Pfarre Marcel Callo ( Linz-Auwiesen )

 
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Marcel Callo im Heiligenlexikon

vgl. Christian Feldman: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler. Große Gestalten und Heilige für jeden Tag. Herder 2007, Freiburg. Seiten 120-121.


"Keine Tiere werden so misshandelt"

Die Wärter machten sich einen Spaß daraus, die Häftlinge bei Minustemperaturen im Freien strammstehen zu lassen und alle drei Stunden mit kaltem Wasser zu übergießen. Das war der Alltag im österreichischen Konzentrationslager Mauthausen. Das KZ war eigentlich ein riesiger Granitsteinbruch, und die unterernährten Gefangenen mussten 20 Kilo schwere Steinbrocken schleppen. Von rund 250000 Häftlingen überlebten 25000.

Hier im verdreckten Krankenrevier von Mauthausen starb am 19. März 1945 der junge Franzose Marcel Callo. Cie Christliche Arbeiterjugend (CAJ) bewundert in ihm ein Vorbild ihres Kampfes für eine menschenwürdige Arbeitswelt und gegen Unterdrückung, Gewaltherrschaft und Ausbeutung des Menschen durch Menschen.

In Rennes kam Marcel Callo 1921 in einer bretonischen Arbeiterfamilie zur Welt. Als er nach der Schule Druckerlehrling wurde und mit der Jeunesse Ouvrière Chrétienne in Berührung kam, wie die Christliche Arbeiterjugend in Frankreich hieß, fiel er am Arbeitsplatz bald als entschiedener Christ auf. Dass er seine noch jüngeren Kameraden mit einem wahren Löwenmut gegen die Rohheiten älterer Arbeiter in Schutz nahm, brachte ihm Respekt ein. man gab ihm den Spitznamen "Jesus", was vielleicht höhnisch, aber wohl auch anerkennend gemeint war. Marcel erwiderte ruhig, er werde sich bemühen, diesen Namen zu verdienen.

Nicht lange, und er übernahm die Leitung einer Jeunesse-Gruppe. Er betätigte sich als Streetworker, indem er herumlungernde junge Leute von der Straße holte, mit ihnen Theater spielte und Sport machte. Mit eiserner Selbstdisziplin bildete er sich beruflich weiter, setzte sich bewusst mit seinem etwas schroffen Temperament auseinander und suchte seinem Leben eine Tiefendimension zu geben, indem er einen exakten Tagesablauf mit Bibellektüre und abendlicher Gewissensreflexion einhielt. Was muss ich Christus für die Zukunft versprechen?"

Eines Tages wird Marcel - wie viele junge Franzosen - zur Zwangsarbeit nach Deutschland rekrutiert. Er hätte untertauchen können, im noch unbesetzten Teil Frankreichs. Aber er fühlt sich verpflichtet, das Los der Zwangsarbeiter zu teilen, "um den anderen zu helfen, durchzuhalten ... Ja, ich gehe nach Deutschland. Aber ich gehe nicht als Arbeiter dorthin, ich fahr als Missionar!" Man steckt ihn ausgerechnet in eine Waffenfabrik in Thüringen. Marcel montiert Pistolen zusammen, verbrennt sich die Hände an der Maschine, stürzt in tiefe Depression.

Nichts mehr vom "Missionar" mit seinen Idealen und Visionen. "Für nichts mehr hatte ich Sinn", schreibt er verbittert nach Hause, "ich war unempfindlich, ich fühlte, wie ich allmählich dahinsiechte. Die Erinnerung an euch verließ mich nicht mehr." "Plötzlich" - nur so kann er es sich erklären - "half mir Christus, mich aufzuraffen. Er gab mir zu verstehen, dass das, was ich da machte, nicht richtig sei. Er regt mich an, mich mit meinen Kameraden zu beschäftigen. Da kam mir die Lebensfreude zurück."

Marcel gründet wieder einmal Sport- und Theatergruppen, bereitet Gottesdienste vor, schlüpft in die rollen des Schauspielers, Chorleiters, Gelegenheitspredigers, Trainers und Krankenpflegers. "Er war uns ein starker Halt in dieser Hölle", sollte später einer bezeugen, der die Lager überlebte. Den Nazis sind diese geheimen Christenzirkel nicht nur in Thüringen ein Dorn im Auge. Es soll 70 Bezirke mit einer gut funktionierenden illegalen CAJ gegeben haben. Die Gestapo verfolgt die emsige Bewegung mit blinden Hass. Zahlreiche enttarnte Aktivisten - Spitzel gibt es überall - wandern in die KZs; auf dem Haftbefehl steht immer nur das magische Wort "CAJ-Leiter" oder "Katholische Aktion".

Am 19. April 1944 wird auch Marcel Callo verhaftet, "weil er antinazistische Propaganda gemacht hat und weil seine  französischen und christlichen Ideen und Praktiken ... das deutsche Volk schädigten." Fünf Monate Kerker in Gotha. Die CAJ-ler beten hier vor einem aus Strohblumen zusammengebastelten Kreuz für die französische Jugend - und ihre deutschen Quälgeister.

Im Oktober 1944 wird Callo in einem Viehwaggon in das bayerische Konzentrationslager Flossenbürg transportiert, wo die Häftlinge bei 25 Grad Kälte, ohne Strümpfe und Handschuhe, im Steinbruch arbeiten müssen. Das KZ Mauthausen, die letzte Station seines Lebens, muss allerdings noch schlimmer gewesen sein. "Es gibt auf Erden keine Tiere, die so misshandelt werden wie wir", zieht Callo nach einiger Zeit Bilanz. Und immer noch verbreitet der Todeskandidat eine Atmosphäre der Ruhe und Hoffnung um sich, spricht verzweifelten Mithäftlingen Mut zu.

Mit 23 Jahren starb Marcel Callo völlig entkräftet in Mauthausen. Die CAJ und die Friedensbewegung Pax Christi in Deutschland haben sich schon früh für die Seligsprechung des Märtyrers aus Frankreich stark gemacht. Marcels Eltern hatten die Größe, zu bekennen, es sei ihnen ein Trost und eine Freude, wie ihr Sohn zur Brücke zwischen französischer und deutscher Jugend werde.

In Deutschland verstand man die noble Geste: Als Papst Johannes Paul II. Marcel Callo 1987 selig sprach, da überreichten ihm deutsche CAJ-lerinnen Erde aus Konzentrationslagern - zum Zeichen dafür, "dass wir kein Gras darüber wachsen lassen wollen." Dazu drei Holzkreuze, beschriftet mit den "Kreuzen" der Gegenwart: Arbeitslosigkeit, menschliche Isolation und Wettrüsten.

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