Wednesday 18. May 2022
Pastorale Berufe

Seelsorge, die Raum schenkt: Das Projekt Sonntagszimmer in Wels

Eine Idee verfolgen und schauen, was daraus wächst, das macht Mag.a Irmgard Lehner mit ihrem Team seit Oktober 2019 beim Projekt Sonntagszimmer, in dem der pfarrliche Raum für Menschen im Stadtteil zur Verfügung gestellt wird.

Das Projekt Sonntagszimmer hat die leitende Seelsorgerin in der Pfarre Wels-St. Franziskus, Irmgard Lehner, im Zuge des „Lehrgangs zum ressourcenorientierten und sozialräumlichen Handeln“ der Caritas entwickelt. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass es im Stadtteil einerseits viele Neubauten gibt, aber andererseits wenige Gemeinschaftsflächen, auf denen sich die Menschen außerhalb ihrer eigenen vier Wände treffen können: „Unser Anliegen war es, den Menschen im Stadtteil einen freien Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie selbstbestimmt und in Gemeinschaft Zeit verbringen können.“ Der Anspruch dabei ist nicht, dass von der Seelsorgerin und ihrem Team ein Programm geplant und durchgeführt wird, vielmehr bietet das Sonntagszimmer die Möglichkeit, dass die Menschen die Zeit dort selbst gestalten. Die Pfarre bietet lediglich den Raum dafür an. Das stellt durchaus eine Herausforderung für die Menschen dar, wie Irmgard Lehner beschreibt: „Diese Willenserkundung ist eine Hürde, die Zeit braucht, denn die Menschen sind es nicht gewohnt, im kirchlichen Kontext nach ihrem Willen gefragt zu werden.“ Die Aufgabe des Projektteams ist es dabei, Gastgeberin zu sein und Menschen mit zurückhaltender Neugierde willkommen zu heißen. Zwischen März 2019 und Juni 2021 fand das Sonntagszimmer, mit coronabedingten Pausen, achtmal statt. An vorher angekündigten Sonntagen konnten die Teilnehmer*innen zwischen 8:00 und 15:00 Uhr gemeinsam ihre Zeit gestalten und miteinander verbringen. Im Herbst wurde das Projekt evaluiert.

 

Sonntagszimmer

 

Raum öffnen für das, was ist

 

Dabei hat Irmgard Lehner unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die sie im Gespräch teilt. So erzählt sie von drei Frauen ganz unterschiedlichen Alters, die das Sonntagszimmer zum gemeinsamen Kochen besucht haben. „Alle drei waren in gröberen Beziehungskrisen, so dass der Sonntag zuhause einfach nicht funktioniert hat, weil man streitet, Angst hat, sich alleine fühlt, weil etwas zerbricht. Beim gemeinsamen Kochen und Essen haben sich diese drei sehr bestärkt mit ihren Erfahrungen und Schwierigkeiten. Da war heiliger Boden. Und da haben wir als Team gar nicht viel dazu getan, außer dass wir den Rahmen geboten haben, der das ermöglicht.“

 

Als Ermöglichungsgrund für solche Begegnungen sieht sie die Tatsache, dass im Sonntagszimmer Raum geöffnet und Rahmen geschaffen wird. „Und Räume haben wir ja genug in der Kirche. Die sollten wir für die Menschen aufmachen. Das hat aber auch etwas mit Atmosphäre zu tun, mit den Fragen, die gestellt werden dürfen und mit der Art, wie man auf die Menschen zugeht, nämlich mit Interesse an dem was wirklich, wirklich wichtig ist. Dafür hätten wir Kirchenmenschen ja auch eine gute Kompetenz.“ Eine zweite Bedingung für das Gelingen nennt Irmgard Lehner noch: „Ich selbst spreche in diesen offenen Räumen oft gar nicht viel, aber ich schaue, dass die spirituelle Kraft auch mit präsent ist, repräsentiert durch die Menschen, die tief darin verwurzelt sind.“

 

Sonntagszimmer

 

Freiraum für die seelsorgliche Arbeit

 

Mit Blick auf die Arbeit der Seelsorger*innen sieht sie einen weiteren Vorteil offener Konzepte, wie dem Sonntagszimmer: „Wir sind oft mit so vielen Sachen eingeteilt. Und so ist das Sonntagszimmer für mich auch Freiraum. Da habe ich einfach Zeit, für das, was jetzt ist, zum Beispiel für den Papa des Kindes, das ich vor vier Jahren getauft habe, oder für die Pflegerin, die mit der Person im Rollstuhl am Pfarrgelände vorbeifährt. Das sind Begegnungen, die uns zufallen.“ Im Rahmen des Sonntagszimmers ist also Zeit für das, was sonst nur hineingezwängt wird.

 

Sonntagszimmer

 

An anderen Orten erreichbar sein

 

Aufs große Ganze gesehen schildert Irmgard Lehner, wo sie Handlungsbedarf sieht: „Mit Blick auf die Kirche habe ich das Gefühl, wir brauchen mehr solche Orte, wo wir Zeit und einen freien Raum haben, denn dort ereignet sich so viel. Das sehe ich immer mehr. Wenn die Menschen weniger zu unseren fixen Angeboten gehen, wie etwa den Gottesdiensten, dann müssen wir mehr an anderen Orten, in einem freieren Rahmen erreichbar sein.“ Und so sieht sie das Sonntagszimmer auch als einen Ort, an dem erprobt wird, was neue Formen von Kirche in der Welt heute sein könnten. Auch wenn so ein Versuch erstmal ein Tasten ist, so sieht man an diesen Erzählungen, dass zum Teil schon viel da ist und dass es schon kostbare Orte gibt, an denen sich etwas verwandelt.

 

Text: Mag.a Melanie Wurzer BA

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