Samstag 23. Februar 2019

NACHLESE - PRAXISTAG Friedhof

 

Der Friedhof als Naturraum im Wandel gesellschaflticher

Veränderungen & Bestattungsformen.

 

Rund 50 TeilnehmerInnen haben sich am Samstag, 23.9.2017, zum Praxistag " Friedhof“ in Wolfsegg eingefunden, um sich über den Friedhof als Naturraum im Wandel gesellschaftlicher Veränderungen und Bestattungsformen zu informieren.
Interessierte aus ganz Oberösterreich, Pfarr- und PastoralassistentInnen, Pfarrsekretärinnen, Obleute und Mitglieder von Pfarrgemeinderat und Finanzausschuss waren ebenso gekommen wie Bestatter, Steinmetze und KünstlerInnen. Die Programmgestaltung orientierte sich an den Fragen aus der Praxis der Pfarren und Friedhofsverwaltungen, die – auch aufgrund von gesellschaftlichen und demografischen Veränderungen – einen erhöhten Bedarf an Flächen und Grabstätten für Urnenbestattung orten. Der aktuelle Wandel hinsichtlich Bestattungsformen und Trauerkultur in unserer Gesellschaft zeigt immer deutlicher seine Auswirkungen auf die herkömmliche Gestaltung der bestehenden Friedhöfe. Damit gehendie Nachfrage nach naturnahen Bestattungen und der Rückgang von Einzelgräbern, wie sie den Charakter der Friedhöfe und ihren Raster geprägt haben, einher. Der Friedhof wird zudem nicht mehr ausschließlich als Ort des gemeinschaftlichen Gedenkens und öffentlich zugänglicher Ort der Bestattung wahrgenommen. Sein Selbstverständnis wird durch die Zunahme von Urnenbestattungen im privaten Umfeld sowie naturnahen Bestattungen außerhalb des Friedhofs in Frage gestellt. 

Der Praxistag wurde vom Kunstreferat/Diözesankonservatorat organisiert und in Kooperation mit dem Liturgiereferat und dem Sozialreferat der Diözese Linz veranstaltet.

Referentin war Dr. Karoline Jezik, emeritierte Professorin an der Universität für Bodenkultur Wien, Department für Nutzwissenschaften/Abteilung Gartenbau, die in einer Friedhofsgärtnerei aufgewachsen ist und aufbauend auf ihre Erfahrungen aus dem Familienbetrieb und ihren wissenschaftlichen Forschungen Vorlesungen und Exkursionen zum Thema Friedhof gehalten hat.

 

Wolfsegg wurde als Veranstaltungsort aufgrund der besonderen Lages seines Friedhofs und dem Bestreben, ihn für die Landesgartenschau im Jahr 2023 ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, ausgewählt. Der Friedhof der Pfarre Wolfsegg liegt auf einem Ausläufer des Hausruckkamms am Rücken der "Schanze" auf einer Seehöhe von 630 Metern und im Zuge der josefinischen Reform 1784 am Ortsrand angelegt. Das Panorama reicht von den Salzburger Bergen bis zum Ötscher.

Wie bei zahlreichen anderen Friedhöfen stellt sich auch hier für die zukünftige Entwicklung zahlreiche Fragen: Wie kann der Friedhof – zusätzlich zu seiner Funktion als Bestattungsort für die Toten - zu einem Ort, an dem auch Lebende gern verweilen? Wie kann ein Bewusstsein für eine ökologische Friedhofspflege wachsen? Und wie soll sich die Pfarre gegenüber neuen Bestattungsformen verhalten, die tendenziell dazu geeignet sind, den bestehenden Charme des bestehenden Friedhofs, der in seiner Struktur für Erdbestattungen angelegt wurde, zu zerstören?

Der Friedhof als Lebensraum

Karoline Jezik bestärkte die Anwesenden, den Friedhof auch als Naturraum und Lebensraum für Tiere mit seinem biologischen Wert zu sehen. Insbesondere in größeren Städten hätten Friedhöfe zwischen großflächigem bebautem Gebiet eine bedeutende Funktion. Die Bepflanzung, Bäume und Sträucher, ist einerseits Sinnbild für das Werden und Vergehen, den Kreislauf der Natur, und darüber hinaus - in Verbindung mit Bänken und Verweilzonen - wichtige Orte der Psychogiene für Trauernde in den Phasen des Abschieds von ihren Verstorbenen.

Wert und Bedeutung des Friedhofs: Der Tod am Rand der Gesellschaft

Über die Funktionalität hinaus zeigt sich der Friedhof mit den allgemeinen Flächen und den Grabdenkmalen auch Abbild einer Gesellschaft und Gemeinde.

Die Tatsache, dass der Tod aus der Gesellschaft verdrängt und an den Rand geschoben wird, wird auch im Bild der Friedhöfe sichtbar. Faktoren wie Kosten und der Wunsch nach minimalem Pflegeaufwand machen den sinkenden Stellenwert sichtbar. Sauber, gepflegt, niemanden zur Last fallen - diese Aspekte werden oftmals bei Menschen, die sich um ihre letzte Ruhestätte sorgen, als Anliegen kommuniziert. Die Frage nach dem Wunsch des Verstorbenen geht vielmehr in die Frage über, was die Hinterbliebenen und Angehörigen brauchen, um ihre Trauer zu bewältigen. Hier ist eine Kommunikation zu Lebzeiten wichtig. Rein rationales pragmatisches Wirtschaften kann der Bedeutung des Friedhofs nicht gerecht werden. Dieser Stellenwert zeigt sich auch in die Aufnahme der Werke der Barmherzigkeit, deren siebtes Werk die Bestattung der Toten ist. Dieser Auftrag kommt jeder Pfarre als Gemeinschaft der Lebenden zu.

Der Wert der einzelnen Grabstätten bemisst sich auch nach dem Wunsch der Hinterbliebenen zumindest einmal im Jahr dort ihrer Toten zu gedenken. Die Bezeichnung der Stelle der Bestattung von Urnen und die Sichtbarkeit des Namens spielen hier eine zentrale Rolle.

 

Natur - Bäume und Bepflanzung - als Sinnbild
Karoline Jezik regte auch an, im Gespräch mit den Angehörigen deren Wunsch nach Erinnerung und Form des Abschieds eine Gestalt zu geben. In den Grabzeichen sollten auch die Persönlichkeiten der Menschen, sei es durch die Auswahl des Steines oder eines anderen für den Friedhof geeigneten Materials oder dessen Bearbeitung, eine besondere Bepflanzung, die nicht immer pflegeaufwändig sein muss, sichtbar werden.

Auf die Pflege von Grünflächen angesprochen war die Referentin überzeugt, dass Grünflächen wie Rasen am Friedhof in der Pflege nicht aufwändiger ist als Kies und die damit verbundene Sorge um das Entfernen des Unkrauts. Ihr Plädoyer für Grünflächen am Friedhof wurde von den Anwesenden durchaus als praxistauglich erlebt. Beim Pflanzen von Bäumen sollte neben ihrer Eignung für den Friedhof (Flachwurzler) auch die Frage der Symbolik einen Stellenwert einnehmen. Bäume dienen einerseits als Schattenspender und werden darüber hinaus auch zu Sinnbildern von Trauer- und Abschiedsprozessen.

 

Friedhof als Ort der Seelsorge

In den regen Diskussionen beim Praxistag wurde immer auch die zentrale Bedeutung des Friedhofs als wichtiger Ort der Seelsorge, der eine Verbundenheit mit vielen Menschen -abseits ihres Verhältnisses zur Kirche vor Ort - herstellt.

Karoline Jezik gab einerseits praktische Aspekte zum Thema Bepflanzung und Begrünung des Friedhofs und rückte darüberhinaus in ihrem Impuls zu Bestattungsformen und -ritualen anderer Kulturen die Notwendigkeit und Bedeutung von Gräbern und gemeinschaftlichen Orten des Gedenkens in den Blick.

Wie bereits beim letzten Praxistag „Friedhof“ im Jahr 2014 Jahren wies auch sie auf die Notwendigkeit einer landschaftsarchitektonisch eingefassten Anlage für Urnenerdgräber auf bestehenden Friedhöfen hin. Dabei können Symbole wie Hügel oder von Wasser eingefasste eigene Bestattungsbereiche, mit Gedenktafeln die den Namen der hier Bestatteten festhalten, eine Möglichkeit darstellen.

Zahlreiche Fragen bezogen sich auch auf die „Lücken“ zwischen einzelnen Gräbern, die sich auch durch immer kürzer werdende Grablösezeiten ergeben.  Hier sollte ein auf Jahre vorausgedachter Belegungsplan erfolgen. Die freien Flächen zwischen den Gräberreihen können dann mit entsprechenden Gestaltungen zu Verweilorten mit Bepflanzung und Bänken eingerichtet werden. Dies entspricht auch dem Plädoyer, zusätzlich zur notwendigen Suche nach neuen Bestattungsformen für Urnen genauso den bestehenden Friedhof im Blick zu behalten und ihn durch „Investitionen“ wie gemeinschaftliche Verweilzonen aufzuwerten.

Beim Praxistag wurde auch das Thema der Abfallwirtschaft am Friedhof angesprochen. Dabei zeigten Rückmeldungen der TeilnehmerInnen, dass in der Diözese Linz bereits ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein am Friedhof herrscht. Ein Potential besteht allerdings noch in der Vermeidung von Plastik, sei es in Form von Grablichtern, Plastikblumen ebenso wie den nicht abbaubaren Schwämmen für Gestecke.

 

Qualitäten des Friedhofs in den Blick rücken

Ein Abschlussresümee brachte auch den Impuls, die Wünsche der (künftigen) Grabbesitzer ernst zu nehmen, jedoch nicht jedem Trend hinter her zu hecheln. Vielmehr sollten die Qualitäten des bestehenden Friedhofs und seine Bedeutung für eine gute Trauer- und Erinnerungskultur wieder in den Blick gerückt und besser kommuniziert werden und der Friedhof von den Friedhofsverwaltungen und Pfarren als unverzichtbarer Ort der Seelsorge in den Blick genommen werden.

Eine gute Kommunikation zu den Grabbesitzern ist bei allen Neuerungen und Veränderungen unverzichtbar. Entscheidungen zur Gestaltung des Friedhofs, wie das Begrünen und Pflanzen von Bäumen, müssen in der Überlegung der Ausrichtung und Funktion des Friedhofs vorab von der Leitung abgewogen und besprochen werden und dann an die Grabbesitzer vermittelt werden. Unterschiedliche Interessen am Friedhof dabei transparent kommuniziert werden.

 

Die regen Diskussionen beim Praxistag haben gezeigt, dass der Friedhof in den Pfarren wichtiges Gesprächsthema ist und als Ort noch stärker als bisher an die Seelsorge angebunden werden sollte. Der Tag wurde von den Anwesenden zum Austausch und zum Weitergeben von positiven Erfahrungen und Anregungen ebenso genutzt, wie als Informationsgrundlage für weitere Entwicklungen und Entscheidungen vor Ort.

 

Dr.in Martina Gelsinger

Kunstreferat/Diözesankonservatorat

 

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