cerny-Werner, Mag. Martin Kranzl-Greinecker, Benjamin Nägele M.A.I.S., stehend von li: Mag.a Klara Porsch, Günter Merz, Dr.in Charlotte Herman. Nicht im Bild: Mag.a Isabella Bruckner. © KU Linz / Eder

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