Tuesday 26. October 2021
Pastorale Berufe

Kirche und Landesausstellung 2021: Mensch und Spiritualität im Zentrum

Ungefähr die Hälfte der Zeit der heuer in Steyr stattfindenden oberösterreichischen Landesausstellung „Arbeit – Wohlstand – Macht“ ist bisher verstrichen. Auch die Katholische Kirche Oberösterreich nimmt mit verschiedenen Projekten daran teil. Das Angebot reicht von einer Zehn-Minuten-Wallfahrt und „Sprechenden Steinen“ bei der Stadtpfarrkirche Steyr über eine Kunstinstallation mit dem Titel „Friede den Menschen“ hin zu einer Ausstellung zur Arbeit der Betriebsseelsorge Steyr. Die Angebote können noch bis zum 7. November in Steyr besichtigt werden.

„Als Kirche dürfen wir bei so einem Kulturereignis wie einer Landesausstellung nicht im Abseits stehen.“ So beschreibt Mag. Karl Ramsmaier, Verantwortlicher für das Projekt „Kirche und Landesausstellung 2021“, sein ganz zentrales Anliegen für die Entwicklung der Projekte, die er mit unterschiedlichen Kooperationspartner*innen umgesetzt hat. Einige seiner Projekte kann man inzwischen in Form von Broschüren in den Händen halten, etwa die Broschüre zum Taufbecken der Stadtpfarrkirche Steyr und die Broschüre zum Wirken von P. Josef Meindl. Andere kann man noch bis November vor Ort in Steyr erleben, viele davon spielen sich in oder rund um die geschichtsträchtige Steyrer Stadtpfarrkirche ab.

 

Steyr zwischen Christkindl und Waffenproduktion

 

Die bemerkenswerte, aber nicht ganz unumstrittene Installation „Friede den Menschen“ der Künstlerin Elisabeth Kramer setzt sich mit dem 1933 bei der Stadtpfarrkirche Steyr errichteten Kriegerdenkmal auseinander. Sie macht auf die kritische Spannung aufmerksam, dass Steyr einerseits den Titel Christkindlstadt trägt und andererseits Ort von Waffenproduktion ist. Die temporäre Installation verhüllt das Kriegerdenkmal mit einem großformatigen Bild, das einen Hasen zeigt, der einen Mann sanft an der Stirn berührt. „Im Bild geht es um diese Berührung, denn eine Berührung entwaffnet, wie wir aus unserer menschlichen Erfahrung wissen“, erläutert Karl Ramsmaier. Dabei irritiert das Bild natürlich. „Vereinzelt gab es auch Kritik“, erzählt Ramsmaier weiter. „Aber insgesamt gibt es sehr viel Zustimmung, dass dieses Thema während der Landesausstellung angesprochen wird. Das ist ja auch die Intention der Installation: eine Diskussion auszulösen. Und das ist gelungen.“

 

 

Grabplatten als „Sprechende Steine“
 

Ein anderes Projekt, „Sprechende Steine“ genannt, findet in der Vorhalle der Stadtpfarrkirche seinen Ort. Bei den dortigen Epitaphien, also den steinernen Grabplatten, wurden Informationstafeln angebracht, die genaueres über die dort abgebildeten, im 16. Jahrhundert Verstorbenen erzählen. Die Tafeln machen die Inschriften lesbar und erklären die Bilder. So erfährt man etwas über das Leben des Stephan Grätl, des Seelsorgers der damaligen Elend-Zeche, also eines karitativen Vereins für notleidende Fremde war. Oder auch über Wolfgang Urkauf und seine 17-köpfige Familie. Karl Ramsmaier berichtet: „Die Besucher*innen sind neugierig und wollen etwas über die Familien erfahren und die Bilder verstehen. So wurde auch schon mehrmals der Wunsch geäußert, die Beschreibungen auch nach der Landeausstellung beizubehalten.“

 

 

„Zehn-Minuten-Wallfahrt“

 

Ein weiteres, eher spirituelles denn historisches Projekt nennt sich „Zehn-Minuten-Wallfahrt“ und findet innerhalb der Stadtpfarrkirche statt. Diese Art der Wallfahrt soll laut Ramsmaier besonders für jene Menschen eine Anregung sein, „die oft nicht mehr recht wissen, was sie in einer Kirche tun können, außer Fotos zu machen“. Die Wallfahrt besteht aus drei Stationen, die auf einer Ansichtskarte beschrieben sind: Erstens dem Entzünden einer Kerze und dem Gebet für Verstorbene, zweitens dem Hinterlassen eines eigenen Eintrags im „Dank-Buch“ und drittens einer kurzen Meditation beim berühmten Taufbecken der Stadtpfarrkirche. Die Rückmeldungen zu dieser Form der Wallfahrt sind laut Ramsmaier durchwegs gut. Ergänzend gibt es täglich einen Kirchendienst, der die Besucher*innen willkommen heißt und für Fragen zur Verfügung steht. „Die Besucher*innen sind dankbar für die verschiedenen Stationen und loben die Qualität der Texte und deren Gestaltung. Sie erleben es als Wertschätzung, dass dies extra für sie vorbereitet wurde. Immer wieder kommen Leute auf uns zu und bedanken sich. Die Leute sind froh, dass jemand da ist in der Kirche, dass sie fragen können und Hinweise bekommen. Es kommt auch immer wieder zu seelsorglichen Gesprächen, manchmal auch zu sehr tiefgehenden.“

 

 

„Wortnahrung“: Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein...

 

Ein anderes Angebot innerhalb der Stadtpfarrkirche ist die sogenannte „Wortnahrung“. Der Hintergrund des Projekts sind zwei Fragen bzw. Anliegen Ramsmaiers: Einerseits die Frage, wie es möglich ist, in der Kirche Begegnungen zwischen Besucher*innen und den Steyrer Bürger*innen herbeizuführen, und andererseits, wie dem Eindruck einer toten Kirche entgegengewirkt werden kann. Inspiriert vom Bibelwort „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund“ (Mt 4,4) entstand die Idee, Menschen aus Steyr, denen der Glaube etwas bedeutet, zu Wort kommen zu lassen. So finden sich auf sieben Lesepulten Texte, in denen Steyrer*innen die für sie wichtigsten Texte aus der Bibel interpretieren.

 

Ergänzt werden diese Angebote durch eine Mittags-Meditation, die Dienstag bis Freitag stattfindet, egal ob Besucher*innen in der Kirche sind oder nicht. „Es geht einfach darum, dass es ist“, so Ramsmaier. Die Meditation dauert jeweils nur zehn Minuten und besteht aus einer Schriftlesung, einem Gebet und einem Segen und wird abwechselnd von unterschiedlichen Seelsorger*innen gehalten.

 

 

„Der Mensch im Zentrum“ der Betriebsseelsorge

 

Ein anderes Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Betriebsseelsorge Steyr entstanden ist, findet am Vorplatz der Kirche St. Michael seinen Platz. „Der Mensch im Zentrum“ ist der Titel der Ausstellung, die die geschichtlichen Hintergründe, aber auch die gegenwärtige Arbeit der Betriebsseelsorge thematisiert. So erzählt etwa eine der fünf Skulpturen in Form menschlicher Köpfe die Geschichte der Steyrer Betriebsseelsorge, die stark mit dem Pionier der Arbeiter*innenseelsorge P. Josef Meindl verbunden ist, wie auch die schon erwähnte Broschüre zeigt.

Eine andere zeigt die Arbeit mit Jugendlichen bei verschiedenen Workshops. Außerdem werden Einblicke in das Arbeitsleben eines Industriearbeiters, einer Alleinerziehenden sowie einer Geschäftsführerin einer Kinderorganisation gegeben. Ein weiterer Kopf bietet Informationen zu den zentralen Inhalten der katholischen Soziallehre. Karl Ramsmaier formuliert das Anliegen des Projekts folgendermaßen: „Wir sehen die kleine Ausstellung als wichtige Ergänzung zum Thema Arbeit und wollten damit als Kirche bewusst in den öffentlichen Raum gehen“.

 

 

Kirche als lebendiger, spiritueller Ort

 

Neben der Öffnung der Kirche für den öffentlichen Raum ist es ein zentrales Anliegen Ramsmaiers, die Kirche durch die Projekte für die Besucher*innen als spirituellen Ort und nicht nur als Museum wahrnehmbar zu machen. Sie soll ein Ort sein, von dem sich Besucher*innen der Landesausstellung etwas für das eigene Leben mitnehmen können. „Ich wollte auch Menschen erreichen, die normalerweise mit Glaube und Kirche nicht besonders viel anfangen können“, so Ramsmaier. Dementsprechend große Freude macht Ramsmaier neben der Erarbeitung der Projekte und der Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Gestaltern der wöchentliche Kirchendienst: „Mich berührt, wenn ich sehe, wie intensiv manche Besucher*innen die Texte der verschiedenen Stationen lesen oder mich darauf ansprechen“.

 

Nähere Infos zu allen Angeboten der oberösterreichischen Landesausstellung: www.landesausstellung.at

 

Text: Mag.a Melanie Wurzer BA

Pastorale Berufe
4021 Linz
Herrenstraße 19, Postfach 251
Telefon: 0732/772676-1207
Telefax: 0732/772676 1209
Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

Kommunikationsbüro
Herrenstraße 19
Postfach 251
4021 Linz
https://www.dioezese-linz.at/
Darstellung: