Friday 30. October 2020

Handwerkskunst - Wolfgang Auer: Der Letzte seines Standes

 

Handwerkskunst – Wolfgang Auer: der Letzte seines Standes

 

Es sind Dinge, die oftmals alles zusammenhalten oder sichern, die man wenig wahrnimmt, vielfach Alltägliches, Funktionales das jeden Tag selbstverständlich gebraucht wird. Objekte aus Schmiedeeisen wie Schlösser, Beschläge, Türen, Gitter, Leuchter, Luster etc. Dass sich hinter solchen Objekten ein wahrer Schatz an großartiger Handwerkskunst verbirgt, wird oftmals übersehen. So sind im Laufe der Zeit viele historische Objekte in Pfarren bei Alteisensammmlungen weggegeben worden, Objekte überstrichen, falsch entrostet, Schlösser schlecht umgebaut und vieles mehr. All diese Problematiken sind Schlossermeister Wolfgang Auer begegnet, immer hat er versucht den originalen Zustand wieder herzustellen, fachgerecht zu ergänzen, neue Teile dazu zu schmieden wenn nötig, schlechte Fassungen zu entfernen und wieder richtige aufzutragen. Warum scheint das nun so schwierig und warum stellt Herr Auer in diesem Bereich etwas ganz Besonderes dar?

Er kann noch Schmiedetätigkeiten mit Fassungen verbinden, er kennt sich in der Stilgeschichte aus und kann daher fachgerechte Ergänzungen schmieden. Technisch kann er feuerschweißen, hat sich einen Fundus an altem Eisen zurecht gelegt und verarbeitet dieses. Er stellt seine Arbeiten immer unter die Oberhoheit des Objektes das er bearbeitet, daher passen sich seine Werkstücke in das Gesamte ein. So entstehen wieder Kunstwerke wie sie gedacht waren, seien es gefasste Türen, gefasste Gitter, funktionierende Uhrwerke, gebläute Beschläge gotisch und barock, Schlüssel, Schlösser und vieles mehr.

 

Durch das kulturhistorische Interesse und die Tätigkeiten des Vaters bekam Wolfgang Bücher über Kunstgeschichte in die Hände und durfte mit dem Vater bei Ausgrabungen dabei sein. So festigte sich früh das Gefühl für Formen. Bei seinem Firmpaten in Rotthalmünster, der Händler, Kirchenmaler, Vergolder und Restaurator war, durfte er mitarbeiten und bekam so das Wissen um Fassungen, Vergoldungen und vieles mehr. Aber nicht irgendwie, sondern mit viel Lesen, Schauen, Ausprobieren und lernen. Wolfgang meint, dass er das Meiste bis zu seinem 14. Lebensjahr gelernt hat, das war der wichtigste Grundstock. Die Mutter war musisch begabt und er wurde von ihr bei seinen Interessen sehr unterstützt.

 

Eigentlich wollte er nie das Schlosserhandwerk erlernen. Es war die bessere Wahl die er geboten bekam, neben der Fleischhauerei. Sozusagen ein Notnagel. Denn eigentlich schwärmte er für das Uhrmacherhandwerk, aber das wurde nicht erlaubt, weil „Hungerleidergeschäft“ laut Vater. So hat er schon in der Schule, wenn er Fächer hatte die ihn nicht so interessierten, wie Geografie, unter der Bank gezeichnet, meist Pläne für mechanische Uhren, wenn im Zeichenunterricht „nix gscheites zu zeichnen war“, reparierte er unter der Bank Wecker und Uhren für Nachbarn und Bekannte. So war die Aussage seines Lehrers, dass er zwar der begabteste Schüler gewesen sei, aber auch der sturste. Der Firmpate war Uhrensammler, hatte das Haus voller Uhren, so hatte Wolfgang immer zu tun, er brachte sie alle wieder „zum Gehen“. So hat er einmal in diesem Haus alle Schlagwerke der Uhrensammlung um eine Minute versetzt eigenstellt und die Patentante damit der Ohnmacht nahe gebracht.

Dann kam die Lehrzeit, ab Ostern 1961 bei der Firma Ferdinand Pöttinger in Grieskirchen, 1964 Abschluss mit der Gesellenprüfung. Ab 1975 übernahm er die Werkstatt vom Bruder, das Interesse für das Gesamte entwickelte sich, für die Restaurierung und die Erhaltung von Kulturgut in Schmiedeeisen. So kamen Aufträge wie das Gitter in der Leonhardikirche in Spital/Pyhrn, die Kirchenuhr in Uttendorf und Helpfau, wo auch alle Beschläge und 2 Wandlungsleuchter gereinigt und restauriert wurden. In der Schlosskirche Hagenau und in Bogenhofen das Uhrwerk, aber nicht nur die großen Uhren, sondern auch alle Taschenuhren reparierte er, auch Laternen, Stiegengeländer und Grabkreuze kamen als Aufträge. 1977 macht er die Meisterprüfung, es folgte die erste große Arbeit, das Chorbrüstungsgitter der Stadtpfarrkirche von Ried, wo er einen 1:1 Entwurf zeichnete. Auch die Stadt Salzburg hatte diverse Arbeiten an ihn vergeben, so wie Braunau, wo die Geschäftsschilder zu restaurieren waren. Aber auch in Rothenmünster bearbeitete er in der Apotheke ein Stiegengeländer und in München Grabkreuze.

Schmiedeeisen war zu dieser Zeit noch kein Denkmalpflegethema. Die Abschlussgitter von Spital/Pyhrn, riesige Arbeiten von Andreas Ferdinand Lindemayr (1728-34 gefertigt, 1763 erstmals gefasst, 550x784 cm ca.) sollten abgelaugt werden, weil sie nach einem Brand 1840 starke Beschädigungen erfahren haben, danach schwarz überstrichen wurden und dazu noch unten durchgerostet waren. Daher sah man keine andere Lösung, bis Wolfgang kam. Er stellte fest, dass die Engelköpfe Bleiguss sind, dass diese nach einem Modell von Carlone gearbeitet wurden, er konnte das Gitter schonend abbeizen, reinigen, die fehlenden Teile ergänzen und die originale Fassung wieder herstellen. Daneben machte er alle Schlösser bei den Sakristeitüren in Spital/Pyhrn, in Mauerbach Fensterkörbe bei einem Privathaus und ebenso bei einem Privathaus in Ried alle Schlösser.

 

Er heiratet 1980, begann 1981 mit seinem Hausbau und kaufte 1989 einen Hof in Jahrsdorf bei St. Peter am Hart, wo seine bis heute bestehende Werkstatt entstehen sollte. Aufträge aus dieser Zeit waren beispielsweise in Scharten das Abschlussgitter, in Spital/Pyhrn die Gartentore von Lindemayr, die gotischen Türbeschläge von Geyersberg, das Gitter in Schauersberg, in Kirchheim im Innkreis alles an Schmiedeeisen, die Neuschaffung der Luster in der Stadtpfarrkirche Braunau (6 Stück, die beiden größeren mit 320 cm Durchmesser), das Turmkreuz in Spital/Pyhrn, die Gitter in Vöcklabruck, die Gartengitter in Schloss Kammer, die Gitter in Schiedlberg, Gitter und Kreuze am Barbarafriedhof in Linz oder die Gitter in Brunnenthal. Das letzte restaurierte größere Gitter ist jenes in Aurolzmünster, wo man sich getraut hat es wieder in seiner ursprünglichen Farbfassung, Smalteblau, erstrahlen zu lassen, die Begeisterung war groß. Auch Aufsperrdienste bei alten Zunfttruhen oder Anfertigungen von Schlüsseln und Schlössern zählt zu seinem Repertoire.

Aber auch Glocken bekam er, wenn sie wieder am Holzjoch ordnungsgemäß befestigt werden mussten, so die Glocken vom Stift St. Florian, und die Glocken der Stadtpfarrkirche Linz, sie wurden mit einem Kran über die Mauer des Werkstatthofes abgeladen. Auch für das Glockenspiel in Salzburg wurde er geholt. Klavierpedale für ein Haydn Klavier im Schloss Esterhazy in Eisenstadt machte er auch.

 

Diese Aufzählung soll zeigen, wie vielfältig er arbeitet und was sein Können ausmacht. Dennoch bekam er 2016 noch einen Auftrag, den er noch nie gemacht hatte. Er musste 2 Schmiedeeisentüren so fassen, wie diese ursprünglich gemacht und gedacht waren, für die Schatzkammer am Sonntagberg und den Eingang zum Gnadenbild. Diese Türen brauchten auch Türstopper und Türschließer, so wie sie in der Gotik und im Barock gemacht wurden, Zitat: „das hält für die nächsten 500 Jahre“ nach der Montage der Türstopper. Weiters hat er verlorene Beschläge für die dortige Schatzkammereinrichtung angefertigt, die jenen der alten Kästen zum Verwechseln ähnlich sind, so konnte ein Kasten wieder rückgebaut werden. Dank der Eisenarbeiten, der Überarbeitung der Schlösser und der Anfertigung der neuen Schlüssel, kann sich die Schatzkammereinrichtung am Sonntagberg wieder im originalen Erscheinungsbild präsentieren. Er beriet dort auch die Glasrestauratoren bezüglich Beschläge bei den Fenstern und den Teilungen der Fensterscheiben, die gezogene Bleistege sind, mit Drachenblut eingelassen und dann vergoldet. So konnte ein Denkmalpflegerisch vorbildlicher Gesamteindruck entstehen, der ein großer Teil des Zaubers dieses Raumes ist.

Daher möchte man ihn als „letzte seines Standes“ bezeichnen, weil er jemand ist, der Schmiedeeisen so umfassend bearbeiten kann. Aber was ist ein starker Mann ohne eine dementsprechende Frau an seiner Seite? So hat Gattin Anni ihn ergänzt, sie hält den Hammer wenn nötig, ihre Spezialität ist aber das Vergolden und Fassen. Sie vergoldet Turmuhrzeiger, Grabkreuze und fasst Gitter. Beide arbeiten Hand in Hand, manchmal von „Fachdiskussionen“ begleitet, die aber immer wieder mit Versöhnung enden.

So konnten viele Schmiedeeisenobjekte wieder hergestellt werden und mittlerweile sind diese Objekte auch für die Denkmalpflege wichtig geworden. Ein richtig gefasstes Gitter ist eine Freude für die Augen, aber auch ein wesentlicher Bestandteil einer Kircheneinrichtung. Früher war Eisen auch ein Standessymbol, noch dazu farbig gefasst, wie es beim Aurolzmünsterer Gitter zu sehen ist, zeigte von Reichtum und Stolz der Besitzer. Die Herstellung war schwierig und aufwändig. Heute gibt es vorgeformte Teile zu kaufen, aus denen man etwas machen kann, aber man muss sich die Arbeit vorstellen, die ein Schmied früher leistete, bis er überhaupt ein Stück Eisen so weit hatte, dass er daraus ein Werkstück formen konnte.

Einen Überblick über die Eisenkunst vergangener Tage zeigt sich auch im Heimatmuseum in Braunau, wo Wolfgang eine beachtliche Sammlung betreut und gegen Voranmeldung auch Führungen macht. Genauso beeindruckend ist die letzte bestehende Glockengießerwerkstatt in Braunau, wo Wolfgang das schwere Handwerk des Glockengießens erklärt.

Was Wolfgang auch besonders auszeichnet, das ist seine Geduld, wenn er sein Wissen weitergibt. So ist er bei der Fortbildung „Kirchenpflege“ der Diözese Linz immer als Vortragender dabei und jedes Jahr wird bei ihm in Jahrsdorf ein „Praxistag“ veranstaltet. Da kommen alle Interessierte mit Werkstücken, die er bearbeitet und erklärt, was wer wie selbst tun kann und Anni sorgt für das leibliche Wohl. So ist ein Austausch an Wissen entstanden, dass die KirchenpflegerInnen gerne annehmen, immer wieder vor der Türe stehen oder anrufen und wunderbare Restaurierungen zu Stande bringen.

So ist zu hoffen, dass uns Wolfgang noch viel Wissen vermitteln und vielen Werkstücken helfen kann, dass sie wieder das werden was sie einst waren. Objekte großer Handwerkskunst, die vom Stolz der Schmiede, aber auch vom Stand der Besitzer erzählen. Danke zu sagen für das unermdliche Engagement und die Liebe zum Handwerk gehört sich angesichts der geleisteten Arbeiten.

 

Mag.a Eva Voglhuber, Kunstreferat/Diözesankonservatorat

 

Nachgeschmiedet nach dem Original
Beim Vergolden eines Gitters am Sonntagberg
Gitter Aurolzmünster
Kirchenpflege - Wie wirds gemacht

 

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