Saturday 8. May 2021
Pastorale Berufe

Unbekanntes und Bekanntes mit anderen Augen sehen

Die Arbeitsgemeinschaft Kirchliche Jugendzentren hat sich im Zuge einer Fortbildung mit den Möglichkeiten der nachgehenden Jugendarbeit beschäftigt. In Begleitung von Dr. Helmut Eder MSc wurde daraus eine Form der Straßenexerzitien, die den Teilnehmer*innen durchaus die Augen geöffnet hat.

Insgesamt 25 hauptamtliche Mitarbeiter*innen der kirchlichen Jugendzentren der Diözese Linz haben sich im Februar zur Vernetzung in der so genannten ARGE JUZ (Arbeitsgemeinschaft Kirchliche Jugendzentren) getroffen. Neben der Wahrnehmung und Weiterentwicklung gemeinsamer Anliegen im Bereich offener Jugendarbeit werden diese Treffen auch zur Weiterbildung genützt. Im Februar-Treffen haben sich die Jugendleiter*innen gemeinsam mit Helmut Eder dem Thema nachgehende Jugendarbeit gewidmet. Dabei ermutigte der Obdachlosen- und Pfarrseelsorger die Gruppe sich auf das Experiment Straßenexerzitien im Kleinen einzulassen. Beinahe alle nahmen das Angebot und die Herausforderung an.
 

Losgehen ohne „Schutzschild“
 

Helmut Eder schickte die Interessierten mit der Aufgabe los, sich für einige Stunden Zeit zu nehmen und dabei einen oder mehrere öffentliche Orte aufzusuchen, um dort zu beobachten.

Dabei sollten die „üblichen Schutzschilder“, wie sie die Teilnehmerin Monika Kraml (Jugendleiterin im KidsZentrum TURBINe) bezeichnete, also Handy und dergleichen zu Hause oder zumindest in der Tasche bleiben. Das Ziel beschreibt der Teilnehmer Mag. Aaron Dellacher (Jugendleiter im treffpunkt mensch&arbeit Vöcklabruck) folgendermaßen: „Dinge zu sehen, die eigentlich immer da sind, wir aber nicht sehen. Kleine zwischenmenschliche Gesten, Gesprächsfetzen: Kleine Stücke die auf große Geschichten schließen lassen.“

Die dabei gemachten Erfahrungen wurden anschließend in einem Online-Austausch reflektiert.


 

„Es wird hier viel geredet.“
 

Aaraon Dellacher war in seiner Heimatstadt Vöcklabruck unterwegs und erlebte das Heimspiel durchaus als Herausforderung, weil er dort nicht anonym beobachten konnte. So kam er bald in ein Gespräch mit einem Bekannten von ihm. Aber auch dieses Gespräch drehte sich um das lokale Stadtbild: „Von dem Rollstuhlfahrer, der von Spielplatz zu Spielplatz fährt, weil es für ihn die größte Freude ist, Kindern beim Spielen zuzusehen. Von dem Suchtkranken, vor dem sich die Passanten fürchten und Eltern sich um ihre Kinder sorgen. Um ihn dreht sich auch kurz später das Gespräch mit den Streetworkern, die ich am Skateplatz antreffe. Es wird hier viel geredet. Manchmal vielleicht zu viel über die Menschen, als mit ihnen.“
 

Von der Beobachterin zur Beobachteten
 

Monika Kraml setzte sich in den Linzer Volksgarten und erlebte dort größere Anonymität. Aber auch sie blieb nicht unbemerkt, als sie dort eine Gruppe von Männern beobachtete, die im Stehen Bier tranken und sich lauthals über die aktuelle politische Lage unterhielten: „So unauffällig wie möglich schielte ich immer wieder in ihre Richtung, um nicht zu viel Interesse auf mich zu lenken. Doch plötzlich sonderte sich ein Mann von der Gruppe mit seinem Hund und seiner Bierdose ab, setzte sich auf eine Parkbank direkt gegenüber von mir und starrte mich offensichtlich an. Dies passierte so unerwartet, dass sich mein Fluchtreflex einschaltete und ich mir schon überlegte, wie ich am schnellsten den Ausgang erreichen konnte. Doch dann fiel es mir sprichwörtlich wie Schuppen von den Augen: Nach dem Motto „wie du mir, so ich dir“ spiegelte er mich deutlich und zeigte mir dabei wahrscheinlich, wie er sich fühlte. Circa 20 Minuten dauerte die Situation an, bis wir uns schlussendlich sogar anlächelten, er aufstand und einfach mit seinen Habseligkeiten verschwand, als wäre er nie hier gewesen.“ Diese Erfahrung ließ sie das Verhalten der Männer mit anderen Augen sehen: „Sich bei diesen rauen Temperaturen an öffentlichen Orten aufzuhalten und dabei von allen möglichen Menschen beobachtet zu werden, stelle ich mir nicht leicht vor. Genau das verlangt wahrscheinlich auch ein lautes und vor allem selbstsicheres Auftreten, vor dem ich mich immer so gefürchtet habe. Das war auf jeden Fall ein Moment der Veränderung!“

Abseits davon bekam sie in den Stunden im Linzer Volksgarten noch vieles anderes zu sehen: Menschen, die den Park durchqueren, die einen Kinderwagen schiebend, die anderen in Richtung Bahnhof hastend, aber auch eine Frau, die ihren bepackten Einkaufswagen verwirrt murmelnd vor sich herschob. Auch auf Grund der widrigen Wetterumstände wurde für Kraml etwas deutlich: „In diesen letzten Minuten im Volksgarten wurde mir bewusst, wie viel Luxus ich im Alltag oftmals sehr unbedacht genießen kann. Ich dachte darüber nach, wie leicht ich es habe, mich in meinem eigenen Zuhause mit einer Tasse Tee oder einer warmen Dusche aufzuwärmen und zu wissen, dass ich mich gemütlich in mein Bett einkuscheln kann, welches mir gehört.“

 

Offen bleiben für das was da ist
 

Für ihre Arbeit als Jugendleiterin nahm sich Monika Kraml die Offenheit gegenüber dem Unbekannten und Ungewissen mit, die sie sich behalten möchte.

Aaron Dellacher bemerkte durch die Straßenexerzitien, „dass oft viele Dinge vor uns liegen und wir sehen sie trotzdem nicht. Wenn ich gedanklich präsent bin, also da, wo auch mein Körper ist und nicht schon bei der nächsten Aufgabe, dann beginnt die Umgebung mir Geschichten zu erzählen.“ Konkret auf seine Arbeit als Jugendleiter bezogen, konnte sich Aaron Dellacher genau das mitnehmen, nämlich nicht zu vergessen, dass hinter jedem Menschen eine Geschichte steht: „Manche Jugendliche sehe ich nur vereinzelt. Ich sehe Verhaltensweisen, und Gesten, höre Aussagen und Meinungen. Wenn man gut hinsieht und hinhört, schimmert immer auch eine große Geschichte, getragen von einer Seele, durch.“

 

Text: Mag.a Melanie Wurzer BA

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