Monday 12. April 2021
Pastorale Berufe

Fortbildung: Arbeiten und leben in Zeiten der Krise

In einer dreiteiligen Online-Fortbildung des Instituts für pastorale Fortbildung (IPF) haben sich Seelsorger*innen mit den vielschichtigen Herausforderungen der Corona-Krise, aber auch mit den Möglichkeiten konkreter Unterstützung Betroffener beschäftigt.

Insgesamt 22 Mitarbeiter*innen aus den unterschiedlichen pastoralen Arbeitsfeldern haben im Februar und März an der Fortbildung „Ich habe das Schreien meines Volkes gehört. Arbeiten und leben in Zeiten der Krise: Erfahrungen – Fakten – pastorales Handeln“ teilgenommen.
 

Auf die Blickrichtung kommt es an
 

Im ersten Modul der Fortbildung wurden die selbst erlebten bzw. wahrgenommenen Krisenerfahrungen im eigenen Umfeld geteilt. Zum Einstieg führte Mag. Fritz Käferböck-Stelzer (Betriebsseelsorger Linz-Land, sowie beim Treffpunkt mensch & arbeit Nettingsdorf), mit einem Impuls in das Thema ein. Dabei wurde das Grundanliegen in der pastoralen Arbeit deutlich, nämlich: „Hinschauen, hinhören, zum Schreien ermutigen, einander Nächste sein und werden und gemeinsam Schritte der Veränderung zu gehen“, so Fritz Käferböck-Stelzer. Mit Hilfe von Zitaten aus der Bibel und von Theolog*innen wurde verdeutlicht, dass es auf die Blickrichtung ankommt, denn die Stärke einer Gesellschaft oder Gemeinschaft zeigt sich darin, wie sie mit den Schwächeren umgeht.

Im zweiten Modul ging es um „Die Krise und ihre Folgen aus unterschiedlichen Perspektiven“, in die Expert*innen aus unterschiedlichen Bereichen Einblick gegeben haben.
 

Herausforderung Arbeitslosigkeit und Verschuldung

 

So referierte etwa Mag.a Maria Siegmeth vom oberösterreichischen Arbeitsmarktservice über die Veränderungen der Arbeitsmarktsituation im letzten Jahr. Wie oftmals medial transportiert, hat sich die Anzahl der Arbeitslosen in den letzten Monaten stark erhöht. Als besonders schwierig beschrieb Frau Siegmeth die Situation der arbeitssuchenden Jugendlichen. Auf Grund der Kontaktbeschränkungen und dem damit verbundenen Ausweichen auf vor allem telefonische Beratungen ist es immer schwieriger die Jugendlichen zu erreichen. Dadurch dauert es auch viel länger bis sie in eine geeignete Ausbildung vermittelt werden können.

 

Christan Balleitner MA von der Schuldnerhilfe OÖ berichtete über die Situation von Menschen die verschuldet sind. Er erzählte etwa von Personen, die auf Grund von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder anderen Einkommensveränderungen, in finanzielle Schwierigkeiten gekommen sind, weil Kredite und andere Raten einfach auf die ursprünglichen Einkommensverhältnisse ausgerichtet waren. Dadurch mussten viele Menschen Prioritäten setzen, was sie nun zahlen, dafür sind sie in anderen Bereichen ins Schleudern gekommen. Dennoch ist der befürchtete Ansturm an Betroffenen ausgeblieben, was Balleitner auf die Möglichkeit der Kredit- und Mietstundungen zurückgeführt hat. Da die gesetzliche Vorgabe für Stundungen mit dem 31.1.2021 geendet hat, rechnet die Schuldnerhilfe nun mit einem deutlichen Anstieg an Insolvenzen: „Jetzt beginnt es klar zu werden, was Corona mit den Finanzen der Menschen gemacht hat“, so Balleitner.
 

Erfahrungen aus der Caritas Sozialberatung
 

Mag.a (FH) Michaela Haunold wiederum hat von ihren Erfahrungen in der Caritas Sozialberatung, deren Leitung sie innehat, erzählt. Besonders im März und April des Vorjahres haben die Anfragen dort stark zugenommen. So wurden in Summe im Jahr 2020 10% mehr Personen als im Jahr zuvor beraten. Neue Themen in den Sozialberatungen waren vor allem Gewalt und Konflikte in den Familien, aber auch als weitere Folge Neuanmietungen auf Grund von Trennungen. Am deutlichsten stieg der Bedarf an Sozialberatungen in den Regionen, wie etwa im Innviertel, wo es um 200% mehr Beratungen als im Vorjahr gab. Den Grund dafür und damit auch eine Chance sieht Haunold im Umstieg auf telefonische Beratungen, die deutlich mehr Anonymität bieten, als die sonst üblichen persönlichen Gespräche. In den Beratungen geht es vor allem darum, gemeinsam zu schauen, wo Sparpotential vorhanden ist, denn finanzielle Unterstützung kann die Caritas Sozialberatung nur im Ausmaß von Überbrückungshilfen bieten, dauerhafte Unterstützung ist nicht möglich. In diesem Sinne konnten im Jahr 2020 rund 11 000 Personen unterstützt werden. Bei den Mindestpensionist*innen nimmt Haunold eine neue betroffene Gruppe wahr. Denn viele Menschen dieser Gruppe haben auf Grund der Corona-Situation ihre geringfügigen Jobs, mit denen sie sich einen zusätzlichen Verdienst erwirtschafteten, verloren. Dazu kamen aber auch vermehrte Anfragen für Unterstützung bei der Anschaffung von Laptops und anderen Geräten für das Homeschooling. Eine zusätzliche Belastung für Familien stellen die derzeit sehr langen Zeiten bei der Bewilligung der Familienbeihilfe dar. Für Betroffene gilt es derzeit, Wartezeiten von vier bis sechs Monaten zu überbrücken.
 

Zunahme an Gewalt

 

Danach referierte die Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums OÖ Mag.a Eva Schuh, über die Situation Gewaltbetroffener. Nach sehr ruhigen ersten Wochen des Lockdowns begann der starke Anstieg an Anfragen mit den Kampagnen in den Medien zur Sensibilisierung für Gewalt in der Familie. Signifikant war der Unterschied in der Art und Weise, wie die Klient*innen (80 % davon sind Frauen, 20% Männer, die aber wiederum Gewalt von Männern, also Vätern, Brüdern, ... ausgesetzt sind) zum Gewaltschutzzentrum kamen. Denn üblicherweise kommt rund die Hälfte der Personen von sich aus, die andere Hälfte wird auf Grund eines Betretungsverbots der Täter von der Polizei an das Gewaltschutzzentrum verwiesen. Seit den Lockdowns hat sich die Situation verändert und 2/3 der Klient*innen kommen auf Grund von Betretungsverboten zum Gewaltschutzzentrum und nur 1/3 von selbst. Insgesamt gab es bei den Betretungs- und Annäherungsverboten eine Zunahme von 19 %. Um 49% stiegen die Betretungsverbote wo Kinder und Jugendliche als Opfer betroffen waren. Schuh vermutet dahinter zwei Gründe: Einerseits ist die Gewalt massiver geworden, andererseits waren übliche Zufluchtsorte Gewaltbetroffener wie Freund*innen oder Familie auf Grund des Lockdowns nicht greifbar. Dazu kommt, dass es schwer ist, sich Hilfe zu nehmen, wenn die Gewalttäter auch zuhause sitzen und so die Opfer stärker unter Kontrolle haben. Bei den Beratungen für Kinder und Jugendliche stellte Schuh ebenso einen massiven Anstieg fest. Und auch die Frauenhäuser kamen an ihre Kapazitätsgrenzen bzw. mussten teilweise Ausweichquartiere anmieten. Ebenso wurde eine starke Zunahme von bis zu 100 % bei den Unterbringungen in den psychiatrischen Abteilungen der Krankenhäuser festgestellt. Dabei sieht Schuh die Krise nicht als Ursache für die Gewalt: „Es muss schon vorher eine Gewaltbereitschaft bzw. Gewaltpotential da gewesen sein, dass durch die allgemeine angespannte Situation der Krise ausgelöst worden ist.“


 

Herausforderungen in Pflegeberufen

 

Zur Situation der Menschen, die in der Pflege tätig sind, referierte Stefan Bauer (Zentralbetriebsrat des Sozialhilfeverbandes Linz-Land). Er sensibilisierte die Teilnehmer*innen vor allem für die Ängste und Sorgen, der Betroffenen. Dazu gehört etwa die Angst vor Ansteckung genauso, wie massive Zusatzbelastungen durch die Situation alleinige Ansprechperson zu sein. Aber auch die Durchführung der teilweise körperlich sehr anstrengenden Arbeit mit FFP2-Maske ist für die Pflegenden erschwerend. Dazu kommen emotionale Belastungen wie die Vorwürfe aus den Lockdowns, die Bewohner*innen würden in den Heimen eingesperrt und von ihren Verwandten weggesperrt werden. Gleichzeitig wurde aber für die Heime des Sozialhilfeverbandes ein Meilenstein geschafft. Nämlich die Einführung der 39-Stunden-Woche für alle dort Beschäftigten. Dadurch wurde Solidarität über die Berufsgruppen hinweg geschaffen und ein mehrjähriger Prozess und Kampf der Mitarbeiter*innen und Betriebsrät*innen konnte positiv abgeschlossen werden.
 

Unterstützungsmöglichkeiten aus dem pastoralen Alltag

 

Im dritten Modul der Fortbildung wurde versucht die geteilten Wahrnehmungen aus dem ersten Modul und das angeeignete Wissen aus dem zweiten Modul in die pastorale Praxis mitzunehmen. So wurde überlegt, wie man als Kirche vor Ort die Menschen in diesen unterschiedlichen Problemen und Herausforderungen seelsorglich unterstützen kann.

Im ersten Schritt wurde dabei der Blick darauf gelenkt, was bereits in diesem Bereich passiert. So konnten einige Teilnehmer*innen von Gesprächsangeboten „to go“ berichten, wieder andere nannten die Liturgie als Ort der Beheimatung für die Älteren in der Pfarrbevölkerung, aber auch als Ausstieg aus dem Corona-Alltag für die Jüngeren. Als herausfordernd wurde von vielen das Kontakt halten in der derzeitigen Situation beschrieben. Da ist es gut, wenn man auf gute Beziehungsarbeit vor der Krise aufbauen kann. Natürlich gibt es auch viele Online-Angebote, sowohl für Jugendliche, aber auch Ältere, dennoch muss man sich vor Augen halten, so die Seelsorger*innen, dass Online-Angebote nicht für alle geeignet sind.

 

Good practice Beispiele

 

Mag. Wilfried Scheidl (Leiter der Regionalcaritas) gab einen Input in Form von good practice Beispielen aus verschiedenen Pfarren und Dekanaten. Dazu gehören etwa der Kostnix-Laden in Mauthausen, der frei zugängliche Kleiderkasten in Reichraming, eine Notfallnummer bei finanzieller Not in der Pfarre Leonstein, oder auch die Soziallots*innen bzw. das Familientandem aus der Pfarre Ebensee.
 

Infos aus der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung

 

Christian Winkler (Leiter der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung) gab einen Einblick, was abseits eines Arbeitsplatzes besonders wichtig für arbeitssuchende Menschen wäre: nämlich Würde, Wertschätzung, Kontakt und das Gefühl, gebraucht zu werden. Er plädiert, auch in den Pfarren, der Sprachlosigkeit in Bezug auf Arbeitslosigkeit mit einer hohen Sensibilität entgegen zu wirken und Arbeitslosigkeit auch im pfarrlichen Kontext zu thematisieren. Die bischöfliche Arbeitslosenstiftung unterstützt Pfarren gerne, wenn sie Projekte zu diesem Thema planen.

 

Was ist in Zukunft wichtig? Worauf wird Wert gelegt?

 

Im Austausch wurde den Seelsorger*innen deutlich, dass es wichtig ist, sich immer wieder selbst auf die unterschiedlichen Probleme und Herausforderungen der Menschen zu sensibilisieren und dies in die pastoralen und pfarrlichen Netzwerke weiterzutragen. Einige der Teilnehmer*innen der Fortbildung wollen in Zukunft ihren Fokus vermehrt auf die Option für die Armen legen, dahingehend sensibilisierend wirken und Angebote für Menschen in (finanziellen) Notlagen setzen. Um das und auch andere Ziele zu erreichen, möchten sie vermehrt auf die Vertiefung bestehender Kontakte und Gruppen setzen, aber auch regionale Vernetzung forcieren.

 

Text: Mag.a Melanie Wurzer BA

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